Lebensdaten
1855 bis 1918
Geburtsort
Tels-Paddern (Kurland)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Erzähler ; Dramatiker
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118561812 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Keyserling, Eduard Graf von

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Keyserling, Eduard Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561812.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard (1809–76), auf Telsen u. Kl.-Drogen/Kurland, S d. Heinrich (1775–1850), auf Kabillen usw., Kreismarschall v. Tuckum, Landbotenmarschall (s. Dt.balt. biogr. Lex., 1970), u. d. Anna v. Nolde;
    M Theophile (1816–94), T d. poln. Kronförsters Dietrich v. Rummel u. d. Charlotte v. Kleist;
    Schw Henriette (1839–1908), Schriftstellerin, Elise (1842–1915), Schriftstellerin (Ps. Ernst Kluge); - ledig;
    N Archibald (1882–1951), russ. Marineoffizier, lett. Admiral, im 2. Weltkrieg in Dtld. als Marineberater tätig, Paul (1890–1918), Erzähler (s. Kosch, Lit.-Lex.); N 2. Grades Hermann (s. 2).

  • Leben

    K. verlebte seine Kindheit im Kreise vieler Geschwister und aristokratischer Verwandter in patriarchalischen Verhältnissen auf den väterlichen Gütern in Kurland. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Hasenpoth studierte er seit 1874 Jura, Philosophie und Kunstgeschichte in Dorpat. 1877 mußte er wegen einer „Lappalie“ (Taube) die Universität verlassen, was für lange Jahre zu gesellschaftlicher Isolierung geführt hat. Bis 1890 lebte K. als freier Schriftsteller in Wien, wo er vermutlich Beziehungen zum Kreis um Ludwig Anzengruber unterhielt. 1890-95 verwaltete er die mütterlichen Güter in Paddern bis zur Übergabe an den Majoratserben. 1893 zeigten sich erste Symptome einer unheilbaren Erkrankung. 1895 übersiedelte der Unverheiratete mit seinen beiden älteren Schwestern Henriette und Elise nach München; nach deren Tod übernahm seine Schwester Hedwig die Fürsorge für ihn. 1899 hielt sich K. in Italien auf. Er nahm lebhaft, aber mit der ihm eigenen Distanzierung am gesellig-literarischen Leben in Schwabing teil. Er stand in Kontakt mit Frank Wedekind, Alfred Kubin, Alexander von Bernus, Karl Kraus und anderen; Max Halbe war er freundschaftlich verbunden. Seit 1908 trat eine zunehmende Erblindung ein, die er zu verbergen suchte. In den letzten Lebensjahren fast gänzlich an das Haus gefesselt, geriet K. in große Vereinsamung, die er durch intensives literarisches Schaffen bekämpfte. 1914 trat wirtschaftliche Not hinzu, nachdem K. von seinen kurländischen Einkünften abgeschnitten war.

    Seine ersten beiden Erzählwerke wollte K. in Vergessenheit lassen – wie überhaupt seinen Aufenthalt in Wien. Es ging bei beidem offenbar um eine bewußt vollzogene Emanzipation von seiner Familie und deren Sozialsphäre: als ein der Bohème zugewandter freier Schriftsteller, in der Aufnahme naturalistischer Stileinwirkungen, in der Darstellung von niederem Sozialmilieu und in der Offenheit für sozialistische Gedanken. Als K. sich 1895 in München ansiedelte, war er literarisch unbekannt. Zwar schien er zunächst als Dramatiker ein literarisches Profil zu gewinnen; der führende Theaterleiter Otto Brahm gönnte ihm förderndes Interesse, es gab einige Aufführungen seiner Dramen, doch K. war selbstkritisch genug, um bald den Widerspruch zwischen den Anforderungen der Bühne und seiner dichterischen Grundbegabung zu erkennen Mit ‚Beate und Mareile' (1903) vergewisserte er sich des ihm gemäßen Grundthemas und Stils; die folgenden Erzählungen und Romane haben beides noch nuancierter kultiviert, nicht mehr grundsätzlich verändert. Er wählte die „impressionistische“ Form der längeren Erzählung, des kürzeren Romans; er hat in ihr geleistet, was ihn mit den zeitgenössischen französischen Erzählern zwischen P. Bourget und M. Proust, mit I. Turgenev, mit H. Bang und J. P. Jacobsen vergleichen läßt und ihn, wenn auch erheblich begrenzter, in die Nähe von H. von Hofmannsthal und R. M. Rilke rückt, mit dem er zudem persönliche Kontakte unterhielt. Allerdings, da der Erzähler K. auf Erfahrungen und Erinnerungen angewiesen war, zog sich sein Welt- und Gesellschaftsausschnitt ins Enge; seine Erzählungen sind durchweg im Milieu, in der Bewußtseins- und Gesellschaftssphäre des kurländisch-ostpreußischen Gutsadels und der zu dieser Ländlichkeit gehörenden lettischen Arbeiterschicht lokalisiert. Bis ins Detail gesicherte Erfahrung sublimierte sich in der Erinnerung, in welche die persönliche schwere Lebensproblematik einging, die K. auch gegenüber Nächststehenden verdeckte. Im Anschein objektivierten Erzählens vollzog sich eine Subjektivierung der Lebensaspekte, der dargestellten Figuren, des gesamten Erzählstils. K. ist nicht ein „realistischer“ Chronist dieser am Ende ihrer Geschichtszeit angelangten baltischen Herrn- und Knechtswelt mit ihrer Mischung feudalaristokratischer und patriarchalisch-ländlicher Elemente. Er hat sie genauer und umfassender dargestellt: als streng-erlesene, sehr sublimierte Kultur, als in ihren Lebenskräften hinter Vorhängen erschöpfte Dekadenz, als Verlangen nach und Einbuße der Natur; als Vereinsamung, die sich im engsten Kreis mit ritualisierter Standeshaltung zusammenzieht und gleichwohl deren Zerbrechen nicht verhüten kann, so daß das Aussterben zur vornehmsten Geste wird. Er sah diese Gesellschaft in ihrer Todverfallenheit als Faszinosum; er schilderte sie mit der Sympathie des ihr Zugehörigen und der kritischen Distanz des Ausgestoßenen. Mit ihr verband sich ihm das persönliche Wissen um unaufhaltsame Erschöpfung, unausweichlichen Zerfall, das notwendige Bedürfnis, dem Zerfall gegenüber Haltung um der Selbstbewahrung willen zu behaupten, und die Sehnsucht nach einem Ausbruch, nach schönem, starkem, sinnlichem Leben, die zugleich doch um ihre Vergeblichkeit weiß.

    K.s Erzählungen und Romane enthalten wenig an „epischer“ Handlung; sie stellen, mit einer großen Sensibilität für psychologische und atmosphärische Nuancen, für verinnerlichte erotische Vorgänge, Zuständliches dar. Sie zeichnen, in gedämpfter und genau treffender Sprache, mit lyrischen Tönungen und verhaltener Ironie, psychische Konfliktbewegungen, die zugleich gesellschaftlich begründet sind, zwischen jeweils wenigen zentralen Figuren nach. Der erzählerische Bewegungsraum ist begrenzt, aber in ihm entfaltet sich das Thema in einer Fülle sorgfältig abgetönter Einzelzüge. Konflikte und Figuren werden in einen Stimmungsraum eingebettet, der alles Einzelne, die von Farben und Düften gesättigte Natur, die Garten- und Wohnwelt, das Verhalten der Menschen, ihre Gespräche, ihre Gesten zu einem ästhetischen Gefüge zusammenschließt. Die Grundthemen bleiben sich, bei vielen Variationen, gleich. Weicht er von seinem Erfahrungs- und Erinnerungsbereich ab, wie zum Beispiel in „Fürstinnen“ (1917), zeigen sich Unsicherheit und Blässe der Konstruktion. In den aristokratischen Gutshäusern, jedes eine kleine Welt für sich, lebt sich eine überfeinerte und verletzliche Gesellschaft zwischen vitaler Erschöpfung, strenger Standeshaltung, träumerischem Sich-Fallen-Lassen und schwermütig-skeptischer Noblesse zu Ende. Das gleiche Geschick bindet die Generationen aneinander, auch wo Konflikte sich zwischen ihnen einstellen. Vitales Lebensverlangen, oft rauschhaft gesteigert, versucht, durchweg im Bereich des Erotischen, einen Ausbruch, der jedoch nicht zum Ausweg wird. Man bleibt an diese Gesellschaft zurückgebunden, die, durch das äußere Ritual aristokratischen Lebensstils zusammengehalten, den einzelnen in innerer Vereinsamung mit sich allein läßt – einer Vereinsamung, die sich in der Einsamkeit dieser Schlösser und Güter, endlosen Ebenen und Wälder, in dieser Existenz an der Grenze wiederholt.

    K. setzt Leser voraus, welche die Bereitschaft und Kultur für Stimmungen und Atmosphärisches, für Zwischentöne und Nuancen, für ein andeutendes, mit aphoristischen Wendungen steuerndes Erzählen besitzen. Der Stil einer vergangenen Gesellschaft ist bei ihm, diskret, geistvoll, verhalten, zum Erzählstil geworden. Dennoch ist dieser Stil nicht der Geschichte verfallen. Die sachlich genau zielende Treffsicherheit der Sprache, zusammen mit ihrer Beweglichkeit, ihrer farbigen und musikalischen Sinnlichkeit und ihrer atmosphärischen Suggestionskraft zeichnen K. als einen überragenden Autor künstlerischer Prosa und als einen unverwechselbar originären Stilisten aus.

  • Werke

    Weitere W Erzz. u. Novellen: Fräulein Rosa Herz, 1887;
    Die Soldatenkersta, 1901;
    Schwüle Tage, 1904;
    Harmonie, 1905;
    Seine Liebeserfahrung, 1906;
    Bunte Herzen, 1908;
    Nachbarn, 1911;
    Am Südhang, 1914;
    Nicky, 1915;
    Im stillen Winkel, 1918;
    Die Landpartie, 1918;
    Ges. Erzz., hrsg. v. E. Heilborn, 4 Bde., 1922, 2 Bde., 1933;
    Abendliche Häuser, Ausgew. Erzz., hrsg. v. W. Kirsten, 1970. -
    Romane: Die dritte Stiege, 1892;
    Dumala, 1907;
    Wellen, 1911;
    Abendl. Häuser, 1914;
    Feiertagskinder, 1919. -
    Schauspiele: Ein Frühlingsopfer, 3 Akte (Urauff. 1899), 1900;
    Der dumme Hans, Trauersp. in 4 Aufzügen, 1900 (Urauff. 1902);
    Peter Hawel, 5 Aufzüge, 1904;
    Benignens Erlebnis, 2 Akte, 1906. -
    Aufsätze u. Essays: Zur Psychol. d. Komforts, in: Die Neue Rdsch., 1905;
    Über d. Liebe, ebd., 1907. -
    Werke (Ausw.) hrsg. v. R. Gruenter, 1973. |

  • Nachlaß

    Nachlaß vernichtet. Keyserling-Papiere in Bayer. Staatsbibl. München.

  • Literatur

    E. Metelmann, Die schöne Lit., 1929, S. 197 ff. (Bibliogr.);
    Gfn. Henriette Keyserling, Früho Vollendung, Das Leben d. Gfn. Marie Keyserling in d. Erinnerungen ihrer Schwester, hrsg. v. O. Frhr. v. Taube, 1948;
    M. Halbe, Jh.wende, Gesch. m. Lebens. 1893-1914, 1935;
    K. Holm, ich -kleingeschr., 21966;
    Das Buch d. Keyserlinge, 1937;
    O. Frhr. v. Taube, Erinnerungen an E. v. K., in: Die Neue Rdsch., Sept. 1938;
    ders., Nachwort z. Am Südhang u. a. Erzz., 1954;
    ders., Daten z. Biogr. E. v. K.s, in: Euphorion 48, 1954, S. 95 ff. - Zum Werk:
    U. Stülpnagel, Gf. E. v. K. u. s. episches Werk, Diss. Rostock 1926;
    F. Löffler, Das epische Schaffen E. v. K.s, Diss. München 1928;
    H. Schwarz, Die Frauengestalten in d. Werken E. v. K.s, Diss. Zürich 1929;
    K. Knoop, Die Erzz. E. v. K.s, 1929;
    D. Brand, Die Erzählformen b. E. v. K., Diss. Bonn 1950;
    H. Kalckhoff, Die Dekaden im Werk E. v. K.s, Diss. Freiburg 1960;
    R. Brinkmann, Wirklichkeit u. chol. d. Komforts, in: German Quarterly 28, 1955, S. 142 ff.;
    W. Webb, Points of view in the novels and stories of E. v. K., in: Germanic Review 32, 1957, S. 273 ff.;
    ders., E. v. K., a dramatist, in: Modern Language Quarterly 19, 1958, S. 204 ff.;
    ders., E. v. K. as essayist and literary critic, in: Kentucky Foreign Language Quarterly 7, 1960, S. 134 ff.;
    I. Sauter, Menschenbild u. Natursicht in d. Erzz. E. v. K.s, Diss. Freiburg 1960;
    R. Brinkmann, Wirklichkeit u. Illusion, 21966;
    H. Baumann, E. v. K.s Erzz., 1967;
    E. Knapp. Bedingungen u. Funktion d. Ausschnittsthematik in d. Erzz. E. v. K.s, Diss. Bonn 1970;
    E. A. McCormick, Inner and outer landscape in E. v. K.s Dumala, in: Festschr. f. F. E. Coenen, 1970;
    W. Wonderley, K.s Landpartie, ebd.;
    ders., A ‚new‘ novella by K., in: Modern Language Notes 87, 1972, S. 777-80.

  • Portraits

    Gem. v. L. Corinth, 1896 (München, Neue Pinakothek), Abb. in: G. v. d. Osten, Lovis Corinth, 1955, S. 81.

  • Autor/in

    Fritz Martini
  • Empfohlene Zitierweise

    Martini, Fritz, "Keyserling, Eduard Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 563-565 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561812.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA