Lebensdaten
1899 bis 1979
Geburtsort
Heidelberg
Sterbeort
Bebenhausen bei Tübingen
Beruf/Funktion
Gestaltpsychologe ; Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118581600 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Metzger, Wolfgang
  • Mettsugā, W.

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Zitierweise

Metzger, Wolfgang, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118581600.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (1864–1962), aus Grießen (Baden), Lehrer u. Schuldir. in H., S d. Schuhmachers Josef in Waldshut;
    M Magdalena Volk (1872–1905) aus Heidingsfeld. Lehrerin, T e. Bahnbeamten in H.;
    Berlin 1927 Juliane (Uli) (1906–92). Schriftst., pielzeugsammlerin u. -forscherin. T d. Gustav Bäthmann (1871–1914), Pfarrer in Basel, dann in Worhis (Eichsfeld), u. d. Luise Everding aus Hildesheim;
    6 K (l früh †).

  • Leben

    M. besuchte das Humanistische Gymnasium in Heidelberg bis zur Quarta und wechselte dann mit dem Umzug seiner Eltern an das Gymnasium in Karlsruhe über, wo er 1917 die Reifeprüfung ablegte. Als Berufswunsch ist auf dem Abiturzeugnis noch Organische Chemie angegeben. M. wurde im letzten Kriegsjahr als Soldat in Frankreich eingesetzt, wo er im Juli 1918 sein linkes Auge verlor und in Gefangenschaft geriet. Dieses Ereignis prägte ihn stark und ist eine der Ursachen dafür, daß er sich später als Gestaltpsychologe intensiv mit der Erforschung des Tiefensehens mit einem Auge beschäftigte. 1920 begann er ein Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Heidelberg. Nach dem ersten Semester wechselte er für drei Semester an die Univ. München und sodann, im 5. Semester, an die Univ. Berlin über. Dort geriet er in eine „Psychologische Übung für Anfänger“, die von Wolfgang Köhler und Max Wertheimer geleitet wurde. Unter dem Eindruck dieser beiden Persönlichkeiten wechselte er sein Studienfach und begann Psychologie, insbesondere Gestaltpsychologie zu studieren, die gerade hier ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte. Nach seinem Studium wurde er Assistent von Köhler und beschäftigte sich in mehreren wegweisenden Arbeiten mit der experimentellen Untersuchung von Wahrnehmungsphänomenen und der Übertragung von Gestaltgesetzmäßigkeiten auf das Feld der Bewegungs- und Tiefenwahrnehmung. Auf diesen Gebieten wurde er, neben J. J. Gibson, für Jahrzehnte zum bedeutendsten Forscher, und sein Hauptwerk „Gesetze des Sehens“ (1936, 31975) gilt noch heute, weit über die Fachgrenzen der Psychologie hinaus, als Standardliteratur. M. folgte 1931 Max Wertheimer nach Frankfurt/Main, der dort F. Schumanns Lehrstuhl übernommen hatte. Noch im Jahre 1932 habilitierte er sich, kurz bevor sein Lehrer Wertheimer Anfang 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, ebenso wie andere Gestaltpsychologen, Deutschland verlassen mußte. M. blieb aus familiären Gründen neben K. Gottschaldt als einziger Gestaltpsychologe in Deutschland zurück und wurde stellvertretender Leiter des Frankfurter Instituts für Psychologie. 1942 nahm er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Psychologie und Pädagogik an der Univ. Münster an. Er begann dort ein Psychologisches Institut aufzubauen, dessen Direktor er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1968 blieb.

    M. ist lebenslang ein kompromißloser und doch undogmatischer Vertreter der Gestalttheorie der Berliner Schule geblieben. Er entwickelte die Gestaltpsychologie, die er nicht nur für eine Theorie der Wahrnehmung hielt, sondern auch – ganz im Sinne von Kurt Lewin – für eine Theorie der Persönlichkeit und sozialer Zusammenhänge, in viele Richtungen weiter und bemühte sich, Grundideen der Kybernetik Norbert Wieners, der allgemeinen Systemtheorie Ludwig v. Bertalanffys und der Tiefenpsychologie Alfred Adlers zu integrieren. Auch fernöstliche Einflüsse (Zen-Buddhismus), vermittelt durch seinen Schüler Morinaga, werden in seinem Werk, insbesondere in der „Schöpferischen Freiheit“ (1949, 21962) deutlich. In der Pädagogik vertrat M. die Konzepte der natürlichen Selbstorganisation in der Erziehung und des exemplarischen Lernens durch Einsicht („Psychologie in der Erziehung“, 1971, 31976). M.s theoretisches Hauptwerk ist die „Psychologie“ (1941, 51975), in der er die Allgemeingültigkeit der Gestalttheorie im Rahmen einer völlig neuartigen, problemorientierten Gliederung der Psychologie vertrat. – M.s Bedeutung liegt in der Aufrechterhaltung der europ. Denktradition in der Psychologie über die Zeit des Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit hinweg, in der der amerikan. behavioristische Ansatz die Psychologie dominierte. Besonderen Einfluß übte er auf die ital., franz. und Japan. Psychologie aus. M. war 1962-64 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und seit 1970 deren Ehrenmitglied, Präsident des XVI. Internationalen Kongresses für Psychologie in Bonn 1960, 1. Vorsitzender der Alfred-Adler-Gesellschaft und Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Padua 1965); Ehrenmedaillen der Univ. Louvain, Triest u. Prag.

  • Werke

    Weitere W Erziehung z. Reinlichkeit, 1949, 21961;
    Frühkindl. Trotz, 1956, 41972;
    Stimmung u. Leistung, 1957, 5'1968;
    Vom Vorurteil z. Toleranz, 1973, 21976. – Hrsg.: Hdb. d. Psychol. I/1;
    Wahrnehmung u. Bewußtsein: Psycholog. Forschung;
    Zs. f. Psychol. u. ihre Grenzwiss., 1952-67;
    Auto – biogr., in: L. J. Pongratz, W. Traxel u. E. G. Wehner (Hrsg.), Psychol. in Selbstdarst. I, 1972, 192-230 (W, P).

  • Literatur

    W. Witte (Hrsg.), Zum 60. Geb.tag v. W. M., Psycholog. Btrr. 5, 1960 (W-Verz., P);
    J. Schwarz, W. M., d. Lehrer, ebd., S. 6 f.;
    G. Kanizsa, Attualità dell'opera di M., in: W. M., I fondamenti della psicologia delln Gestalt, 1971;
    S. Ertel. L. Kemmler u. M. Stadler (Hrsg.). Gestalttheorie in d. modernen Psychol., W. M. z. 75. Geb.tag. 1975 (P) E. Rausch, in: Gestalt Theory 2, 1980, S. 129-32;
    M. Stadler, in: Psychological Research 42, 1980 (P);
    ders., Das Schicksal d. nicht emigrierten Gestaltpsychologen im Nationalsozialismus, in: C. F. Graumann (Hrsg.), Psychol. im Nationalsozialismus, 1985;
    W. Witte, in: Psycholog. Btrr. 22, 1980, S. 545-52;
    H. Heckhausen, in: American Journal of Psychology 96, 1983, S. 567-71;
    G. Galli (Hrsg.), Il pensiero e l'operadi W. M., Annali della Facoltà di Lettere e Filosofia dell'Università di Macerata 17, 1984;
    M. Stadler, Der Btr. v. W. M. z. allg. Psychol., in: Bremer Btrr. z. Psychol. 37, 1984, H. 12 (W-Verz);
    ders. u. H. Crabus, W. M., Leben, Werk u. Wirkung, in: W. M., Gestalt-Psychol., 1986 (vollst. W-Verz)., P).

  • Autor/in

    Michael Stadler
  • Empfohlene Zitierweise

    Stadler, Michael, "Metzger, Wolfgang" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 256 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118581600.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA