Lebensdaten
1790 bis 1861
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Sanssouci bei Potsdam
Beruf/Funktion
preußischer Politiker ; General
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118538705 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gerlach, Ludwig Friedrich Leopold von
  • Gerlach, Leopold von
  • Gerlach, Ludwig Friedrich Leopold von

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Zitierweise

Gerlach, Leopold von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538705.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Beamtenfam.;
    V Leopold (1757–1813), auf Rohrbeck usw., preuß. Kammerpräs. u. Geh. Ob.finanzrat, 1809 erster nach d. Steinschen Städteordnung gewählter Ob.bgm. v. B. (s. L), S d. Frdr. Wilh. (1711–80), auf Parsow usw., preuß. Geh. Ob.finanzrat, u. d. Christiane Sophie Coeper;
    M Agnes (1761–1831), T d. Leopold v. Raumer (1726–88, ref.), anhalt-dessau. Reg.dir., u. d. Anna Eleonore v. Waldow;
    Ov Ludwig (1751–1809), preuß. Ob.landger.präs. in Köslin;
    B Ludwig (s. 2), Otto (s. 3), Wilhelm (1789–1834), Vizepräs. d. Ob.landesger. Frankfurt/O., verweigerte während d. „Demagogenverfolgung“ mutig d. Einl. v. Unterss. gegen Reimer, Jahn u. auch E. T. A. Hoffmann, Mitgründer d. „Berliner Pol. Wbl.“ 1831 (s. L);
    Schw Sophie (⚭ Karl v. Grolman, 1843, preuß. Gen.);
    Vt Frdr. v. Raumer ( 1873), Historiker;
    Redel 1819 Johanna (1796–1857), T d. Berndt Gf. v. Küssow, auf Megow, preuß. Major, u. d. Ulrike v. Bardeleben;
    2 S, 2 T;
    N August (1830–1906), auf Parsow, Reichstags- u. Landtagsabg. (s. BJ XI, Tl. 1906), Jakob (1830–1908), Präs. d. Berliner Missionsges., Kirchenpolitiker (ebd. XIII, Tl. 1908, L).

  • Leben

    Da Wilhelm von G. schon früh verstarb, wurde Leopold von G. der politisch einflußreichste der Brüder. Nach Besuch des Joachimsthalschen Gymnasiums war er 1803 auf die Académie militaire gekommen, wo Ancillon sein Lehrer wurde. Nach episodischer Teilnahme als Fähnrich am Kriege von 1806 ging er zum Studium nach Göttingen, Heidelberg und an die neue Universität Berlin, wo Savigny und die Anschauungen der Historischen Rechtsschule starken Einfluß auf ihn bekamen. 1812 Regierungsreferendar in Potsdam in engem Umgang mit Alexander von der Marwitz, 1813 Leutnant im Blücherschen Stabe, machte er die Befreiungskriege mit; nach dem Gefecht von Limailles mit dem EK I zum Hauptmann befördert, kam er in den Großen Generalstab. Außer zu Arnims Christlich-Deutscher Tischgesellschaft sowie ihrer Fortsetzung, der feudalen „Maikäferei“ – hier warb er bereits für K. L. von Hallers Staatsphilosophie – gehörte er zum vertrauten Umgangskreis des Kronprinzen. 1826 wurde er aber persönlicher Adjutant des Prinzen Wilhelm für die kritischen Jahre der Lösung des Prinzen von Elise Radziwill und der Vermählung mit Augusta; viermal begleitete er den Prinzen nach Petersburg und zweimal nach Wien. Seit 1830 gehörte er wieder zur täglichen Abendgesellschaft des Kronprinzen und zum „Klub in der Wilhelmstraße“ (Abende bei Graf Voß-Buch). 1844 wurde G. Generalmajor, 1848 war er Kommandeur der 1. Gardelandwehrbrigade in Spandau. 1850 wurde er zum Generalleutnant und auch offiziell zum Generaladjutanten des Königs ernannt. 1859 wurde er noch vom Prinzregenten zum General der Infanterie befördert.

    Infolge der engen persönlichen Freundschaft mit Friedrich Wilhelm IV. – beide verband eine tiefe seelische Zuneigung – hatte G. einen starken Einfluß auf die gesamte preußische Politik ab 1848; öfters wurde er auch zu kleineren diplomatischen Missionen verwandt. Durch den täglichen Kaffeevortrag galt sein Rat und Urteil häufig mehr als das des amtierenden Ministerpräsidenten. Man hat deshalb von einer von „den Gerlachs“ geführten „Camarilla“ oder einem „Ministère occulte“ gesprochen. Da aber die Männer der engsten königlichen Umgebung keinen eigentlichen Machtdrang hatten – G. war viel zu skrupelhaft dafür –, ist für das Wesen der Kamarilla ihr völliges Unorganisiertsein bezeichnend. Ihr Ursprung liegt vielmehr in dem schwachen Charakter des Königs, der stets die Möglichkeit wünschte, auf einen Ratgeberkreis (Zivilkabinett) als Gegengewicht gegen das konstitutionelle Kabinett zurückzugreifen.

    G.s und seines Bruders Ludwig Initiative zur Wiederherstellung der Stellung des Königtums ist die Berufung des Grafen Brandenburg zum Ministerpräsidenten im November 1848 zu verdanken, ebenso im Frühjahr 1851 gegen Widerstände die Ernennung Bismarcks zum Bundestagsgesandten in Frankfurt. G.s Kampf gegen Radowitz 1849/50 hat zur Abwicklung der Unionsverfassung (wegen ihrer zwischen Krone und Parlament zu vereinbarenden „liberalen“ Grundrechte von den Brüdern „Charte Quasi-Gagern“ genannt) und zwecks Verhinderung eines unglücklichen deutschen Krieges zur gänzlichen Aufgabe der Unionspolitik mit dem Abschluß|der Punktation von Olmütz geführt. Ausgleich mit Österreich zwecks Aufrechterhaltung des Deutschen Bundes war der Leitstern seiner deutschen Politik. Daher haben die Brüder auch auf den König stark eingewirkt, die vom Frankfurter Parlament 1849 angebotene Kaiserkrone abzulehnen. Zwischen Olmütz und dem Pariser Frieden hat die sogenannte Kreuzzeitungspartei über den Generaladjutanten des Königs die preußische Außenpolitik faktisch dominiert; während des Krimkriegs hat sie gegen die „Wochenblattpartei“ trotz zahlreicher Schwankungen Preußens strikte Neutralität durchgesetzt, so daß der Draht nach Petersburg nicht abriß.

    Hinter dieser Linie der Außenpolitik stand für beide Brüder die Konzeption der „Heiligen Allianz“ als das „Bündnis der drei schwarzen Adler“, gerichtet gegen den „Bonapartismus“ als das Prinzip der Revolution. Das auf dem historischen Legitimitätsprinzip aufruhende Bündnis Preußen-Österreich-Rußland mit Freundschaft zu England galt ihnen als der Inhalt einer konservativen Ideenpolitik nach christlichen Prinzipien. G.s Legitimitätsprinzip des historischen Rechts hat Bismarck freilich in einem prinzipiellen Brief vom 2.5.1857 abgelehnt, weil sich Politik nicht nach Sympathien und Antipathien gegen auswärtige Mächte und Personen betreiben lasse; darin stecke schon „der Embryo der Untreue gegen den Herrn und das Land, dem man dient“. G. überzeugte dies nicht. Noch in einem seiner letzten Kreuzzeitungsartikel hat er eine rechtfertigende Rückschau für die auf der Krim zerstörte Weltanschauungspolitik seiner Lebenszeit gegeben: „Die Heilige Allianz war es, die den Wiederaufbau eines festen Rechtes unter den Völkern als ihre vornehmste Aufgabe erkannte. Gelöst hat sie diese Aufgabe allerdings nicht; aber auch mit dem bloßen Versuch ihrer Lösung hat sie 40 Jahre den Frieden erhalten, einen bis dahin unbekannten Wohlstand erzeugt und ein Maß von Freiheit gebracht, für welches kein Beispiel in der Geschichte vorhanden ist, wenn man die Freiheit nicht als etwas Selbständiges, sondern in fester Gebundenheit zur Ordnung und Gesetzlichkeit denkt“ (Kreuzzeitung vom 22.8.1860).

    Innenpolitisch hat G. das ständische Repräsentativsystem (Vereinigter Landtag von 1847) mit dem neuen Konstitutionsprinzip verbinden wollen. Die Brüder waren für eine von Interessenvertretungen freizuhaltende 1. Kammer und für ein Wahlrecht nach ständischer Gliederung, aber scharf gegen das tatsächlich beschlossene Dreiklassenwahlrecht. Auf den König hat G. immer wieder dahin eingewirkt, daß er den Eid auf die Verfassung schwören müsse, daß er sowohl die Ministerverantwortlichkeit wie die Mitwirkung der Kammern bei der Gesetzgebung und der Erhebung neuer Steuern anerkennen solle.

    Dieser ungewöhnliche Militär und Diplomat war seit seinem Anschluß an die Berliner Erweckungsbewegung von tiefer christlicher Gläubigkeit erfüllt und besaß ebenso eine gründliche klassische Bildung. Er verband Tiefsinn und Witz, weltmännische Allüren und kindliche Demut, oft geradezu spitzfindige Gelehrsamkeit und Freude an paradoxen Formulierungen mit inniger Glaubenswärme. Vor allem aber war dieser ebenso witzig-geistvolle wie pietistisch-orthodox orientierte General ein völlig integrer und uneigennütziger Charakter, der Intrigen gegenüber (Depeschendiebstahl 1857) geradezu hilflos war. Staatsmännische Begabung hatte er zweifellos; sein Blick für das jeweils Richtige und das von der Doktrin her Erforderliche kollidierten häufig in ihm. Einen dauerhaften Einfluß hatte er nur auf Königin Elisabeth, nicht auf seinen königlichen Herrn; der unruhige Geist des Königs verhinderte dies ebenso wie sein eigener schwacher Selbstdurchsetzungswille. Meist tröstete er sich mit der frommen Selbstbescheidung, daß man auch dem „wunderlichen Herrn“ untertan sein müsse, als wäre es Christus. Bismarck, der G.s an Prinzipien orientierte Ideenpolitik als „unpraktisch“ ablehnte, hat in „Gedanken und Erinnerungen“ eine schöne Charakteristik von ihm gegeben: „An Tagen, wo der König ungerecht und ungnädig gewesen war, wurde in der Abendandacht im Hause des Generals wohl das alte Kirchenlied gesungen: Verlasse dich auf Fürsten nicht, sie sind wie eine Wiege. Wer heute Hosianna spricht, ruft morgen‚ Crucifige'. Aber seine Hingebung für den König erlitt unter diesem christlichen Erguß seiner Verstimmung nicht die mindeste Abschwächung. Auch für den nach seiner Meinung irrenden König setzte er sich mit Leib und Leben ein, wie er schließlich seinen Tod dadurch fast eigenwillig herbeiführte, daß er hinter der Leiche seines Königs stundenlang bei Wind und sehr hoher Kälte, den Helm in der Hand, folgte. Dieser letzten formalen Hingebung des alten Dieners für die Leiche seines Herrn unterlag seine schon länger angegriffene Gesundheit; er kam mit der Kopfrose nach Hause und starb nach wenigen Tagen. Durch sein Ende erinnert er an das Gefolge eines altgermanischen Fürsten, das freiwillig mit ihm stirbt.“

  • Werke

    Denkwürdigkeiten aus d. Leben d. Gen. L. v. G., 2 Bde., 1891/92 (P) (korrekt, aber nicht vollst. ediert. Original verloren);
    Neues üb. L. v. G. u.|ungedr. Briefe desselben, in: Dt. Revue 25, 1900, 1, S. 145-57, 329-43;
    Briefe L. v. G.s an O. v. Bismarck, ed. H. Kohl, 1912.

  • Literatur

    L (s. a. L z. Gesamtartikel) Aufzeichnungen e. alten preuß. Staatsmannes [Hermann Wagener], in: Dt. Revue 13, 2, 1888, S. 318-28;
    G. Lüttke, Die pol. Anschauungen d. Gen. u. d. Präs. v. G., Diss. Leipzig 1907;
    A. Maurer, Die Brüder v. G. u. ihr Einfluß auf d. Pol. Friedrich Wilhelms IV., Beil. z. Progr. d. Victoria-Schule Frankfurt/M., 1909;
    A. Clausen, Die Stellung L. v. G.s z. Abschluß d. preuß. Vfg.werkes unter Friedrich Wilhelm IV., Diss. Leipzig 1914;
    W. Naef, Die Idee d. Hl. Allianz bei L. v. G., in: Zs. f. Schweizer. Gesch., 1931;
    H. Mombauer, Bismarcks Realpol. als Ausdruck s. Weltanschauung, d. Auseinandersetzung mit L. v. G. 1851-59, Diss. Berlin 1936;
    Priesdorff VI, S. 201-04 (P); Eine befriedigende Monogr. G.s steht noch aus. - Zu V Leopold:
    M. F. v. Bassewitz, Die Kurmark Brandenburg 1809 u. 1810, IV, 1860;
    P. Clauswitz, Die Städteordnung v. 1808 u. d. Stadt Berlin, 1908;
    E. Kaeber, Die Ob.bgm. Berlins seit d. Steinschen Städteordnung, in: Jb. 1952 d. Ver. f. d. Gesch. Berlins, 1953, S. 54-57;
    - zu B Wilh.:
    H. Rupprich. W. v. G. u. s. Beziehungen z. Romantik, in: MIÖG, Erg.-Bd. 11, 1929;
    Studium d. Altertumswiss. in Halle 1805 (Briefe W. v. G.s an s. Vater), ed. H.-J. Schoeps, in: Gymnasium 70, 1963, H. 1;
    Neue Briefe z. Gründung d. Berliner Pol. Wbl., ed. H.-J. Schoeps, in: Zs. f. Rel.- u. Geistesgesch. 13, 1961.

  • Autor/in

    Hans-Joachim Schoeps
  • Empfohlene Zitierweise

    Schoeps, Hans-Joachim, "Gerlach, Leopold von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 294-296 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538705.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gerlach: Ludwig Friedrich Leopold von G., geb. am 17. September 1790 zu Berlin, am 10. Januar 1861. Die Familie G. war aus den Niederlanden im Laufe des 13. Jahrhunderts nach der Lausitz eingewandert; Kaiser Sigismund verlieh ihr Ritterrechte; seit 1733 gehörte sie zur pommerschen Ritterschaft; sie war dem reformirten Glaubensbekenntniß zugewandt. Der Vater Gerlach's, C. Fr. Leopold (geb. 1757), war kurmärkischer Kammerpräsident; die Mutter eine geborene von Raumer. Strengen unabhängigen Charakters, dabei von klassischer Bildung, stand der Vater der Verflachung der ihn umgebenden Mitwelt in sehr bestimmt ausgeprägter Individualität gegenüber. Während der französischen Occupation nach der Niederlage von Jena, namentlich aber nachdem er zum General-Civilcommissarius für die Marken ernannt worden war, wußte er durch Festigkeit und entschiedenes Vertreten der ihm anvertrauten Interessen sich die Achtung des Feindes zu gewinnen. Davoust sagte von ihm, er habe seine Stellung behauptet wie ein tapferer General. Ein Gegner der mit Stein's erneutem Eintritt in die Staatsverwaltung für dieselbe adoptirten Regierungsprincipien und bei der Besetzung der neu geschaffenen höheren Verwaltungsämter vernachlässigt, hatte er den Abschied genommen. Aber so allgemein anerkannt waren seine Tüchtigkeit und Rechtlichkeit, daß er, nach Einführung der neuen Städteordnung von 1808 zum Stadtverordneten Berlins erwählt, von seinen Genossen einstimmig zum Oberbürgermeister in Vorschlag gebracht wurde. Der König bestätigte die Wahl. Auch in dem städtischen Amte blieb er seiner Ueberzeugung getreu und stand an der Spitze einer loyalen Opposition gegen die Steuergesetzgebung Hardenberg's. Er starb am 8. Juni 1813. — Vier Söhne waren die Erben derselben Eigenart. Leopold war der zweite der Brüder; Wilhelm, der älteste, starb als Vicepräsident des Oberlandesgerichtes zu Frankfurt a./O.; Ludwig und Otto siehe S. 9 u. 19. — Leopold v. G. besuchte von 1800—3 das Joachimsthaler Gymnasium, dann die académie militaire, an welcher Ancillon lehrte; er gewann sich des Letzteren dauernde Zuneigung. Am 9. October 1806 wurde er als Fähnrich beim Regiment von Arnim (Nr. 13) der vor dem Feinde stehenden Armee überwiesen; schon am 15. wurde er durch Capitulation Kriegsgefangener und nach Berlin auf Ehrenwort entlassen. Mit Eintritt der Reorganisation der Armee 1808 erbat er den Abschied; abschläglich beschieden, erhielt er die Erlaubniß die Universität zu beziehen. Er studirte in Göttingen und Heidelberg. Im Herbst 1811 wurde er unter Vorbehalt seines Militärverhältnisses Referendar bei der Potsdamer Regierung. Die Ereignisse zu Anfang des J. 1813 riefen die drei älteren Brüder zum Heere; Leopold ging nach|Breslau; auf Scharnhorst's Betreiben wurde er als Lieutenant dem Stabe Blüchers überwiesen; er gewann sich dessen und Gneisenau's Wohlwollen. Bei Groß-Görschen war er im unmittelbaren Gefolge Blüchers, als dieser in das Gewühl einer von französischen Husaren glücklich ausgeführten Attake gerieth und unter sein verwundetes und zusammenbrechendes Pferd gefallen war; G. gab ihm das seinige. Für Bautzen erhielt er das eiserne Kreuz. Im August wurde G. zum Kronprinzen von Schweden geschickt, eine nähere Abrede über die mit Wiederaufnahme der Feindseligkeiten beabsichtigten Operationen zu nehmen. Bei Wartenburg (3. October) veranlaßte und dirigirte er auf dem linken preußischen Flügel ohnweit Globig den bekannten, sehr erfolgreichen Angriff zweier Husarenregimenter. Während des Feldzugs 1814 war G. dem General Müffling als Adjutant beigegeben und bearbeitete unter dessen Leitung nahezu ausschließlich die Generalstabsausfertigung im Hauptquartiere Blüchers. Nach eingetretenem Friedensschluß wurde G. mit Müffling als Generalstabsofficier zum Commando der Armee am Rhein versetzt. Auf die Nachricht von der Landung Napoleons in Frankreich sandte ihn der commandirende Kleist-Nollendorf nach Paris, um von den dortigen Vorgängen Anschauung zu nehmen. Er verweilte daselbst bis nach dem Eintreffen des Kaisers, kehrte unter Gefahren nach Aachen zurück und berichtete über den Enthusiasmus, den Napoleons Wiedererscheinen hervorgerufen. G. trat dann in der Armee Blüchers zum Generalstabe des dritten Corps (Thielmann) über, bei Limal (Wavre) wurde er leicht verwundet; er erhielt das eiserne Kreuz erster Klasse und wegen Auszeichnung vor'm Feinde die Beförderung zum Hauptmanne. — Als die Armee auf den Friedensfuß gesetzt war, bekam G. seinen Platz im großen Generalstabe, dann 1821 als Major im Generalstabe des dritten Corps, dessen Commando 1824 der Prinz Wilhelm von Preußen (der jetzige Kaiser) übernahm. G. fand bald des letzteren Zuneigung; 1826 wurde er persönlicher Adjutant des Prinzen. Er begleitete ihn auf zahlreichen Reisen, namentlich viermal nach Petersburg, zweimal nach Wien. Bis zu seinem Ende blieb G. trotz der von ihm mehrfach im Gegensatz zu den Ansichten des Prinzen genommenen politischen Stellung in der vollen Werthschätzung desselben; noch während der Regentschaft zog ihn der Prinz dann und wann zu Rath. — G. hatte unter der Anregung, welche das religiöse Leben nach den Freiheitskriegen in Preußen überhaupt gewonnen und namentlich seitdem sein Bruder Otto sich dem Studium der Theologie zugewandt hatte, sein religiöses Bewußtsein zu bestimmterem Abschluß gebracht. Dem verflüchtigenden Subjektivismus Schleiermacher's abgewandt gab er als Pietist sein eigenes Selbst dem Offenbarungsglauben hin, wie ihn die Schrift darlegt und wie er lebenswarm antreibt zur Buße und zu sittlichem Ernst. Er war zugleich auf politischem Boden der entschiedenste Gegner der Revolution; er wollte den Staat aufgebaut sehen auf der Anerkennung überkommener und organisch erwachsender Autoritäten; er war ein Anhänger der legitimen Souveränität, er vertheidigte ständische Gliederung und ererbte Rechte. Er war Feind des Liberalismus, zugleich aber auch des bureaukratischen Absolutismus und des polizeilichen Cäsarismus. — Der Kronprinz Friedrich Wilhelm hatte G. schon 1813 in Breslau näher kennen gelernt; von 1827 an beginnt das Verhältniß beider zu einander ein engeres zu werden. G. wurde in den intimen Cirkel desselben gezogen und gehörte mit Radowitz, Knesebeck, Voß und anderen zu den Habitués in seinen Abendgesellschaften. Die Juli-Revolution 1830 schob die Fragen der inneren und äußeren Politik in den Vordergrund des Interesses. G. beklagte es, daß weder die Verfassung Preußens noch diejenige des deutschen Bundes in den Jahren des Friedens Zeit gefunden hätten, sich conservativ und im Gegensatz zur Revolution zu consolidiren; er hatte volles Auge für die Krankheitssymptome, die trotz des Wohlwollens und des guten Willens der Regierung auch in Preußen vorhanden waren; er vermeinte, die „französische Gleichheit sei durch ständische Rechte und sichere Privatfreiheit“, das „Miethlingsofficianten-Regiment“ durch die Amtsführung berechtigter Herren und durch die Selbstverwaltung in Corporationen zu ersetzen. Einer Constitution widerstrebend respectirte er doch das gegebene, auf Einführung einer Repräsentativ-Verfassung lautende Versprechen; man dürfe sich nicht der Gefahr aussetzen für wortbrüchig gescholten zu werden; man müsse unter Niederhaltung des gegenwirkenden Geistes der Burcaukratie und der von ihr geförderten Centralisation den Provinzialständen Leben verleihen und aus ihnen eine allgemeine Vertretung hervorgehen lassen. Gerlach's Brüder, Wilhelm und Ludwig, gehörten zu den vornehmlichsten Begründern und Mitarbeitern des politischen Wochenblattes; er theilte ihre Ansichten. — 1833 wurde G. zum Chef eines Kriegstheaters beim großen Generalstabe ernannt; 1838 erhielt er als Oberst die Stellung als Chef des Generalstabs beim dritten Corps und wurde nach Frankfurt a./O. versetzt. Erst 1842 kehrte er als Commandeur der ersten Gardelandwehr-Brigade nach Berlin zurück; 1844 avancirte er zum General-Major, 1849 zum General-Lieutenant; er trat in die unmittelbare Umgebung Friedrich Wilhelms IV.; 1850 wurde er zum General-Adjutanten ernannt. Schon Ende 1848 war sein Einfluß auf den König ein festigender gewesen; während der schweren Tage der nothwendigen Reaction im November stand er mit seinem Bruder Ludwig und mit dem General-Adjutanten v. Rauch dem Könige mannhaft zur Seite. Getreu seinen Grundsätzen, die er stets offen und unzweideutig bekannt hatte, die sich indessen nicht mit denen des Ministers Manteuffel identificiren lassen, wirkte er während der weiteren Entwickelungen für die Rechte der Consessionen, für die Duldung der Katholiken im ausgezeichnetsten Sinn, ohne daß man durch Unterhandlungen mit ihrem unabhängigen kirchlichen Oberhaupte Verbindlichkeiten gegen dasselbe übernähme und sie als Macht anerkennte. Er kämpfte für eine auf biblische Grundlage zurückzuführende Ehegesetzgebung, sodann innerhalb der deutschen Politik gegen die Unionsbestrebungen des Ministers Radowitz und gegen den durch dieselben sich als unabwendbar aufdrängenden Krieg gegen Oesterreich. Er glaubte als Anhänger der heiligen Allianz, und dem Kaiser Nicolaus, welchem er schon bald nach dessen Thronbesteigung 1826 näher getreten war, persönlich ergeben, in einem Zusammengehen Preußens mit Rußland sowol das Gleichgewicht gegen die revolutionäre Umgestaltung der preußischen äußeren und deutschen Beziehungen, als die Stärkung gegen die Ueberwältigung im Inneren durch den Liberalismus zu finden. Er war aber der ausgesprochene Feind einer Hegemonie des russischen Absolutismus und trat während des Krimkriegs entschieden für eine unabhängige Haltung Preußens ein. Gegenüber den mannigfachen und unklaren Strömungen, die innerhalb der Umgebung Friedrich Wilhelms Platz fanden, wußte G. mit Schärfe seinen Standpunkt aufrecht zu erhalten. Er war ein Gegner allen Junkerthums; mit seinen Brüdern vertrat er den Wahrspruch: noblesse oblige in prägnantester Weise. Die Erkrankung des von ihm innig verehrten und ihm wiederum als Freund zugewandten Königs ergriff G. gemüthlich um so mehr, als er zugleich die ihm sehr gewogene treue Pflegerin ihres Gatten, die Königin Elisabeth, leiden sah. Er wurde 1859 zum General der Infanterie befördert. Nachdem am 2. Januar 1861 der Tod Friedrich Wilhelms eingetreten, war G. der Erste, dem König Wilhelm für die treuen Dienste, die er dem Bruder geleistet, Dank sagte. Acht Tage später starb auch G. zu Potsdam an den Folgen der Kopfrose, deren Entstehung unter dem steten Druck des Helms während der Wache am königlichen|Sarge G. trotz der Mahnungen der Aerzte nicht beachten wollte; er fand seine Ruhestätte neben der vorangegangenen Gattin, einer geborenen Gräfin Küssow auf dem Familiengute Rohrbeck.

  • Autor/in

    v. Hartmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hartmann, von, "Gerlach, Leopold von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 16-19 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538705.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA