Lebensdaten
1903 bis 1972
Geburtsort
Potsdam
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118595318 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Poelchau, Harald
  • Poelchau, H.
  • Pölchau, H.
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Poelchau, Harald, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595318.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus balt. Fam.;
    V Harald (1866–1938), Pfarrer in Brauchitschdorf (Schlesien), S d. Gustav (1829–97), Dr. med. et theol., Gymnasialoberlehrer, Kreisarzt, russ. Staatsrat, u. d. Anna Caroline Wilhelmine Engel;
    M Elisabeth (1871–1945), T d. Robert Riem (1839–1924), Pfarrer in Cantreck (Kr. Naugard), seit 1880 in Wernigerode, u. d. Marie Jacob (1844–1924); Vorfahre-m Andreas Riem (1749–1812), Prediger am Gr. Friedrichshospital in B. (s. ADB 29), Carl Gottlieb Jacob (1765–1813), Arzt, Simon Georg Klügel (1739–1812), Math. (s. NDB XII); – Herrenberg (Württ.) 1928 Dorothee (1902–77), aus Steinkirchen, Bibliothekarin, T d. Paul Ziegele;
    K.

  • Leben

    P. besuchte als Schüler die Ritterakademie in Liegnitz (Schlesien), wo er sich von der dörflich-konservativen Frömmigkeit befreite durch Teilnahme an Schülerbibelkreisen sowie durch Engagement in der freideutschen bündischen Jugend. Nach dem Abitur 1921 studierte er Theologie in Bethel, Tübingen, wo er Sekretär des „Köngener Bundes“ wurde, und Marburg, wo er dem religiösen Sozialisten Paul Tillich (1886–1965) begegnete, der ihn nachhaltig prägte. 1930/31 wurde P. in Frankfurt/M. Assistent von Tillich, bei dem er mit der Arbeit „Das Menschenbild des Fürsorgerechts“ (1932) promoviert wurde. Eine zusätzliche Ausbildung in Berlin als Fürsorger (1927) qualifizierte ihn für die Gefangenenseelsorge. 1933-45 war P. beamteter Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel sowie in verschiedenen anderen Gefängnissen (Plötzensee, Moabit u. a.), mit wachsender Verantwortung auch für politische Gefangene, die ihm wegen seiner Distanz zum NS-Staat – P. war seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche – besonders am Herzen lagen. Mehr als 1000 Häftlinge, nach dem 20. Juli 1944 viele enge Freunde, mußte er zur Hinrichtung begleiten, er vermittelte illegal Briefe und Nachrichten, schmuggelte viele Aufzeichnungen heraus und half praktisch entgegen den Vorschriften. Als Mitglied des „Kreisauer Kreises“ und der Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ versteckten P. und seine Frau Juden und halfen Verfolgten. Er selbst bezog dabei Kraft aus seiner Begegnung mit Quäkern, insbesondere mit Emil Fuchs (1874–1971).

    Nach 1945 baute P. gemeinsam mit Eugen Gerstenmaier (1906–86) das Ev. Hilfswerk auf. 1946-48 war er in der Leitung des Strafvollzugs der Sowjetzone mit einem Lehrauftrag für Kriminologie und Gefängniskunde an der Humboldt-Univ. Berlin betraut. Als das Gefängniswesen von der Innenverwaltung, d. h. der Polizei übernommen wurde, kehrte er nach Berlin-Tegel zurück und wurde 1951 von Bischof Otto Dibelius (1880–1967) zum ersten Sozialpfarrer der Ev. Kirche berufen, um das Verhältnis zwischen Kirche, Gewerkschaften und Unternehmen zu verbessern. Dieser Aufgabe widmete sich P. bis zu seinem Tod. Die Gründung zahlreicher Gruppen, u. a. der „Ev. Industriejugend“, eines Zentrums für Jugend- und Erwachsenenbildung „Haus Kreisau“ in Berlin-Kladow, die Zusammenarbeit mit der Sozialakademie in Friedewald und viele andere Initiativen gehörten dazu, ebenso die Mitarbeit in der|„Gilde Soziale Arbeit“ und im „Versöhnungsbund“ sowie die Gründung einer „Arbeitsgemeinschaft der Kirchen und Religionsgesellschaften“ gemeinsam mit Propst Heinrich Grüber (1891–1975).|

  • Auszeichnungen

    „Gerechter unter d. Völkern“ (Gedenkstätte Yad Vashem, 1972).

  • Werke

    Pol. Theol.?, in: Neue Bll. f. d. Sozialismus, 1930;
    Die Letzten Stunden, Erinnerungen e. Gefängnispfarrers, 1949;
    Die Ordnung d. Bedrängten, Autobiographisches u. Zeitgeschichtliches seit d. zwanziger J., 1963;
    Die Freiheit d. Gefangenen, in: Alm. d. Chr. Kaiser Verl., 1964;
    Die Rolle d. Kirche innerhalb d. Opposition in Dtld., in: Alm. d. Furche Verlags, 1966.

  • Literatur

    Ger van Roon, Neuordnung im Widerstand, 1967, S. 160-66;
    W. E. Winterhager, Der Kreisauer Kreis, 1985, S. 54-57;
    K. R. Grossmann, Die unbesungenen Helden, 1961, S. 68-72;
    F. v. Moltke, M. Balfour u. J. Frisby, H. J. v. Moltke 1907-1945, 1975;
    A. Leber u. a., Das Gewissen steht auf, Lb. aus d. dt. Widerstand 1933-1945, 1984;
    Stille Helfer, 350 J. Quäker, hg. v. Dt. Hist. Mus., H. 15, 1995/96, S. 19;
    W. E. Winterhager u. F. W. Euler, H. P., in: Moltke Alm. I, 1984, S. 122-28 (P);
    H. P., Grenzgänger – Wegbegleiter – Fürsprecher (sechs Aufss.), in: Kommunität, Freundeskreis d. Ev. Ak. Berlin (West), 1988;
    BBKL. – Zur Fam. Dt.GB 27, 29, 58 u. 105.

  • Autor/in

    Franz von Hammerstein
  • Empfohlene Zitierweise

    Hammerstein, Franz v., "Poelchau, Harald" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 561 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595318.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA