Lebensdaten
1912 bis 1992
Geburtsort
Würzburg
Sterbeort
Dreieich-Götzenhain (Hessen)
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Dressurreiter ; Sportförderer
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118586742 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neckermann, Josef Carl
  • Neckermann, Josef
  • Neckermann, Josef Carl

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Zitierweise

Neckermann, Josef, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118586742.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus alter Würzburger Fam.;
    V Josef Carl ( 1929) Kohlenhändler;
    M Jula N. N. ( 1962);
    1934 Annemarie Brückner ( 1989) aus W.;
    2 S Peter (* 1935), Wirtsch.manager, Johannes (1942–86), Prokurist in d. Vertriebsabt. d. väterl. Unternehmens, beide in d. USA, 1 T Eva-Maria ( Hans Pracht, Spediteur), in Toronto/Kanada; 4 Adoptiv-K.

  • Leben

    Nachdem N. vorzeitig das Gymnasium verlassen hatte, absolvierte er seit 1929 eine dreijährige Lehre bei der „Bayer. Hypotheken- und Wechselbank AG“ in Würzburg. Stationen eines nachfolgenden Praktikums waren die „Hedwigshütte AG“ in Stettin sowie Unternehmen in Newcastle (England)|und Lüttich. Seit 1933 arbeitete er im väterlichen Betrieb, erwarb jedoch 1935 – nach einem offenbar günstigen Angebot der Dresdner Bank – im Zuge der „Arisierung“ jüd. Unternehmen das Würzburger „Textilkaufhaus Ruschkewitz“ mit dem dazugehörenden „Kleinpreisgeschäft Merkur“ sowie 1937 das dortige „Textilfachgeschäft Vetter“. Zielstrebig bemühte sich N. in den folgenden Jahren, seine Unternehmensbasis zu verbreitern und nutzte dafür sich bietende Möglichkeiten. Anfang 1938 kaufte er in Berlin das „arisierte“ Versandgeschäft „Wäschemanufaktur Carl Joel“, nach „Witt“ in Weiden und „Quelle“ in Nürnberg das drittgrößte Versandhaus in Deutschland (Umsatz 1937: rd. 28 Mio. RM). Der jüd. Vorbesitzer war vor dem Nazi-Terror in die Schweiz geflüchtet. Als „Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann – Versandhaus“ wurde sein Unternehmen weitergeführt und florierte trotz der Versorgungsschwierigkeiten im NS-Wirtschaftssystem. Zusammen mit Georg Karg (1888–1972), Chef des „arisierten“ „Hermann-Tietz-Warenhauskonzerns“ (Hertie), gründete N. die 1939-45 bestehende „Zentrallagergemeinschaft für Bekleidung GmbH“. Als Alleingeschäftsführer führte N. seitdem Sonderprogramme für die deutsche Kriegswirtschaft durch, belieferte u. a. die „Organisation Todt“ mit Decken und stattete 1942/43 die Wehrmacht an der Ostfront mit neuentwickelten Winteruniformen aus. Er avancierte zum stellvertretenden „Reichsbeauftragten für Kleidung und verwandte Gebiete“, ressortierte in dieser Funktion vom Reichswirtschaftsministerium und nahm noch gegen Kriegsende an Sitzungen der „Zentralen Planung“ unter Albert Speer teil, soweit es um die Textilboschaffung für Wehrmacht und Zivilbevölkerung ging. Zu den 12 Teilnehmern der 62. Sitzung der „Zentralen Planung“ am 5.12.1944 gehörte neben den Reichsministern Speer und Funk, den Staatssekretären Körner, Fischböck, Hayler und Unterstaatssekretär Ohlendorf auch N.

    Prozesse vor einem amerik. Militärgericht in Würzburg und Verurteilung nach Kriegsende zu einem Jahr „hard labor“ wegen Verletzung des Kontrollratsgesetzes Nr. 52 schlossen über Jahre eine selbständige berufliche Tätigkeit N.s aus. Seine Geschäfte in Würzburg wurden treuhänderisch verwaltet. In der im September 1948 in Frankfurt/Main eröffneten Großhandlung „Textilgeseilschaft Neckermann KG“ war seine Ehefrau noch bis 1950 persönlich haftende Gesellschafterin. Mit der Umfirmierung in „Neckermann Versand KG“ 1951 begann die zweite berufliche Karriere N.s, der binnen weniger Jahre dem Frankfurter Versandhaus zu einem rasanten Aufstieg verhalf. An der Finanzierung der zahlreichen Neckermann-Unternehmungen mit neuem Versandhauskomplex und Zentrale an der Hanauer Landstraße in Frankfurt war bis 1963 der Großindustrielle Friedrich Flick (1883–1972) wesentlich beteiligt. Neue Marktstrategien, eine bemerkenswerte Organisationsgabe, das konsequent verwirklichte alte Warenhaus-Geschäftsprinzip „Großer Umsatz und kleine Gewinnmarge“ sowie das kaufmännische Gespür für erfolgreich am Markt umsetzbare Geschäftsaktivitäten wurden zum sicheren Motor für die Expansion der Neckermann-Konzernunternehmen bis etwa 1970. Im griffigen und alsbald volkstümlichen Werbeslogan: „Neckermann macht's möglich“, spiegelte sich die „Wirtschaftswunder“-Mentalität. N. verschaffte dem deutschen Versandhandel, dessen Marktanteil am Einzelhandel bis 1974 auf 5,5% stieg, bei breiten Käuferschichten Akzeptanz. 1973, als der Neckermann-Konzern insgesamt 19 254 Mitarbeiter beschäftigte, belief sich der Umsatz im Versandhandel auf 914 Mio. DM, im Einzelhandel der 46 Waren- und Kaufhäuser sowie 85 Verkaufstellen auf 1393 Mio. DM und bei der zum größten Flugreise-Organisator des Massentourismus mit weltweiten Reisezielen aufgestiegenen „NUR“ (Neckermann und Reisen GmbH) auf 462 Mio. DM. 1963 war N. in das Flugreisegeschäft eingestiegen; es folgte 1965 die Gründung der „Neckura Neckermann Versicherungs-AG“, deren letzte Kapitalanteile 1975 an eine amerik. Versicherungsgesellschaft verkauft wurden. Als weitere Tochtergesellschaften entstanden die schon 1972 abgestoßene „NAB Neckermann Anlageberatung“ und die „Neckermann Eigenheim GmbH“. Die Umsatzexpansion entwickelte sich jedoch infolge des scharfen Preiswettbewerbs nicht im Gleichklang mit einer soliden Ertragsentwicklung. Nach bereits seit den 60er Jahren reduzierten Renditen schrieb der Neckermann-Konzern trotz ständig wachsender Umsätze 1976 einen Verlust von 221,95 Mio. DM. Im folgenden Jahr wurde die Neckermann Versand KG a. A. (1973 Grundkapital 122,4 Mio. DM) in eine AG umgewandelt und bei gleichzeitigem, für Neckermann verlustreichen Kapitalschnitt von der „Karstadt AG“ übernommen. N. und sein Sohn Peter schieden aus der Geschäftsführung aus; N. zog sich ganz aus dem Berufsleben zurück.

    Wohl schon von Jugend an entwickelte N. eine leidenschaftliche Zuneigung zum Reitsport. Die Höhepunkte seiner späteren sportlichen Karriere als Spring- und Dressurreiter waren zeitlich deckungsgleich mit seinen großen unternehmerischen Erfolgen und fielen bereits in die 60er Jahre. Er gewann zahlreiche Preise, darunter bei den Olympischen Spielen 1960-72 sechs Medaillen, jeweils zwei in Gold, Silber und Bronze. 1960 wurde er Weltmeister. Er bekleidete zahlreiche Ehrenämter. Große Verdienste erwarb sich N. als Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe 1967–88. Er brachte mit Spenden der Industrie und Aktionen (Fernsehlotterie, Glücksspirale, Sportbriefmarken, Schallplatten) eine Summe von etwa 220 Mio. DM auf, mit der rund 18 000 Spitzensportler gefördert wurden. Gleichermaßen als Unternehmerpersönlichkeit wie als Spitzensportler erlangte N. große Popularität. Nahezu 20 Jahre lang zählte er zu den weltbesten Dressurreitern.|

  • Auszeichnungen

    Goldenes Band d. Sportpresse (1966); Silbernes Lorbeerbl. d. Bundespräs.; Dr. med. vet. h. c. (Gießen 1970); Gr. BVK (1974), mit Stern (1982) u. Schulterband (1987); Sonderstufe d. Ehrenzeichens d. Reiterl. Vereinigung (1982); Hans-Heinrich-Sievert-Preis (1987); Hess. Verdienstorden (1990).

  • Werke

    Einige Stimmen aus Presse u. Funk z. Entwicklung d. Neckermann Versand KG aus d. J. 1954-1958, 1960;
    Erinnerungen, aufgez. v. K. Weingart u. H. T. Rowe, 1990 (Autobiogr., P);
    Im starken Trab, 1992.

  • Literatur

    C. F. Mossdorf, N., Weltmeister u. Olympiasieger, 1969 (P);
    E. F. Schröter, N., 1980 (P);
    Munzinger;
    Munzinger-Sportarchiv;
    Frankfurter Biogr. (P).|

  • Quellen

    Qu BA Berlin; Ber. üb. d. Geschäftsj. 1973 d. Neckermann Versand KG.

  • Autor/in

    Willi A. Boelcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Boelcke, Willi A., "Neckermann, Josef" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 21-23 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118586742.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA