Lebensdaten
1894 bis 1943
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Auschwitz
Beruf/Funktion
Dichterin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118564951 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Chodziesner, Gertrud (eigentlich)
  • Kolmar, Gertrud
  • Chodziesner, Gertrud (eigentlich)
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Zitierweise

Kolmar, Gertrud, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564951.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus jüd. Großbürgerfam.;
    V Ludwig Chodziesner (1861-ca. 1943), Justizrat, Rechtsanwalt in B., Fam. aus Chodziesen (Kolmar, Kr. Posen);
    M Elise (1872–1930), T d. Tabak- u. Zigarrenfabr. Georg Schönflies u. d. Hedwig Hirschfeld;
    Vt Walter Benjamin (1892–1940), Literarhistoriker (s. Kürschner, Lit.-Lex.); - ledig.

  • Leben

    K. wuchs in einem kultivierten, künstlerisch aufgeschlossenen Elternhaus auf. Sie besuchte seit 1911 eine höhere Mädchenschule in Berlin und eine hauswirtschaftliche Frauenschule in Leipzig und wurde Lehrerin für Französisch und Englisch. Gleichzeitig erwarb sie auch russische Sprachkenntnisse; noch 1939 begann sie, hebräische Konversation zu betreiben und schrieb Gedichte in hebräischer Sprache (verschollen). Seit 1923 war K. als Erzieherin in Privathäusern tätig und widmete sich zeitweilig auch der Pflege taubstummer Kinder. Seit 1928 lebte sie zurückgezogen im väterlichen Haus im Berliner Vorort Finkenkrug, ganz der Pflege der Eltern hingegeben. Nach dem Novemberpogrom erfolgte noch 1938 der Zwangsverkauf des Familienbesitzes und die Übersiedlung in eine Stadtwohnung in Charlottenburg. Ihrer Verpflichtung zur Zwangsarbeit 1941 folgte 1942 die Deportation des Vaters nach Theresienstadt, 1943 wurde K. – wohl am 27.2. während der sogenannten „Fabrikaktion“ – verhaftet und vermutlich im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht.

    Die hohe ästhetische Sensibilität verbarg K. hinter einem äußerlich herben, verschlossenen, zur Askese neigenden Wesen. Die durch ihr Interesse für östliche Kulturen und die Geschichte der alten Völker stark beeinflußte Entwicklung ihrer künstlerischen Anlagen erhielt einen entscheidenden Impuls durch die Begegnung mit den Danton-Dramen Georg Büchners und Romain Rollands in den Inszenierungen Max Reinhardts 1916 beziehungsweise 1921. Ihre in dem Essay „Das Bildnis Robespierres“ (entstanden vermutlich 1933, mitgeteilt von J. Zeitler, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 9, 1965) dargelegte Rechtfertigung Robespierres zieht sich als Leitthema durch den postum veröffentlichten Zyklus „Robespierre“, der in den 20er Jahren entstanden sein dürfte. In den 45, den dramatischen Ablauf des revolutionären Geschehens in eine dynamische Formensprache umsetzenden balladesken Gedichten erscheint Robespierre als der „Unbestechliche“, „Reine“, der „mehr als Mensch“ ist und als ein um der Gerechtigkeit willen Leidender die Stigmen des Erlösers trägt. Diese Vergegenwärtigung jener Epoche im Gedicht blieb innerhalb der deutschen lyrisch-balladesken Tradition singuläres Ereignis und fand auch in K.s Werk keine Fortsetzung.

    K.s tragisch bestimmtes Geschichtsverständnis verweist sie auf die Frage nach dem Ursprung der Zerrissenheit der Schöpfung, dem Unbehaustsein des Menschen und seiner Qual im Irdischen, auf die sie, die Grenzen des Geschichtlichen zunehmend transzendierend, mit der lyrischen Evokation des Mythischen antwortet. So erfährt sie in dem Zyklus „Alte Stadtwappen“ (erstmals 1934 unter dem Titel „Preußische Wappen") diese nicht als heraldische Zeichen, sondern als Urbilder, in denen sich die Entfremdung einer dem Gesetz des Tötens verfallenen Menschheit vom Schöpfungsursprung, der „Erdenkindheit“, manifestiert. Sie durchleidet in archaischen Visionen die Sehnsucht nach der „ferngestorbnen Zeit“ und den Untergang der urtümlich-harmonischen Weltgesetzlichkeit.

    Die schmerzlichen Erfahrungen des eigenen Daseins lassen in ihr ein tiefes Verstehen und Mitleiden reifen, von denen ihr Spätwerk, so der mehr als 150 Gedichte umfassende Zyklus „Die Frau und die Tiere“ (1938, erweiterte Auflagen 1955 und 1960), durchdrungen ist, ein lyrisches Bekenntnis zu den Schutzbedürftigen der Schöpfung, zu Frau, Kind, Tier und Liebenden. Nun ist sie sich ihres dichterischen Auftrags ganz gewiß, der für sie Rückkehr zu den Bildern des mythischen Ursprungs bedeutet, Empfang jener sie bedrängenden Gesichte und Träume, in denen sie die ewig sich wiederholende Glücks- und Schmerzensgeschichte von Frau und Kind, die klagende Sprache der Tiere, den „Herzschrei aus tausend Pflanzen“ (Ein Tagebuch) vernimmt. Aus solcher „elementaren Verbundenheit mit der Natur“ wächst K. die Kraft der letzten Lebensjahre zu, „dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn zu geben“ und sich zu ihrem tragischen Geschick zu bekennen (9. beziehungsweise 25.11.1941 an die Schwester). Das dichterische Vermächtnis dieser Jahre ging ein in die Gedichtsammlung „Welten“ (1947), elegischer Abgesang ihres Werkes. Es sind Dichtungen, deren überwältigende Bildfülle reimlos und in freien Rhythmen verströmt, Stationen auf dem Weg „zum tiefen Innen unseres Sterns“ (Asien). Ihre Entscheidung, sich mit dem Leidensweg ihres Volkes zu|identifizieren – schon in dem Zyklus „Weibliches Bildnis“ findet sich die glühende Zuwendung „Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk“ (Wir Juden) – und ihn bis zum qualvollen Ende mitzugehen, trägt religiösen Charakter, letzte Stufe einer Entwicklung, die mit einem unerbittlichen Rechten mit Gott in früheren Gedichten beginnt und mit dem gläubig ergriffenen „amor fati“ ihres wenige Wochen vor ihrer Deportation an die Schwester geschriebenen Briefes vom 24.1.1943 endet.

    Wenngleich K. selbst als Vorbild die „große französische Lyrik“ und den „Eindruck der Slawen“ (11.9.1940 an die Schwester) nennt, zudem Einflüsse etwa der Droste, Heyms, Trakls, Rilkes, in den „Welten“ auch Hölderlins unübersehbar sind und eine starke Geistesverwandtschaft zu den Dichtungen Else Lasker-Schülers und Elisabeth Langgässers besteht, fügt sich ihr Werk dennoch keiner Tradition. Der Sinn ihrer Lyrik – die Prosa erreicht nicht den Rang ihrer Gedichte – erschließt sich, wie die Dichtungen der Nelly Sachs, erst aus ihrem Schicksal als Jüdin, aus einer genuinen Vertrautheit mit mythischen Bildern des Ursprungs und dem Wissen um die Passion alles Geschöpflichen. Ihre Gedichte sind „aus einem Ohnmachts-, einem Verzweiflungszustande heraus“ (21.2.1943 an die Schwester) erwachsene Antworten auf die anbrandenden Greuel barbarischer Zeiten, Bekenntnisse unverbrüchlicher Treue zum eigenen Menschsein und einer um Erlösung aller Kreatur sich verzehrenden reinen Menschlichkeit.

  • Werke

    Weitere W Das lyr. Werk, 1955 (hrsg. v. H. Kasack, mit Nachwort v. J. Picard);
    dass., 1960 (mit Nachwort v. H. Wenzel);
    Susanna, in: Das leere Haus, Prosa jüd. Dichter, hrsg. v. K. Otten, 1959;
    Tag- u. Tierträume, 1963 (mit Nachwort v. F. Kemp);
    Eine Mutter, Roman, 1965, 2u. d. T. Eine jüd. Mutter, 1978;
    Briefe an d. Schwester Hilde (1938–43), hrsg. v. J. Zeither, 1970 (P);
    Das Wort d. Stummen, 1978;
    Frühe Gedichte (1917–22) Wort d. Stummen (1933), 1980.

  • Literatur

    K. Krolow, Das lyr. Werk G. K.s, in: Akzente 3, 1956, S. 162-66;
    W. Schnurre, in: Triffst du nur das Zauberwort, Stimmen von heute zur dt. Lyrik, hrsg. v. Jürgen Petersen, 1961 (P), 21967;
    W. Wiesinger, G. K., Rue Saint-Honoré, in: Wege zum Gedicht II, hrsg. v. R. Hirschenauer u. A. Weber, 1963, 21968;
    F. Kemp, in: Kunisch;
    H. Byland, Zu den Gedichten G. K.s, Diss. Zürich 1971;
    U. Berger, Zum Bild G. K.s, in: Sinn u. Form 24, 1972;
    H. Graefe, Das dt. Erzählgedicht im 20. Jh., 1972;
    Soergel-Hohoff II (P);
    Kindlers Lit.-Lex. XII.

  • Portraits

    in: J. Serke, Die verbrannten Dichter, 21977.

  • Autor/in

    Rüdiger Frommholz
  • Empfohlene Zitierweise

    Frommholz, Rüdiger, "Kolmar, Gertrud" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 472-473 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564951.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA