Lebensdaten
1878 bis 1945
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118571893 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leppin, Paul

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Zitierweise

Leppin, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571893.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (1850–1916), gelernter Uhrmacher, Schreiber in e. Advokatenkanzlei in P., S d. Amtsdieners Josef in Friedland u. d. Magdalena Somol aus Altbunzlau;
    M Pauline (1840- ca. 1913), T d. Moritz Scharsach, Sekr. b. d. Bez.hauptmannschaft in Friedland, u. d. Anna Brückner aus Doxan;
    Prag 1907 Henriette (1885–1946), T d. Franz Bogner, Stadtrat u. Fabrikbes. in Reichenberg, u. d. Elise Posselt; Schwägerin Elisabeth ( Rudolf Walter, 1885–1950, Freund L.s, Maler, Filmschauspieler [als Cocl], Dir. d. Sascha-Filmges., Innenarchitekt);
    1 S Paul (1908–37), Schriftsteller.

  • Leben

    L., der aus finanziellen Gründen nicht studieren konnte, trat 1897 nach dem Abitur in den Beamtendienst bei der Post- und Telegraphendirektion in Prag ein und wurde 1928 als Rechnungsobersekretär pensioniert. Ganz im Gegensatz zu diesem geregelten Berufsleben stand seine literarische Existenz. Ein berüchtigter Sänger von Spottliedern auf die Philister, war er ungekrönter König der Prager Bohème der Jahrhundertwende und Vorkämpfer für den Kreis von Literaten, die die Prager literarische Szene um 1899 bis 1906 prägten. L. schloß sich mit seinen Freunden den „Jung-Pragern“ an, die sich am Anfang der 90er Jahre um Oskar Wiener gesammelt hatten. 1900-01 veröffentlichte er für sie die lyrischen Flugblätter „Frühling“, die Hugo Steiner und Ferdinand Krombholz mit Buchschmuck versahen und die u. a. Gedichte von Wiener, Camill Hoffmann und Margarete Beutler enthielten sowie Beiträge von Rainer Maria Rilke und Stefan Zweig. 1906 gab er zusammen mit Richard Teschner die unabhängige Kunstzeitschrift „Wir“ heraus, die allerdings schon nach dem 2. Heft dem Druck des alteingesessenen Kunst-Etablishment weichen mußte. Besonders L.s Name war in Verruf geraten durch die erotische Thematik seines gerade veröffentlichten Romans „Daniel Jesus“ (1905), der sowohl dem Symbolismus und dem Jugendstil verpflichtet ist als auch schon auf den Expressionismus vorausweist. Nicht nur die Prager Literaturkritiker standen ihm weitgehend verständnislos gegenüber. Nach dem Mißerfolg von „Wir“ wurde es still um die „Frühlings-Generation“. Der junge Max Brod und sein Kreis, Franz Werfel und Egon Erwin Kisch, die Prag zu einer führenden Literaturstadt des deutschen Sprachraums erheben sollten, begannen in den Vordergrund zu treten. Diese Jüngsten sahen L. als Symbol und Dichter einer vergangenen Zeit, als „eigentlichen erwählten Sänger des schmerzlich verlöschenden Alt-Prag“ (Brod), dessen Fluidum L. sich nie entziehen konnte. L. war eher Humanist als „Erotomane“ und „Sataniker“, wie er von der Kritik häufig genannt wurde. Dem Fatalismus steht bei ihm eine Hoffnung auf mitmenschliche Güte gegenüber, die nichts gemein haben will mit der bürgerlichen Moral, die L. als Ideologie der Begüterten entlarvt wie in der „Rede der Kindesmörderin vor dem Weltgericht“ (Legende, 1928). Er malt nicht nur „mit einem von lastender Verzweiflung triefenden Pinsel, dessen Farben bizarr aufglitzern“ (Brod), wie etwa in „Severins Gang in die Finsternis“ (Roman, 1914), wo die dumpfen Halbtöne überwiegen, die Ausweglosigkeit betonend, er greift auch zu „Himmelsfarben“ (Brod). Sein gesamtes Werk ist durch diese|thematische und stilistische Mehrgesichtigkeit geprägt, das Nebeneinander von Satire und Sentiment, derber Realistik und lyrischer Idealität, spukhaft Verschwommenem und symbolisch Überhöhtem. Das Spätwerk löst sich jedoch immer weiter von dem exzentrischen und artifiziellen Ausdruck des Frühwerks im Streben nach Einfachheit und Ausgeglichenheit. Am Ende dieser Entwicklung steht die „Prager Rhapsodie“ (1938, P) mit L.s stillen Prag-Gedichten (Bd. 1, Helldunkle Strophen) und seinen Prosaskizzen (Bd. 2, Das Antlitz der Mutter), die die kleinen Ereignisse und Stimmungen des Alltags seiner Heimatstadt einfangen. Diese späteren Werke, großteils außerhalb jeglicher literarischen Strömungen entstanden, sollten ihm auch die so lang ausgebliebene Anerkennung bringen: 1934 den Schiller-Gedächtnispreis, 1938 zu seinem 60. Geburtstag eine Ehrengabe des Ministeriums für Kultur.

  • Werke

    Weitere W u. a. Gedichte: Glocken, d. im Dunkeln rufen, 1903;
    Die bunte Lampe, 1928;
    kleine Prosa: Das Paradies d. Andern, 1920;
    Frühling um 1900, 1936;
    Romane: Die Thüren d. Lebens, 1901;
    Der Berg d. Erlösung, 1908;
    Hüter d. Freude, 1918;
    Blaugast (1934, zuerst b. Hoffmann, IV, 1973, s. L). -
    Schauspiele: Der blaue Zirkus, 1924;
    Der Enkel d. Golem (1934);
    Bunterbart verkauft Gespenster (1938, beide zuerst b. Hoffmann, s. L);
    Essays: Venus auf Abwegen, 1920. -
    Slg.: Der Enkel d. Golem, Eine Alt-Prager Rhapsodie, 1984 (Gedichte, kl. Prosa, Der Enkel d. Golem, Daniel Jesus, Severins Gang in d. Finsternis, Blaugast).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Prag, Lit.archiv im Mus. d. tschech. Schrifttums.

  • Literatur

    M. Brod, Streitbares Leben, 1960;
    D. Hoffmann, P. L., Ein Btr. z. Prager dt. Lit. d. 1. Hälfte d. 20. Jh., 5 Bde., Diss. Basel 1973 (Teildr. d. Bde. 1 u. 2, 1973);
    ders., P. L., 1982 (W, L, P).

  • Autor/in

    Dirk Hoffmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Hoffmann, Dirk, "Leppin, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 307-308 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571893.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA