Lebensdaten
1879 bis 1970
Geburtsort
Riga
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Malerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118561480 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kerkovius, Ida

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Zitierweise

Kerkovius, Ida, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561480.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die Fam. kam um 1650 aus Strausberg/Mark nach Kurland (s. Dt.balt. biogr. Lex. 1710-1960, 1970);
    V Theodor (1838–1915), Rittergutsbes., S d. Kaufm. Wilhelm u. d. Amalie Katharina Hammer;
    M Julie (1852–1915), T d. Gutspächters Alexander Schulz u. d. Anna Helena Charl. verw. Faber geb. Larssen;
    Ov Ludwig (1831–1904), Kaufm. u. Ratsherr in R.; - ledig.

  • Leben

    K. besuchte in Riga die Stadttöchterschule und anschließend eine Privatmalschule. Ihr Kunstverständnis war bewußt westlich ausgerichtet; mit dem Petersburger Modernismus kam sie nicht in Berührung. Dennoch waren Einflüsse östlicher Farbenfreude, Phantastik und Mystik unverkennbar. 1903 unternahm K. eine Italienreise und ging im selben Jahr zu Adolf Hoelzel nach Dachau. Bei ihm fand sie eine Theorie des Bildes als Eigenwelt aus Farbe und Form und eine Anleitung, die Natur durch Vereinfachung zu verwandeln, in allem Sichtbaren Elemente des Bildhaften zu entdecken, nur das Wesentliche der Dinge festzuhalten.

    Nach 5 Monaten mußte K. nach Riga zurückkehren. 1908 trat sie in Berlin in die konventionelle Kunstschule Adolf Mayer ein. Im selben Jahr ging sie nach Stuttgart, wo Hoelzel 1906 Leiter einer Kompositionsklasse an der Akademie geworden war. Sie erhielt bald ein Meisteratelier und wurde Hoelzels Assistentin. Seit 1911 lebte K. als selbständige Malerin in Stuttgart, hielt jedoch den engen Kontakt zu Hoelzel bis zu dessen Tod aufrecht. Daneben stand sie mit den Hoelzel-Schülern Hermann Stenner, Otto Meyer-Amden, Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und|besonders mit Johannes Itten in Verbindung, der 1919 an das Bauhaus in Weimar berufen wurde. 1920 folgte sie ihm dorthin und trat als Lehrling in die Klasse der Weberei ein (bis 1923). Die stärksten Anregungen – künstlerisch wie menschlich – empfing sie in Weimar durch Kandinsky und vor allem durch Klee. Hatte Hoelzel K.s Vorliebe für intensive ausdruckskräftige Farben gefördert, so trat nun unter dem Einfluß Klees die Betonung der Form in den Vordergrund.

    Die Schaffensperiode 1924-34 – K. war wieder nach Stuttgart zurückgekehrt – weist eine Distanzierung vom Vorbild Hoelzels auf. K.s Freude an der Farbe ist nunmehr gedämpft durch große steile, metallisch harte Formen, die an Schlemmer erinnern, der 1912-14 und 1918-20 bei Hoelzel gearbeitet hatte und 1920 an das Bauhaus gegangen war. Ein „Stilleben mit Dattelschachtel“ (1926, Privatbesitz Schweiz) und eine „Landschaft mit Brücke“ (1928, Reutlingen, Sammlung G. Pfänder) sind für diese Periode charakteristisch. 1933 wagte K. erstmals, ein gegenstandsloses Ölbild zu malen. Zugleich entstanden reine Phantasiebilder wie die „Landschaft mit Schimmel“ (1933, Stuttgart, Sammlung Antonie Keller). Das Erlebnis des Gestaltens von Farben und Formen wurde besonders seit den 30er Jahren wesentlicher als das Gestalten von Erlebnissen, Natureindrücken und Gefühlen, die jedoch immer wieder die Phantasie beeinflußten.

    Nach dem Tode Hoelzels 1934 und einem Ausstellungsverbot durch die Nationalsozialisten unternahm K. ausgedehnte Reisen nach Norwegen, Italien, Frankreich, Bulgarien, Konstantinopel und immer wieder in die baltische Heimat. 1939 floh sie mit ihrer Familie nach Stuttgart. In den Rigaer Landschaftsbildern entwickelte K. einen neuen, malerisch aufgelockerten und durchlichteten Stil und bevorzugte die Pastelltechnik (zum Beispiel Meer mit Schaumkämmen, 1939, Duisburg, Wilhelm Lehmbruck-Museum). Die asketische Härte der Formprobleme wich wieder einem spontanen, oft phantastischen Pinselduktus. Daneben schuf K. weitere Beispiele strenger Bildkonstruktion. Während die künstlerische Isolation zunahm, bestritt K. ihren Lebensunterhalt weitgehend mit dem Weben von Wandteppichen. 1944 wurde ihr Stuttgarter Atelier in der Urbanstraße zerstört und damit ein Großteil ihres Werkes. Erst 1954 konnte sie wieder ein eigenes Haus beziehen (Nägelestraße).

    Nach dem 2. Weltkrieg begann eine neue, außerordentlich fruchtbare Schaffenszeit K.s, die in ihrer gleichbleibend heiteren Lebensart depressive Perioden der Arbeitsunlust nicht kannte. Farben und Formen wurden lockerer, bewegter, souveräner. Die mediterrane Landschaft, die K. auf Reisen kennenlernte, regte sie zu Pastellen von intensiver Leuchtkraft der Farben und Ausgewogenheit im Bildaufbau an. Die auf Ischia entstandenen Werke (1952/55) gehören zu ihren bedeutendsten Schöpfungen.

    In K.s Schaffen steht die Farbe eindeutig im Mittelpunkt, ohne daß die Form vernachlässigt wird. Vielmehr entwickelt sich die Form aus der Farbe und setzt deren Dynamik in Gang. Es ist eine „in Mollakkorden gebrochene, slawisch üppige, ganz vom Instinkt und vom Gefühl bestimmte Farbsetzung, die weder das Bittere herber Dissonanzen noch die schwellende Süße purpurstufiger Crescendi scheut“ (K. Leonhard). K.s Bilder bauen sich aus großen einfachen Farb-Formen auf. Sie wirken eher schwerfällig als elegant, routiniert oder virtuos, strahlen jedoch Wärme, Naturhaftigkeit, Unbefangenheit, ja sogar Naivität aus. Formal hat sich K. die Sprache des Kubismus, des Expressionismus und der abstrakten Malerei zu eigen gemacht und verleugnet nicht ihre Vorbilder Hoelzel, Klee, Schlemmer und Jawlensky. Durch die Ausgewogenheit ihrer Gestaltungsmittel, die naive Frische ihres Blicks und ihre Meisterschaft der Farbgebung bewahrt sie jedoch ihren individuellen Stil.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Dt. Künstlerbundes (1950), Ehrenvorstandsmitgl. (1963); Württ. Staatspreis (1954); Prof.titel (1958); Ehrenmitgl. d. Ak. d. Bildenden Künste Stuttgart (1962).

  • Literatur

    H. Hildebrandt, Die Frau als Künstlerin, 1928, S. 132, 177;
    J. Baum, Die Schwäb. Kunst im 19. u. 20. Jh., 1952, S. 190 ff., 214 ff., 237;
    K. Leonhard, in: Ausstellungskat. Stuttgart, Württ. Kunstver., 1948 u. 1969;
    ders., Augenschein u. Inbegriff, 1953, S. 200;
    ders., Die Malerin I. K., 1954 (P, Abb.);
    ders., I. K., Leben u. Werk, 1967 (W, L. P, Abb.);
    L. Schreyer, Erinnerungen an Sturm u. Bauhaus, 1956;
    L. Greve, I. K., Unterwegs Nr. 1, 1952 (P, Abb.);
    E. Roditi, I. K., 1961 (W, P, Abb.);
    E. Schremmer, I. K. -
    Landschaften, 1975 (P. Abb.);
    Kindlers Malereilex., 1966;
    Vollmer;
    ThB. - Vorworte in d. Ausstellungskatalogen
    Stuttgart, Gal. Lutz u. Meyer, 1949;
    Karlsruhe, Bad. Kunstver., 1961;
    Frankfurt, Kunstkab., 1962;
    Salzburg, Residenz, 1963;
    Stuttgart, Gal. Valentien, 1964;
    München, Gal. Günther Franke, 1965;
    Heidelberg, Kunstver., 1966.

  • Portraits

    Selbstbildnis, Öl, 1929, Abb. in: K. Leonhard, I. K., 1967;
    5 Phot. ebd.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Kerkovius, Ida" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 513 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118561480.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA