Lebensdaten
1740 bis 1817
Geburtsort
Grund bei Hilchenbach Kreis Siegen
Sterbeort
Karlsruhe
Beruf/Funktion
pietistischer Schriftsteller ; Augenarzt ; Nationalökonom ; Kameralist
Konfession
evangelisch,pietistisch
Normdaten
GND: 118558862 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jung, Johann Heinrich
  • Jung genannt Stilling, Johann Heinrich
  • Stilling, Johann Heinrich (genannt)
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

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Zitierweise

Jung-Stilling, Johann Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558862.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Helman Jung (1716–1802), Schneider, Landmesser u. Lehrer, S d. Eberhard, Kohlenbrenner, Bauer u. Kirchenältester in G., u. d. Margarete Helmes;
    M Joh. Dor. Katharina, T d. Pfarrers Joh. Moritz Frdr. Fischer in Littfeld u. d. Pfarrers-T Dorothea Manger;
    Ov Joh. Heinrich Jung (s. Einl.);
    - 1) Elberfeld-Ronsdorf 1771 Christine (1751–81), T d. Fabr. Joh. Peter Heyder in Ronsdorf u. d. Marie Magd. Scharwechter, 2) Kreuznach 1782 Selma (1760–90), T d. öttingenwallerstein. Kammerdir. Joh. Wilhelm v. St. George u. d. Catharine Sophie Thielen, 3) Marburg 1790/91 Elisabeth (1756–1817), T d. Joh. Franz Coing ( 1792), Prof d. Theol. in Marburg (s. ADB IV), u. d. Elisabeth Christine Lubecca Duysing (T d. Justin Gerh. D., 1705–61, Prof. d. Med. in Marburg, s. BLÄ);
    1 S, 1 T aus 1), u. a. Joh. Magd. Margarethe ( Frdr. Heinr. Chrstn. Schwarz, 1766–1837, Prof. d. Theol.). 1 S (früh †), 2 T aus 2), u. a. Caroline (1787–1821), Leiterin d. v. Graimbergschen Töchterinstituts in K., 1 S, 3 T (1 früh †) aus 3), u. a. Friedrich v. J.-St. (russ. Adel 1827, 1795-1853). russ. Oberpostmeister u. Staatsrat in Riga;
    E Friedrich v. J.-St. (1836–88), Leiter d. Statist. Büros d. Livländ. Ritterschaft, Redakteur d. Rigaer Börsen- u. Handelsztg. (s. Dt.-Balt. biogr. Lex., 1970);
    Ur-Groß-N Gustav (s. 1).

  • Leben

    I

    J. verbrachte seine Kindheit unter Kohlenbrennern, Bauern und Handwerkern in innigem Kontakt mit der Natur. Auf Grund autodidaktischer Latein- und Mathematikstudien erhielt er bereits mit 15 Jahren eine Lehrstelle, arbeitete bald darauf als Gehilfe eines Stahlfabrikanten in Plettenberg, dann als Schneiderlehrling und -geselle, als kaufmännischer Lehrling und wiederum als Lehrer und Hauslehrer. Nachhaltigen Einfluß übte die Bekanntschaft mit dem Attendorner kath. Pfarrer und Augenarzt Molitor auf ihn aus. 1770-72 studierte J. in Straßburg Medizin. Unter dem Einfluß von Herder und Goethe, mit denen er weiterhin in Verbindung blieb, sowie seiner täglichen Tischgenossen um Salzmann widmete sich J. auch allgemeinbildenden Studien und Vorlesungen über forstwirtschaftliche, wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Fragen, was seinen Niederschlag in einer Abhandlung „Über die forstwirtschaftliche Nutzung der Gemeindewaldungen im Fürstentum Nassau-Siegen“ fand. Unter seinen medizinischen Lehrern übte der Anatom und Chirurg J. F. Lobstein, dessen Fertigkeit in der Cataractoperation gerühmt wurde, den stärksten Einfluß aus. Nach seiner Promotion ließ er sich 1772 in Elberfeld als Arzt nieder.

    Hier wie in Kaiserslautern, Marburg und Karlsruhe sammelte J. einen Kreis pietistisch geprägter Christen um sich und knüpfte freundschaftliche Beziehungen zu Lavater, Collenbusch und F. H. Jacobi, dessen Beharren auf dem Glauben als einer inneren Offenbarung und als Ausweg aus den erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten der Philosophie er teilte. Die Empfindungswelt der „Erweckten“ und „Stillen im Lande“ (daher sein Beiname „Stilling“) mit ihrer Diesseitsgenügsamkeit und ihrem „Heimweh“ stellte er in dem Roman „Theobald der Schwärmer“ (1784) dar. Durch zahlreiche theologisch-moralische Schriften, Zeitungsartikel und Erzählungen (u. a. „Das Schatzkästlein“, „Geschichte des Herrn von Morgenthau“), die zur Erweckungsbewegung des 19. Jh. überleiteten, wurde er im ganzen prot. Deutschland bekannt. Diese Publikationen führten zu zahlreichen persönlichen Briefwechseln, in denen J. als Mahner und Berater wirkte. Diese Wirksamkeit erfuhr nach J.s Berufung durch Kf. Karl Friedrich von Baden nach Karlsruhe 1803 eine derartige Ausweitung, daß J. sogar in Verbindung mit ausländischen Fürsten trat, so mit Kaiser Alexander I. von Rußland. Mit zunehmendem Alter lebte J. – weiterhin publizistisch tätig (u. a. Erzählungssammlungen „für Bürger und Bauern“: „Der christliche Menschenfreund“, seit 1806) – immer mehr in Erwartung des Jenseits; seine pietistische Frömmigkeit erhielt mystizistische und spiritualistische Züge.

    Von bleibendem literatur- und kulturgeschichtlichen Wert ist J.s Autobiographie „H. Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte“ (1777, hrsg. v. Goethe), „H. Stillings Jünglings-Jahre“ (1778), „H. Stillings Wanderschaft“ (1778), „H. Stillings häusliches Leben“ (1789), „H. Stillings Lehr-Jahre“ (1804), „H. Stillings Alter“ (1817, hrsg. v. seinem Enkel W. Schwarz). In der bekenntnishaften, verinnerlichten Selbstbiographie, die – ausgehend von einem Bekehrungserlebnis – das Leben als Weg zu Gott und in gefühlsmäßiger Hingabe an die göttliche Leitung darstellt, entwickelt der Pietismus eine literarische Form, auf der die späteren fiktionalen Brief- und Entwicklungsromane aufbauen können. Der 1. Teil der Autobiographie erregte das Interesse der Sturm-und-Drang-Generation, die in ihr die Geschichte eines originellen Charakters aus dem ursprünglichen Volke sah. Weite Partien sind ohnehin in der Stilhaltung der Sturm-und-Drang-Idylle erzählt. Lyrische, epische und dramatische Partien wechseln einander ab. Die eingestreuten Märchen, Fabeln und Sagen zeigen das Interesse der Zeit an Volksdichtung. In den späteren Fortsetzungen treten die religiös-erbauliche Absicht und das Selbstverständnis des Autors als ausgewähltes Werkzeug Gottes stärker hervor. Dies geschieht nicht ohne Selbstgefälligkeit und Abgleiten in Formelhaftigkeit. Trotz der Kritik an der Aufklärung teilt J. in seinen Schriften u. a. deren Frontstellung gegen die kirchliche Orthodoxie und deren Parteinahme für religiöse Toleranz.

    Seine mystisch-spiritualistischen Anschauungen faßt J. in den „Scenen aus dem Geisterreiche“ (1795-1801) und in der „Theorie der Geister-Kunde“(1808) zusammen. Einerseits warnt er die menschliche Natur davor, sich in die übersinnliche Welt zu „versteigen“, andererseits gelten ihm „Licht“ und „Äther“ als Seelenkräfte und als „Mittler“ zwischen der Sinnes- und der Geisterwelt; J. sucht sie an Phänomenen wie Somnambulismus und Magnetismus aufzuzeigen. Ahnungen, Träume, Weissagungen und Zauberei beweisen ihm exemplarisch den Einfluß der Geister auf die Menschen. Diese Gedankengänge berühren sich mit der Programmatik und Grundhaltung des Heidelberger Kreises um A. v. Arnim und C. Brentano. Sie werden trotz mancher Kritik – insbesondere an den wissenschaftlichen Voraussetzungen – von der Romantik weitgehend aufgenommen.

    II

    J.s Zeit als Arzt und Kameralist – denn beides läßt sich in seiner Epoche kaum trennen – umfaßt den mittleren Teil seiner Mannesjahre. Sie liegt zwischen der eher quietistisch (-pietistischen) Frömmigkeit seiner Jugend und dem „Dreifrontenkrieg“, den er in seinem Alter gegen die rationalistische Aufklärung des philosophischen Zeitalters mit ihren atheistischen Tendenzen, gegen den extrem schwärmerischen Mystizismus als Kontrapunkt und schließlich gegen den starren orthodoxen Dogmatismus der prot. Kirche auszufechten hatte. Erst dieser geistesgeschichtliche Hintergrund und mit ihm J.s „gottgeleitetes Sendungsbewußtsein“ setzen seine mittlere Lebensperiode ins rechte Licht.

    1773 führte J. auf heftiges Drängen seiner Freunde und der Patientin selbst die erste Augenoperation an einer starblinden Frau mit gutem Erfolg aus. Seitdem wandte er sich der operativen Augenheilkunde zu, und sein Ruf als Staroperateur dehnte sich über Deutschland und die Schweiz aus. Seine verzweifelte finanzielle Lage besserte sich dadurch jedoch nicht, da er bei vermögenden und einflußreichen Patienten häufig unglücklich operierte. Goethes Schilderung seines Eingriffes an Heinrich Ludwig v. Lersner dürfte dabei sicherlich die objektivere Darstellung eines solchen Mißerfolges geben als J.s eigener Bericht in seiner Lebensgeschichte. So ging seine Elberfelder Praxis weiter zurück und kam unter dem Gerücht, er sei wahnsinnig geworden, gänzlich zum Erliegen. Vor dem völligen Ruin rettete ihn 1778 die Berufung als Professor der Ökonomie- und Kameralwissenschaften an die Akademie in Kaiserslautern, die 1784 mit der Univ. Heidelberg vereinigt wurde. Die junge Kameralwissenschaft suchte als Kind des rationalistischen Zeitalters auch Mediziner an sich zu ziehen. J. verwandte die folgenden Jahre auf die Publikation zahlreicher Lehrbücher (u. a. Grundlehre sämtlicher Cameralwissenschaften, 1779; Staatswirtschaftliche Ideen, 1796). Sie befaßten sich mit der Grundlage des Faches, vor allem aber mit deren praktischen Bereichen, die den Naturwissenschaften und der Medizin nahestanden, wie der Forst- und Landwirtschaft, der Fabrikwissenschaft und der Vieharzneikunde, wobei ihm zweifellos die praktischen Erfahrungen seiner Jugend zugute kamen. Das Ansehen, das ihm seine Bücher über Deutschlands Grenzen hinaus verschafften, trug 1787 zu seiner Berufung als Professor der Ökonomie-, Finanz- und Kameralwissenschaften in Marburg bei. Hier hatte Ldgf. Wilhelm IX. 1785 E. G. Baldinger zum ersten Professor der Medizin berufen. Es dürfte kaum zweifelhaft sein, daß dieser an der Kameralistik stark interessierte Medizinalpolitiker bei J.s Berufung nicht ungefragt geblieben ist. Doch nur ein reichliches Jahrzehnt konnte J. sich einer befriedigenden Lehrtätigkeit erfreuen, denn um die Jahrhundertwende verlor das Kameralstudium an Zugkraft, und seit 1801 besaß J. kaum mehr als zwei Hörer.

    So war seine Lage abermals drückend geworden, als er vom Kf. Karl Friedrich von Baden, der ihn schon früher zum Hofrat ernannt hatte, nach Heidelberg und an den Hof nach Karlsruhe berufen wurde, um sich künftig nur noch der Stärkung und Verbreitung des christlichen Glaubens zu widmen. Die Ausführungen von Staroperationen hat er über all diese Jahre bis ins hohe Alter nicht aufgegeben, auch hat er Arme stets unentgeltlich operiert.

    Die ophthalmologische Geschichtsschreibung stimmt darin überein, daß seine Modifikation des Starschnittes, welche die Eröffnung des Auges in den unteren Teil der Hornhaut verlegte, für die Entfernung großer und unbeweglicher Cataractae zu klein war. Sie betont andererseits seine solide Vorbildung und seine skrupulöse Gewissenhaftigkeit. Eben deshalb dürfte er einer der ersten Augenoperateure sein, der über seine Eingriffe statistische Auskunft gab und 1791 bemerkte, ihm sei „von 237 Starblinden, die ich bis dahin operiert habe, etwa nur jeder siebente mißlungen“ (J. hat ca. 2000 Staroperationen durchgeführt).

    J.s Leistungen als Kameralist zu würdigen, ist mangels einschlägiger Forschungen schwierig. Trotz zahlreicher Gegensätze kamen sich Pietismus und Aufklärung in ihrer Forderung nach einer allgemeinen Erziehung sehr nahe, die in der Kameralistik zur Wohlfahrt aller und zum allgemeinen Besten in die Praxis umgesetzt werden sollte.

  • Werke

    Sämmtl. Schrr. , hrsg. v. J. N. Grollmann, 13 Bde. u. 1 Erg.bd., 1835-38 (P in I);
    Neuausgg., u. a.: Die Gesch. Florentins v. Fahlendorn, 1948;
    Heimweh, 1949;
    Lebensgesch. (Vollst. Text n. d. Erstdrucken 1777-1817), mit Nachwort v. W. Pfeiffer-Belli, 1968;
    Rückblick auf St.s bisherige Lebensgesch. (1804), hrsg. v. K. O. Conrady, 1969. - Briefe:
    Briefe J.-St.s an s. Freunde, hrsg. v. A. Vömel, 1905, 21924;
    Wenn d. Seele geadelt ist. Aus d. Briefwechsel J. St.s, hrsg. v. Herm. Müller, 1967;
    Goedeke IV, 1, S. 688-91;
    Kosch, Lit.-Lex. (W, L). - Med. Schrr.: Günstige Erfolge mit d. Daviel'schen Verfahren d. Cataract-Extraction, Sendschreiben an Hrn. Stadtchirurgen Hellmann, dessen Urtheil d. Lobstein'schen Starmesser betreffen, 1775;
    Methode, d. grauen Star auszuziehen u. zu heilen, nebst e. Anhang v. versch. andern Augenkrankheiten u. d. Cur-Art ders., 1791. - Kameralwiss. Schrr.:
    Versuch e. Grundlage sämtl. Kameralwiss., 1779;
    Versuch e. Lehrb. d. Forstwiss., 1780, 21787;
    Versuch e. Lehrb. d. Landwirthsch. d. ganzen Welt, insofern ihre Produkte in d. Europ. Handel kommen, 1783;
    Versuch e. Lehrb. d. Fabrikwiss., 1785, 21794;
    Lehrb. d. Staats- u. Polizeywiss., 1788;
    Lehrb. d. theoret. u. prakt. Thierarzneykde., umgearb. v. J. D. Busch, 1799.

  • Literatur

    ADB 14;
    G. Stecher, J.-St. als Schriftsteller, 1913 (mit Verz. d. gedr. Briefe);
    H. R. G. Günther, J.-St., Ein Btr. z. Psychol. d. dt. Pietismus, 1928;
    H. Kruse, in: Westfäl. Lb. IV, 1933 (W, L, P);
    F. Götting, in: Nassau. Lb. IV, 1950 (W, L);
    I. Stützel, J.-St. u. d. Volkskde., Ein Btr. z. Darst. d. volkstüml. Lebens im Siegerland im 18. Jh., Diss. Tübingen 1953;
    T. Lanko, J.-St. u. Rußland, Unters. d. Verhältnisse J.-St.s zu Rußland u. z. „Osten“ während d. Regierungszeit Alexander I., Diss. Marburg 1954;
    M. Geiger, Aufklärung u. Erweckung, Btrr. z. Erforschung J. H. J.-St.s u. s. Erweckungstheol., 1963 (W, L). - J. W. v. Goethe, Dichtung u. Wahrheit, T. 2, Buch 9, T. 4, Buch 16;
    J. R. Schäfer, Die Stellung d. Dichters J.-St. in d. Augenheilkde. s. Zeit, in: Ophthalmolog. Klinik 8, 1904, Nr. 7-9;
    J. Hirschberg, Gesch. d. Augenheilkde., in: Graefe-Sämisch, Hdb. d. ges. Augenheilkde., 21911, Bd. 14, S. 208 ff.;
    R. Morax, Le docteur J.-St., 1913;
    A. Bader, Entwicklung d. Augenheilkde. im 18. u. 19. Jh. mit bes. Berücksichtigung d. Schweiz, 1933, S. 41 ff.;
    R. Ramsauer, J.-St. als Naturforscher, in: Sudhoffs Archiv f. Gesch. d. Med. u. Naturwiss. 30, 1938, S. 11 ff.;
    BLÄ.

  • Portraits

    Stich v. S. Kalle n. Zeichnung v. J. Gundlach, 1789, Abb. in: Brockhaus Enz. IX, 171970;
    Holzschn. u. Zeichnung v. H. Bürkner, Abb. in: Gr. Duden Lex. IV, 1966;
    Aquatintabl. v. F. Hegi n. Zeichnung v. M. Wocher, 1801, Abb. b. Rave u. b. Bader, s. L;
    Altersbild, Abb. b. Müller, s. W (Briefe).

  • Autor/in

    I Hans-Gerhard Winter, II Markwart Michler
  • Empfohlene Zitierweise

    Winter, Hans-Gerhard; Michler, Markwart, "Jung-Stilling, Johann Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 665-667 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558862.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Jung-Stilling: Johann Heinrich J., genannt Stilling, wurde am 12. Septbr. 1740 im Dorfe Grund, damaligen Fürstenthums Nassau-Siegen, geboren. Wie der Geburtsort, im tiefen Waldthale, umkränzt von hohen, an geschichtlichen Erinnerungen reichen Bergen, auf das weiche Gemüth des Knaben großen Einfluß übte und für ihn ein Stimmungsbild wurde, so gab ihm ganz besonders das ernst-christliche Leben seiner Familie eine Richtschnur für sein Erdenwallen. Dieses ist so hochinteressant, daß ein Ausheben der für ihn wichtigsten Momente auch heute noch und an dieser Stelle nicht unwillkommen sein dürfte. Um J.-St. ganz zu verstehen, muß er im Zusammenhange mit seiner Familie betrachtet werden. Als Haubergs- und Landwirthe, als Köhler und Bergleute sachten die Jung'schen Familienglieder im Schweiße ihres Angesichts ehrlich ihr Brod zu verdienen. Mehrere derselben hatten sich dabei aber doch als praktische Männer hervorgethan und eine Bedeutung erlangt, die sie weit über ihre Dorfgenossen stellte. Einer von ihnen, der am 22. Febr. 1711 geborene J. H. Jung, war ein mathematischer Kopf. Anfangs Dorfschulmeister, beschäftigte er sich zugleich mit Anfertigung mechanischer und astronomischer Instrumente. Schon als Jüngling wußte er aus einem hölzernen Teller ein Astrolabium, aus einer buchenen Butterdose einen Compaß herzustellen. Auf seinem weiteren Lebensgange zeichnete er sich im Betriebe des berühmten Müsener Stahlbergs so aus, daß er später die ansehnliche Stelle eines Land- und Oberbergmeisters erhielt. Sein gleichnamiger Sohn, Altersgenosse unseres J.-St., wurde ebenfalls Oberbergmeister und Mitglied der fürstlichen Berg- und Hüttencommission in Dillenburg, Ein anderes Familienglied, J. H. Helmes, „der brave Hirte“, hatte zu jener Zeit in Helberhausen, einer nahe an der nordöstlichen Grenze des Siegerlandes gelegenen, waldigen Gegend die Ahornlöffelschnitzerei eingeführt und war hierdurch ein Wohlthäter seiner armen Heimath geworden.

    So hatte in der Familie Jung schon eine Erhebung und ein Aufleuchten des Volksgeistes stattgefunden, als J.-St. sich heranbildete. Dieses geschah unter|den Augen seines Großvaters Eberhard, eines markigen Mannes, der mit patriarchalischem Ansehen die Geschicke seines Hauses und Dorfes leitete. Nicht so bedeutend wie dessen erwähnter ältester Sohn, der Oberbergmeister, war sein anderer Sohn Wilhelm, ein verwachsener, schwächlicher Mann, der als Schulmeister, Schneider, zeitweise auch als geschickter Feldmesser sein Brod verdiente und in Dorothea (Dortchen) Fischer, der zarten, gottinnigen Tochter eines vertriebenen Predigers, seine erste Gattin fand. Diesem Ehepaare wurde nun am 12. Septbr. 1740 unser schon genannter J. H. J., genannt Stilling, geboren. Seine Kinderjahre verlebte er im Elternhause und erregte hier schon als kleiner, sehr eigenartiger Knabe die Aufmerksamkeit seiner Umgebung. Wenn er in seiner späteren Erscheinung „als eine weiche, träumerische, von zarten Farben überhauchte Menschenblüthe“ aufgefaßt wird, so dürste dieses auch das Bild seiner Mutter sein, die ihr „Heimweh“ nach dem Himmel schon der Erde entrückte, als ihr Heinrich erst zwei Jahre alt war. Unter der Ruthe des hypochondrischen Vaters wuchs der Knabe, nicht ohne Unarten heran. Diese suchte er aber durch eifriges Beten zu bekämpfen und zu besiegen. Je weniger dem empfindsamen Knaben die Wirklichkeit zusagte, desto mehr flüchtete er sich in eine übersinnliche Welt, wohin ihn überall das Bild seiner verklärten Mutter begleitete. In seiner Umgebung fand das poetische, phantasiereiche Gemüth des jungen J.-St. reiche Nahrung. Insbesondere zog ihn die Beschäftigung seines Großvaters als Kohlenbrenner in dem an romantischen Partien so reichen Forstrevier Lützel an. In der Waldeinsamkeit fühlte er sich am wohlsten. Die sagenumwobenen Ruinen des Schlosses Ginsberg und die Stelle einer längst zerfallenen, dem h. Antonius geweihten Wald- und Wallfahrtskirche erfüllten, neben dem Lesen der schönen Melusine, der asiatischen Banise, der vier Haimonskinder und ähnlicher Schriften, seine Seele mit phantastischen Gebilden. Doch war ihm schon damals die heilige Schrift, das Buch der Bücher, sein größtes Heiligthum.

    Was er zu Haufe nicht erhaschen konnte, bot ihm die kleine Bibliothek des Rectors der lateinischen Schule zu Hilchenbach, des „lateinischen Schulmeisters“, dem er im zehnten Jahre zur weiteren Ausbildung übergeben worden war. Durch angestrengten Fleiß brachte es nun der junge J.-St. in wenigen Jahren dahin, daß er, neben den üblichen mathematischen und geschichtlichen Studien, „lateinische Historien lesen und verstehen, ja sogar lateinisch schreiben und reden konnte.“ Dieses imponirte gleich sehr der Familie Jung, wie dem Pastor Seelbach, der deshalb dem, auch als bibelfest erprobten Knaben schon zu Ostern 1755, also im 15. Jahre die Schulmeisterstelle auf der Lützel übertrug. Hier kam er mit einem alten Förster in nähere Beziehungen. Dieser war Separatist und hatte unter seinen Büchern auch eine Uebersetzung Homer's; sie fiel unserem Schulmeister in die Hände und nahm ihn so ein, daß er darüber alles Andere vergaß. Wie er in seinen späteren Erinnerungen meint, „ist wol die Ilias seit der Zeit, daß sie existirt, niemals mit mehr Entzücken und Empfindung gelesen worden.“ — Aber auch des Paracelsus, Jacob Böhme's und andere mystische Schriften wurden von ihm gierig gelesen. Dabei vernachlässigte er keineswegs seine Schule; er wußte sie vielmehr so zu heben, daß er die größeren Knaben in den Elementen der Geometrie unterrichten konnte. Dem Pastor aber gefiel sein Umgang und seine Richtung so schlecht, daß er seine Stelle verlassen und zu seinem Vater zurückkehren mußte, dem er nun schneidern half. Als dieser aber mit einer jungen Wittwe in Kredenbach zur zweiten Ehe geschritten war, suchte J.-St. ein anderes Unterkommen. Er fand ein solches bei einem so reichen als rohen Stahlfabrikanten in Plettenberg. Wegen erlittener Mißhandlungen verließ er auch diese Stelle und kehrte ins elterliche Haus zurück. Trostlos arbeitete er hier in der Landwirthschaft; Tag und Nacht flehte er in brünstigem|Gebet um Aenderung seines Zustandes. Er sah es denn auch als eine Gebetserhörung an, als er 1757 von einem Verwandten mütterlicher Seits, dem Pastor Göbel in Netfen, als Capellenschullehrer nach Dreisbach berufen wurde. Hier studirte er fleißig Wolfs Anfangsgründe der Mathematik und andere Bücher verwandten Inhalts. Seine mystische Richtung und eigenthümliche Lehrmethode mißfielen indessen der Gemeinde so, daß er auf des Pastors Rath seiner Stelle freiwillig entsagte. Sein Vater empfing ihn mit bitteren Vorwürfen; er aber erwiderte traurig: „es wäre doch entsetzlich, wenn mir Gott Triebe und Neigungen in die Seele gelegt hätte und seine Vorsehung verweigerte mir, so lange ich lebe, ihre Befriedigung.“ Aber das nothgedrungen wieder ergriffene Schneiderhandwerk sah er als eine Hölle an. Mitten in die Nacht seiner Trauer kam nun der freudig begrüßte Ruf an die Capellenschule zu Klafeld. Doch auch hier war nicht lange Weilens; der geistliche Inspector zu Siegen, als Scholarch, brachte ihn durch eine tragikomische Procedur um seine Stelle. Dieses Mal von seinem Vater freundlich empfangen, bestieg er wieder den Nähtisch und schaffte daneben in der Landwirthschaft. Derartige Arbeiten, besonders das Dreschen, fielen ihm indessen so schwer, daß er den Erwartungen seiner Eltern nicht genügte. So entstanden Mißhelligkeiten zwischen Vater und Sohn, und diesem graute zuletzt so vor seines Vaters Haus, daß er, ein recht geschickter Geselle, bei anderen Meistern Arbeit suchte.

    Zuletzt kam es zwischen Vater und Sohn zum Bruche und es entstand eine Scene, die uns J.-St. selbst so erzählt: „Einstmals kam Stilling nach Hause. Er hatte auf einem benachbarten Dorfe gearbeitet und wollte etwas holen; er dachte an nichts widriges, deshalb ging er in die Stube. Sein Vater sprang auf, sobald er ihn sah, griff ihn und wollte ihn zu Boden werfen. Stilling aber ergriff seinen Vater, hielt ihn so, daß er sich nicht regen konnte und sah ihm mit einer Miene ins Gesicht, die einen Felsen hätte spalten können. Und warlich, wenn er je die Macht der Leiden in all' ihrer Kraft auf sein Herz hat stürmen sehen, so war es in diesem Zeitpunkte. Wilhelm konnte diesen Blick nicht ertragen, er suchte sich loszureißen, allein er konnte sich nicht regen; die Arme seines Sohnes waren fest wie Stahl und konvulsivisch geschlossen. „Vater", sagte er sanftmüthig und durchdringend, „Euer Blut stießt in meinen Adern und das Blut — das Blut eines seligen Engels, — — reizt mich nicht zur Wuth! Ich liebe, ich verehre euch, aber" —, hier ließ er seinen Vater los, sprang gegen das Fenster und rief: „ich möchte schreien, daß die Erdkugel in ihrer Achse bebte und die Sterne zitterten!" Nun trat er seinem Vater näher und sprach mit sanfter Stimme: „Vater, was hab' ich gethan, das strafwürdig ist?“ Wilhelm hielt sich beide Hände vors Gesicht, schluchzte und weinte, Heinrich aber ging in einen Winkel des Hauses und schrie laut.“ Nun war seines Bleibens nicht mehr im Elternhause; er begab sich als Geselle nach Hilchenbach, besuchte noch einmal seine heimathlichen Berge, empfing die Wünsche seiner wackeren blinden Großmutter Margarethe und den — Segen seines Vaters, mit dem er, sich inzwischen ausgesöhnt hatte. Am 12. April 1762 wanderte er als Schneidergeselle mit vier Thalern Geldes, drei Hemden, einem Paar alter Strümpfe, mit Schere und Fingerhut aus Hilchenbach über Siegen und Freudenberg nach Elberfeld. Nach kurzem Aufenthalt in dieser Stadt kam er nach Solingen. Hier fand er bei einem braven Schneidermeister Arbeit und in dem Kreise der Anhänger Spener's und Terstegen's Beziehungen, die dem Bedürfnisse seines Herzens nach religiöser Vertiefung genügten. Eine merkwürdige Vision führte zu einem Bunde mit Gott, dessen gnadenvolle Führung er schon in mancherlei Noth und Herzeleid so vielfach und wunderbar erfahren hatte. Er bekam nun die Stelle eines Hauslehrers bei einem reichen Kaufmann; sie wurde jedoch für ihn eine Quelle großer Trübsale,|die ihn fast bis zum Wahnsinn brachten. Ruhiger geworden, sah er diese Leiden als Prüfungen und als ein Läuterungsfeuer an, wodurch sein Gottvertrauen mehr und mehr befestigt werden sollte. Da zog es ihn zu einem christlichen Schneidermeister nach Rade vorm Walde und hier erhielt sein weiterer Lebensgang die bestimmende Richtung.

    Er kam nämlich durch Vermittlung seines Meisters in den Dienst eines, aus dem Siegerlande stammenden, reichen Gutsbesitzers und Kaufmanns, Namens Flender. Derselbe machte ihn mit Handel und Gewerbe, besonders auch mit der rationellen Landwirthschaft vertraut und gab ihm Muße, sich litterarisch weiter auszubilden. J.-St. fand Lehrer und Lehrmittel zur Erlernung der griechischen, hebräischen und französischen Sprache, wobei er sein Latein nicht vergaß; er bekundete hierbei sein eminentes Talent zur Erlernung fremder Sprachen. Dann trieb er Logik und Metaphysik und studirte die Werke von Wolf und Leibnitz. Von seinem Prinzipal auf die Medizin als diejenige Wissenschaft aufmerksam gemacht, welche für ihn am geeignetsten sei, erblickte er hierin einen Wink Gottes und machte nun sogleich mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit medicinische Vorstudien. Auf einem Besuche in seiner Heimath lernte er den seiner Familie befreundeten katholischen Pastor Molitor in Attendorn, einen in der Augenheilkunde rühmlichst bekannten Mann ebenfalls kennen. Dieser Vermachte ihm seine Heilmittel und schenkte ihm sogleich seine Arcana mit den Segensworten: „der Herr, der Heilige, überall allgegenwärtige, bereite Sie durch seinen heiligen Geist zum besten Menschen, zum besten Christen und zum besten Arzte!“ In Rade vorm Wald begann J.-St. nach Molitor's Recepten sogleich seine Augenkuren und rüstete sich dann zum Abgange auf die Universität Straßburg (1770). Vorher aber verlobte er sich noch mit Christine Heyder, einem kränklichen Mädchen, wie er glaubte, in Folge höherer Eingebung. Seine ganz unzulänglichen Reisemittel waren schon in Frankfurt zur Neige. Doch kam unerwartet Hülfe und mit ihr aufs Neue das feste Vertrauen auf Gottes durchhelfende Liebe. Diese hatte er auch in Straßburg zu preisen, wo er ungeahnt Geldunterstützung fand und die Freundschaft Goethe's, wie den näheren Umgang Herder's genoß. Von diesem sagte er: „Herder hat nur einen Gedanken und dieser ist eine ganze Welt“. Goethe schildert seine Bekanntschaft mit J.-St. im 9. Buche von „Dichtung und Wahrheit“ ausführlich. Hier möge ein Auszug genügen: „Stilling's Gestalt, ungeachtet einer veralteten Kleidungsart, hatte, bei einer gewissen Derbheit, etwas Zartes. Seine Stimme war sanft, ohne weich und schwach zu sein; ja sie wurde wohltönend, sobald er in Eifer gerieth, welches sehr leicht geschah. Wenn man ihn näher kennen lernte, so fand man in ihm einen gesunden Menschenverstand, der auf dem Gemüth ruhte und sich deswegen von Neigungen und Leidenschaften beherrschen ließ und aus eben diesem Gemüth entsprang ein Enthusiasmus für das Gute, Wahre, Rechte in möglichster Reinheit. Das Element seiner Energie war ein unverwüstlicher Glaube an Gott und an eine unmittelbare von daher fließende Hülfe, die sich in einer ununterbrochenen Vorsorge und in einer unfehlbaren Rettung aus aller Noch, von jedem Uebel augenscheinlich bestätigte. Jung hat dergleichen Erfahrungen in seinem Leben viele gemacht. — — Er erzälte seine Lebensgeschichte auf das anmuthigste. Ich trieb ihn, solche aufzuschreiben, und er versprachs. — Sein Glaube duldete keinen Zweifel und seine Ueberzeugung keinen Spott etc.“

    J.-St. bewältigte mit emsigem Fleiße die medizinischen Disciplinen und gewann zugleich an allgemeiner Bildung. Es hatten sich ihm namentlich die Schätze der englischen Litteratur erschlossen. Zum Doctor Promovirt, ging er 1772 nach Elberfeld in die ärztliche Praxis, gründete seinen Hausstand und trat in freundschaftliche Beziehungen zu den Brüdern Jacobi, Lavater, Hasenkamp|und Collenbusch. F. H. Jacobi's Richtung war auch die seinige; denn wie dieser stritt er für das Recht des Gefühls und des Glaubens als einer inneren Offenbarung.

    Große Freude machte ihm ein Besuch Goethe's (22. Juli 1774). Dieser nahm das eben beendete Manuscript „Stilling's Jugendjahre" an sich und ließ es ohne des Verfassers Wissen drucken. Der Beiname „Stilling“ erklärt sich aus der intimen Verbindung mit den „Stillen im Lande“, pietistischen Gesellschaften, denen Wilhelm Jung und sein Sohn Heinrich anhingen. Als J.-St. später in größter Noth und nahe daran war, obdachlos zu werden und als die jungen Eheleute zu Gott um Hülfe in ihrer Trübsal wieder und wieder gebetet hatten, da trat gerade in der Exmissionsstunde „um zehn Uhr der Postbote zur Thüre herein, in einer Hand das Quittungsbüchlein, in der anderen einen schweren Brief. Es war Goethe's Hand und seitwärts stand: mit 150 Rthlrn. in Golde. Es war das Honorar für das Manuscript. Sie waren gerettet.“ „Heinrich Stilling's Jugend“ fand in allen Gesellschaftskreisen ungetheilten Beifall. Welchen Eindruck diese Perle volksthümlicher Poesie auf Ferdinand Freiligrath gemacht, hat er in seinem Gedichte an Berthold Auerbach: „Die erste Dorfgeschichte“ geschildert:

    Als Knabe schon von Berg- und Hüttenmännern Hab ich entzückt ein kleines Buch gelesen, Es führte mich zu frommen Kohlenbrennern Und ist ein herzig's kleines Buch gewesen, Ein rechter Spiegel alter Bauerntugend, Mit Namen hieß es: Heinrich Stillings Jugend. Das war die erste deutsche Dorfgeschichte! Die hat mit Lied, mit Mährchen und mit Sage, Die hat in Einfalt und in eitler Schlichte, Das Gold im Volke treu geschürft zu Tage, Die ließ mich schau'n durch ihrer Meiler Schwelen Im festen Umriß starke muth'ge Seelen.

    Jung-Stilling's Aufenthalt in Elberfeld war nicht von Dauer. Brodneid, Mißtrauen seiner früheren pietistischen Freunde und ungestüme Gläubiger verbitterten ihm das Leben. Sogar die Freundschaft Goethe's ward ihm zum Nachtheile angerechnet. Tag und Nacht rief das junge Paar nach göttlicher Hülfe; „das Wasser ging ihm an die Seele“. Da fiel wieder mitten in ihre Nacht ein heller Hoffnungsstrahl. Der Rath Eisenhart aus Mannheim hatte in Kaiserslautern eine staatswirthschaftliche Gesellschaft gegründet, welche im Laufe der Zeit zu einer Cameral-Akademie erweitert wurde. J.-St. zum Mitarbeiter berufen und zum auswärtigen Mitgliede der Gesellschaft ernannt, hatte sich bereits in Straßburg durch eine Abhandlung „Ueber die forstwirthschaftliche Benutzung der Gemeindewaldungen im Fürstenthum Nassau-Siegen“ auf diesem Gebiete vortheilhaft bekannt gemacht; er erhielt durch die Bemühungen Eisenhart's einen Ruf an die Akademie als Professor der Oekonomie und der Cameralwissenschaften. Sein „Versuch einer Grundlehre sämmtlicher Cameralwissenschaften“ bekundete das ernste Streben, dieses ausgedehnte Feld zu beherrschen; seine später erschienenen „Staatswirthschaftliche Ideen“ aber zeigten, wie sehr ihm jenes Streben schon gelungen sei. Offenbar hatten die bahnbrechenden Lehren Adam Smith's zur Förderung Jung-Stilling's wesentlichst beigetragen. Doch sah er auch in diesen Dingen stets das unmittelbare Walten Gottes.

    In Kaiserslautern aber kamen sehr bald neue Drangsale. Seine Gattin kränkelte und starb; die Schulden hatten sich vermehrt; seine zwei kleinen Kinder entbehrten ausreichender Pflege. Da entschloß sich unser Dulder zu einer zweiten|Heirath. Frau Sophie von. Laroche führte ihm die geist- und gemüthvolle Selma von Florentin als Gattin zu, und diese brachte durch consequente Sparsamkeit Ordnung in die zerrütteten Verhältnisse Jung-Stilling's. Als 1784 die Akademie nach Heidelberg verlegt wurde, kam J.-St. mit dem Titel eines kurfürstlichen Hofrathes an die Ruperto-Carolina; er folgte aber schon nach drei Jahren einer Berufung des Landgrafen von Hessen-Cafsel an die Universität Marburg. Die Tage in dem ihn anheimelnden Lahnstädtchen waren heitere; er konnte seinen alten, kränklichen Vater Wilhelm zu sich nehmen, und war, an der Seite seiner trefflichen Frau, geachtet und geliebt. Sein verbreiteter Ruf führte ihm viele Studenten aus vornehmen Familien zu, u. a. auch den später rühmlichst bekannten westfälischen Oberpträsidenten von Vincke, welcher in Jung-Stilling's Familie Aufnahme fand. Doch schon nach zwei Jahren ungetrübten Glückes brachte ihm der Tod seiner Selma neuen Seelenschmerz. Dazu kam noch ein Friedensstörer. Durch das Studium der Leibnitz-Wolf'schen Philosophie „in die schwere Gefangenschaft des Determinismus gerathen“ und in seinen religiösen Anschauungen wankend geworden, konnte er, der sonst so kindlich-gläubige Beter, dieses Mal so recht nicht Trost und Beruhigung finden. Da half ihm Kant's „Kritik der reinen Vernunft“, aus welcher er die Ueberzeugung gewann, daß die menschliche Vernunft nur das innerhalb ihrer eigenen Sphäre Befindliche begreifen könne, daß sie dagegen in übersinnlichen Dingen, so oft sie aus ihren eigenen Principien urtheile, auf Widersprüche stoße, oder mit dem Worte des Apostels Paulus: der natürliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind; sie sind ihm eine Thorheit etc. Um ganz wieder in das rechte Geleise zu kommen, schrieb J.-St. an den großen Philosophen in Königsberg und erhielt von diesem die beruhigende Antwort: „Auch darin thun Sie wohl, daß Sie Ihre einzige Beruhigung im Evangelio suchen; denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgemessen, nirgend anders zu finden sind.“ Im Uebrigen aber betonte J.-St., „es sei eine ewige und gewisse Wahrheit, daß jeder Heischesatz der ganzen Moral eine unmittelbare Offenbarung Gottes sei.“

    Die vielen Reisen, welche J.-St. als Prorector der Universität, als Augenarzt und besonders als weitberühmter Staar-Operateur zu machen hatte, die Sorge um die Erziehung seiner fünf Kinder, wie der Mangel an genügender Aufsicht in seinem großen, 15 Personen umfassenden Hauswesen, veranlaßten ihn zu einer dritten Heirath. Er führte in seinem 51. Jahre die ihm von seiner Selma noch auf dem Sterbebette empfohlene Elise Coing als Gattin in sein Haus und fand in ihr eine „Krone der Frauen, seine Seelenfreundin, seine Lebens- und Sterbensgefährtin.“

    J.-St., der berühmte Augenoperateur und geachtete National-Oekonom, erkannte nun endlich darin seinen wahren Beruf, daß er ausschließlich in den Dienst seines Herrn und Heilandes trete. Seine mystische Schriftstellerei fand auch Anstoß, sowol in Cassel bei Hofe, als zu Marburg in Universitätskreisen. Er aber ließ sich nicht beirren, sondern trat mit seinem Werke auf diesem sehr heiklen Gebiete hervor, den „Scenen aus dem Geisterreiche". Dieser Schrift legte er seine eigenthümliche Anschauung von dem Zustande der Seele nach dem Tode zu Grunde, indem er sich die Seelen der Abgeschiedenen im raumlosen Geisterreiche dachte, worin sie ihrer letzten Entscheidung entgegenreiften. Einen Versuch zur Begründung dieser Anschauung machte er in seiner, von der wissenschaftlichen Kritik beanstandeten „Geisterkunde". Dann folgte sein „Heimweh“. Vorbild zu dieser Arbeit war „Joh. Bunyan's Pilgerreise nach der himmlischen Stadt“, die ihn schon als Knabe entzückt hatte. Ein Beifall ohne Gleichen folgte|dem „Heimweh“, vom Königsschlosse bis zur Hütte des Armen. Uebersetzungen in fast alle europäischen Sprachen und die Bildung von „Stillingsgemeinden“, selbst in Asien, bewiesen, wie sehr die Gedanken des frommen Verfassers gezündet hatten. Auch in Romanen und Erzählungen suchte J.-St. das sittlich-religiöse Leben zu fördern. Seine „Geschichte des Herrn von Morgenthau“ und des Florentin von Fahlendorn, „Das Schatzkästlein“ und andere Schriften werden in christlichen Familien noch heute gerne gelesen.

    Um J.-St. richtig zu erfassen, muß man sich die politischen Ereignisse seiner Zeit, die Gräuel der französischen Revolution und die Gewaltherrschaft des ersten Napoleon vergegenwärtigen. Die Freunde der menschlichen Gesellschaft stellten die ernste Frage, wo und wie sollen wir Rettung aus der sittlichen Verkommenheit finden, in welche die Welt versunken ist? Zuletzt fand sich immer die eine Antwort: durch religiöse Vertiefung und durch Verbreitung des Reiches Gottes auf Erden!

    Was nun die schale Gegenwart nicht bot, Stille des Gemüths, Leben und Ruhen in Gott, gewährte den Friedensuchenden das „Heimweh“. Die Zeitschrift „Der graue Mann“, dann die nach Vorarbeiten des gelehrten württembergischen Theologen Joh. Alb. Bengel entworfene „Siegesgeschichte der christlichen Religion“, eine Erklärung der Offenbarung Johannis, sollten jene Ziele erreichen helfen. J.-St. war nun durch sein begeistertes Auftreten in christlichen Familien des In- und Auslandes als ein Herold Christi bekannt geworden. Auch der Kurfürst Karl Friedrich von Baden hatte ihn lieb gewonnen. Als J.-St. einst von einer augenärztlichen Reise aus der Schweiz zurück- und nach Karlsruhe kam, bildete sich ein näheres Verhältniß zwischen diesen wahlverwandten Männern, und J.-St. trat im Herbste 1803 in die Dienste seines fürstlichen Freundes. „Er wurde von allen irdischen Verbindlichkeiten entbunden und beauftragt, durch seinen weitausgedehnten Briefwechsel und seine Schriftstellerei Religion und praktisches Christenthum, an des Kurfürsten Stelle, zu befördern.“ Von 1803 bis 1817 hat er dieser Mission treulich genügt. Christliche Freunde aus allen Bekenntnissen standen mit ihm in Verbindung. Eine Begegnung mit dem Kaiser Alexander von Rußland machte auch diesen zu einem Stillingsfreunde und Wohlthäter. In Jung-Stilling's Kreis fand sich zuletzt auch die bekannte Baronin von Krüdener gebannt. J.-St. glaubte: „die Feuerprobe der großen Versuchungsstunde sei das einzig bewährte Mittel, die Einigkeit der Lehre, des Glaubens und des Geistes zu Stande zu bringen und zu vollenden. Dann werde keiner mehr fragen, zu welcher Partei er gehöre, ob er katholisch, lutherisch, reformirt, Herrnhuter, Mennonit sei, sondern die Liebe werde alle ins Band der Vollkommenheit binden und die brünstige Liebe zum Herrn werde, wie eine himmlische Gluth, Alle in ein ewiges Eins verschmelzen. Dann werde eine philadelphische Gemeinde sein.“ Als der Kaiser Alexander ihn frug, welche Religion er für die rechte halte, soll J.-St. die biblische Antwort ertheilt haben: „unter allen Religionsparteien diejenigen, die Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

    Alle ihm, dem geheimen Hofrathe, Professor und Dr. der Medicin und der Philosophie, dem berühmten Augenarzt und Schriftsteller reichlich zugefallenen Ehrenerweisungen konnten seinen treuen, schlichten Sinn nicht entwegen. In einer hübschen Erzählung: „Der brave Hirte“, sagt er: „O du holde Erinnerung an jene blühenden Maitage meiner, übrigens so ernsten Lebensjahre! Wie heimwehartig würdest du mein beladenes Herz drücken, wenn mir nicht der treue Führer durch dieses Erdenleben, der Engel Religion, in einem nie verblühenden Mai das frohe Wiedersehen zusicherte. Du sollst mich stündlich antreiben, so zu leben und zu handeln, daß meine verklärten Ahnen sich meiner nicht zu schämen brauchen, wenn ich dereinst plötzlich in ihrer Mitte erscheine, sowie ich mich hier|auch ihrer nicht geschämt habe. Jene Kohlenbrenner, Hirten, Löffelmacher, Schneider, Bergleute und Krämer geben mir zwar hienieden keinen stiftsmäßigen Adel; aber ich hoffe, einst bei der großen Ahnenprobe um so besser bestehen zu können, und das Bürgerrecht, welches ich dadurch erhalte, stört ferner kein Entschädigungssystem.“

    Mit irdischen Glücksgütern war J.-St. nicht versehen. Wie wäre dieses auch möglich gewesen, da sein Hausstand von 15 Personen das ganze Diensteinkommen absorbirte und er seine augenärztliche Kunst an Tausenden von Staarblinden meist unentgeltlich ausübte, seine christliche Correspondenz auch jährliche Geldopfer, allein an Porto über 1000 Gulden, forderte. J.-St. lebte zuletzt meist in einer übersinnlichen Welt; ihm war der alte Glaube des Hereinragens einer Geisterwelt in die unsrige, gleichsam von selbst überkommen. Sein fast angeborener Pietismus hatte ihn zum Mysticismus und dieser zum Spiritualismus (nicht zum Spiritismus) geführt. Aber auch er hat nur bewiesen, daß die höchsten Probleme des Menschenlebens hienieden nicht zu lösen sind. Sein Wahlsptruch war: „Jehovah jireh“, der Herr wird's versehen, und warlich, sein Gottvertrauen hatte die Feuerprobe bestanden.

    Ruhig und im Frieden Gottes, umgeben von seinen Kindern und Enkeln, sah der 77jährige Greis seinem Heimgange entgegen. Im März 1817 starb seine Elise, und schon am 2. April folgte er thr nach in die Heimath der Seligen, wonach er sich gesehnt hatte. Sein Schwiegersohn, der Geh. Kirchenrath Dr. Schwarz bezeugtes,: „Christus hatte in ihm eine Gestalt gewonnen!“ Ein einfaches Grabmal auf dem Kirchhofe zu Karlsruhe bezeichnet das Grab dieses wahrhaft frommen Mannes; zu Hilchenbach, seinem Florenburg, ist ihm ein Denkmal, nahe der Kirche, errichtet worden. Max von Schenkendorf, der treue Stillingsfreund und langjährige Hausgenosse Jung-Stilling's, sang zu dessen 76. Geburtstage:

    Ich kann es nimmermehr vergessen, Wie Alles hier so freundlich mar, Wie ich an diesem Tisch gesessen, So manchen Tag und manches Jahr, Wie Vater Stillings Augen glänzten Beim fröhlich christlichen Gespräch, Und wie die Töchter uns kredenzten, Als ob das Brod ein Andrer brach!

    O du von reinen Himmelsblüthen, Von ew'gen Kränzen schön umlaubt, Dem sches und siebzig Sommer glühten, Du theures, vielgeprüstes Haupt; Du darfst noch lange dich nicht neigen Der Aehre gleich, vom Segen schwer, Mußt vielen noch die Wege zeigen, Zum Throne Gottes licht und hehr.

    Fahr wohl! Zwar fernhin muß ich ziehen, Doch bleibt mein Gastrecht unversehrt, Noch lange soll die Flamme glühen Auf diesem Patriarchenherd. Die Engel kamen zu den Alten, Zum Abraham, zum frommen Lot; Mir ist, als fühlt' ich hier sie walten, Fahr wohl! und Alle grüß' euch Gott!

    • Literatur

      Jung-Stilling's Werke, 12 Bde. Aufl. 1841/42. Lebensgeschichte Jung-Stilling's mit einer einleitenden Vorrede des Prälaten von Kapff, 1857, dann in einer Bearbeitung für die Jugend von F. W. Sommerlad 1858. Vgl. dazu Grenzboten, 1858, Nr. 26. H. Jung, gen. Stilling. Vortrag von Frommel. Karlsruhe 1871. Leben v. Vincke's von E. v. Bodelschwingh, 1853. Taschenbuch für die Gegenden des Niederrheins, von Aschenberg, 1806, S. 152 ff., 270 ff. Goethe, Dichtung und Wahrheit, vgl. das Namensverzeichn. und die Loeper'schen Anmerkungen im 20. bis 23. Theil der Hempel'schen Ausgabe. Ein für Jung-Stilling's Wirksamkeit als Augenarzt wichtiger Brief von ihm von 1807 ist mitgetheilt in Stricker's Beiträgen zur ärztlichen Culturgeschichte, Frankfurt 1865, S. 117 ff. Ueber Jung-Stilling's Stellung in der Nat.-Oekonomie vgl. Roscher, Gesch. d. Nationalökonomik S. 552 ff.

  • Autor/in

    Eduard Manger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagner, Eduard, "Jung-Stilling, Johann Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 697-704 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558862.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA