Lebensdaten
1892 bis 1934
Geburtsort
Geisenfeld bei Pfaffenhofen/Ilm (Oberbayern)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
NS-Politiker ; Reichsorganisationsleiter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11861889X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Strasser, Gregor
  • Straßer, Gregor
  • Strasser, Gregor

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Zitierweise

Straßer, Gregor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861889X.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Peter (1865–1928), Kanzleirat in G., dann am Amtsgericht in (Bad) Windsheim;
    M Pauline Strob(e)l (1873–1943);
    3 B Otto (s. 2; L), Bern(h)ard (Taufname: Paul) (1895–1981), Benediktiner, 1925 in Metten (Niederbayern), 1926–35 Schriftleiter d. Zs. „Alt u. Jung Metten“, floh 1935 n. Österr., 1936 im Gallus-Stift in Bregenz, 1936–39 in Clerf (Luxemburg), emigrierte 1940 in d. USA, Prof. an d. St. John`s Univ., Collegeville (Minnesota, USA), Mitarb. seines B Otto, 1950–63 Priester in Primrose (Nebraska), 1963–68 in Howells (Nebraska), 1968–81 Hausgeistlicher in St. Joseph`s Nursing Home in Norfolk (Nebraska) (s. L), Anton (* 1906, vermißt in Rußland 1943), RA, Notar, 1 Schw Olga Höfler (* 1899);
    Traunstein 1920 Elisabeth (Else) (1896–1982), T d. Lorenz Vollmuth (1866–1934), aus Muggenhof b. Fürth, Buchhalter, seit 1894 Mitinh. d. Moosmühle in Landshut (Niederbayern), 1895–1900 Vorstand d. „Vereinigte Kunstmühlen“ AG, gründete 1902 in Deggendorf d. Holzwarenfabrik „L. & E. Vollmuth“, seit 1921 „Lorenz Vollmuth & Co Holzwarenfabrik GmbH“, Ehrenbürger v. Schaching b. Deggendorf 1923, bayer. KR 1924, u. d. Elise Hofmann (1856–1946, 1] Ferdinand Moos, Bes. d. Moosmühle in Landshut);
    2 S; Schwager Rudolf Vollmuth (* 1895), Adjutant d. Reichsorganisationsltg. d. NSDAP.

  • Leben

    S. machte nach dem Abitur 1908 in Burghausen eine Lehre als Drogist. Nach dem Abschluß 1911 und einjährigem Praktikum studierte er seit 1912 Pharmazie in München. Im Aug. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und leistete bis 1918 Kriegsdienst (zuletzt Oberlt. d. Reserve). Im Jan. 1919 absolvierte S. in Erlangen die pharmazeutische Staatsprüfung, ein zweijähriges Praktikum als Apothekengehilfe in Simbach/Inn und Traunstein und erwarb im Jan. 1921 eine Medizinaldrogerie in Landshut.

    Entgegen seiner Behauptung, er habe 1919 im Freikorps Epp gegen die Münchner Räterepublik gekämpft und sich 1920 am Kapp-Putsch beteiligt, ist bis Mitte 1922 keinerlei politisches Engagement S.s nachzuweisen. Er trat im Jan. 1921 der Landshuter Ortsgruppe des Dt. Offiziersbundes bei, leitete die Ortsgruppe Landshut des paramilitärischen Verbandes Nationalgesinnter Soldaten, trat im Sept. 1922 der SA und der NSDAP bei und schrieb für den „Völkischen Beobachter“. S. wurde im Nov. 1922 stellv. Ortsgruppenleiter der NSDAP von Landshut, übernahm im Jan. 1923 zusätzlich die Leitung der dortigen SA, im März 1923 auch des SA-Bataillons Niederbayern und ordnete dieses in die Vereinigten Vaterländischen Verbände Bayerns ein. An Hitlers Putschversuch vom 8./9. 11. 1923 waren S. und sein SA-Bataillon nur marginal beteiligt. Im Jan. 1924 nahm er an der Gründung des „Völkischen Blocks“ teil, wurde am 2. 2. 1924 wegen Verstoßes gegen das Betätigungsverbot für die NSDAP verhaftet und in Landsberg inhaftiert, jedoch nach drei Wochen als Kandidat zum Bayer. Landtag freigelassen. Nach den Landtagswahlen im April 1924 wurde S., inzwischen überzeugter Anhänger Hitlers, stellv. Fraktionsführer des Völkischen Blocks. Er ging mit Albrecht v. Graefe (1868–1933), Chef der verbotenen Dt.-Völkischen Freiheitspartei, und Erich Ludendorff (1865–1937) ein „völkisches“ Bündnis für die anstehenden Reichstagswahlen ein und übernahm im Dez. 1924 selbst ein Reichstagsmandat. Seit Juni 1924 Stellvertreter Hitlers in der Reichsführerschaft der „Völkischen“ und unter der Nr. 9 Mitglied der 1925 neugegründeten NSDAP, wurde S. zum zweiten Mann nach Hitler. Im Sept. 1925 gründete er die „Arbeitsgemeinschaft der nord- und westdt. Gaue der NSDAP“ (AG Nordwest) und entwarf deren Programm, das eine radikal antikapitalistische Terminologie und Anleihen aus Oswald Spenglers „Preußentum und Sozialismus“ beinhaltete. Es ist problematisch, die AG Nordwest als linken Flügel der NSDAP zu bezeichnen, eher stellte S.s sog. sozialistischer Kurs eine taktisch flexible Anpassung an die Klientel der Industriearbeiter in norddt. Großstädten dar.

    In den folgenden Jahren setzte S., der in dem mit seinem Bruder Otto betriebenen „Kampf-Verlag“ seit 1925/26 ein wichtiges publizistisches Sprachrohr besaß, die Beteiligung der NSDAP an Wahlen (Legalitätskurs) und|die Ausdehnung ihrer Propaganda durch. Am 16. 9. 1926 wurde S. zum Reichspropagandaleiter, am 2. 1. 1928 zum Reichsorganisationsleiter der NSDAP ernannt. In dieser Eigenschaft war er Generalbevollmächtigter für den österr. Landesverband, unterstützte die Gründung einer NS-Frauenorganisation und des Agrarpolitischen Apparates und initiierte die NS-Betriebszellenorganisation sowie ein Netzwerk von Fach- und Berufsorganisationen. Er paßte die Gaueinteilung der NSDAP an die Reichstagswahlkreise an, reformierte den mittleren und unteren Parteiapparat, ließ die Parteiredner und -funktionäre ausbilden, baute die Reichsorganisationsleitung zum innerparteilichen Führungsorgan aus und bereitete die NSDAP durch eigene Konzepte für ein Regierungsprogramm auf die Regierungsübernahme vor. Er agitierte gegen den „Parteienhader“, die sog. Novemberverbrecher, das „jüd. Finanzkapital“ und für eine autoritäre Regierung, die den Versailler Friedensvertrag auf der Basis einer dirigistischen Wirtschaftspolitik und unter Rückeroberung der Kolonien aushebeln sollte.

    1932 wurde S., der im Gegensatz zu Hitler als gemäßigter und konstruktiver Politiker galt, zu einem wichtigen Gesprächspartner für die konservativen Eliten, befördert durch S.s Reichstagsrede vom 10. 5. 1932, in der er Umrisse eines NS-Wirtschaftsprogramms vorstellte, das Ähnlichkeiten mit dem Keynesianismus aufwies. S. entwickelte dieses Programm weiter und stand in Kontakt mit Industriellen wie Heinrich Dräger (1898–1986) und Vertretern des Allgemeinen Dt. Gewerkschaftsbundes. Mit dem Rückschlag der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 6. 11. 1932 sondierte S. die Möglichkeiten einer Regierungsbeteiligung und versuchte, Hitler von der Maximalforderung der Reichskanzlerschaft abzubringen. Zugleich bot ihm Reichswehrminister Kurt v. Schleicher die Vizekanzlerschaft in einer von ihm geführten Regierung an, was S. ablehnte. Da Hitler auf einer eigenen Kanzlerschaft beharrte, legte S., der ein Kabinett Franz v. Papen – Hitler als „reaktionär“ ansah, am 8. 12. 1932 seine Parteiämter und das Reichstagsmandat nieder.

    S. kehrte in seinen Beruf zurück, war seit Mai 1933 für die Firma Schering-Kahlbaum in Berlin tätig und wurde im Juni deren Vorstandsmitglied. Gleichzeitig leitete er den Verband der Heilmittelindustrie und wurde 1934 Erster Vorsitzender der Reichsfachschaft der Pharmazeutischen Industrie. Am 30. 6. 1934 wurde S., von Göring zuvor in einem Buch als „Verräter“ dargestellt, im Zuge der Niederschlagung des angeblichen Röhm-Putsches verhaftet und in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei von einem unbekannten SS-Offizier erschossen; Heinrich Himmler händigte der Familie die Urne aus.

  • Auszeichnungen

    A E. K. I u. II (1918?); bayer. Mil.verdienstorden; Goldenes Parteiabzeichen d. NSDAP (1934).

  • Werke

    Hammer u. Schwert, 1928;
    Freiheit u. Brot, 1928, 21929;
    Kampf um Dtld., 1932;
    Das wirtchaftl. Sofortprogr. d. NSDAP, 1932;
    Arbeit u. Brot, RTrede, 1932;
    Das wirtschaftl. Aufbauprogr. d. NSDAP, Rede, 1932.

  • Literatur

    H. Diebow, G. S. u. d. Nat.soz., 1932 (P);
    M. Geismaier (= Otto Straßer), G. S., 1933 (Autobiogr., P);
    W. Jochmann, Nat.soz. u. Rev., Ursprung u. Gesch. d. NSDAP in Hamburg 1922–1933, Dokumente, 1963;
    G. Schildt, Die Arb.gemeinschaft Nord-West, Diss. Freiburg, 1964;
    A. Werner, SA u. NSDAP, Diss. Erlangen-Nürnberg, 1964;
    R. Kühnl, Zur Programmatik d. nat.soz. Linken, in: VfZ 14, 1966, S. 317–33;
    D. Orlow, History of the Nazi Party, Bd. 1, 1969;
    A. Tyrell, Führer befiehl . . . , Selbstzeugnisse aus d. „Kampfzeit“ d. NSDAP, 1969;
    W. Horn, Führerideologie u. Parteiorganisation in d. NSDAP (1919–1933), 1972;
    U. Kissenkoetter, G. S. u. d. NSDAP, 1978;
    A. Schildt, Mil.diktatur mit Massenbasis? 1981;
    P. Stachura, G. S. and the Rise of Nazism, 1983;
    V. Kratzenberg, Arbeiter auf d. Weg zu Hitler? 1987;
    D. Jablonsky, The Nazi Party in Dissolution, 1989;
    R. Probst, Die NSDAP im Bayer. LT 1924–1933, 1998;
    M. Döring, „Parl. Arm d. Bewegung“, 2001;
    B. Lorentz, Ind.elite u. Wirtsch.pol. 1928–1950, 2001;
    M. Rösch, Die Münchner NSDAP 1925–1933, 2002;
    P. Longerich, Heinrich Himmler, 2008;
    S. Richter, Joseph Goebbels, d. Journalist, 2010;
    Biogr. Lex. Drittes Reich;
    Lilla, MdR;
    Gesch. d. Bayer. Parlaments 1819–2003 (CD-ROM), 2006 (P);
    – zu Bern(h)ard: M. Kaufmann, Memento mori, Zum Gedenken an d. verstorbenen Konventualen d. Benediktinerabtei Metten seit d. Wiedererrichtung 1830, 2008, S. 424 f.

  • Autor/in

    Armin Nolzen
  • Empfohlene Zitierweise

    Nolzen, Armin, "Straßer, Gregor" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 478-479 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861889X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA