Lebensdaten
1809 bis 1878
Geburtsort
Barr (Elsaß)
Sterbeort
Chemnitz
Beruf/Funktion
Maschinenbauer in Chemnitz ; Großindustrieller
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 117501581 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hartmann, Richard

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Zitierweise

Hartmann, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117501581.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes (1774–1853), Schuhmacher, später Sämischgerber in B., S d. Schuhmachers Johannes u. d. Suzanne Bronner;
    M Marie Madeleine Schwartz (1783–1856);
    1) Chemnitz 1837 Berta Aug. (1813–69), T d. Schankwirts Wilh. Oppelt, 2) 1872 Elise verw. Röder geb. Schäffer (1825–1903) aus Mannheim;
    4 S, 4 T aus 1), u. a. Gustav (s. 1).

  • Leben

    H. wurde nach 3jähriger Lehre in Barr als Zeugschmiedgeselle losgesprochen. Während der anschließenden 20monatigen Wanderschaft arbeitete er bei fünf Zeugschmieden und einem Mechaniker. Sein Weg führte über Straßburg, Neustadt an der Haardt, Karlsruhe, Bingen, Frankfurt, durch Thüringen bis Eisenberg, nach Plauen, Zwickau und Chemnitz (1832). Dort war er fünf Jahre in der damals größten Maschinenfabrik Sachsens von Carl Gottlieb Haubold auf einem ihm neuen Fachgebiet tätig. 1837 machte er sich selbständig, zunächst zusammen mit dem Zeugschmied Franz Carl Illing, nach zwei Jahren gemeinsam mit dem Kaufmann August Götze, weil er wenig Eigenkapital besaß und als Fremder keinen Kredit bekam. Begonnen wurde mit der Reparatur und dem Nachbau vor allem von Spinnereimaschinen. Erst eine eigene Erfindung H.s, die „Continue“ (1839), brachte wirtschaftlichen und finanziellen Erfolg. Diese arbeitsparende Streichgarnvorspinnkrempel ersetzte zwei Maschinen. Die fabrikmäßige Herstellung von Dampfmaschinen, die H. in Sachsen einführte (1840), trug ebenfalls zum Aufstieg des Unternehmens bei. Anfangs beschäftigte er 3 Arbeiter. Als er 1842 das Unternehmen unter seinem Namen allein übernahm, waren es um 100. Der Betrieb wurde allmählich in größere Werkstätten, die auf dem 1843 erworbenen Grundstück errichtet wurden, verlegt. Neben dem Bau von Dampfmaschinen und Maschinen für die Spinnerei, seit 1844 auch für die Weberei, wurde nach einer Studienreise nach England (1846) der Bau von Lokomotiven aufgenommen (1. Lokomotive „Glückauf“ 1848). Ein Kredit der sächsischen Regierung ermöglichte die dafür nötige Werkstatterweiterung. Spezialmaschinen anderer Fachrichtung und Werkzeugmaschinen (1857) kamen hinzu, so daß 1868 bei der Umwandlung des Einzelunternehmens in eine Gesellschaft mit seinen Söhnen Richard und Gustav und seinem Schwiegersohn Keller beziehungsweise 1869 bei dem Verkauf dieser Familiengesellschaft an die neugegründete Aktiengesellschaft „Sächsische Maschinenfabrik zu Chemnitz“, deren Aufsichtsratsvorsitzender H. bis zu seinem Tode war, ein Werk mit fünf Abteilungen und eigener Gießerei, einem Grundbesitz von 690 Ar, 13 Dampfmaschinen mit 315 PS und etwa 3000 Arbeitern entstanden war. H.s systematischer Aufbau der Fertigung nach dem Gesichtspunkt rationeller Arbeitsweise einerseits und Krisenfestigkeit durch Vielfalt zum anderen sicherte die weitere Aufwärtsentwicklung des Unternehmens auch nach seinem Ausscheiden. Dank seines kaufmännischen Weitblicks trug er zur Schaffung einer sächsischen Maschinenindustrie bei, die dem englischen Vorbild ebenbürtig war. Durch soziale Einrichtungen verbesserte er die Arbeitsbedingungen. Namhafte Männer der Technik waren zeitweilig seine Mitarbeiter: Carl von Bach, Louis Schönherr, Gründer der Sächsischen Webstuhlfabrik in Chemnitz, Emil von Škoda, Gründer der Škodawerke in Pilsen.|

  • Auszeichnungen

    GKR.

  • Literatur

    ADB X;
    Der Kaufmann zu allen Zeiten, 1868;
    F. Otto, in: Männer eigener Kraft, 1897 (P);
    B. Rost, R. H., e. Lb., 1909 (P);
    ders., in: Sächs. Lb. I, 1930, S. 132-41 (P);
    Btrr. z. Gesch. d. Technik u. Industrie 9, 1919, S. 108;
    C. Matschoß , Männer d.Technik, 1925;
    Sitzmann I (L);
    100 J. Hartmann Textilmaschinenbau, hrsg. v. F. Hassler, 1937 (L, P; auch f. S Gustav);
    Maedel, R. H. u. d. sächs. Lokomotivbau, in: Lokmgz. 2, 1963, S. 37.

  • Portraits

    Denkmal v. J. Schilling (Chemnitz, Neuer Friedhof);
    Sächs. Köpfe im zeitgenöss. Bild, hrsg. v. A. Graefe, o. J.

  • Autor/in

    Sybille Haubold
  • Empfohlene Zitierweise

    Haubold, Sybille, "Hartmann, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 736-737 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117501581.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hartmann: Richard H., geboren am 8. November 1809 zu Barr bei Schlettstadt im Elsaß, wo sein Vater die Weißgerberei betrieb, zeigte schon früh lebhaften Geist und Sinn. Er erlernte bei einem strengen, aber tüchtigen Meister die Zeugschmiederei und trat im J. 1828 die Wanderschaft an. Diese führte ihn im Februar 1832 nach Chemnitz, wo er bei C. G. Haubold sen., Fabrikant von Spinnmaschinen, Arbeit fand. Der Maschinenbau war ihm neu; mit Eifer widmete er sich der anfangs ungewohnten Beschäftigung, stets bemüht, tadellos seine Arbeiten zu liefern, dabei aber bestrebt, den Zweck und das Wesen der Maschinen zu erfassen und Verbesserungen zu finden, so daß er nach kurzer Zeit wegen seines Strebens zum Accordmeister für den Krempelbau befördert wurde. Zu Anfang des J. 1837 begann H. auf eigene Rechnung mit drei Arbeitern den Bau von Baumwollspinnmaschinen und verheirathete sich am 11. October 1837. Die Hartmann'schen Maschinen fanden reichlich Abnehmer und bald konnte die Zahl der Arbeiter vermehrt werden. Seit die Vorspinnvorrichtungen das frühere Lockensystem im J. 1840 verdrängt hatten, nahm das Geschäft an Umfang zu, so daß schon im Juli 1841 dessen Verlegung in weitere Räume nöthig wurde. H. war unermüdlich, die Fabrik gewann immer mehr an Ruf und Größe, insbesondere seit H. beim Baue der Streichgarnspinnmaschinen vielfache Verbesserungen angebracht hatte. Nicht minder wurden Hartmann's Dampfmaschinen, deren Bau er seit 1844 betrieb, wegen ihrer gediegenen Ausführung und vorzüglichen Construction gesucht. Schon im J. 1845 sah sich H. gezwungen, in die von ihm auf eigenem Grundstück an der Leipziger Straße aufgeführten Werkstätten mit seinen über 350 Arbeitern überzusiedeln. Der Bau von Eisenbahnen, welcher in den vierziger Jahren an Ausdehnung gewann, bestimmte H. auch für Herstellung von Locomotiven eine Werkstätte einzurichten.|Die sächsische Staatsregierung beförderte dieses Unternehmen, dessen Ausführung H. mit gewohnter Thatkraft und Umsicht beschleunigte, und schon am 7. Februar 1848 konnte die erste für die sächsische Staatsbahn gebaute Locomotive abgeliefert werden. Als im J. 1848 die politischen Wirren auch die Industrie lähmten, brachte H., um sich einen Stamm tüchtiger Arbeiter zu erhalten, das Opfer den Bau von Gewehren zu beginnen, ließ aber auch die Belebung des Kammgarn- und Baumwollspinnerei-Maschinenbaues sich angelegen sein. Vom J. 1854 an fügte H. seinen durch eine eigne Gießerei vergrößerten bisherigen Werkstätten noch solche zum Bau von Turbinen, Mühleneinrichtungen, Bergwerksmaschinen und seit 1857 auch von Werkzeugmaschinen hinzu. Allenthalben leistete unter der umsichtigen Leitung ihres Inhabers und der treuen Beihilfe tüchtiger, durch unausgesetzte Beschaffung der erforderlichen Betriebs- und Hilfsmaschinen unterstützten Ingenieure, die stetig erweiterte Fabrik Gutes und es stieg die Zahl der Arbeiter, welche 1850 ungefähr 800 betragen hatte, bis auf 1500 im J. 1857 und ca. 3000 im J. 1870. In seiner Größe als Mensch und Industrieller zeigte sich H. bei dem Wiederaufbau und der Ergänzung seiner im J. 1860 zu zwei Dritttheilen durch ein Schadenfeuer zerstörten Werkstätten und Betriebsmaschinen; mit sicherem Urtheil und seltener Ausdauer ordnete er Alles in kürzester Zeit an, so daß der Betrieb nur ganz kurz unterbrochen blieb und nach sechs Monaten voll wieder aufgenommen werden konnte. Kein einziger Arbeiter war entlassen worden! Immer rüstig schaffend und vorwärtsstrebend erhob H., unterstützt von seinen Söhnen Richard und Gustav und seinem Schwiegersohne Keller, welcher nach langjähriger Thätigkeit im Geschäft schon seit 1860 mit an dessen Spitze gestellt worden war, seine Fabrik zu einer weltbekannten und berühmten, seine Maschinen der verschiedensten Art wurden auf allen Ausstellungen als mustergiltige anerkannt und ausgezeichnet, in Dresden 1843, in Berlin 1844 und in Leipzig 1845 je durch die große goldene, in München 1854 und in Paris 1855 durch die erste Preismedaille, in London 1862 durch vier, in Paris 1867 durch die goldene und zwei silberne Medaillen, er selbst aber durch Verleihung des Comthurkreuzes des k. k. österreichischen Franz-Joseph-Ordens, der Ritterkreuze des königl. sächsischen Civil-Verdienst- und des königl. bairischen Verdienstordens vom heiligen Michael, des königl. preußischen Kronenordens III. Klasse und des fürstl. reußischen Civilehrenkreuzes I. Klasse, sowie durch die Ernennung zum Geh. Commerzienrath und zum Ehrenmitgliede vieler bedeutenden Anstalten geehrt. Das Ansehen, welches die Hartmann'sche Fabrik sich in mehr als dreißigjährigem Bestehen erworben, führte dahin, daß im J. 1870 eine Actiengesellschaft die Fabrik kaufte. H. selbst trat in den Verwaltungsrath der begründeten Actiengesellschaft ein und hat bis zum Tode mit regem Eifer und wo sich ihm Gelegenheit bot unermüdlich durch Rath und That, durch seine Beziehungen und Bekanntschaften das Beste der Actiengesellschaft in alle Wege gefördert. Der kurz vor Uebergang der Fabrik an die Actiengesellschaft am 18. März 1869 erfolgte Tod seiner stets treu für ihn besorgten Frau traf H. ebenso schwer als der in fernem Lande im J. 1875 erfolgte Tod seines dritten Sohnes. H., der nach Uebergabe seiner Fabrik an eine Actiengesellschaft nach dem bisher entbehrten vollen Glück des häuslichen Lebens sich sehnte, schloß am 8. November 1872 eine zweite Ehe und von seiner zweiten Gattin, sowie von seinen Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln hochgeehrt und innig geliebt, gab er sich dem Glücke eines wahrhaft patriarchalischen Familienlebens mit voller Seele hin. In politischer Beziehung huldigte H. gemäßigten Ansichten, seine Treue für das Königshaus war unerschütterlich. An den öffentlichen Angelegenheiten aber hat er, obschon ihm des Oefteren Ehrenämter angetragen worden, sich direct nie betheiligt, da er seiner Fabrik sich ganz und voll widmen|wollte. Seinen Arbeitern war er ein treuer Rathgeber, vielen der älteren ein wahrhafter Freund; Jahre lang hat er unbemittelten Arbeitern während des Winters Brod gewährt, ohne daß diese wußten, wer der Geber sei. An den Fortschritten der Industrie, der Kunst, der Wissenschaft nahm H. stets den regsten Antheil und der Drang zum Schaffen beseelte ihn bis zur letzten Stunde, wie dies seine Bauten und die Verschönerungen seiner Besitzungen zeigen. Im geselligen Leben stets heiter und bis zuletzt jugendlich frischen Gemüthes, war er in hohem Maße wohlthätig und erinnerte sich stets dankbar jedes ihm früher erwiesenen Dienstes. Vielen hat er ganz oder theilweise die Mittel zur Ausbildung gewährt und wo er nur konnte, sich als Förderer von Kunst, Gewerbe, Wissenschaft bethätigt. — Ein Krankenlager blieb dem seltenen, nur im Schaffen sich wohl fühlenden Manne erspart. Mitten in seiner Thätigkeit lähmte ein Gehirnschlag am 14. December 1878 Körper und Geist und ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, verschied er am 16. December 1878 Morgens 6 Uhr.

  • Autor/in

    Lamprecht.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lamprecht, Karl, "Hartmann, Richard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 701-703 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117501581.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA