Lebensdaten
um 1565 oder 1570 bis 1616
Geburtsort
Büdesheim (Wetterau)
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Anführer des Frankfurter Aufstandes ; Schreiber ; Lebküchler ; Frankfurter Bürger
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118532685 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Fettmilch, Vincenz
  • Fettmilch, Vinzenz
  • Fettmilch, Vincenz
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Zitierweise

Fettmilch, Vinzenz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532685.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus hess. Beamtenfam.;
    V vermutl. Reinhard, 1562-1602 Untergräfe u. reisiger Diener d. Burg Friedberg in B., seit 1602 Bürger in F.;
    Frankfurt/Main 8.10.1593 Catharina Schiele;
    2 S, 8 T.

  • Leben

    F. hat wohl bessere Schulbildung genossen, wenngleich nur sein Bruder studiert hat (Marburg 1598). Nach einigen Soldatenjahren und seiner Heirat läßt F. sich in Frankfurt (Bürger 1593) als Schreiber nieder und bewirbt sich 1595 als Spital-Aktuar, tritt dann aber als Lebküchler in die Zunft der Fettkrämer ein. Der patrizische Rat der Reichsstadt hat durch kurzsichtige Politik, verfehlte Spekulationen, Günstlingswirtschaft, Bevorzugung der Juden und Steuerbelastung den Unwillen der Bürgerschaft erregt und verweigert hochmütig die Verlesung der Privilegien anläßlich der Krönung Kaiser Matthias' 1612. Die Zünfte fordern einen die Rats- und Bürgerrechte gleicherweise umfassenden Vertrag und setzen unter Führung F.s, der jetzt als Leiter des Aufstandes offen hervortritt, den patrizischen Rat ab, an dessen Stelle nun Beauftragte der Bürgerschaft gewählt werden. F. gehört nicht zum neuen Rat, bleibt aber Haupt der Bewegung, wobei ihn Beredsamkeit, Kenntnis der städtischen Verwaltung und Entschlußkraft auszeichnen. Nach außen gilt er als Mann des Volkes, aber dem ränkevollen Advokaten Dr. Niklas, Nikolaus Weitz, dem geheimen Lenker der Ereignisse, ist er ebensowenig gewachsen wie der radikalen Richtung der Aufständischen. So kann er nicht verhindern, daß diese, unterstützt von fremden Handwerksgesellen, am 22.8.1614 die Judengasse stürmen und plündern. Er muß sich sogar selbst an diesem Gewaltakt beteiligen, der den Wendepunkt des Aufstandes darstellt: am 28.9.1614 verfällt F. der Reichsacht, er wird am 27.11.1614 durch den Zeugherrn Johann Martin Baur (von Eyßeneck), der früher mit den Aufständischen sympathisiert hatte, verhaftet und nach dem Urteil des wieder zur Macht gelangten patrizischen Rates mit anderen Anführern hingerichtet; seine Familie wird verbannt. Ohne politischer Märtyrer zu sein, hat F. doch in der Geschichte der mehrfachen Aufstände der Frankfurter Bürgerschaft gegen die Willkür des Patriziats eine erhebliche Rolle gespielt.

  • Literatur

    ADB VI;
    Diarium hist., Frankfurt 1616, S. 337;
    E. Heyden, Gal. berühmter Frankfurter, 1861, S. 275;
    K. C. Becker, in: Archiv f. Frankfurts Gesch., NF 2, 1862, S. 71 ff., bes. 161 f.;
    G. L. Kriegk, Gesch. v. Frankfurt, 1871, S. 237 ff.;
    O. Speyer, Die Frankfurter Rev. unter V. F., 1883;
    J. B. Levy, Das Vinzenz-Lied, 1916;
    F. Bothe, Frankfurts wirtsch. Entwicklung vor d. 30j. Kriege u. d. F.-Aufstand, 1920;
    A. Dietz, Frankfurter Handelsgesch. II, 1921, S. 73-97;
    I. Kracauer, Gesch. d. Juden in Frankfurt I, 1925, S. 358 ff., bes. 385 ff.; dichter. Bearb.:
    A. Stoltze, V. F., Drama in 5 Aufzügen, 1927.

  • Quellen

    Qu.: Stadtarchiv Frankfurt, bes. Hs. F. Bothe, F.-Aufstand.

  • Portraits

    Zeichnungen d. Erstürmung d. Judengasse u. d. Hinrichtung F.s v. L. Schimmel, 1614–16, Abb. in: F. Hottenroth, Altfrankf. Trachten, 1912, S. 358-64;
    W. Kramer u. F. Lerner, Bilder z. Frankfurter Gesch., 1950, Nr. 79 u. 80.

  • Autor/in

    Heinz F. Friederichs
  • Empfohlene Zitierweise

    Friedrichs, Heinz F., "Fettmilch, Vinzenz" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 105 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532685.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Fettmilch: Vincenz F. wurde zu Büdesheim in Hessen geboren, doch ist sein Geburtsjahr nicht zu ermitteln gewesen. Sein Vater war wahrscheinlich ein gewisser Reinhold F., welcher zu Rauschenberg in Obersachsen geboren und als Untergräf und reisiger Diener der Burg Friedberg 40 Jahre hindurch zu Büdesheim ansässig war und seiner Religion nach zur reformirten Kirche sich bekannte. Im J. 1602 wurde dieser Frankfurter Bürger. Vincenz wurde schon neun Jahre früher auf die Verheirathung mit einer Bürgerstochter Heinrich (1593) zu Frankfurt a. M. Bürger. Er war gleich dem Vater Soldat, hatte es bis zum Unterofsicier gebracht und soll einen Krieg mitgemacht haben. Als er jedoch sich zum Bürger einschreiben ließ, betrieb er das Gewerbe eines|Schreibers, nicht eines gewöhnlichen Copisten, denn er machte für andere Leute schriftliche Eingaben etc., was eine mehr als gewöhnliche Schulbildung voraussetzt; auch als ein weiterer Grund, daß er einen besseren Jugendunterricht genossen, mag sich aus dem Umstand ergeben, daß auch sein Bruder Johann Eitel sich der Jurisprudenz gewidmet und die Würde eines Licentiaten der Rechte erworben hatte und sich im November 1611, wenn auch vergebens, um die Rathsschreiberstelle beworben hatte. Vincenz F. betrieb das Schreibergeschäft mehrere Jahre hindurch und bewarb sich 1595, doch ebenfalls vergeblich, um das Actuariat des heiligen Geistspitals. Wahrscheinlich konnte er sich und seine Familie nicht länger als Schreiber ernähren und so ward er denn Kuchenbäcker und Lebküchler und trat somit in die Zunft der Fettkrämer ein. In dem durch die Zünfte veranlaßten bedeutenden Anfstand von 1612—16 gegen die überwiegende Herrschaft der Patricier zu Frankfurt a. M. spielte er eine bedeutende Rolle. Auch sein Bruder Johann wird im Laufe dieses Aufruhrs genannt. Zum ersten Male in der Geschichte des Aufstandes tritt er im Juni 1614 auf, wo er in einer Eingabe an den Rath dem zurücktretenden Consulenten der Bürgerschaft Dr. Deichmann von Marburg eine Bescheinigung seines rechtmäßigen Verhaltens ausstellt. Im August 1614 wird dann von dem damaligen Bürgermeister Johann Hartmann Beyer einigen Bürgern, welche ihn um den Vorschlag eines tüchtigen Rechtsconsulenten für die Bürgerschaft gebeten hatten, Johann F. als ein friedfertiger Mann „welcher viel Gutes ausrichten könne“ empfohlen. Am 29. August 1614 wurde er als Interimsmitglied und als Schöffe in den Rath aufgenommen, wollte aber am 27. Sept. desselben Jahres seine Entlassung aus demselben nehmen, als gegen seinen Bruder die erkannte Achtserklärung verkündigt wurde, doch erhielt er damals dieselbe nicht, sondern trat erst am 1. Dec. mit noch mehreren Interimsmitgliedern aus dem Rathe aus. Im Jan. 1615 wurden auf Befehl der Untersuchungscommission seine Papiere mit Beschlag belegt, doch war er damals nicht mehr in Frankfurt anwesend. Im April desselben Jahres erbat er, wahrscheinlich die ihm drohende Gefahr ahnend, vom Rathe die Erlaubniß, unbeschadet seiner Bürgerrechte außerhalb der Stadt Frankfurt wohnen zu dürfen, und um auch seine auswärtigen Consulentengeschäfte besorgen zu können. Er erhielt diese Erlaubniß auch vom Rathe, wurde aber nichts destoweniger am 24. Mai 1615 festgenommen und bis zum 29. Febr. 1616 in Rüsselsheim gefangen gehalten. An jenem Tage wurde er, kraft des über ihn gefällten Urtheilsspruches, aus dem Gebiete der Stadt Frankfurt, sowie aus dem ganzen deutschen Reiche verbannt und zu dem eidlichen Versprechen gezwungen, sich künftighin des Advocirens und Consultirens zu enthalten. Ueber sein späteres Schicksal ist nichts bekannt geworden. Vincenz F. dagegen wurde noch vor dem Ausbruch des Aufstandes der Falschmünzern angeklagt, welches Verbrechen sich jedoch ihm nicht beweisen ließ, doch stand fest, daß er sich an dem neu ausgebrochenen Aufruhr sehr stark betheiligte, so daß schon 29. Aug. 1614 die Achtserklärung gegen ihn erlassen wurde. Seine am 27. November erfolgte Verhaftung war nur dem persönlichen Muthe des Schöffen und Zeugherrn Hans Martin Baur v. Eyseneck zu danken, der solche unter großer persönlicher Gefahr zu Stande brachte, denn F. hatte sich in seinem Hause verschanzt und leistete den stürmenden Stadtsoldaten einen heftigen Widerstand, doch konnte er sich auf die Länge der Zeit nicht halten und mußte sich ergeben. Es wurde ihm der Proceß gemacht und nach Urtheilsspruch der kaiserlichen Commission vom 28. Febr. 1616 nebst zwei anderen Rädelsführern Konrad Gerngroß und Konrad Schopp auf dem Roßmarkt zu Frankfurt a. M. der Kopf abgeschlagen.

    • Literatur

      Vgl. Diarium historicum. Francofurti ad M. 1616. Lesner's Chronik von Frankfurt. Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Neue Folge Band II. Kriegk, Geschichte von Frankfurt a. M.

  • Autor/in

    Kelchner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kelchner, Ernst, "Fettmilch, Vinzenz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 728-729 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532685.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA