Lebensdaten
1929 bis 2003
Geburtsort
Köln
Sterbeort
Göppingen
Beruf/Funktion
evangelische Theologin ; Literaturwissenschaftlerin ; Schriftstellerin ; Religionswissenschaftlerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11861519X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Steffensky, Dorothee (in zweiter Ehe)
  • Steffensky-Sölle, Dorothee
  • Nipperdey, Dorothee (geborene)
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Zitierweise

Sölle, Dorothee, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861519X.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hans Carl Nipperdey (1895–1968), Prof. f. Arbeits- u. Zivilrecht in K., Präs. d. Bundesarb.ger. (s. NDB 19);
    M Hildegard Eißer (1903–90); 4 Geschw u. a. Thomas Nipperdey (1927–92), Prof. f. Gesch. in Karlsruhe, Berlin u. München sowie in d. USA u. England (s. NDB 19);
    1) 1954 1964 Dietrich Sölle (* 1922), aus Altenfeld (Thür.), Maler, 1959–84 Lehrer f. Kunsterziehung am Dreikönigsgymn. in K., am Otto-Hahn-Gymn. in Berg. Gladbach u. an d. Gesamtschule Paffrath, 2) 1969 Fulbert Steffensky (* 1933), bis 1969 Benediktiner in Maria Laach, ev. Theol., 1972–75 Prof. f. Erziehungswiss. an d. FH K., 1975–98 Prof. f. Rel.päd. an d. Univ. Hamburg (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2009; W);
    1 S aus 1) Martin (* 1956), Buchhändler in K., 2 T aus 1) Michaela (* 1957), Caroline (* 1961), Dr. med., Ärztin in Bolivien, 1 T aus 2) Mirjam Steffensky (* 1970), Dr. rer. nat., Chemikerin.

  • Leben

    S. wurde geprägt durch die weltoffene, liberale Atmosphäre ihres Elternhauses. Nach dem Abitur an der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln studierte sie seit 1949 klassische Philologie, Philosophie, ev. Theologie und Germanistik in Köln, Freiburg (Br.) und Göttingen, wo sie 1954 das Staatsexamen ablegte und bei Wolfgang Kayser über „Untersuchungen zur Struktur der Nachtwachen von Bonaventura“ zum Dr. phil. promoviert wurde. 1954–60 war sie Lehrerin am Mädchengymnasium in Köln-Mühlheim und arbeitete danach für verschiedene Rundfunkanstalten. 1962 wurde sie Assistentin am Philol. Institut der TH Aachen, 1964 Studienrätin im Hochschuldienst am Germanist. Institut der Univ. Köln. Hier habilitierte sie sich 1971 mit der Arbeit „Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung nach der Aufklärung“ (gedr. 1973). Sie war Lehrbeauftragte in Mainz, Kassel und Köln und 1975–87 Professorin für Systemat. Theologie am Union Theological Seminary in New York.

    Ausgangspunkt für S.s theol. Denken war die Frage, wie man nach Auschwitz von Gott reden kann. S. wehrte sich gegen die Vorstellung der Allmacht Gottes und entwickelte eine Christologie, in der auch der in Christus ohnmächtig gewordene Gott der Stellvertretung bedarf. Die Mitte der Theologie S.s ist der Mensch Jesus von Nazareth und seine|Botschaft. Sich auf ihn zu beziehen, bedeute, in seine weitergehende Geschichte einzutreten, denn mit seinem Tod endete seine Wirkungsgeschichte nicht. S. glaubte an einen Gott, der die Menschen braucht. Ihre Theologie zeichnet sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel aus und war von der Befreiungstheologie Lateinamerikas und der Feministischen Theologie geprägt. S. suchte eine Nähe von Theorie und Praxis, von Glauben und welthaftem Handeln. Sie entwickelte eine Theologie der Schöpfung, die den Menschen durch sinnerfüllte Arbeit herausfordert und eine Versöhnung mit der Natur intendiert.

    Früh setzte sich S. mit den Bezügen zwischen Theologie und Literatur auseinander, zog den weiteren Begriffen „Literatur“ und „Theologie“ aber die engeren Begriffe „Poesie“ und „Gebet“ vor. Ihre eigenen Gedichte sind darum ein Stück genuiner Theologie. Weil Theologie zwar Anteile der Wissenschaft brauche, aber näher an Praxis, Poesie und Kunst als an der Wissenschaft sei, bevorzugte sie die Form des Essays gegenüber der wissenschaftlichen Abhandlung. Seit „Die Hinreise, Zur religiösen Erfahrung, Texte und Überlegungen“ (1975) finden sich in S.s Texten mystische Anklänge, die in „Mystik und Widerstand, ,Du stilles Geschrei` “ (1997) gipfelten. S. versuchte eine Neuinterpretation mystischen Denkens und Fühlens. Für sie war mystische Erfahrung nicht zu trennen von den sozialen Beziehungen, die durch Menschen vermittelt sind und sich im politischen Geschehen ereignen. Mystik war für S. nicht nur eine Bewegung nach innen, zu „Gott in mir“, sondern nach außen, auf Befreiung gerichtet. Daraus erwächst – so S. – der Widerstand gegen die „Zersplitterung des Lebens“.

    S.s streitbares Auftreten bei dem von ihr mitinitiierten „politischen Nachtgebet“ (1968–72), auf Kirchentagen, ihr Engagement in der Friedensbewegung und für die Bewahrung der Schöpfung sowie ihr Eintreten für Gerechtigkeit zeigen eine Theologie von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz, mit der S. nicht selten das Mißfallen der Amtskirchen provozierte. Prägend für S. waren v. a. in der Schulzeit die Religionspädagogin Marie Veit und im Studium Rudolf Bultmann, Friedrich Gogarten, Sören Kierkegaard, Dietrich Bonhoeffer, Ernst Lange, Martin Buber und Ernst Bloch. Bleibende Eindrücke sammelte S. auf Reisen nach Nordvietnam 1972, Nicaragua 1983 und Mittelamerika 1986. Von der Rezeption bislang kaum beachtet ist der dialogische Charakter ihrer Theologie und ihr „Denkstil des Gesprächs“, der nicht zuletzt in den Diskussionen ihres Freundeskreis geformt wurde, zu dem u. a. Georges Casalis, Jürgen Moltmann, Baptist Metz, Luise Schottroff, Erich Fried und Heinrich Böll gehörten. – S.s umfangreiches theol. Werk, das nicht systematisch in sich geschlossen und oft fragmenthaft ist, wird seit 2006 in einer auf zwölf Bände angelegten Werkausgabe (hg. v. U. Baltz-Otto u. F. Steffensky) zusammengefaßt.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. PEN d. Bundesrep. Dtld. (seit 1970) u. d. PEN-Zentrum-Ost (seit 1995); Theodor-Heuss-Medaille (1974); Dr. theol. h. c. d. Faculté Protestante, Paris (1977) u. d Episcopal Divinity School Cambridge/Mass. (1997); Stipendium d. Lessing-Preises, Hamburg (1981); Droste-Preis d. Stadt Meersburg f. Lyrik (1982); Ridder van Sint Joris, Brüssel (1990); Ehrenprof. d. Univ. Hamburg (1994); Salzburger Landespreis f. Zukunftsforsch. (1996).

  • Werke

    u. a. Stellvertretung, Ein Kap. nach d. „Tode Gottes“, 1965, Neuausg. 1992;
    Phantasie u. Gehorsam, 1968;
    meditationen & gebrauchstexte, Gedichte, 1969;
    Das Recht ein anderer zu werden, 1971, Neuausg. 1982;
    Pol. Theol., Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann, 1971;
    Leiden, 1973, Neuaufl. 1993;
    fliegen lernen, Gedichte, 1979;
    Wählt d. Leben, 1980;
    Verrückt nach licht, Gedichte, 1984;
    Lieben u. arbeiten, Eine Theol. d. Schöpfung, 1985;
    Das Fenster d. Verwundbarkeit, 1987;
    Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, Stationen feminist. Theol., 1987;
    Zivil u. ungehorsam, Gedichte, 1990;
    Gott denken, 1990;
    Das Recht auf e. anderes Glück, 1992;
    Es muss doch mehr als alles geben, Nachdenken über Gott, 1992;
    Mutanfälle, Texte z. Umdenken, 1993;
    Träume mich Gott, 1994;
    Gewalt, Ich soll mich nicht gewöhnen, 1994;
    Gegenwind, Erinnerungen, 1995;
    Das Eis der Seele spalten, 1996;
    Loben ohne lügen, Gedichte, 2000;
    Jesus v. Nazareth, 2000 (mit L. Schottroff);
    Mystik d. Todes, 2003;
    Löse d. Fesseln d. Ungerechtigkeit, Predigten, 2004 (mit F. Steffensky);
    Nachlaß:
    F. Steffensky, Hamburg.

  • Literatur

    H. Gollwitzer, Von d. Stellvertretung Gottes, Christl. Glaube in d. Erfahrung d. Verborgenheit Gottes, Zum Gespräch mit D. S., 1967;
    H. Lämmermann-Kuhn, Sensibilität f. d. Menschen, Theol. u. Anthropol. b. D. S., 1988;
    R. Boschki u. E. Schuster, Zur Umkehr fähig, Mit D. S. im Gespräch, 1999;
    S. K. Pinnock, The Theology of D. S., 2003;
    I. Hildebrandt, Immer gegen d. Wind, 18 Hamburger Frauenporträts, 2003, S. 205–20 (P);
    U. Baltz-Otto, Ich soll mich nicht gewöhnen, Eine Einf. in D. S.s Denken, in: dies. (Hg.), D. S., Das Lesebuch, 2004, S. 9–34 (P);
    M. Tremel, Pol. u. Theol. b. D. S., Die Herausforderung d. Frauenbewegung durch Carl Schmitt, 2004;
    W. Grünberg u. W. Weiße (Hg.), Zum Gedenken an D. S., 2004;
    K. Jörgensen, in: W. Licharz u. W. Zademach (Hg.), Treue z. Tradition als Aufbruch in d. Moderne, 2005, S. 264–305;
    K. Aschrich, Theol. schreiben, D. S.s Weg zu e. Mystik d. Befreiung, 2006;
    H. Kuhlmann (Hg.), Eher e. Kunst als e. Wiss., Resonanzen d. Theol. D. S.s, 2007;
    J. Prinz, Endangering hunger for God, Johann|Baptist Metz and D. S. at the interface of biblical hermeneutic and Christian spirituality, 2007;
    R. Ludwig, Die Prophetin, Wie D. S. Mystikerin wurde, 2008 (P);
    R. Wind, D. S., Rebellin u. Mystikerin, Die Biogr., 2008 (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Schweizer Lex.;
    Munzinger;
    Kölner Personenlex.

  • Autor/in

    Ursula Baltz-Otto
  • Empfohlene Zitierweise

    Baltz-Otto, Ursula, "Sölle, Dorothee" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 530-532 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11861519X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA