Lebensdaten
1821 bis 1912
Geburtsort
Amberg (Oberpfalz)
Beruf/Funktion
Puppen- und Marionettenspieler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117499269 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmid, Joseph Leonhard
  • Papa Schmid
  • Schmid, Joseph
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Zitierweise

Schmid, Joseph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117499269.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Leonhard (1787–1828), Stadtorganist in A.;
    M N. N.;
    N. N.;
    6 K (4 früh †), u. a. Babette Klinger-Schmid (1859–1930), leitete als Nachfolgerin v. S. zusammen mit d. Postbeamten u. Marionettenspieler Karl Winkler (1884–1949) das v. S. gegründete Theater bis z. dessen Auflösung 1933.

  • Leben

    S. schloß 1837 eine im Alter von 12 Jahren begonnene Buchbinderlehre ab, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen den Beruf nicht ausüben. Nach seiner Genesung von einer Lungenkrankheit ging er auf Wanderschaft und kam nach München, wo er zunächst eine niedere Bürotätigkeit als Tagelöhner ausübte, später zum Versicherungsangestellten aufrückte (1887 pensioniert). Zur Aufbesserung des Familienunterhaltes betätigte er sich in der Freizeit mit der Darbietung von Krippenszenen und Kasperlspielen in seiner Wohnung.

    Angeregt durch das Vorbild eines Vetters in Amberg. der als Nebenerwerb ein Marionettentheater betrieb, beantragte S. am 10.9.1858 bei der Schulkommission München die Erlaubnis zur Eröffnung einer öffentlich für Kinder spielenden Marionettenbühne. Diese für die damaligen Theaterverhältnisse nahezu unbekannte Unterscheidung zwischen erwachsenem und kindlichem Publikum weckte das Mißtrauen der Behörde; die Angelegenheit wurde an die Polizeidirektion, zuletzt an das Staatsministerium des Inneren überwiesen, da man hinter dem von S. scheinbar postulierten sozialen Gleichheitsanspruch des Kindes politische Motive und das Aufleben klassenübergreifender Unruheherde vermutete.

    Erst durch die Vermittlung des Hofbeamten Franz Gf. v. Pocci (1807–76) erhielt S. am 15.11.1858 die Spielerlaubnis für ein nicht auf Kinder beschränktes, sondern jedermann zugängliches Marionettentheater in München, das am 5.12.1858 mit dem von Pocci verfaßten Stück „Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß oder Die bezauberte Lilie“ eröffnet wurde. Der Graf nützte damit die Gelegenheit, in Anknüpfung an die Tradition des Wiener Volkstheaters Puppenkomödien als Vorlagen für einen Praktiker an einer lokal angesiedelten Bühne zu schreiben und dem Genre damit erstmals eine zeit- und ortsbezogene öffentlich-literarische Geltung zu verschaffen. Nach Poccis Tod verfügte S. als alleiniger Rechteinhaber über 53 für sein „Münchner Marionetten-Theater“ geschriebene Kasperlkomödien, Ritterstücke, Märchenspiele, Prologe und Intermezzi. Stückvorlagen von ca. 40 weiteren Autoren bereicherten den Spielplan, der sich auch trivialen Stoffen nicht verschloß. S. wußte seinen Hausautor gewiß zu schätzen, blieb letztendlich aber als „Papa Schmid“ in einem naiven, durch Religion und kleinbürgerliche Sittsamkeit geprägten Kunstverständnis befangen.

    S. brachte das gesamte historische Spektrum von Darstellungsformen des traditionellen Puppenspiels wie Handpuppen- und Schattentheater, Varieté- und Verwandlungsfiguren, Theatrum mundi und mechanisches Theater sowie Projektionskünste zur Anwendung; sein Theater war so erfolgreich, daß die ursprüngliche Spielstätte in der Prannergasse bald zugunsten eines größeren Lokals aufgegeben wurde. S., der beinahe bis zuletzt selbst den Kasperl sprach, konnte zahlreiche Münchner Künstler, unter ihnen Simon Quaglio und den Hoftheatermaler Johann Mettenleiter, zur Mitwirkung gewinnen; die Orientierung an der miniaturisierten Nachahmung historisch-realistischer Ausstattungen mutete indes bereits zum Zeitpunkt seines Todes künstlerisch museal an.

    Mit der Aufführung der Kasperlkomödien Poccis, die der „Lustigen Figur“ einen ironisch-phantastischen und bei aller zeitgebundenen Perspektive universal-humanen Charakter verliehen (zeitgleich ed. in 6 Bdn. u. d. T. „Lustiges Komödienbüchlein“, 1859-77), erfüllte das „Münchner Marionetten-Theater“ jedoch eine Katalysatorfunktion: Die nachfolgende Generation von Puppenspielern, die S.s Spielauffassung ästhetisch überwand, konnte auf einer soliden literarischen Überlieferung aufbauen, die inzwischen zum klassischen Repertoire zählt. Die Stadt München errichtete 1900 dem Theater ein festes Haus (Architekt: Theodor Fischer), das bis heute bespielt wird.

  • Auszeichnungen

    Verdienstkreuz d. hl. Michael (1902); Papa-Schmid-Str. in München (1950).

  • Werke

    Bühnennachlaß im Puppentheatermus. d. Münchner Stadtmus.;
    – Einträge d. Münchner Künstlerschaft im „Goldenen Buch“ d. Theaters (München, Bayer. Staatsbibl.).

  • Literatur

    A. Riedelsheimer, Die Gesch. d. J. Schmidschen Marionetten-Theaters in München v. d. Gründung 1858 bis zum heutigen Tage, 1922 (P);
    Kasperl Larifari, Blumenstraße 29a, Das Münchner Marionetten-Theater 1858-1988, hg. v. Münchner Stadtmus. u. Stadtarchiv München, 1988 (P);
    M. Nöbel, Franz Pocci, Ein Klassiker u. sein Theater, in: M.Wegner (Hg.), Die Spiele d. Puppe, Btrr. z. Kunst- u. Sozialgesch. d. Figurentheaters im 19. u. 20. Jh., 1989, S. 48-66.

  • Portraits

    Relief v. J. Bradl an d. Fassade d. Marionettentheaters, Erzguß, 1908;
    Photogrr., um 1908 u. 1912, Abb. in: Kasperl Larifari (s. L), S. 8 u. 47.

  • Autor/in

    Manfred Wegner
  • Empfohlene Zitierweise

    Wegner, Manfred, "Schmid, Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 150-151 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117499269.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA