• Genealogie

    Aus ritterl. Geschl.;
    1 S.

  • Leben

    H.s Leben ist nur aus seinen beiden Reimpaardichtungen zu erschließen, alle urkundlichen Nachrichten fehlen. Der Dialekt weist nach Österreich, ständisches Bewußtsein mit (kultur-)geschichtlich bedeutsamer Kenntnis ritterlicher Verhältnisse auf Ritterbürtigkeit, andere Kenntnisse deuten auf geistliche Bildung. Vielleicht aufgrund persönlichen Schicksals allem Weltlichen abhold, scheint H., der schon vor dem votum religionis einen erwachsenen Sohn hatte, als Laienbruder in einem Kloster gelebt zu haben.

    Bei Datierung ins 12. Jahrhundert läßt sich seiner beiden – erst im 14. Jahrhundert überlieferten – Gedichte Sonderstellung in geistlicher Dichtung am ehesten vom Mittellatein erklären: Vermutlich wirkte die Satire stärker ein, hier zu Mischformen auch im Formalen führend. Der 1. Teil des nach Vers 450 f. auch „Vom gemeinen Leben“ genannten größeren Gedichts ist mit der Satire auf alle Stände zusammenzusehen, der folgende (von des todes gehugde) steht in der Tradition des contemptus mundi, insbesondere des Memento mori. Das kleinere, später zu datierende „Priesterleben“ kritisiert unter anderem die Unkeuschheit dieses Standes. Für die Identität der Verfasser sprechen Gemeinsamkeiten wie fast leidenschaftliche Tonlage, Wechsel von Bußruf zu erbarmungslosem Verdammen, Mischung von Ernst, Bitterkeit, Entrüstung und Spott, von schlagfertiger Kürze und geistlicher, rhetorische Mittel nicht scheuender Beredsamkeit, von Bescheidenheit und absichtsbedingt hochfahrender Unerbittlichkeit, von weicher Empfindung und Kraft der Gedanken. Ob H. als letzter namhafter Vertreter der Hirsauer Reformbewegung in der Literatur zu gelten hat, ist problematisch. Ungewöhnlich für deutsche Dichtung des 12. Jahrhunderts ist sein Sinn für Anschauliches und Farbigkeit der Außenwelt – vielleicht Einwirkung der Vagantensatire. Die zum Teil vorgegebenen Szenentypen führt H. selbständiger durch; sein Katalog der Körperteile angesichts einer Totenbahre, der sich zum Beispiel auch bei dem auch sonst formal verwandten Petrus Damiani findet, gilt meist noch als frühes, indirektes Zeugnis für ritterlichen Minnesang. Heimisches Lied wirkt bei H. kaum ein. Einfluß theologischer Prosa, insbesondere Gerhochs von Reichersberg, wurde lange überschätzt. Zur Sprache kommen unter anderem Abendmahlsfrage, Zölibat und Simonie. Zum ersten Male in mittelhochdeutscher geistlicher Dichtung stehen nicht Heilsraum, Gottesordnung und Ewigkeit im Mittelpunkt, sondern, wenngleich als Ort der Entscheidung des Schicksals der Seele primär auf jene hingeordnet, das irdische Leben.

    Ungewöhnliche Reimbindungen sind bei H. selten, die Freiheit der Taktfüllung, vom Auftakt abgesehen, ist wie in der klassischen Zeit gemäßigt. Er neigt zur klingenden Kadenz sowie zum Hervorheben des Wesentlichen mittels beschwerter Hebungen. Doch sind Vers und Reim für die Datierungsfrage ohne volle Beweiskraft. Die Entscheidung, ob H., wie bisher meist angenommen und auch wahrscheinlich, um 1160, ob eine Generation oder ein Jahrhundert später, ob er im Kloster Melk dichtete, hängt vor allem von der endgültigen Identifizierung des Abtes Erchanbald ab, den H. (als Verstorbenen?) am Schluß des größeren Gedichtes erwähnt. Lachmann sah in ihm den bis 1163 in Melk nachweisbaren Abt gleichen Namens.

  • Werke

    Cod. unicus, 14. Jh. (Wien 2696), enthält beide Gedichte: Von d. todes gehugde, Erstabdr. b. H. F. Maßmann, Dt. Gedichte d. 12. Jh. II, 1837, Priesterleben, Erstabdr. b. M. Haupt, Altdt. Bll. I, 1836. - Grundlegende Ausg.: R. Heinzel, H. v. M., 1867 (mit 50 S. Einl.), danach neu hrsg. v. R. Kienast, Der sog. H. v. M., 1946, 21960, dazu Rezension v. G. Eis, in: Zs. f. dt. Philol. 71, 1951/52, S. 214-16.

  • Literatur

    ADB XI;
    K. Lachmann, Kleinere Schrr. I, 1876, S. 331;
    M. Rödiger, Die Litanei u. ihr Verhältnis z. d. Dichtungen H.s v. M., in: Zs. f. dt. Altertum 19, 1876, S. 241-346;
    K. Kochendörffer, Erinnerung u. Priesterleben, ebd. 35, 1891, S. 187-204, 281-315;
    E. Schröder, Zur Überlieferung d. Gedichte H.s v. M., ebd. 45, 1901, S. 217-23, 419;
    Th. Baunack, Btrr. z. Erklärung H.s v. M., ebd. 54, 1910, S. 99-116, 57, 1913, S. 49-94, 58, 1914, S. 239 f.;
    W. Wilmanns, Der sog. H. v. M., 1885;
    W. Schröder, Der Geist v. Cluny u. d. Anfänge d. frühmhdt. Schrifttums, in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 72, 1950, S. 321-86, bes. S. 333-42;
    E. Kimmich, Das Verhältnis d. sog. H. v. M. z. mittellat. Dichtung, Diss. Tübingen 1952 (ungedr.);
    H. J. Gementz, H. v. M., Ein Btr. z. Analyse d. gesellschaftl. Kräfte u. d. literar. Strömungen i. d. 2. Hälfte d. 12. Jh., in: Zs. f. dt. Lit.-gesch. (Weimarer Btrr.) 6, 1960, S. 707-26. - Zu Vers u. Reim: A. Heusler, Dt. Versgesch., 21956;
    K. Wesle, Frühmhdt. Reimstud., 1925, S. 21, 101 u. ö.;
    U. Pretzel, Frühgesch. d. dt. Reims, 1941;
    ders., Dt. Verskunst, in: Dt. Philol. im Aufriß III, 21962, Sp. 2414 f.;
    Eppelsheimer I, II, IV;
    Vf.-Lex. d. MA II, V.

  • Autor/in

    Christoph Petzsch
  • Empfohlene Zitierweise

    Petzsch, Christoph, "Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 415 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548409.html#ndbcontent

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  • Leben

    Heinrich, ein österreichischer Ritter, verfaßte als Laienbruder des Stiftes Melk zwei deutsche Gedichte, die „Erinnerung an den Tod“ und das „Priesterleben“, das erstere vor 1163, weil er für den in diesem Jahre verstorbenen Abt Erkenfried von Melk am Schlusse bittet und nach 1153, weil der Tod des Papstes Eugen III. auf den allein V. 398 gehen kann, darin beklagt wird. Ob das später gedichtete Priesterleben jemals vollendet wurde, oder uns nur bruchstückweise erhalten ist, wissen wir nicht. Heinrich scheint herbe Erfahrungen im Leben gemacht zu haben, sodaß er sich, nach manchem Unglück in seiner Familie, schließlich nach Melk zurückzog, um dort, abgetrennt von der Welt, die ihm nach kurzer Lust so übel mitspielte, Versuche zu religiöser Erhebung an sich vorzunehmen. Mündliche Unterweisung Seitens seiner Mitbrüder, sowie eigene Lectüre, namentlich der Schriften des Gerhoch von Reichersberg, Honorius von Autun und Remigius von Auxerre, machten ihn mit den theologischen Bestrebungen seiner Zeit bekannt. Die Ansichten, welche er sich auf Grund jener Erlebnisse und dieser Belehrungen gebildet hatte, spricht er in seinen Gedichten aus. Beide sind sie Satiren. Ein Mann von Weltverachtung und Verbitterung, aber auch andrerseits von übermäßigem Standesbewußtsein erfüllt, will er in der „Erinnerung“ zeigen, daß die ganze Welt im Argen liege, die Priester nicht minder wie die Laien seien von Grund aus verderbt: dies wird in einer Reihe von lebenswarmen, wenn auch ganz einseitig aufgefaßten Sittenbildern geschildert. Diesem umfänglichen Abschnitte, dem der Dichter auch den besonderen Titel „vom gemeinen Leben“ beilegt, läßt er erst sein eigentliches Thema folgen, die|Erinnerung an den Tod, die Ausmalung seiner Häßlichkeit und der Schrecken, die nach ihm des Menschen warten. Im „Priesterleben“ wird im wesentlichen nur diejenige Partie der „Erinnerung“, die von der Versunkenheit des geistlichen Standes handelt, breiter und schärfer ausgeführt. Merkwürdig aber ist, wie dieser eifervolle Mann, der dem ganzen leidenschaftlichen Hasse seiner Brust gegen die böse Welt in den herbsten Worten Ausdruck verleiht, der seine Freude daran hat, zu strafen und nur zu strafen, wie dieser doch von der Zeit seiner Jugend her eine gewisse Galanterie gegen die Frauen nicht verläugnen kann; was er gegen diese vorzubringen hat, das verschweigt er höflich. Die stärksten Contraste, weltverachtende Askese und die Anfänge des Frauencultus, finden wir somit bei demselben Dichter vereint.

    • Literatur

      Heinzel, Heinrich von Melk, Berlin 1867.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 632-633 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548409.html#adbcontent

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