Lebensdaten
um 1450 bis 1513
Geburtsort
Worms (?)
Sterbeort
Nürnberg
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118534211 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Folz, Hans
  • Barbierer, Der
  • Der Barbierer
  • mehr

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Zitierweise

Folz, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534211.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    1) Agnes ( 1499), 2) Elsbet (lebte 1515 noch).

  • Leben

    Nach eigener Angabe stammte F. aus Worms. Spätestens seit 1479 lebte er als Barbier und Meister der Wundarzneikunst in Nürnberg. Seine Schriften verraten beachtliche Kenntnisse auch in Spezialgebieten der akademischen Medizin. Als Dichter war F. wohl mehr aus eigenem Antrieb tätig, wenngleich Teile des umfangreichen Werkes und selbst Meisterlieder nach honorierter Auftragsarbeit aussehen. 1479-88 druckte und verlegte er eigene Werke als Broschüren. Neben Sprechdichtungen in Reimpaaren (Sprüchen) medizinisch-naturwissenschaftlichen Inhalts, denen ein Traktat über die Pest – F.s einziges bekanntes Prosawerk – nahesteht, verfaßte er andere mit ökonomischen, moralischen oder katechetischen und dogmatischen Überlegungen und Anweisungen; weitere gehören dem Typ der Minnerede, dem historisch-politischen oder dem volkstümlich-scherzhaften Genre (Klopfan, Rätsel und andere) an. Für F. innerhalb kompilatorischer Anlage formal wie dramatisch kunstfertig gestaltete Fastnachtspiele, von denen 7 namentlich für ihn bezeugt sind, ist „Salomon und Markolf“ (Bearbeitung des Volksbuches, spätestens 1494) beispielhaft. Mit Anzeichen sozialer Stellungnahme, handlungsförderndem Dialog, Plastizität der Personen, Hereinnahme realer Zeit und Gewinn an innerer Wahrscheinlichkeit leitet es zum Typus des H. Sachs über, die Strukturen des älteren Aufzugsspieles dabei jedoch weniger aufgebend als kunstgerecht ausbauend. Tanzschlüsse binden F. Spiele ins Fastnachtstreiben zu- rück. Am eindrucksvollsten entfaltet sich sein unbestreitbares poetisches Talent in den Erzählungen, vor allem in den 19 im sprachlichen Kolorit derben Schwankmären, die zu den besten mittelalterlichen Beispielen der Gattung gehören. Mehr noch als in den Spielen besitzt F. hier einen sicheren Blick für die Möglichkeiten szenischer und dramatischer Ballung. – Die unter dem Namen F. edierten Meisterlieder sind zum größten Teil für ihn gesichert, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Lieder 89-94, in denen das Dogma von der Alleingültigkeit der Töne (Versschema und Melodie zugleich) der „zwölf alten Meister“ angefochten wird; das Entstehen zahlreicher neuer Töne im Meistergesang wie auch im weltlichen Kunstlied ist vermutlich die Folge. Im fürwurf (Herausforderung zum Sangeswettstreit) zeigt F., eine streitbare Natur von ausgeprägtem Auftrags- und Selbstbewußtsein, die Fähigkeit zu ironischer wie aggressiver Polemik, deren schlagkräftige Pointen bis zum Fäkalischen gehen. Die Liedtypen Bispel, Minnerede und Tagelied bestätigen seine erzählerischen Gaben. In der Mehrzahl dienen die Meisterlieder dem Marienpreis und – teilweise in selbständiger Umsetzung epigonaler Mystik – der geistlichen Unterweisung. Die Lehrgespräche über die Trinität wendet F. stärker zu Dialog und Dialektik, das beweren der reinen Geburt bildet er planvoller und folgerichtiger zum formgebenden Faktor von Liedern und Liedreihen aus als seine Zeit- und Schulgenossen. Ihnen war F. an Reim- und Wortkunst, Wissen und Formkraft durchaus überlegen. Auch dem größeren Nachfahren H. Sachs galt er als „durchleuchtig poet“.

  • Werke

    in Neuausgg.: Fastnachtspiele aus d. XV. Jh., hrsg. v. A. v. Keller, 1853 ff. (enthält auch Sprüche);
    Die Meisterlieder d. H. F., hrsg. v. A. L. Mayer, 1908;
    Klopfan, Beichtspiegel u. a. in: Lyrik d. späten MA, hrsg. v. H. Maschek, 1939, S. 259-96;
    H. F., Die Reimpaarsprüche, hrsg. v. H. Fischer, 1961;
    H. F., Auswahl, bearb. v. I. Spriewald, 1960 (Meisterlieder, Fastnachtspiele u. Sprüche nach Originaldrucken d. H. F., S. 259-71 Chronologie d. Drucke; P). – Melodien einzelner Meisterlieder
    in: Das Singebuch d. Adam Puschmann, hrsg. v. G. Münzer, 1906 (Auswahl);
    Kettenton (Text v. J. Spreng), in: A. Schering, Musikgesch. in Beispielen, 1931, Nr. 79.

  • Literatur

    ADB VII;
    G. W. K. Lochner, Urkk. H. F. betr., in: Archiv f. Lit.gesch. 3, 1874, S. 324-29;
    U. Hellmann, Die naturwiss. Lehrgedichte d. H. F., Diss. Berlin 1920 (ungedr.), Auszug in: Jb. d. Diss. d. Phil. Fak. Berlin 1919/20, 1921, S. 153-61;
    W. Hofmann, Stilgeschichtl. Unterss. z. d. Meisterliedern d. H. F., 1933 (L);
    R. Henss, Stud. z. H. F., 1934 (L);
    B. Nagel, Der dt. Meistersang, 1952;
    Ch. Petzsch, Hofweisen, in: Dt. Vjschr. 33, 1959, S.|414-45;
    ders., Meisterlieder d. H. F. (in Vorbereitung);
    E. Catholy, Fastnachtspiele d. Spät-MA, 1961 (S. 13-138 Analyse d. „Salomon u. Markolf“ v. H. F.; L);
    I. Spriewald, H. F. – Dichter u. Drucker, in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. (Halle) 83, 1961;
    H. Oppenheim, in: Vf.-Lex. d. MA I (L, Nachtrag in V). – Mitt. v. Hanns Fischer, München.

  • Portraits

    Zeichnung v. Hans Schwarz (Identität u. Zuweisung nicht gesichert) (Berlin, Kupf.kab.), Abb. b. Spriewald, s. W.

  • Autor/in

    Christoph Petzsch
  • Empfohlene Zitierweise

    Petzsch, Christoph, "Folz, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 288-289 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534211.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Folz: Hans F., Dichter des 15. Jahrhunderts; zu Worms geboren, lebte und dichtete er in Nürnberg etwa von 1470 bis nach 1490. Er war seines Zeichens Barbier, was in damaliger Zeit so viel wie Wundarzt besagte. Wahrscheinlich besaß er eine Druckerei, in der er selbst seine Sachen druckte; am Schlusse des Spruchs von einem griechischen Arzt steht: „gedruckt von Hansen Folzen, Barwirer zu Nurmberg“. Daß er im Alter noch evangelisch geworden, ist eine unverbürgte Nachricht; wir wissen nicht einmal, ob er die Reformation noch erlebt hat. Seine Dichtungen zerfallen in Meistergesänge, Spruchgedichte und Fastnachtspiele. Die Zahl der erhaltenen Meistergesänge ist nicht groß, sie sind sämmtlich in den Tönen älterer Meister gedichtet. Die ihm von Wagenseil beigelegten, von ihm erfundenen Töne, wie die zehnreimige Feilweise, der achtzehnreimige Baumton, sind aus den Handschriften und alten Drucken nicht belegt. Bei den Meistersängern späterer Zeit stand er in hohem Ansehen: Hans Sachs und Wagenseil rechnen ihn zu den 12 alten großen Meistern. Eins seiner Lieder ist ein Preis des Meistergesanges und ein Anruf des Dichters an die werthen Sänger, seine Grobheit zu entschuldigen und ihn als Schüler aufzunehmen, also wohl aus seiner frühesten Zeit. Ein anderes streift in das Gebiet des Schwankes und erzählt von einer Frau, die ihren zweiten Mann begräbt und die Träger bittet, nicht bei einem gewissen Baume auszuruhen, bei welchem|ihr erster Mann vom Tode erwacht sei. Die Spruchgedichte haben sämmtlich die altüberlieferte Form der Reimpaare, nach Silben gezählt, dieselbe Form, die auch die Fastnachtspiele tragen. Sein Versbau ist weniger roh als der seines Vorgängers Rosenplüt und seine Reime etwas besser. Die Einkleidung der Sprüche ist sehr häufig die, daß erzählend angefangen und dann in Gespräch übergegangen wird. Die behandelten Gegenstände gehören mehr dem Privatleben als dem öffentlichen Leben an. Mehrere derselben sind von besonderem culturhistorischem Interesse: so sein „Confectbuch“, eine Beschreibung von zwölf Spezereien; sodann die Beschreibung von verschiedenen Heilquellen (Wildbädern); das Gedicht von allem Hausrath, das ein anschauliches Bild der bürgerlichen Hauseinrichtung gibt. Historische Gegenstände hat er nur selten behandelt: so die Collation Maximilians (1491), worin die bei Gelegenheit des in Nürnberg gehaltenen Reichstages veranstalteten Festlichkeiten geschildert sind, im Stile der Pritschenmeister; kaum gehört hieher der Spruch vom Ursprung des römischen Reiches (1480). Geistliche und biblische Gegenstände finden sich gleichfalls nicht häufig: so in der „Buße Adams und Eva's" (1480), in dem „Beichtspiegel" (1473), worin die Beichte ernst und würdig behandelt ist, während in der „gedichten Beicht“ die Parodie herrscht, indem der Beichtende den Beichtiger durch Zweideutigkeiten äfft. Auch in dem Gespräche zwischen „Freiheit und Pfaffen“ herrscht dieser parodistische Ton über die Beichte. Das Kampfgespräch mit einem Juden (1479) handelt von den Vorzügen des Christenthums vor dem Judenthum. In Sprüchen wie in Schwänken liebt es F. verschiedene Stände zu charakterisiren; meistens in derb verhöhnender Weise. So enthalten der Spruch von einem griechischen Arzt und die erste Ausfahrt eines Arztes eine Verhöhnung der Quacksalberei, die er aus seinem eigenen Handwerke wohl kannte. In andern Sprüchen und Schwänken wird der sehnsüchtige Liebhaber, der Trunkenbold, der Spieler verspottet und charakterisirt, mit besonderer Vorliebe die Frauen. Bei allem Zotenhaften macht sich aber nicht selten auch ein sittlicher Ernst bemerkbar, der zu jenen Zoten einen seltsamen Gegensatz bildet. Eine Anzahl kleinerer Gedichte führt den Namen „Klopfan"; es sind Neujahrsgrüße, in denen der Dichter Leute aus verschiedenen Ständen und von verschiedenem Charakter zum Anklopfen einladet, worauf er ihnen in seiner derben Weise Bescheid gibt. Auch Räthsel hat F. gedichtet: eins vom Kapaun, das parodirend an Christi Leben anknüpft. Seine Schwänke sind sehr derb und schmutzig; sie behandeln vielfach Gegenstände, die schon in älteren Bearbeitungen bekannt sind und bei denen wir die fortschreitende Roheit des Geschmacks und der Sitten beobachten können. So „Die halbe Birne", „Der Juden Messias", „Von drei Weibern, die einen Borten fanden“ etc. In der Mitte zwischen Spruch und Drama steht der „Kargenspiegel“ (1480), ein Gespräch zwischen einem Reichen und einem Armen. Die Fastnachtspiele endlich, deren ihm mit Sicherheit sieben beigelegt werden dürfen, sind ebenfalls von der größten Derbheit und voll von Zoten und Unflat. Ein Lieblingsthema von F. ist die Verspottung des Bauernstandes: damit haben es die Stücke Nr. 7, 43, 112 in Keller's Sammlung zu thun. In einem andern „Von der alten und neuen ee“ ist es wieder der Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum und es tritt darin der Judenhaß des Dichters in der ganzen Bornirtheit des Mittelalters zu Tage. Ein anderes behandelt das Streitgespräch zwischen Salomo und Marcolf in der größten Derbheit. Im Vergleich mit Rosenplüt zeigen Folz's Fastnachtspiele einen gewissen Fortschritt und tragen eine schon etwas gebundenere Gestalt. F. ist daher in höherem Grade als Rosenplüt von Einfluß auf H. Sachs gewesen, der im Schwank wie im Fastnachtspiel sich an F. geschult, freilich ihn weit übertroffen hat. Auch die äußere Eigenthümlichkeit haben beide gemein, daß sie am Schluß ihrer Dichtungen sich mit Namen|nennen, F. freilich nicht so regelmäßig. Das Eigenthumsrecht muß von der Kritik bei den keinen Namen tragenden Gedichten noch festgestellt werden.

    • Literatur

      Vgl. insbesondere Keller's Fastnachtspiele 3. Band, Stuttgart 1853, und Nachlese dazu 1858. Goedeke's Grundriß S. 99 ff.; Zeitschrift für deutsches Alterthum 8, 507 ff.; 537 ff.

  • Autor/in

    K. Bartsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bartsch, Karl, "Folz, Hans" in: Allgemeine Deutsche Biographie 7 (1878), S. 151-153 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534211.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA