Lebensdaten
um 1400 bis 1468
Beruf/Funktion
Arzt ; Schriftsteller ; bayerischer Rat
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118546201 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hartlieb, Johann
  • Hartliepp, Johann
  • Harttliepp, Johann
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Zitierweise

Hartlieb, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546201.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm, bayer. Keller in Neuburg/Donau;
    M N. N.;
    spätestens 18.5.1444 Sibilla Newfarer, angebl. T d. Hzg. Albrecht III. v. Bayern-München (1401–60);
    2 S, 1 T, 1 Stief-S.

  • Leben

    H. erlangte anscheinend früh die Gunst Herzog Ludwigs VII. des Bärtigen von Bayern-Ingolstadt. 1430 (oder 1432) begann er auf Schloß Neuburg/Donau seine vielseitige Übersetzertätigkeit mit der Ausarbeitung einer Gedächtniskunst für Wieland von Freiberg im Auftrage des Herzogs. Ebenfalls 1430 verfocht er in einem Prozeß die Interessen Ludwigs vor dem Freigrafen Heinrich von Valbert zu Lüdenscheid, 1432 entsandte ihn Ludwig der Jüngere in einer Femesache nach Nürnberg. Der Versuch Ludwigs des Bärtigen, H. als Pfarrer an der Moritzkirche zu Ingolstadt einzusetzen, scheiterte an dessen Widerstand, so daß es 1437 zum Bruch kam. In den 30er Jahren hielt sich H. vor allem in Wien auf, doch ist nicht nachzuweisen, ob er die Würde eines Magisters der Freien Künste und Doktors der Medizin hier erworben hat. Jedenfalls entstand hier zwischen 1433 und 1435 ein Mondwahrsagebuch für den österreichischen Ritter Hans Kuchler und dessen Gemahlin, ferner 1440 das „Buch Ovidy“, eine Liebeslehre nach der Vorlage des Andreas Capellanus; es ist Herzog Albrecht VI. von Österreich, zu dessen Hof H. Zutritt gefunden hatte, gewidmet. Eine Geomantie dürfte auch noch in die Wiener Schaffensperiode gehören. 1440 trat H. als Leibarzt, Berater und Diplomat in den Dienst Herzog Albrechts III. von Bayern-München. In München gelangte er zu Ansehen und Wohlstand und trat in Beziehungen zu Sigmund Gotzkircher, wahrscheinlich auch zu Jakob Püterich und Ulrich Füetrer. An der Münchner Judenverfolgung 1442 soll er beteiligt gewesen sein; eine gewisse Rolle scheint er bei der Reform des bayerischen Klosterwesens gespielt zu haben, wobei er auch mit Johann von Indersdorf in Berührung kam. Der Herzog vertraute ihm öfter die Führung von Verhandlungen an, so 1446 bei Markgraf Lionello d'Este in Ferrara (?), 1447 bei Kurfürst Ludwig IV. in Heidelberg und 1456 bei Markgraf Johann von Brandenburg-Kulmbach. Wohl um 1440 entstand ein namenmantischer Traktat, 1444 (?) für den Herzog und seine Gemahlin Anna von Braunschweig ein zum Volksbuch gewordener Alexanderroman und 1448 eine Chiromantie für die Herzogin. Die Abfassung eines Kräuterbuches ist wohl ebenfalls in die 40er Jahre zu setzen. Vermutlich unter dem Eindruck der Begegnung mit Nikolaus von Kues wandte sich H. zu Beginn der 50er Jahre von seinen abergläubischen Neigungen ab und bezeugte seine neue strenggläubige Haltung in dem für Markgraf Johann den Alchemisten von Brandenburg-Kulmbach geschriebenen „Buch aller verbotenen Künste“ (1455/56). Nach der Verdeutschung der Brandanlegende für Herzogin Anna (1456/57) übertrug er in den 60er Jahren das gynäkologische Kompendium der „Secreta mulierum“ nach Pseudo-Albertus Magnus mit Ergänzungen nach anderen Autoren für Herzog Sigmund von Bayern, dessen Leibarzt er 1465 wurde (auch Kaiser Friedrich III. erhielt ein Exemplar), und einen Teil des „Dialogus miraculorum“ des Caesarius von Heisterbach für den Münchner Patrizier Hans Püterich den Jüngeren Ebenfalls für Sigmund übersetzte er schließlich 1467 das Bäderbuch Felix Hemmerlins.

    H. zählt zu den gewandtesten Vertretern der frühhumanistischen Übersetzergeneration, von der ihn jedoch seine Abhängigkeit von mittelalterlicher Prosatradition und seine konservative Themenwahl trennen. Mit seinen Vorlagen verfährt er frei, wobei er es versteht, sich hierin stets nach dem Geschmack seiner hochgestellten Auftraggeber zu richten. Diese Beweglichkeit beweist er auch in seinem Lebensgang, doch wirft sie auf seinen Charakter oft ein fragwürdiges Licht. Seine literarischen Erzeugnisse sind als höfische Literatur ein Spiegel der konservativen literarischen Einstellung gewisser Adelskreise des Spätmittelalters. Besondere Bedeutung kommt seinen Schriften aus dem Gebiete der „Verbotenen Künste“ zu, für deren Kenntnis sie unsere wichtigsten zeitgenössischen deutschen Quellen darstellen.

    Weitere Werke werden H. teils offenkundig zu Unrecht, teils mit ungenügender Begründung zugeschrieben. Genauere Untersuchungen darüber stehen noch aus.

  • Literatur

    ADB X;
    S. Hirsch, Das Alexanderbuch J. H.s, 1909;
    P. Lehmann, Haushaltungsaufzeichnungen e. Münchener Arztes a. d. XV. Jh., 1909;
    D. Ulm, J. H.s Buch aller verbotenen Kunst, 1914;
    H. Poppen, Das Alexander-Buch J. H.s u. s. Qu., 1914;
    E. Weil, Die Kunst Chiromantia d. Dr. H., 1923;
    K. Drescher, J. H., Über s. Leben u. s. schriftsteller. Tätigkeit, in: Euphorion 25, 1924, S. 225 ff., 354 ff., 569 ff., 26, 1925, S. 341 ff., 481 ff. (hält H.s Frau f. eine T Hzg. Albrechts III. v. Bayern-München u. d. Agnes Bernauer);
    ders., J. H.s Übers. d. Dialogus miraculorum v. Caesarius v. Heisterbach, 1929;
    H. G. Wieczorek, J. H.s Verdeutschung v. d. Andreas Capellanus Liber de reprobatione amoris, 1929;
    Dokumente ältester Münchner Fam.gesch. 1290-1620, Aus d. Stifterbuch d. Barfüßer u. Klarissen in München 1424. (1954);
    L. Veit, Nürnberg u. d. Feme, 1955;
    Th. Straub, Stud. z. Gesch. u. Charakteristik Hzg. Ludwigs VII., d. Gebarteten, v. Bayern-Ingolstadt (1413–1447), 1955 (ungedr.);
    H. L. Werneck, Das Kräuterbuch d. J. H., in: Ostbair. Grenzmarken 2, 1958, S. 71 ff.;
    Hanns Fischer, Zu J. H.s Bäderbuch, in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 84, Tübingen 1962, S. 296 ff.;
    W. Schmitt, H. H.s mant. Schrr. u. s. Beeinflussung durch Nikolaus v. Kues, 1962;
    W. Koerting, Dr. H. H., in: Bayer. Ärztebl. 4, 1962, S. 1 ff., 11, 1963, S. 1 ff.;
    H. Klein, Dr. H. H. üb. Badgastein, 1467, in: Mitt. d. Ges. f. Salzburger Landeskde. 104, 1964, S. 123 ff.;
    B. Weidemann, „Kunst der Gedächtnüß“ u. „De mansionibus“, zwei frühe Traktate d. J. H., 1964;
    Vf.-Lex. d. MA II, V.

  • Autor/in

    Wolfram Schmitt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmitt, Wolfram, "Hartlieb, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 722 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546201.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hartlieb: Johann H. (auch Harttliepp schrieb er sich), entstammte wahrscheinlich der Dienerschaft im herzoglichen Schlosse zu Neuburg an der Donau, wo noch im J. 1440 ein Heinrich H. zum „Kellner“ bestellt ward. Vor Friedberg, wol im J. 1431, entschloß sich sein Gebieter, Ludwig der Bärtige, ihn studiren zu lassen, Allem nach auf der Wiener Universität: hier wird H. am 11. Juni 1433 das Baccalaureatsexamen gemacht, sodann den Grad eines Magisters „in natürlichen Künsten“ und fernerhin den Grad eines Doctors der Arznei erlangt haben, ohne es ebendaselbst zum Magister regens der Artisten-facultät oder zum medicinischen Professor zu bringen. Schon während seiner Studienzeit machte er schriftstellerische Versuche. So vollendete er am 14. Juni 1433 ein am 14. November des Vorjahres zu Neuburg begonnenes Büchlein|von der Gedächtnißkunst für seinen Wohlthäter, den alternden Herzog Ludwig; es ist die deutsche Bearbeitung eines Compendiums der Mnemonik nach der alten Methode mit Plätzen und Bildern. Ein astrologisches Werk unter dem Titel: „Dise 58 Wonunge sind uß der drien hailgen Künig Buch zu tutsch transferirt worden“, hat H. im J. 1434 zu Wien verfertigt; damals vielleicht auch die astrologisch-prognostische Abhandlung „Ueber die Erhaltung des Sieges“, worin alle männlichen Namen in unser Frauen Brüder und Sanct Jorgen Brüder eingetheilt und Jedem glückliche oder unglückliche Tage bestimmt werden. Gleichzeitig fand er Zutritt an dem von romantischem Treiben belebten Hofe Herzog Albrechts VI. von Oesterreich. Für diesen neuen fürstlichen Gönner fertigte H. eine Anleitung zur Minnekunst. Er bezeichnete dieselbe zwar als Ubersetzung eines lateinischen Buches, das Meister Albertanus einem Britan Gualtherus gemacht, in Wirklichkeit aber bildeten die drei ersten Theile des „Tractatus amoris et de amoris remedio Andree capellani pape Innocencii quarti ad Gualterum“ seine Vorlage, und der Name Albertanus ist nur von Hartlieb's Verhältniß zu Albrecht hergenommen. Als ihm dann ein minnegerichtlicher Spruch auch die Verfassung einer Gegenschrift, einer Warnung vor der Minne, auferlegte, übertrug H. lediglich den vierten, „de fuga amoris“ handelnden Theil jenes „Tractatus“ ins Deutsche unter dem Titel: „Das Buch Albertanus von der Laidigung Liebe und Mynne, auch von Unsytten der Frawen, dardurch er meint die Liebe vertilgen und laiden.“ In der Folge verband er beide Uebersetzungswerke durch den gleichfalls fingirten Gesammttitel: „Das Buch Ovidy von der Liebe zu erwerben auch die Liebe zu verschmehen“ und eine Schlußbemerkung, wonach Ovid außerdem ein Buch vom Lobe der reinen Frauen geschrieben hätte, das ebenfalls für Herzog Albrecht von Oesterreich zu übersetzen, H. sich nicht abgeneigt zeigt. Mit Ovids Namen ist hier vollends nur Reklame getrieben, dennoch glaubten Manche, die das Buch nicht näher betrachteten, H. sei Uebersetzer der Ars amandi gewesen, und trotz der Bemerkungen Jahn's (Ovidii opera omnia I, 1828, p. 354) hat sich dieser Irrthum sogar in Gervinus' Geschichte der deutschen Dichtkunst (II. Band) erhalten. Eine Schrift Hartlieb's „Ueber die Kriegskunst“ (in der Wiener Hofbibliothek) fällt wol in die gleiche Lebensperiode des vielseitigen Compilators. Seit dem J. 1440 sehen wir H. als Herzog Albrechts III. von Baiern-München „Rath und Diener“ und zwar nicht blos als dessen Leibarzt sondern auch mit mannigfachen Kanzleigeschäften, namentlich in geistlichen Angelegenheiten betraut. Ohne Zweifel hat er sich da für die Vertreibung der Juden ausgesprochen, denn ihm schenkten Herzog und Herzogin am 14. Septbr. 1442 das Haus an der Judengasse zu München, „darin vor Zeiten die Judenschuel gewesen“. Oblag es hienach allerdings ihm, das Sühnebedürfniß, das man in solchen Fällen gewöhnlich vorgab, zu befriedigen und auf den Unterbauten der Synagoge eine Marienkirche (die jetzt abgebrochene „Gruftkirche") erstehen zu lassen, so brauchte er doch eigentlich nur den Grund abzutreten, zur Bestreitung des Baues hingegen durfte im ganzen Lande gesammelt werden. Die Gunst des herzoglichen Paares suchte sich H. auch durch seine Schriftsteller-, besser gesagt Uebersetzerthätigkeit zu erhalten. So brachte er, wohl im J. 1444, vornehmlich der Herzogin zu Gefallen, die Geschichte Alexanders des Großen aus dem Lateinischen ins Deutsche: d. h. den Alexanderroman nach jener Redaction, die bald einem Eusebius, bald einem Pseudokallisthenes zugeschrieben wird. Das Buch macht den Eindruck einer nur allzu treuen Uebersetzung; daß aus Eusebius „sant Eusebius“ wird, darf man den Zeit- und Ortsverhältnissen zuschreiben. Wenn aber Aventin (Chronica, herausgegeben von Cisner, 1580, Bl. 86) meint, es sei hier Alexanders Leben nicht wohl verdeutscht, der Doctor habe des Lateins zu wenig gekonnt, habe viel dareingesetzt und um Kurzweil willen dazu gethan, was nur „getichte Rockenmerlein“ seien, so hat er schwerlich die lateinische Vorlage Hartlieb's verglichen, sein schiefes Urtheil beruht vielmehr auf Unvertrautheit mit der Natur solcher Sagenstoffe und ihrem Verhältnisse zu den ächten Geschichtsquellen. Vielleicht ein noch angenehmeres Geschenk war das „Buch von der Hannd“, ein aus Figuren und Text bestehender Grundriß der Chiromantie, den H. unterm 13. December 1448 der Herzogin Anna widmete. Für dieselbe hat er dann noch (spätestens im J. 1457) die Brandanslegende verdeutscht und höchst wahrscheinlich das Buch „Von allerhand verbotenen Künsten, Unglauben und Zauberey“ verfaßt, das durch sie in die Wolfenbüttler Bibliothek gekommen sein wird. Auch zu diplomatischen Sendungen eignete sich der vielgewandte Vertraute. So wurde er 1446 nach Ferrara geschickt, als Markgraf Lionell ein Mitglied seines Hauses mit einer Tochter Albrechts vermählt sehen wollte; so 1456 zu Markgraf Johann von Brandenburg-Culmbach, der vermuthlich bei seinem Schwiegersohne, dem Markgrafen Ludwig von Mantua, interzediren sollte behufs der (1463 erfolgten) Verheirathung von Albrechts Tochter Margaretha mit Ludwigs Sohne Friedrich. Nach dem Tode Herzog Albrechts III. wurde H. von dessen Sohne Sigmund zum Leibarzte ernannt (1465). Angeblich auf den Wunsch dieses jugendlichen Fürsten kompilirte er ein gynäkologisches Werk, indem er die „Secreta mulierum“, die dem Albertus Magnus untergeschoben wurden, deutsch übertrug und durch gleichfalls übersetzte Glossen von Fachschriftstellern, wie Trottula, Macrobius, Gilbertinus, Mustio erläuterte. Nebenbei besaß H. eine Apotheke sowie zwei Häuser auf dem Rindermarkt, betrieb mit Herzogin Anna und drei weiteren Genossen ein Bergwerk (1467) und soll selbst das Amt des Großzollners zu München, allerdings mehr eine einträgliche Sinekure, bekleidet haben. 1471 ist er noch am Leben, doch ein Stiftbrief für die Frauenkirche vom 18. Mai 1474 bezeichnet ihn bereits als Verstorbenen. Zweifelhaft scheint es sohin, ob H. die Verbreitung von einem seiner Werke durch die zeitgenössische Erfindung des Buchdruckes erlebt oder ob erst sein Sohn Gotthart H., der 1496—1521 herzoglicher Beamter zu Tölz war, mit der Presse angebunden hat. 1472 erschien bei Bämler in Augsburg die „Histori von dem grossen Alexander“ (mit Holzschnitten), wonach bis 1514 ebenda und in Straßburg noch 11 Auflagen folgten; das „Buch von der Hannd“ kam als Holzdruck von Jörg Scapf in Augsburg keinesfalls vor 1472 heraus; das „Buch Ovidy von der Liebe“ aber ward erst 1482 gleichfalls in Augsburg durch Hans Sorg gedruckt.

    • Literatur

      Grienwaldt im Neufortgesetzten Parnassus Boicus I, 1736, S. 42—50; B. Röse bei Ersch und Gruber II. Section, 3. Theil, 1828, S. 22; Gräße, Literärgeschichte II. Band, 2. Abth., 2. Hälfte, 1842, S. 622 und 3. Abth. 1. Hälfte, 1842, S. 454—455; ganz vereinzelte Angaben in Büchern, Handschriften von Hartlieb's Werken auf der k. Hof- und Staatsbibliothek und Schriftstücke im k. Reichsarchive zu München.

  • Autor/in

    v. Oefele.
  • Empfohlene Zitierweise

    Oefele, Edmund Freiherr von, "Hartlieb, Hans" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 670-672 unter Hartlieb, Johann [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546201.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA