Lebensdaten
erwähnt 1127 oder 1131 , gestorben 12. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Dichter des Rolandsliedes
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118565060 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pfaffe Konrad
  • Konrad der Pfaffe
  • Konrad
  • mehr

Zitierweise

Konrad, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565060.html [17.12.2018].

CC0

  • Leben

    Im Epilog des deutschen Rolandsliedes nennt sich als Verfasser ein „phaffe Chunrat“ (v. 9079). Versuche, ihn genauer zu identifizieren, blieben im Vagen, so daß die Selbstnennung im Rolandslied als einziges Zeugnis gelten muß. Alles, was sich über seinen Verfasser in Erfahrung bringen läßt, kann so nur aus der Überlieferungs- und Gebrauchssituation des Werkes selbst erschlossen werden. Vollständig (bis auf eine Lücke von circa 150 Versen) ist das Rolandslied lediglich in einer Handschrift aus dem späten 12. Jahrhundert (Heidelberg, Universitätsbibliothek, Codex pal. germ. 112) überliefert. Seine 39 Federzeichnungen weisen diesem Manuskript als einem der ersten illustrierten in deutscher Volkssprache einen hervorragenden Platz unter den Handschriften des 12. Jahrhunderts zu, sie erlauben zudem bedeutsame Schlüsse auf die Gebrauchssituation des Textes. Aufgrund der vorwiegend bayerischen Mundart der Haupthandschrift und verschiedener inhaltlicher Details läßt sich das Rolandslied nach Regensburg und damit in den selben Umkreis lokalisieren, in dem auch die „Kaiserchronik“ entstanden ist, wobei jedoch keine Verfassereinheit beider Werke besteht. Genaueres zum Wirkungskreis K.s läßt sich aus Angaben des Rolandslied-Epilogs erschließen. Hier verschränken sich Autorbewußtsein und Auftraggeberselbstbewußtsein, wenn vor dem Verfasser K. auch der Stifter „herzog Hainrich“ und seine Gemahlin genannt werden, auf deren Wunsch eine französische Vorlage für das geplante Werk beschafft wurde. Die lange umstrittene Identifizierung des Bayernherzogs Heinrich (Heinrich der Stolze, Heinrich Jasomirgott oder Heinrich der Löwe), von der auch der Zeitpunkt der Entstehung des Rolandsliedes, sein Verhältnis zur um 1150 entstandenen „Kaiserchronik“ und die Lebensdaten K.s abhängen, erfolgte abschließend durch Kartschoke: Heinrich der Löwe und seine Gemahlin Mathilde waren die Auftraggeber K.s, der sein Werk um 1172 im Umkreis des Welfen in Regensburg schrieb.

    Berichtet das Rolandslied ganz allgemein von Karl dem Großen, so greift es mit der Geschichte von dessen Spanienzug (778) und seinem unglücklichen Ausgang in der Vernichtung der fränkischen Nachhut im Tal von Roncesvalles ein historisches Ereignis auf, das schon früh Gegenstand lateinisch-historiographischer (Einhard) und lateinisch-literarischer wie sicher auch mündlicher Überlieferungen wurde. K.s Werk ist eine Bearbeitung einer oder mehrerer altfranzösischer Traditionen, die im Epilog genannte lateinische Zwischenstufe (v. 9080 ff.) hat im Werk selbst keine Spuren hinterlassen und ist möglicherweise traditionelle mittelalterliche Prolog- und Epilogtopik: den Anspruch einer volkssprachlichen Dichtung ausweisende Wahrheitsversicherung durch Berufung auf eine (fingierte) lateinische Quelle. Am nächsten kommt das Rolandslied der Fassung O einer altfranzösischen „Chanson de Roland“; es ist somit frühes Zeugnis einer umfassenden deutsch/französischen Literaturrezeption im 12. Jahrhundert. Wie schon die „Chanson“ stellt das Rolandslied Karls Spanienzug als Kreuzzung dar, dessen Helden neben der zentralen, mit allen Attributen eines mittelalterlichen Kaisers ausgestatteten Herrscherfigur die christlichen Ritter-Fürsten sind. Die Handlung und die sie tragenden Konflikte entwickelt der Dichter aus einer großen Beratungsszene, in der – ganz nach dem Muster mittelalterlicher Hoftage – der Kaiser mit seinen Großen über die Fortführung des Zuges gegen die heidnischen Sarazenen berät. Als Verfechter eines Kreuzzuges rückt Roland, Neffe des Kaisers und mächtiger Frankenfürst, in den Mittelpunkt; sein Gegenspieler Genelun, auch er mächtiger Fürst, tritt für eine Verständigung mit den Heiden ein. Im Verlauf der Handlung – Genelun wird gegen seinen Willen zum Gesandten bei den Feinden – wird der Konflikt zweier großer Fürsten zum Loyalitätskonflikt gegenüber dem Kaiser. Dem von Genelun ausgehandelten trügerischen Frieden und damit dem Rat eines Verräters vertrauend, zieht Karl aus Spanien ab, wobei die von Roland geführte Nachhut auf Geneluns Rat von den Heiden überfallen wird. Im Tal von Roncesvalles sterben in einer Schlacht von heilsgeschichtlichen Dimensionen die christlichen Ritter den Märtyrertod; der zu Hilfe eilende Kaiser kann die Sarazenen nur unter großen Verlusten endgültig schlagen. Im Angesicht des ganzen Reiches rechnet Karl abschließend in einer großen Gerichtsszene mit dem Verräter Genelun ab; die Integrität der gestörten Gemeinschaft stellt sich so in den traditionellen Formen des mittelalterlichen Rechtsvollzugs wieder her.

    Während die Forschung lange Zeit einen Gegensatz zwischen national-französischer „Chanson“ und religiös motiviertem deutschen Kreuzzuglied postulierte, sprechen vor allem der das ganze Lied durchziehende und die Handlung erst motivierende Loyalitätskonflikt zwischen Herrscher und Fürsten, das in den Kreuzzugsszenen sich verherrlichende adelige Selbstbewußtsein der Helden, die zentrale Rolle der Szenen „staatlichen“ Handelns (Beratungs- und Prozeßszenen) dafür, daß das Rolandlied – gleich der „Chanson“ ein Lied um Rat und Verrat – wie seine französische Vorlage vorrangig von Herrscher- und Fürstenheil, also vom mittelalterlichen „Staat“ und seiner Legitimation, handelt. Der Auftraggeberanspruch Heinrichs des Löwen sollte jedoch nicht als ein dezidiert antistaufisches, das heißt welfisches Repräsentationsinteresse gedeutet werden. Nicht zuletzt die Rolle, die der Herzog in den politischen Konstellationen des späten 12. Jahrhunderts spielte, spricht dafür, daß es eher um ein fürstliches Selbstbewußtsein geht, das sich, ohne direkten Anspruch auf den Kaiserthron (so Bertau), doch unabdingbar in seiner Bedeutung für das Reich, dem kaiserlich-staufischen Selbstbewußtsein ergänzend zur Seite stellt.

  • Werke

    Ausgg.: Das Rolandslied d. Pfaffen K., hrsg. v. C. Wesle, 2besorgt v. P. Wapnewski, 1967;
    Das Rolandslied d. Pfaffen K., Mhdt. Text u. Übertragung, hrsg., übers. u. mit Nachwort versehen v. D. Kartschoke, 1970;
    Das Rolandslied d. Pfaffen K., Faks. d. Cod. Palatinus Germanicus 112 d. Univ.bibl. Heidelberg, Einführung v. W. Werner u. H. Zirnbauer, 1970.

  • Literatur

    ADB 16;
    W. Golther, Das Rolandslied d. Pfaffen K., 1887;
    F. Ohly, Zum Reichsgedanken d. dt. Rolandsliedes, in: Zs. f. dt. Altertum 77, 1940, S. 189-217;
    E. Nellmann, Karl d. Große u. Kg. David im Epilog d. dt. Rolandliedes, ebd., 94, 1965, S. 268-79;
    R. Folz, Le Souvenir et la légende de Charlemagne dans l'empire germanique médiéval, 1950;
    F.-W. Wentzlaff-Eggebert, Kreuzzugsdichtung d. MA, Stud. z. ihrer Gesch. u. dichter. Wirklichkeit, 1960;
    D. Kartschoke, Die Datierung d. dt. Rolandsliedes, Mit Vorwort v. P. Wapnewski, 1965;
    R. Lejeune u. J. Stiennon, Die Rolandssage in d. ma. Kunst, 2 Bde., 1966;
    K. Bertau, Das dt. Rolandslied u. d. Repräsentationskunst Heinrichs d. Löwen, in: Deutschunterricht 20, 1968, S. 4-30;
    E. Köhler, „Conseil des barons“ u. „Jugement des barons“, Epische Fatalität u. Feudalrecht im altfranz. Rolandslied, in: SB d. Heidelberger Ak. d. Wiss, Phil.-hist. Kl., Jg. 1968, 4. Abh., 1968;
    P. Kern, Bildprogramm u. Text, Zur Illustration d. Rolandsliedes in d. Heidelberger Hs., in: Zs. f. dt. Altertum 101, 1972, S. 244-70;
    H. Richter, Kommentar zum Rolandslied d. Pfaffen K., T. 1, 1972;
    M. Ott-Meimberg, Kreuzzugsepos od. Staatsroman? Strukturen adeliger Heilsversicherung im dt. „Rolandslied“, 1980, Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Marianne Ott-Meimberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott-Meimberg, Marianne, "Konrad" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 547-549 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565060.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Konrad: der Pfaffe K. übertrug auf Wunsch Herzog Heinrichs des Stolzen von Baiern, dessen Hofcaplan er vielleicht war, und seiner Gemahlin Gertrud, der Tochter Kaiser Lothars, zwischen 1127 und 1139, wahrscheinlich 1131, zu Regensburg die altfranzösische Chanson de Roland, nachdem er sie zunächst, wie er selbst angiebt, ins Lateinische umgesetzt hatte, in deutsche Verse. Der verlorene Text der Chanson, welchen er benutzte, muß unter den noch erhaltenen Manuscripten dem Oxforder und Venezianer am nächsten gestanden haben. Mangelhafte Kunde der französischen Sprache verleitete K. zu manchen Mißverständnissen; die zahlreichen Widersprüche seiner Quelle bemerkte er so wenig, daß er sie sogar durch neue vermehrte; Naturgefühl ging ihm gänzlich ab, und statt der vielfachen und verschiedenen Motive, von welchen in der Vorlage die Handlungen der Helden bestimmt werden, patriotische Gesinnung, Frauenliebe, religiöse Begeisterung, schob er die letztere als die einzige Triebfeder Karls und seiner Paladine in den Vordergrund. So wird unter den Händen des Umdichters aus dem epischen Stoffe eine Legende, welche Abtötung des Fleisches in demselben Sinne und mit denselben Formeln predigt, wie es die geistlichen Dichtungen der vorhergehenden Zeit gethan hatten. Feindseligkeit gegen die volksmäßige Poesie und ihre Vertreter schimmert überall durch, obwol K. ihre Redewendungen für die Kampfschilderungen zu verwerthen nicht verschmähte. In diesem Betrachte bewegt er sich ganz auf gleichem Boden mit seinem Zeitgenossen, dem Verfasser der Kaiserchronik, welchem er auch insofern ähnelt, als er wie dieser von bairischem Localpatriotismus erfüllt ist. Trotzdem also Konrads Werk weit hinter dem Originale zurückbleibt, nimmt es in der deutschen Litteraturgeschichte einen hervorragenden Rang ein. Denn K. und der Pfaffe Lamprecht sind, so viel wir wissen, nicht nur die ersten deutschen Geistlichen, sondern überhaupt die ersten Deutschen, welche den folgenreichen Schritt unternahmen, umfängliche romanische Gedichte durch Nachbildungen in Deutschland bekannt zu machen und dem in den Kreuzzügen erweiterten geistigen Horizonte ihrer Stammesgenossen neue und durch die Ausblicke, welche sie eröffneten, interessante Stoffe zuzuführen: beide zwar in sehr verschiedener Weise aber mit gleichem Erfolge. Daß Konrads Werk sich Anerkennung verschaffte, beweist die Zahl der Handschriften und Handschriftenfragmente (dessen ungeachtet ist unsere Ueberlieferung keine lückenlose), beweisen ferner die Ueberarbeitungen, denen es unterzogen wurde: die eine am Niederrhein um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts, welche dann hundert Jahre später Aufnahme in eine Compilation, die insgemein|als Karlmeinet bezeichnet wird, fand, die andere um 1230 in Oesterreich durch den Stricker.

    • Literatur

      Ruolandes Liet von Wilhelm Grimm, Göttingen 1838. Das Rolandslied, herausgegeben von Karl Bartsch, Leipzig 1874. Bruchstücke einer neuen Handschrift in der Zeitschrift für deutsche Philologie, 10, 485 ff. — Scherer in der Zeitschrift für deutsches Alterthum, 18, 298 ff. Schröder ebend. 27, 70 ff. Sijmons in den Taalkundige Bijdragen 1 (Haarlem 1877), S. 300 ff. Wald, Ueber Konrad, den Dichter des deutschen Rolandsliedes, Wandsbeck 1879. — Karlmeinet zum ersten Male herausgegeben von A. v. Keller, Stuttgart 1858. Bartsch, Ueber Karlmeinet (Nürnberg 1861), S. 87—208. Karl der Große von dem Stricker herausgegeben von K. Bartsch, Quedlinburg und Leipzig 1857.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Konrad" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 638-639 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565060.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA