Lebensdaten
1905 bis 1990
Geburtsort
Traunstein (Oberbayern)
Sterbeort
Burgberg bei Königsfeld (Schwarzwald)
Beruf/Funktion
Regisseur ; Theaterleiter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117479276 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sellner, Gustav Rudolf
  • Sellner, Rudolf
  • Sellner, Gustav Rudolf

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Zitierweise

Sellner, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117479276.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gustav, Jur., Senatspräs. in d. bayer. Justizverw., Vf. v. „Handausg. d. Zivilprozeßordnung nebst Einf.gesetz u. Entlastungsverordnung sowie mehreren Nebengesetzen, Mit d. Entscheidungen d. Reichsgerichts u. d. Oberlandesgerichte“, 1928, u. „Die allg. Freimaurerliga, Ihr Wollen u. Wirken“, 1930;
    M Frieda Elliesen (?);
    1) Oldenburg oder Gotha oder Coburg 1927 1936 Else York, Schausp., 1920/21 am Schausp.haus Dresden, dann in Neustrelitz, Schwerin u. 1923/24–27 am Landestheater Oldenburg, bis 1931 in Coburg, 2) Göttingen (?) 1940 1950 Manuela Bruhn, Schausp., 1939/40–41 an d. Münchner Kammerspielen, 1941/42–43 am Stadttheater Göttingen, 1945–53 an d. Bremer Kammerspielen, seit 1955/56 am Hess. Staatstheater, Wiesbaden, 3) Essen oder Darmstadt 1951 Ilse Päßler ( 2000), Photogr.;
    2 S aus 2) u. a. Manuel (* 1944), Schausp., 2 T.

  • Leben

    S. wuchs in Traunstein auf und besuchte dann das humanistische Leopold-Gymnasium in München. Hier wirkte er am Schultheater mit und betätigte sich als Leiter des Jungen Kammerschauspiels München. 1923–24 ließ er sich von Arnold Marlé, einem Mitglied von Otto Falckenbergs Kammerspiele-Ensemble, unterrichten, um noch im Abiturjahr 1924 an der Bayer. Landesbühne sein erstes Engagement als Schauspieler anzutreten. Gegen den Willen des Vaters brach er das an der Univ. München begonnene Studium (Medizin, Psychologie, Philosophie) ab und ging 1925/26 als Schauspieler an die Junge Bühne des Mannheimer Nationaltheaters, 1926/27 an das Landestheater Oldenburg mit den Zusatzfunktionen eines zweiten Dramaturgen und Regieassistenten. Als Oberspielleiter des Schauspiels und erster Dramaturg wechselte er 1927–29 an das Landestheater Gotha, 1929–31 an das Landestheater Coburg und, nach einer theaterabstinenten Phase der Überprüfung seiner Ziele, 1932 wieder nach Oldenburg. 1940 erhielt S. die Intendanz des Stadttheaters Göttingen übertragen, 1943 die Generalintendanz der Städt. Bühnen Hannover, wo er sich im Rahmen der von ihm initiierten Theaterschule auch der Nachwuchspflege widmete. Nach einer Zäsur durch Kriegsdienst (seit Sept. 1944), Internierung (1945–47) und Entnazifizierungsverfahren 1947 setzte S. seine Berufslaufbahn als Regisseur an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel (1948–50) und an den Städt. Bühnen Essen (1950/51) fort. 1951 wurde er zum Intendanten des Landestheaters Darmstadt berufen, das er zehn Jahre lang mit wachsendem Ansehen leitete, und beerbte 1961 Carl Ebert im Amt des Generalintendanten der Deutschen Oper Berlin. Seit 1972 wieder ungebunden, inszenierte S. bis 1985 auf der Opern- wie der Schauspielbühne (zuletzt: Der Weltverbesserer v. Thomas Bernhard, Staatstheater Saarbrücken).

    Unter S., der 1933 in die NSDAP eintrat, geriet der Spielplan des Oldenburger Schauspiels maßgeblich unter den Einfluß der NS-Ideologie. Darüber hinaus realisierte er Thingspiele an der von ihm zeitweilig geleiteten und von Laien getragenen Niederdeutschen Bühne in Bookholzberg. 1935 war er außerdem stellvertretender Landesleiter der Reichstheaterkammer und Leiter der Gauunterabteilung Theater, 1942 Gaukulturwart für Theaterfragen des Gaues Südhannover-Braunschweig. Gemäß einer Analyse der|Göttinger und Hannoveraner Theaterarbeit umgab er sich aber zumindest in Hannover mit oppositionell gesinnten Mitarbeitern (Köhler, 2002). S.s unzeitgemäße humanistisch-philologische Beschäftigung mit antiken Stoffen (erstmals mit Elektra v. Sophokles, 1941), v. a. aber seine parallel dazu entwickelte, unangepaßte Inszenierungsästhetik bilden mit dem Kieler Experiment (Die Perser v. Aischylos, 1948) die Vorstufe für sein in Darmstadt zur Reife geführtes „Instrumentales Theater“, das Regisseur wie Darsteller nach eigener Theorie als gleichsam magisch bewegtes, von einem metaphysischen Übergeordneten angeleitetes Instrument verstand. An die Stelle psychologisierender, naturalistischer Darstellung traten die dynamische Durchdringung der Ausdrucksmittel, Stilisierung, Zeichen- und Gleichnishaftigkeit. Die Sprache wurde zum Ausgangspunkt klang- und rhythmusorientierter Musikalisierung sowie paraverbaler Bewegungschoreographie, das Bühnenbild beherrschten Abstraktion und Formen der zeitgenössischen bildenden Kunst (Franz Mertz). Zeitgeistfern wagte sich S. an den vor 1945 ideologisch vereinnahmten H. v. Kleist (Der Prinz v. Homburg, 1952; Das Käthchen v. Heilbronn, 1953) und konzentrierte seinen Darmstädter Spielplan im wesentlichen auf Sophokles, Shakespeare, Molière, Goethe, Schiller, Büchner, Barlach, García Lorca und Fry. Die franz. Moderne vertraten Anouilh, Sartre, Jarry, Cocteau und Beckett, besonders aber Giraudoux und Ionesco, den erst S.s modellhafte Inszenierungen international durchsetzten. Allmählich endete das Instrumentale Theater jedoch in einer „Versteinung“ (Köhler), die für eine urbildhaft-archetypische conditio humana im Sinne von C. G. Jung stand. Hierin exemplarisch gelangen S. ein Antike-Zyklus (Burgtheater, Wien 1960–63) und Wagners „Ring des Nibelungen“ (Dt. Oper, Berlin 1967), für die der österr. Bildhauer Fritz Wotruba (1907–75) blockhaft archaische Ausstattungen entworfen hatte. In der Oper ließ S. gleichwohl Realismus zu (Der junge Lord v. H. W. Henze, UA 1965) und förderte als Opernintendant maßgeblich Zeitgenössisches.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. P.E.N.-Zentrums d. Bundesrep. Dtld. (1955) ; Gr. BVK (1961, mit Stern 1972); Gr. Festspielpreis d. Théâtre des Nations, Paris (1961); Plakette d. franz. Kritikerverbands (f. „Moses u. Aron“ v. A. Schönberg); hess. Goethe-Plakette; Ordre National des Arts et [des] Lettres (1965); Berliner Kunstpreis (1967); gr. gold. Ehrenzeichen d. GDBA (1972); Filmband in Gold (f. Hauptrolle in: Der Fußgänger); Ehrenmitgl. d. Dt. Oper, Berlin (1972) u. d. Hess. Staatstheaters, Darmstadt (1980).W u. a. Schrr.: Theater aus d. Geist d. Sprache, in: Dt. Ztg. u. Wirtsch.ztg. Stuttgart, 24. 4. 1954; Carl Orff u. d. Szene, in: Carl Orff, 1955, S. 24–27; Theatral. Landschaft, 1962 (mit W. Wien; Verz. d. Inszenierungen 1948–61); Begegnung mit d. Theater, in: K. Sotriffer (Hg.), Fritz Wotruba, Zeichnungen f. d. Theater, 1975, S. 11–23; – Inszenierungen: Der Sturm v. W. Shakespeare, Ruhrfestspiele Recklinghausen 1958; Moses u. Aron v. A. Schönberg, Städt. Oper im Theater d. Westens, Berlin 1959; Alkmene v. G. Klebe, UA, Dt. Oper, Berlin 1961; Die Orestie v. D. Milhaud, UA, Dt. Oper, Berlin 1963; Die Bassariden v. H. W. Henze, UA, Salzburger Festspiele 1966; Prometheus v. C. Orff, UA, Württ. Staatsoper, Stuttgart 1968; – Inszenierungen f. d. Fernsehen: Die Kluge v. C. Orff, 1955; Comoedia de Christi resurrectione v. C. Orff, UA, Bayer. Rundfunk, München 1956; Der trojan. Krieg findet nicht statt v. J. Giraudoux, 1957; Die Bernauerin v. C. Orff, 1958; Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen v. A. Honegger, 1960; Die Nashörner v. E. Ionesco, 1961; Der seidene Schuh v. P. Claudel, 1965; – Filmrollen: Giese, in: Der Fußgänger, 1972 (Regie: M. Schell); Vater, in: Ansichten e. Clowns, 1975 (Regie: V. Jasný); Inh. e. Schraubenfabrik, in: David, 1978 (Regie: P. Lilienthal); – Interviews: u. a. E. Pluta, Gespräch mit d. Regisseur G. R. S., in: Opernwelt 8, 1976, S. 27 f.; Ch. Jauslin, Zu G. R. S.s Shakespeare-Inszenierungen, Gespräch mit d. Regisseur, in: Dt. Shakespeare-Ges. West, Jb. 1984, S. 32–43; – Nachlaß: Theaterwiss. Slg. d. Univ. Köln (Bibl., Korr., Regiebücher, Photogrr., vollst;Inszenierungsverz., Kritiken u;a;zu Leben u;Werk S.s primär nach 1945).

  • Literatur

    L G. Hensel, Rückblick auf e. Darmstädter Theaterjahrzehnt, G. R. S.s Intendanz, in: Theater heute 9, 1961, S. 17–22 (P);
    ders., Kritiken, Ein Jahrzehnt S.Theater in Darmstadt, [1962] (Spielpläne);
    ders., in: FAZ v. 10. 5. 1990;
    H. Kaiser, Vom Zeittheater z. S.bühne, Das Landestheater Darmstadt v. 1933 bis 1960, 1961;
    G. Huwe (Hg.), Die Dt. Oper Berlin, 1984;
    G. Lohse, Die Rezeption d. griech. Tragödie auf d. dt. Theater nach 1945 u. d. Regisseur G. R. S., in: Antike u. Abendland, Btrr. z. Verständnis d. Griechen u. Römer u. ihres Nachlebens, 41, 1995, S. 72–94;
    G. R. S., Regisseur u. Intendant 1905–1990, Ausst.kat. 1996 (P, Verz. d. Inszenierungen, Bibliogr.);
    G. Köhler, Das Instrumentale Theater d. G. R. S., 2002 (Verz. d. Schrr. u. Interviews, Bibliogr., P);
    Kosch, Theater-Lex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Munzinger;
    H. Rischbieter (Hg.), Theater-Lex.;
    Sucher, Theaterlex.;
    K. Schultz, in: DBE u. DBE2.

  • Autor/in

    Ralph-Günther Patocka
  • Empfohlene Zitierweise

    Patocka, Ralph-Günther, "Sellner, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 224-225 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117479276.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA