Lebensdaten
um 1430 bis 1500
Geburtsort
Rothenburg/Tauber
Sterbeort
Nördlingen
Beruf/Funktion
Maler
Konfession
-
Normdaten
GND: 118549650 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herlein, Friedrich
  • Hornlein, Friedrich
  • Herlen, Friedrich
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Herlin, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549650.html [12.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V wahrsch. Hans Herlein (erw. 1432/33), Maler in R.;
    M N. N.;
    1) vor 1459 Margaretha N. N. (Wappen: Wachsender Bär am Baumstamm), 2) Nördlingen zw. 1488/95 Agnes Jeger ( 1506);
    4 S, 5 T, H. überlebend: Laux (Lukas, 1520/22), Maler, Spes ( Bartholomäus Zeitblom, n. 1510, Maler, Schüler H.s);
    E Jesse (1500–75), Maler, Visierer 1525–41, Ungeltschreiber 1541-73 in N., David (vor 1510-72), Goldschmied in N.;
    Ur-E David ( 1559), Maler, dann Weinschenk in N., Friedrich ( 1591), Maler in N., Josef ( 1606), Maler in N., Laux ( n. 1593), Goldschmied in N. u. Ochsenfurt.

  • Leben

    H. wird 1459 im Nördlinger Einwohnerbuch genannt, ist 1461 in Nördlingen Hausbesitzer und 1467 Bürger. 1466/67 ist er in Rothenburg ordentlich T. tätig. – Sein frühestes erhaltenes Werk, zwei Flügel eines zwischen 1797/1800 auf dem Dachboden der Herrgottskirche in Nördlingen aufgefundenen Altars (München, Bayerisch Nationalmuseum, u. Nördlingen, Städtisch Museum), der aber kaum für diese Kirche, sondern eher für die Pfarrkirche Sankt Georg geschaffen worden war, ist 1459 datiert. Der Stil dieser Tafeln läßt erkennen, daß sich H. nach seiner Lehrzeit in Köln und in den Niederlanden bei Roger van der Weyden oder in seinem Umkreis weitergebildet hat. Dies bestätigen 8 auseinandergesägte Tafeln von einem kleinen Altar (Karlsruhe, Staatlich Kunsthalle), die 1460/61 entstanden sind und aller Wahrscheinlichkeit nach aus Kloster Kaisheim stammen oder aus der Kapelle des Kaisheimer Hauses in Nördlingen, in dem damals die Mönche des Krieges wegen längere Zeit Zuflucht fanden.

    Einzelne Motive sind getreu von den Tafeln aus der Herrgottskirche übernommen. Der Eindruck von Lochners Domaltar in Köln, in Einzelheiten noch zu erkennen, ist überdeckt von den Einwirkungen niederländisch Kunst, deutlich in der Kopie einer Gestalt aus dem Werl-Altar von 1438 des Meisters von Flémalle (Madrid, Prado, damals in Köln). Entscheidend jedoch waren Rogers Bild- und Kompositionsgefüge, seine im Flächigen und Linearen festgelegte, kühle und prunkvolle Farbigkeit. Diese im höchsten Sinn höfische Kunst wird von H. ins Bürgerliche vereinfacht mit dem Reiz des „Primitiven“ und Treuherzigen, der Mäßigung und Kargheit der Empfindung, der Befangenheit des Formalen und der Unbefangenheit des Berichtes, sobald eigene Erfindung gefordert wird. 1462 stiftete der wohlhabende Paktbürger Jakob Fuchshart den Hochaltar für die Georgskirche, der größte Auftrag, der in Nördlingen vergeben werden konnte. H. ist nicht nur der Maler der Flügel, sondern wohl auch Unternehmer für das ganze Werk und ist am Entwurf für den nicht erhaltenen Schrein beteiligt, den der Nördlinger Schreiner Waidenlich ausführte. Der Meister der sehr bedeutenden Skulpturen ist nicht bekannt. Der Altar war dem heilig Georg und der heilig Magdalena geweiht, weshalb auf den Außenseiten der Flügel Episoden aus der Georgslegende und dem Leben der heilig Magdalena dargestellt wurden, auf den Innenseiten Szenen aus dem Marienleben (Nördlingen, Städtisch Museum). Schon immer wurde der Unterschied zwischen den Tafeln der Alltagsseite, die den kargen Stil der Karlsruher Bilder fortsetzen, und denen der Feiertagsseite betont, in denen H., soweit dies seine Fähigkeiten erlaubten, wörtlich Vorbilder aus Rogers Columbaaltar (München, Alte Pinakothek) übernommen hat. Im Vergleich mit den früheren Tafeln ist das Detail reicher geworden, das Darstellerische ist überbetont, ohne an Bewegung und Einheit zu gewinnen. Man hat daraus geschlossen, daß die Erzählungen des Marienlebens wesentlich später, zwischen 1475 und 1478, entstanden seien als die Außenseiten, bei denen auch an die Beteiligung der Werkstatt gedacht worden ist. Forschungen von G. Wulz, die sich mit der Lebensgeschichte der auf dem Altar abgebildeten Stifter und Stifterinnen beschäftigen, machen es wahrscheinlich, daß der ganze Altar zwischen 1462 und 1465 entstand. Die stilistische Veränderung erklärt sich durch eine 2. Reise an den Rhein und vielleicht auch nach den Niederlanden. In Köln lernte H. in Sankt Columba Rogers neu geschaffenen Dreikönigsaltar kennen und wurde von diesem Eindruck so überwältigt, daß er dem Vorbild epigonenhaft verfallen ist. Seine Wirklichkeitsauffassung wird daher in den vor dieser Reise gemalten Tafeln deutlicher als in den Marientafeln, etwa in den sachlichen Bildnissen der in den Kirchenstühlen knieenden Stifter und Stifterinnen, aber auch im Hintergrund der Flucht nach Ägypten, der eine Ansicht von Rothenburg ordentlich T. wiedergibt und damit auf sein nächstes großes Werk verweist, den signierten und 1466 datierten Hochaltar in der dortigen Jakobskirche. Er steht heute noch, im wesentlichen unverändert, an der Stelle, für die er von H., dem Schreiner Waidenlich und einem unbekannten Bildschnitzer geschaffen wurde; nach ihm läßt sich der Nördlinger Hochaltar in etwa rekonstruieren. Auf den Innenseiten wird – fast übereinstimmend mit Nördlingen – das Marienleben geschildert. Die Rogerschen Vorbilder sind abgewandelt und mehr oder weniger mit Eigenem durchsetzt, wobei sich der künstlerische Verlust und Gewinn die Waage halten. Die Außenseiten hatte man 1582 handwerklich mit einer Passionsfolge übermalt, und erst 1921/22 wurde der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt.

    Zutage kamen Darstellungen der Jacobus-Legende und des sogenannten Galgenwunders. Auch diese Tafeln bestätigen ihre stilistische Herkunft von Roger. Ihre Erfindung aber ist selbständiger, die Erzählung unbefangen und eindringlich, die Schilderung naiv und anschaulich, die Komposition bewegter, die Farben charakterisieren natürlicher. Dabei bleibt alles nüchtern und präzis in der Erfassung des Gegenständlichen und der Umwelt, insbesondere im Hintergrund einer Tafel die genaue Darstellung des Marktplatzes mit dem alten Rathaus von Rothenburg, in das, als Palast der Königin Lupa verstanden, der Leichnam des heilig Jacobus überführt wird.

    Während der Arbeit in Rothenburg hat H. auch dort gewohnt. Nach seiner Rückkehr nach Nördlingen wird er (wieder?) als „rechter burger“ aufgenommen, wobei er von Steuern, vom Wach- und Militärdienst und vom Graben befreit wurde. 1471 empfehlen Bürgermeister und Rat von Nördlingen die Meister H. und Waidenlich dem Dekan und Kapitel des Stiftes Herrieden für die Ausführung eines Altars, da sie sich schon mit „zway cöstliche maysterliche Werk ains in unser statt und das ander zu Rothenburg uf der Thawer“ ausgezeichnet hätten. Ob der Auftrag zustande kam, ist nicht bekannt. Die Ansicht des Rothenburger Marktplatzes wird 6 Jahre später auf einer Tafel des Bopfinger Blasius-Altars wiederholt. Obwohl dieser Altar zweimal mit H.s Namen und der Jahreszahl 1472 datiert ist, zeichnet er hier lediglich als Unternehmer. Der Maler, der auf den beiden Flügeln jeweils nur großfigurige Szenen schildert, ist eine andere Persönlichkeit, die zwar unmittelbar mit der Werkstatt des Meisters zusammenhängt, aber temperamentvoller arbeitet als er, willkürlicher und ungezügelt komponiert, übergroße, schlanke Gestalten mit lebhaften Bewegungen und pointiertem Ausdruck bevorzugt.

    H. beschäftigte schon früh Gesellen, denen er unter anderem die Malereien auf den Rückseiten der Altarschreine in Nördlingen und Rothenburg zuwies. Auch in der Reihe der erhaltenen Einzeltafeln sind manche als Werkstattarbeiten zu verstehen, andere unter Mitwirkung von Gehilfen entstanden und nur wenige vom Meister selbst ausgeführt worden, vor allem das Fergen-Epitaph von 1467 in der Jakobskirche zu Rothenburg und das Genger-Epitaph (Nördlingen, Städtisches Museum) mit seiner bewegten Ecce-Homo-Darstellung.

    Aus den 28 Jahren, die H. noch lebte, erfahren wir nur noch wenig über seine künstlerische Tätigkeit; vielleicht war es die Ungunst des Schicksals, die Werke und Nachrichten untergehen ließ, vielleicht waren es auch persönliche Verhältnisse, die ihn von der Arbeit abhielten. 1478 reklamierte der Rat von Nördlingen über den Rat von Nürnberg „etliche bild“, die der Bildschnitzer Simon Lainberger nicht rechtzeitig geliefert hatte. Es kann sich nur um einen Altar handeln, was beweist, daß zumindest H.s Werkstatt damals noch gearbeitet hat. 1488 entstand der signierte und datierte sogenannte Familienaltar (Nördlingen, Städtisch Museum, früher Sankt Georg), eine eindrucksvolle breite Tafel mit zwei Flügeln, auf der der heilig Lukas den knieenden Meister mit seinen 4 Söhnen und die heilig Margarethe als Namenspatronin H.s Frau mit ihren 5 Töchtern der thronenden Muttergottes empfehlen. H. sieht die Formen größer und klarer als früher, die Farben klingen voller, die Ausführung verrät die meisterliche Hand. Die niederländisch Eindrücke sind immer noch bestimmend. Neue Wege werden auch in diesem letzten Werk nicht erschlossen, das dennoch eine bedeutsame Leistung darstellt.

    H.s kunstgeschichtliche Stellung ist darin zu erkennen, daß er diese niederländisch Anregungen nicht nur aufgenommen, sondern auch bewahrt und in seinem Kreis verbreitet hat, wie dies in verschiedener Weise und mit ebenso verschiedenen Ergebnissen und Folgen auch seinen oberdeutschen Zeit- und Generationsgenossen, dem Meister des Sterzinger Hochaltars, weiterhin Hans Schüchlin und vor allem Martin Schongauer zugefallen war.

  • Literatur

    ADB XII (überholt);
    F. Haack, F. H., 1900;
    E. Buchner, Die Werke H.s, in: Münchner Jb. d. bildenden Kunst 13.1923, S. 1-51;
    K. Martin, Ein unbek. Altar v. F. H. u. s. Herkunft, ebd., 3. Folge, II, 1951, S. 89-104 (L);
    H. Rott, Qu. u. Forschungen z. südwestdt. u. schweizer. Kunstgesch. im XV. u. XVI. Jh., 2. Bd., 1934, S. XXXVIII ff., 161 ff.;
    G. Wulz, Die Nördlinger Maler v. 15. bis 18. Jh., in: Hist. Jb. f. Nördlingen u. Umgebung 18, 1936, S. 77 ff.;
    ders., Die Nachkommen d. Malers F. H., in: Der Daniel, Heimatkulturelle Vj.schr., 1968, H. 4;
    Die Kunstdenkmäler Bayerns, Schwaben u. Neuburg II: Stadt Nördlingen, bearb. v. K. Gröber u. A. Horn, 1940, bes. S. 70 ff., 320 ff., 330 ff.;
    dass., Mittelfranken VIII, Stadt Rothenburg o. d. Tauber, Kirchl. Bauten, bearb. v. A. Reß, 1959, bes. S. 147 ff., 215 ff.;
    A. Stange, Dt. Malerei d. Gotik VIII, 1957, S. 86 ff.;
    G. Lenckner, Das H-Problem d. Lösung nahe, in: Die Linde, Heimatbeil. d. Rothenburger Ztg. 44, 1962, S. 49 ff., 65 ff.;
    ThB (L).

  • Autor/in

    Gustav Wulz, Kurt Martin (Genealogie),
  • Empfohlene Zitierweise

    Martin, Kurt, "Herlin, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 626-628 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549650.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Herlen: Friedrich H., auch Hörlin, Herlin und Herlein geschrieben, Stadtmaler zu Nördlingen, mag im dritten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts geboren sein. Hinsichtlich seines Geburtsortes schwanken die Meinungen zwischen Rothenburg a. T. und Nördlingen. Bisher vermochte weder die eine Stadt, noch die andere ihren Anspruch zu beweisen. In Nördlingen kommt zwar 1442 ein Hans H. vor; daß aber der Maler dessen Sohn war, ist bis jetzt nur Vermuthung. Allein ebensowenig ist die Tauberstadt dadurch als des Meisters Geburtsort erwiesen, daß H. bei seiner Aufnahme in Nördlingen als Maler „von Rotemburg“ eingetragen wurde. Denn diese Bezeichnung kann ebensogut nur bedeuten, daß H. vorher in Rothenburg gemalt habe und von dort nach Nördlingen gekommen sei. In den Jahren 1449 und 1454 erscheint H. urkundlich als Bürger und Maler zu Ulm. Nun erst trat er in seine eigentlichen Lehrjahre. Denn von Ulm wandte sich H. nach den Niederlanden. Dort war vor kurzem für die Malerei durch die Brüder van Eyck ein neuer Morgen erschienen. Flandern blühte fortan als die hohe Schule derer, die Pinsel und Palette führten. Auch H. zog in das gelobte Land und suchte dort Vorbild und Lehre. Beides ward ihm durch Roger von Brügge. Gänzlich beherrscht von den Einflüssen dieses Meisters, kehrte H. nach Deutschland zurück. Man trifft ihn dann beschäftigt in Rothenburg, auch in Dinkelsbühl, bald jedoch und bei weitem am längsten in Nördlingen. Hier scheint er, schon ehe er Bürger wurde, als fahrender Maler gearbeitet zu haben. Vorübergehend nach Rothenburg zurückgekehrt, vollendete er dort 1466 die acht Altarblätter in der Jacobskirche. Im folgenden Jahre erhielt er das Nördlinger Bürgerrecht. Das dortige Bürgerbuch meldet: „Maister Friedrich Hörlin von Rotemburg Maler ist mit ainem Rat überkomen und rechter Burger worden sein lebtag; und hat ihn ain Rat sein lebtag geferiet Stuirens, Wachens, Raifens und Grabens; doch so sol er in ain Zunft komen und der Statt Gesatzt und Gebott halten. Darauff hat er den gemainen Burgeraid geschworn uff sant Margrethen Tag 1467“. — Von jetzt an verblieb Herlen's Thätigkeit der Stadt Nördlingen. Nur ab und zu erfüllte er noch einzelne Aufträge nach auswärts. Im J. 1472 arbeitete er am Altar der Blasiuskirche zu Bopfingen. Eine vielfach gerühmte Anbetung der Könige im Dom zu Meißen führt man ebenfalls auf H. zurück. Sein Fleiß war ungewöhnlich. Die reichste Sammlung von Gemälden Herlen's besitzt Nördlingen. Ungerechnet verschiedene Bilder, als deren Schöpfer er wenigstens in Frage kommt, bewahrt das Rathhaus zu Nördlingen einige 20 Gemälde auf Holz, die zweifellos von H. stammen. Sie hingen früher in der Hauptkirche und vergegenwärtigen Scenen aus der hl. Geschichte, aus der Legende St. Georgs und anderer Heiligen. Auf einem Altarblatt mit der thronenden Maria begegnet uns der Maler selbst; er kniet seitwärts im Vordergrunde mit vier Söhnen, ihm gegenüber seine Ehefrau mit fünf Töchtern. Das Gesicht des Meisters ist von regelmäßigem Schnitt und zeigt ohne sonderlich markirte Züge einen ruhigen, etwas spießbürgerlichen Ernst. Dieses Werk Herlen's vom Jahre 1488 gilt mit den zugehörigen Flügeln als eines seiner letzten. Daß er aber bereits 1491 gestorben sei, stößt auf erheblichen Widerspruch. Winckelmann's Malerlexikon rückt Herlen's Tod bis ins J. 1541 hinaus. Fast alle anderen kunstgeschichtlichen Berichte vereinigen sich auf das J. 1491. Die Steuerbücher Nördlingens führen jedoch den „Maler Friedrich H.“ als von seinem Hause steuernd bis zum J. 1499 fort; von 1498 an erscheint dort neben ihm auch sein Sohn Laux; von 1500 an steht der letztere allein. So wird es denn schwer anzufechten sein, daß H. im J. 1499 auf 1500 starb. Wenn Nagler im Künstlerlexikon neben dem J. 1491 überdies als Todestag des Malers den 12. October nennt, so beruht das auf nachweislicher Verwechselung. Nagler stützt sich bei seiner Angabe auf die Nördlinger Geschlechtshistorie von Beyschlag. Dieser spricht aber an der fraglichen Stelle keineswegs vom alten H., sondern von Herlen's Urenkel, Friedrich H. dem jüngeren, der ebenfalls Maler zu Nördlingen war und daselbst, wie sein Todtenschild bezeugt, am 12. October 1591 gestorben ist. Kunstgeschichtlich betrachtet, steht H. mit voran unter jenen Meistern, welche den Realismus und die ganze Weise der flandrischen Schule nach Deutschland übertrugen. Er hatte, als er in die Heimath zurückkam, „mit niederländischer Arbeit umgehen“ gelernt. Das war es, was ihn zu Rothenburg empfahl und ihm die Pforte zum Nördlinger Bürgerrecht eröffnete. An seinen Meister Roger von Brügge erscheint er lange Zeit völlig hingegeben, so sehr, daß er einzelne Gestalten aus den Werken Roger's ohne weiteres copirt und in seine eigenen Bilder herübernimmt. Zum Beweis genügt es, die Gemälde des berühmten Niederländers in der Münchener Pinakothek mit Herlen's Bildern in Nördlingen zu vergleichen. Herlen's Verdienst beruht also großentheils auf einer Reproduction dessen, was er in Flandern gesehen, und auf der Einbürgerung der niederländischen Malweise in Schwaben. Genialität, freie Selbständigkeit, der Flug einer kühnen Phantasie sind nicht seine Eigenschaften. In seiner Beschränkung aber bleibt er ein verdienstvoller, höchst beachtenswerther Meister. Ein wohlthuender Zug gemüthvoller Naivetät geht durch seine Bilder. Die Farben sind meist sehr frisch, doch wenig gebrochen; die Ausführung ist genau. Bei Darstellung bedeutender und aufgeregter Scenen ringt er wie andere seiner Zeitgenossen oft vergebens mit der Aufgabe, den Figuren den nothwendigen Grad von Affect und Bewegung zu geben. In der Regel waltet eine gemüthliche Ruhe vor und eine gewisse feierliche Würde, obgleich H. bei weitem nicht der steifste Maler seiner Periode ist. Eigenthümlich ist seinen Köpfen häufig eine starke Verkürzung des Kinns. Es finden sich aber unter ihnen treffliche Porträts von klarem, individualisirtem Ausdruck und ersichtlicher Naturwahrheit. — Das Beispiel Herlen's und die Ehre, die er als Maler gewann, war bestimmend für seine Familie. Aus seinen Nachkummen erwuchs eine förmliche Malersippe. Doch bleibt der alte Fritz H. der eigentliche Träger des Ruhms. Die Söhne. Enkel und Urenkel zehrten mehr von dem Ruf der guten alten Firma, als daß sie ihren Glanz erhöhten. Das Malgeräth wurde in ihren Händen zum Handwerkszeug. Von den vier Söhnen des Friedrich H. ist einer vermuthlich frühe gestorben; die drei anderen: Hans, Jörg und Lukas oder Laux, folgten sämmtlich dem Beruf des Vaters. Dem Laux H. schrieb man|u. a. eine Darstellung des jüngsten Gerichtes zu, die, an der Ostwand des Ulmer Münsters über dem Triumphbogen befindlich, 1817 übertüncht wurde. Des Lukas Söhne waren Laux der Goldschmied und Jesse der ältere. Der letztere wird oft in der Kunstgeschichte irrigerweise als Sohn des Friedrich H. behandelt. Er ist dessen Enkel, ist 1500 oder 1501 geboren, wird vom J. 1525 an in den Steuerbüchern Nördlingens aufgeführt und stirbt am 19. August 1575. Nach seinem Großvater ist er das genannteste Glied des Geschlechts. Er half die Außenwand des Rathhauses mit Bildern schmücken, malte Epitaphien und strich, wenn es verlangt und bezahlt wurde, auch die Adler an den Thoren und Gebäuden der Reichsstadt an. Von den Arbeiten seiner Hand existiren noch acht kleine Tafeln aus dem J. 1568; sie bildeten einst den Aufsatz des kleinen Altars in der Hauptkirche zu Nördlingen, befinden sich aber gegenwärtig, nach einer Wanderung durch verschiedene Hände, im dortigen Rathhaus. Künstlerisch ohne jede Bedeutung, sind sie nur als Trachtenbilder des 16. Jahrhunderts nicht ganz werthlos. Eine derselben Zeigt auch das Conterfei des Meisters. Des Jesse Herlen's Söhne waren: David, ein Maler, der von 1555 an steuerte; Joseph, ein geschickter Faßarbeiter, gest. 1606; Jesse der Jüngere, wie sein Vater am Nördlinger Rathhaus beschäftigt, ebenfalls 1606 gestorben; endlich der jüngste, Friedrich H. der Jüngere; dieser starb, wie schon bemerkt, 1591. Er malte 1582 gegen 15 Gulden eine Justitia über der Treppe des Nördlinger Rathhauses, dessen Pförtnerin sie noch heute ist. Dies ist die letzte Arbeit eines H., die als solche erwiesen ist; sie gehört ihrer Ausführung nach mehr dem Handwerk, als der Kunst an. Somit ist es wenig zu beklagen, daß das künstlerische Schaffen der Familie H. allmählich aufhörte, mochte auch sie selbst noch fortdauern. Aber mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts scheint das Geschlecht überhaupt erloschen. Eine Familie gleiches Namens, die sich heutzutage in Nördlingen findet, ist anderen Stammes.

  • Autor/in

    Chr. Mayer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mayer, Chr., "Herlin, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 115-117 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549650.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA