Lebensdaten
1469 oder 1470 bis 1549
Geburtsort
Ipsheim/Aisch (Mittelfranken)
Sterbeort
Venedig
Beruf/Funktion
Hebraist ; Dichter
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11868194X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Levita, Helias
  • Judaeus (Beiname)
  • Germanus (Beiname)
  • mehr

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Zitierweise

Levita, Elias, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11868194X.html [15.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Ascher ha-Lewi, Rabbiner;
    M Hendlin ( 1492);
    Venedig 1494 N. N.;
    K.

  • Leben

    Bevor L. 1528 in Venedig seine endgültige Heimat fand, nötigten ihn die kriegerischen Zeitläufte zu wechselnden Aufenthalten. Zunächst lebte er noch mit den Eltern in Neustadt/Aisch, dann kam er über Mestre, Padua und Venedig nach Rom, wo sein Leben schon bald nach seiner Ankunft 1515 durch die Begegnung mit dem Augustinergeneral und späteren Kardinal Egidio da Viterbo eine entscheidende Wende nahm. Die Alimentation durch den Kirchenfürsten, die 13 Jahre dauern sollte, enthob ihn der Sorge um den Unterhalt, den er bisher durch Hebräischunterricht, Abschreiben seltener Handschriften und Korrekturlesen in Druckereien bestritten hatte, so daß er seine Zeit ganz seinen grammatikalischen und lexikographischen Neigungen und der Erforschung der Masora widmen konnte. Der Aufenthalt im Haus der Kardinals und die zahlreichen von diesem ausgehenden Anstöße formten L. zum Humanisten, der die jüd. Tradition der hebräischen Sprachwissenschaft weiterführte und sie dennoch sprengte, indem er sie mit anderen Traditionen konfrontierte, rücksichtslos der Kritik unterwarf und allgemein der wissenschaftlichen Welt zugänglich machte. Viele seiner Glaubensgenossen legten dies als Verrat am Judentum aus. – Als bedeutende Mäzene erwiesen sich noch Georges de Selve, Bischof von Lavaur und franz. Gesandter in Venedig, der L. nach dem Sacco di Roma zu einem Neuanfang ermutigte, und Paul Fagius, dem er 1540/41 für eine kurze, aber fruchtbare Zeit der Zusammenarbeit nach Isny folgte. Zeugen schon L.s „Glossen zur hebräischen Grammatik des Mose Kimchi“ (1508, lat. 1531), die Kimchis Text erläutern, erweitern und oft verbessern und präzisieren, von gedanklicher Schärfe, so gelangt seine Fähigkeit zu systematischem Denken und klarem Formulieren in seiner eigenen Grammatik zur vollen Entfaltung. Er stellt erstmals Morphologie und Phonologie getrennt dar. Während er im „Sefer ha-Bachur“ (1518, lat. 1525), später ergänzt durch die Pirke Elijjahu (1520, lat. 1527), die seine Auffassungen von Lautlehre, Genus, Numerus und den präfigierten Partikeln enthalten, Nomen und Verbum allgemein behandelt, geht er im „Sefer ha-Harkava“ (1518, lat. 1525) auf die besonderen Wörter und Wortformen der Bibel ein. Als eine späte Frucht seiner Beschäftigung mit grammatikalischen Fragen schreibt er einen Kommentar zur Grammatik des David Kimchi (1545). Glossen zu David Kimchis „Sefer ha-Schoraschim“ (1546, lat. 1548) beschließen auch L.s lexikographisches Werk. Ebenfalls auf Kimchis Wurzelwörterbuch, vor allem aber auf den Aruch des Nathan ben Jechiel aus Rom, bezieht sich die „Sefer ha-Tischbi“ (1541) betitelte alphabetisch geordnete Sammlung von Anmerkungen, in der L. sein Hauptaugenmerk dem rabbinischen Hebräisch schenkt. Als Hilfe für den praktischen Gebrauch des Hebräischen versteht sich die in vier Spalten jüdischdeutsch, hebräisch, lateinisch, deutsch eingeteilte „Nomenclatura Hebraica“, hebr. Schemot Devarim (1542), deren beide letzten Spalten von Paul Fagius stammen. L.s überragendes Werk auf diesem Arbeitsgebiet ist jedoch sein „Sefer Meturgeman“ (1541), ein nach Wurzeln geordnetes Targumlexikon, dessen Material er sich in Ermangelung von Vorgängern aufgrund von Handschriften der aramäischen Bibelparaphrasen erarbeiten mußte. Erst Jacob Levys 1867/68 erschienenes „Chaldäisches Wörterbuch über die Targumim und einen grossen Theil des rabbinischen Schriftthums“ vermochte es, das „Sefer Meturgeman“ als Standardwerk abzulösen. Die Weiterentwicklung des „Sefer Sichronot“, seiner ungedruckten masoretischen Konkordanz, welche alle masoretischen Bemerkungen zu einem Wort sammelt und durch eigene Zählungen vervollständigt, das „Sefer Masoret ha-Masoret“ (1538, lat. 1539, dt. 1772, engl. 1867, franz. 1956), ist in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen, weil L. darin die seinerzeit unerhörte These vorträgt, lediglich die Phoneme seien geoffenbart, die Vokalzeichen jedoch erst nach Abschluß des Talmuds von menschlicher Hand hinzugefügt worden. Er gründet sie auf die Beobachtungen, daß talmudische Kontroversen zu Aussprache und Intonation der Bibel bei Existenz des Vokalisationssystems und der Akzente nicht möglich gewesen wären und Akzente wie Vokalzeichen aramäische Namen trügen. Insofern die Akzente auf die Masoreten zurückgehen, setzt das „Sefer Tuv Taam“ (1538) das „Sefer Masoret ha-Masoret“ fort.

    L.s hebräische Gedichte, die er eigenen und fremden Werken beigegeben hat, sind kaum mehr als virtuose Spiele mit Wörtern und Bibelversen. Seine schöpferische Kraft dagegen tritt in seinen jüdisch-deutschen Dichtungen und seiner Übersetzung des Psalters zutage. Er übersetzte und bearbeitete das in anglonormannischer Tradition stehende Ritterepos „Bovo d'Antona“ (1541, zuletzt 1949). Das 650 Strophen nebst Prolog und Epilog umfassende Bovo-Buch atmet unaufdringlich und dennoch überall spürbar jüd. Geist und verzichtet weitgehend auf die Kampfszenen seiner Vorlage, die Autor und Leserschaft aus dem Zeitgeschehen zur Genüge kannten. L. verwendet die Ottava-Rima-Stanze lange, ehe sie in die christlich-deutsche Dichtung Eingang findet. Sicher stammt auch „Paris und Vienna“ (1594), eine nur unvollständig erhaltene Bearbeitung des provenzal. Epos nach einer ital. Vorlage in Ottava-Rima-Stanzen aus seiner Feder. Die darin enthaltene Klage, man könne sich alles herausnehmen, sei man nur reich genug, kehrt auch in dem für Purim gedichteten „Sereife-Lied“ auf den Brand Venedigs vom 13.1.1514 wieder. Die allgemein gehaltene Bloßstellung steigert er im „Ha-Mavdil“, einem Pamphlet aus 75 Vierzeilern, zu hemmungslosen Angriffen auf seinen persönlichen Widersacher Hillel Kohen. L. wurde nicht zuletzt dank den lat. Ausgaben, von denen die meisten Sebastian Münster besorgt hatte, zum Lehrer des Hebräischen für weite humanistische Kreise. Seine Erkenntnis von der späten Entstehung des infralinearen Vokalisationssystems ist bis heute nicht überholt.

  • Werke

    Weitere W Pirke Elijjahu, 1520, lat. 1527;
    Sefer Tehillim, 1545.

  • Literatur

    ADB 18;
    W. Bacher, E. L.s wiss. Leistungen, In: Zs. d. Dt. Morgenländ. Ges. 43, 1889, S. 206-72;
    J. A. Joffe, Elia Bachur's Poetical Works I, 1949;
    G. E. Weil, Élie Lévita, humaniste et massoréte (1469-1549), 1963;
    M. A. Shulvass, The Jews in the World of the Renaissance, 1973;
    Enc. Jud.;
    Kindlers Lit.-Lex. II, 1604, XII, 10857.

  • Autor/in

    Günter Mayer
  • Empfohlene Zitierweise

    Mayer, Günter, "Levita, Elias" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 402-403 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11868194X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Levita: Elias L., eigentlich Eliah ben Ascher ha Levi, auch Aschkenasi (Deutscher) oder Bachur, Tischbi, nach den Titeln seiner Werke genannt, vorzüglicher Hebraist, geb. in Neustadt an der Aisch 1472, in Venedig 1549. Sein deutscher Ursprung ist nicht blos durch seinen eben angeführten Beinamen, sondern durch das ausdrückliche Zeugniß seiner Schüler, besonders Sebastian Münsters, bekundet. Wegen des großen Einflusses, den L. auf diese seine deutschen Schüler geübt und damit das Studium der hebräischen Sprache in Deutschland recht eigentlich begründet hat, verdient er hier einen Platz, trotzdem er den bei weitem größten Theil seines Lebens in Italien zugebracht hat. — L. ging, nachdem er seine Jugendbildung in Deutschland erlangt hatte — doch wissen wir nicht wo, da wir in unseren Kenntnissen über sein Leben meist auf die gelegentlichen Nachrichten angewiesen sind, die L. in den Vorreden zu seinen Werken gibt — frühzeitig nach Italien. Er folgte damit dem allgemeinen Zuge der Zeit, hatte aber auch seine speciellen Gründe dazu, da er hoffen durfte, als Jude in Italien ungestörter seiner wissenschaftlichen Ausbildung leben zu können. 1504 treffen wir ihn in Padua, wo er im Hebräischen unterrichtete; als die Stadt 1508 belagert wurde, beschäftigte er sich mit Herausgabe der kurzen hebräischen Grammatik des Moses (ältern Bruders und Lehrers des David) ben Joseph Kimchi mit Anmerkungen. Sein Abschreiber betrügt ihn, macht sich mit dem Originale durch, fügt eine Einleitung eines gewissen Benjamin Kalbi aus Rom hinzu und veröffentlicht sie in Pesaro ohne Levita's Namen (später jedoch erscheint das Werk von ihm selbst herausgegeben bei Bamberg 1546). Von Padua siedelt er nach Venedig über, wo er u. a. auch Lehrer des französischen Gesandten Georges de Salva wurde, wo er aber damals für seine Zwecke wenig fand, denn die dortige Blüthe der hebräischen Typographie fällt später. Daher ging er nach Rom, wo er im Hause des wissenschaftliebenden und judenfreundlichen Cardinals Egidio von Viterbo gastfreundliche Aufnahme fand. (Vgl. Steinschneider, Hebräische Bibliographie XXI, S. 80.) Zum Danke dafür widmete er ihm sein erstes größeres Werk, seine Grammatik „Bachur“, Rom 1517. In Rom erschien ferner: „Haharka va“, 1518, Abhandlungen über gemischte unregelmäßige Formen, und 1520: „Pirke elijahu“, verschiedene grammatische und sprachliche Mittheilungen. Erst 1527 verließ er Rom, nach der Plünderung der Stadt, durch die auch er seiner kostbarsten Habe, seiner Bücher, verlustig ging. Nun begab er sich nach Venedig, das er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode als Aufenthaltsort wählte und als seine zweite Vaterstadt liebte. Dort schrieb er sein „Massoreth hamassoreth“ (1538, deutsch von Semler, Halle 1772, mit englischer Uebersetzung und Anmerkungen von Ginsberg. London 1877) mit dem Anhange Schivre luchoth, in welchem Anhange die ungewöhnlichen in der Massorah vorkommenden Ausdrücke erklärt werden, die kleine Schrift „Tuv taam“ (gleichfalls 1538) über Accente. Dann folgte er einer Einladung des P. Fagius (s. Allg. d. Biogr., Bd. VI. S. 533) nach Isny, wo er einige Jahre lebte und 1541 seinen „Meturgeman“, ein thargunisches Wörterbuch, und „Tischbi“ (= der Thisbite, Beinamen des Propheten Eliah, an Zahlenwerth = 712), die Erklärung von 712 rabbinischen Wörtern enthaltend, herausgab. Seine letzten Lebensjahre brachte er in Venedig zu, wo er zwei Schriften des David Kimchi herausgab und die letzte Hand an seine große massorethische Concordanz legte, an der er 20 Jahre gearbeitet hatte. Die Concordanz (handschriftlich in Paris, Anfang ders. durch Goldberg in Frankfurt, gereimte Einleitung durch Steinschneider, Letterbode VII, 174 veröffentlicht) verzeichnet mit peinlichster Sorgfalt die Beispiele aller einzelnen Formen, z. B. bei den Verben in den einzelnen Zeiten jede Person mit den ihr anhängenden Suffixen, läßt aber den ebenso wichtigen Theil, welcher Accente, Wortverbindungen, Versformen behandelt, außer Acht. L. ist ein bedeutender Grammatiker und Kritiker. Er beschränkt sich auf das Feld der Sprachforschung, spricht fast ausschließlich von dem Hebräischen — nur selten geht er auf das Deutsche und Italienische ein — lehnt Philosophisches und Kabbalistisches ab, ersteres aus Abneigung, letzteres aus verehrungsvoller Scheu. Mit gleicher ablehnender Ehrerbietung spricht er von dem Thalmudischen, wenn er auch Freude am thalmudischen Geistesspiele zeigt. Er verleugnet seinen jüdischen Standpunkt nicht; stellt einmal alle in den Thargumin vorkommenden über den Messias handelnden Stellen zusammen; gelegentlich deutet er an, daß noch vor 1560 der Messias erscheinen werde. Trotzdem bespricht er Christliches in schlichter Weise, nimmt in dem Tischbi Worte, wie Petrus, Nazarener, Cardinal auf, spricht von Christus, setzt freilich, wie man erzählt, den Artikel außer der Reihe, an das Ende des Buchstabens Jod, nach jatusch. (Mücke), um ironisch auf das Midraschwort hinzudeuten: „Selbst eine Mücke ist dir, o Mensch, bei der Schöpfung vorangegangen“. Seine grammatischen Schriften sind Lehrbücher, einfach, ohne tiefer eindringen zu wollen, er schließt sich an David Kimchi an und macht ihn zum Alleinherrscher; seine aramäischen Arbeiten sind schwächer, aber jedenfalls hat er nach langer Vernachlässigung sich wieder mit dem Gegenstand befaßt; seine Arbeiten über diesen Gegenstand sind die ersten und bilden die Grundlage für die Nachfolger. Bedeutender ist sein|Werkchen über die Accentlehre, epochemachend seine massorethische Schrift, die in der That erst die Massorah zugänglich machte, durch verständiges Studium derselben neue Blicke eröffnete, die noch nicht allen vollkommen zur Erkenntniß geworden sind. Von weittragendem Einflusse war seine Bemerkung über die Neuheit der Punctation in der dritten Vorrede zu dem Büchlein „Massoreth hamassoreth“, die lange Zeit zu heftigen Kämpfen Veranlassung gab, dann im Uebermaß mißbraucht wurde, bis sie allmählich in richtiger Weise angewendet wurde. — Viele Schriften Levita's sind von dem genannten Fagius und von Sebastian Münster herausgegeben und übersetzt worden. Beide deutsche Hebraisten haben von ihm persönlich oder aus seinen Schriften die Kenntnisse erlangt, wegen deren sie später ruhmvoll genannt werden. Fagius, der den Tischbi mit einer großen lateinischen Vorrede einführt (Isny 1541), äußert sich u. a. „Aus Levita's Schriften haben Alle geschöpft, die sich mit hebräischer Sprache befaßt haben; die in derselben gegenwärtig verbreiteten Kenntnisse sind sein Verdienst, das die Schüler laut und ohne Erröthen anerkennen“.

    • Literatur

      Vgl. L. Geiger. Das Studium der hebräischen Sprache, Breslau 1870, S. 55—65. A. Geiger, Nachgelassene Schriften, Berlin 1875, II. S. 172 ff. Ferner handschriftliche Notizen meines Vaters.

  • Autor/in

    Ludwig , Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Levita, Elias" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 505-507 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11868194X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA