Lebensdaten
1828 bis 1883
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Architekt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118532634 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ferstel, Johann Heinrich Ritter von
  • Ferstel, Heinrich von
  • Ferstel, Johann Heinrich Ritter von
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Zitierweise

Ferstel, Heinrich von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532634.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ignaz (1796–1866), Vorstand d. Prager Nationalbank in W., S d. herrschaftl. Bedienten Philipp aus Pest;
    M Antonia Anna (1803–89), T d. Glashändlers Anton Emanuel Stache;
    Om Frdr. v. Stache (1814–95), Architekt (s. ThB);
    Prag 1856 Charlotte Fehlmajer (1834–1922), T e. Finanzbeamten;
    5 S, 1 T, u. a. Max (1859–1936, Architekt, Prof. a. d. TH Wien (s. ÖBL), Marianne ( Zdenko Frhr. v. Forster, 1860–1922, österr. Eisenbahnmin., s. ÖBL).

  • Leben

    F. besuchte in Wien das Polytechnische Institut bis 1847 und zwischen 1845 und 50 die Akademie der Bildenden Künste, wo er zuerst die Malerschule unter L. Kupelwieser und J. N. Ender, ab 1847 die Architekturschule absolvierte: hier waren K. Roesner, E. van der Nüll und A. Siccardsburg seine Lehrer. Sie wiesen ihn in die romantische Richtung der Architektur, deren Synkretismus verschiedenster Stilformen er vor allem im sogenannten Rundbogenstil des Wiener Bank-|und Börsengebäudes zeigt. Seine schon während des Studiums an der Akademie erhobene Forderung nach ausgeprägter Form, welche er der dekorativen Einstellung van der Nülls und Siccardsburgs entgegenstellt, führt ihn jedoch frühzeitig zur Überwindung der Romantik. Er ist mitbeteiligt an der Ausbildung des Historismus mit seiner konsequenten Durchdringung des Bauwerkes mit den Formen jeweils eines einzelnen der geschichtlichen Stile, unter anderem die neugotische Votivkirche in Wien (1854–79). Ein Stipendienaufenthalt in Italien (1855) bringt ihn mit der Antike und der Renaissancekunst in näheren Kontakt. Die Wendung zum klassischen Stil erfolgt mit dem Palais Ludwig Viktor (Wien, 1863-69) und bestimmt fortan in überwiegendem Maße F.s Schaffen. Es folgen das Österreiche Museum für Kunst und Industrie (1866–71) und das Chemische Institut der Wiener Universität (1868–72) als Backsteinbauten im Frührenaissancestil, ferner die Universität selbst (1871-84) und der mit „Bramante“ gekennzeichnete Entwurf für das Berliner Reichstagsgebäude (1882). In den beiden letztgenannten Werken bedient er sich der Formen der italienischen Hochrenaissance am reinsten, doch zeigen sie bereits in der Grundrißlösung die den Historismus kennzeichnende Problematik geschichtlicher Vorbilder für die neuen Forderungen des monumentalen Zweckbaues. – F. ist nach G. Semper und neben Th. Hansen, F. von Schmidt und K. Freiherr von Hasenauer der bedeutendste Vertreter der historisierenden Wiener Ringstraßenarchitektur der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1866 ordentlicher Professor für Hochbau am Wiener Polytechnischen Institut, 1871 Oberbaurat.

  • Werke

    Weitere W u. a. Entwurf f. d. Breitenfelder Kirche Wien, 1852 (nicht ausgef.);
    Schloß Nostitz b. Türmitz Bez. Aussig, Böhmen, 1852-57;
    Bank- u. Börsengebäude Wien, 1855-60;
    Villa Wisgrill b. Gmunden/Traunsee, 1860-61;
    Wohnhaus Pollak Wien, 1860-62;
    Entwurf f. d. Ungar. Ak. d. Wiss. Budapest, 1861 (nicht ausgef.);
    Kath. Kirche Teplitz-Schönau, Böhmen, 1861-77;
    Ev. Kirche Brünn, 1862-67;
    Villa Ferstel Wien, 1864;
    Palais Wertheim Wien, 1864-68;
    Entwürfe f. d. Wiener Parlament, 1865 (nicht ausgef.);
    Entwurf f. d. Wiener Hofmuseen 1866-67 (nicht ausgef.);
    Gartenpalais Liechtenstein Wien, 1873-75;
    Kunstgewerbeschule Wien, 1873-77;
    Administrationsgebäude d. Österr.-Ungar. Lloyd Triest, 1879-83;
    Rathaus Tiflis (UdSSR), 1880-84;
    Hochaltar d. Wiener Schottenkirche, 1882 f. – Schrr.: Das bürgerl. Wohnhaus u. d. Wiener Zinshaus, 1860 (mit R. Eitelberger);
    Rede gehalten b. d. feierl. Inauguration d. Rektors d. k.k. TH in Wien, 1880;
    Üb. Styl u. Mode, 1883;
    vollst. Verz. b. N. Wibiral (s. L).

  • Literatur

    ADB 48;
    C. v. Vincenti, H. v. F., in: Wiener Kunstrenaissance, Stud. u. Charakteristiken, 1876, S. 93 ff.;
    R. Eitelberger, H. F. u. d. Votivkirche, in: Gesammelte Kunsthist. Schrr. I, 1879, S. 271 ff.;
    A. Köstlin, H. Frhr. v. F.s Tod, Rückblick auf dessen Leben, in: Försters Allg. Bauztg. 48, 1883, S. 81 ff.;
    E. Ranzoni, H. Frhr. v. F., in: Wiener Bauindustrieztg. I, 1883, Nr. 19, S. 145 ff.;
    Festschr. b. Gelegenheit d. feierl. Enthüllung d. Denkmals H. Frhr. v. F.s im k.k. Österr. Mus. f. Kunst u. Ind., 1884;
    C. v. Lützow, H. Frhr. v. F., Ein Gedenkbl., 1884;
    ders., in: Zs. f. Bildende Kunst 20, 1885, S. 1 ff.;
    Festschr. z. feierl. Enthüllung d. Büste H. Frhr. v. F.s in d. Univ. zu Wien, 1886;
    L. Hevesi, österr. Kunst im 19. Jh., 1903, S. 125 f., 141 ff., 153 ff., 274;
    Othmar v. Leixner, in: Der Baumeister 3, 1905, S. 73-78;
    M. Dreger, Zum 100. Geburtstag H. Frhr. v. F.s, in: Zs. d. österr. Ingenieur- u. Architektenver., 1928, H. 27/28;
    N. Wibiral, H. v. F. u. d. Historismus in d. Baukunst d. 19. Jh., Diss. Wien 1952 (W, L, ungedr.);
    Wurzbach IV;
    ThB.

  • Portraits

    2 Büsten v. Tilgner, 1884 (Wien, Kunstgewerbemus.), 1886 (Univ. Wien).

  • Autor/in

    Norbert Wibiral
  • Empfohlene Zitierweise

    Wibiral, Norbert, "Ferstel, Heinrich von" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 100-101 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532634.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ferstel: Heinrich von F., geboren in Wien am 7. Juli 1828, daselbst am 14. Juli 1883. — Die baukünstlerische Entwicklung der größeren deutschen Städte von den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts angefangen Verläuft, dem verschiedenartigen Geschmacke und dem verschiedenen Temperament ihrer Bewohner entsprechend, in stark divergirenden Richtungen; nur Eines war allen gemeinsam: die starke Abneigung gegen die officielle Architektur der staatlichen Baubehörden, die durch mehrere Decennien jede freie künstlerische Bethätigung unterdrückt und deren destructive Wirkung allerorts deutliche Spuren hinterlassen hatte.

    In Berlin hatte der große Schinkel zuerst sein Reformwerk auf antiker Basis begonnen; in München experimentirte ein hochgesinnter und kunstbegeisterter König mit allen Stilarten, vom classisch-antiken angefangen bis zur Renaissance, so jene eklektische Bewegung vorbereitend, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast für die ganze continentale Architektur bestimmend wurde; Wien folgt erheblich später den, von Deutschland ausgehenden Impulsen, entwickelt sich aber namentlich seit dem Fall der Stadtmauern um so rascher, die concurrirendenden Städte bald überflügelnd und einige Decennien lang auf baukünstlerischem Gebiete eine Art Führerrolle übernehmend. Dieser glanzvollen Epoche drückten vornehmlich drei Künstler ihren Stempel auf: der Däne Hansen, der Schwabe Schmidt und der Wiener Ferstel, verschieden an Alter, Bildungsgang und Stammesangehörigkeit, alle drei aber in ihren Werken in ganz unvergleichlicher Weise jenen eigenthümlichen Wiener Localton treffend, der jeden Fremden, welcher zum ersten Mal Wiener Boden betritt, überrascht.

    Heinrich v. F. wurde zu Wien am 7. Juli 1828 geboren und durchlief seine Schulen zu einer Zeit, in welcher die, vom Rheine kommende Romantik auch den Wiener Boden gewann. Nach Absolvirung des Polytechnikums, einer technischen Mittelschule, bezog F. die Architekturschule der Wiener Akademie und genoß daselbst den Unterricht der ausgezeichneten Lehrer van der Null und Siccardsburg. Das Jahr 1848, an dessen stürmischer Bewegung F. mit jugendlicher Begeisterung Antheil nahm, brachte wol für kurze Zeit eine Unterbrechung in seine Studien; doch konnte F. schon im J. 1851 die Akademie|verlassen und in das Atelier seines Onkels Friedrich Stache eintreten, mit dem er — namentlich in Böhmen — eine Anzahl Burgen und Schlösser baute und restaurirte. Volle Selbständigkeit brachte ihm die internationale Concurrenz zur Votivkirche in Wien, an der sich die bedeutendsten Künstler Oesterreichs und Deutschlands in großer Zahl betheiligten. Der 25jährige Künstler errang mit seinem Entwurf den ersten Preis, den Ausführungsauftrag und trotz seiner Jugend mit einem Schlage eine geachtete Stellung in der europäischen Künstlerschaft. — Ein Vierteljahrhundert später vollendet der reife Mann das Werk, das der Jüngling ersonnen und das seinen Namen populär gemacht hatte. — In neuen siegreichen Concurrenzen erhielt er den Bau des Bankgebäudes in der Herrengasse, das er in freibehandelten romanischen Formen ausführte, der protestantischen Kirche in Brünn und der katholischen Kirche in Teplitz-Schönau, welch' beide gothische Formen zeigen. Auch in den preisgekrönten Projecten für das Wiener Schützenhaus und die Akademie der Wissenschaften in Pest sowie in einer größeren Anzahl von Wohnhaus- und Villenbauten in Brünn, Wien und Umgebung u. a. O. zeigt sich F. noch durchaus als Romantiker. Zahlreiche Reisen aber nach Italien und längere, eifrigen Studien gewidmete Aufenthalte daselbst brachten ihn der italienischen Renaissance näher und vollzogen in ihm die Wandlung, die fast alle Baukünstler dieser Zeit durchzumachen hatten; bald stand er als reifer Meister an der Spitze der neuen Richtung und errichtete eine Reihe glanzvoller Bauten in den Formen der italienischen Früh- und Hochrenaissance: das Palais des Erzherzogs Ludwig Victor und die Gruppe des Palais Wertheim am Schwarzenbergplatz; das österreichische Museum (vollendet 1871) mit seinem imposanten Arkadenhof, die Kunstgewerbeschule und das chemische Laboratorium der Wiener Universität, in welchen Werken sich F. als genauer Kenner des ober- und mittelitalischen Backsteinbaues erwies; den Sommersitz des Erzherzogs Karl Ludwig in Wartholz bei Reichenau N.-Oe.; das Staatsgymnasium in der Wasagasse zu Wien; das Winterpalais des Erzherzogs Ludwig Victor in Kleßheim bei Salzburg; von der Mitte der 60er bis zu Beginn der 80er Jahre eine lange Reihe von Miethpalästen, zu denen sich F. trotz seiner ausgesprochenen Vorliebe für das Einzelwohnhaus verstehen mußte; den Bau des Administrationsgebäudes des österreichischen Lloyd (1880—1883) in Triest, dessen Vollendung F. ebensowenig erleben sollte, wie die seines zweiten Hauptwerkes, des Universitätsgebäudes, das im Winter 1871—72 in Italien entworfen und dessen Bau im J. 1873 begonnen wurde.

    Ferstel's Bauthätigkeit beschränkte sich keineswegs auf Wien und Oesterreich; von seinen auswärtigen Bauten seien nur das Rathhaus in Tistis erwähnt und eine gewaltige katholische Domkirche, die er im Auftrag eines reichen englischen Aristokraten nach dem Vorbilde der Votivkirche in London erbauen sollte; ein jäher Tod — er starb am 14. Juli 1883 nach kaum vollendetem 55. Lebensjahr — unterbrach die Verhandlung über die Ausführung der bereits vollendeten Bauskizzen.

    Aber nicht nur als Architekt, sondern auch als akademischer Lehrer, dessen wohlbegründeter Ruf Schüler aus aller Herren Länder nach Wien zog, erlangte F. große Bedeutung; er wurde im J. 1866 bei Umwandlung der Wiener polytechnischen Mittelschule in eine technische Hochschule als Professor der Baukunst an dieselbe berufen und docirte dort bis zu seinem Tode mit den größten Erfolgen. Trotz der starken Inanspruchnahme seiner Zeit und seiner Kraft durch eine ausgebreitete Baupraxis und durch eine anstrengende Lehrthätigkeit war F. auch vielfach litterarisch thätig. Er hinterließ zwar kein Werk in Buchform, doch liebte er es, seine Grundsätze und Ideen in Denkschriften und umfangreicheren Aufsätzen zu entwickeln, die namentlich in den Blättern des österr. Ingenieur- und Architekten-Vereines, des niederösterreichischen Gewerbevereins, ferner in der Förster'schen Bauzeitung und ähnlichen Fachschriften Aufnahme fanden. Aus der großen Zahl dieser Arbeiten wären besonders hervorzuheben: „Das bürgerliche Wohnhaus und das Wiener Zinshaus“ (im Verein mit R. Eitelberger verfaßt), die Denkschrift über Cottageanlagen und die kleine Schrift „Stil und Mode“, die ihr actuelles Interesse auch heute nicht verloren hat.

  • Autor/in

    M. v. Ferstel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ferstel, Max von, "Ferstel, Heinrich von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 48 (1904), S. 521-523 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118532634.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA