Lebensdaten
1801 bis 1861
Geburtsort
Würzburg
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Mediziner ; Professor der Geburtshilfe
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 117356638 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Siebold, Eduard Karl Kaspar Jakob von
  • Siebold, Eduard von
  • Siebold, Eduard Karl Kaspar Jakob von

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Zitierweise

Siebold, Eduard von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117356638.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Elias (s. 3), S d. Carl Caspar (s. 1);
    M Sophie Schäffer;
    Berlin 1829 Wilhelmine (1800–92), T d. Wilhelm Nöldechen (1769–1853), preuß. Salz-, Schiffahrts- u. Kassendir., u. d. Charlotte Sophie Mühlpfort (1780–1859);
    2 S (früh †), 2 T Josephine (1834–1907, ⚭ Charles Gabriel Wesley Dingle, 1826–93, RA), Agathe (1835–1909, ⚭ Carl Schütte, 1831–87, Dr. med., preuß. Sanitätsrat, Arzt in G.), Sängerin, befreundet mit J. Brahms (s. Göttinger Gedenktafeln, 2002);
    E Eduard Schütte (1872–1936), Dr. med., Landesobermed.rat, Dir. d. Landesheil- u. Pflegeanstalt in Langenhagen (s. Kreuter, Neurologen), Agathe Schütte (1873–1953, ⚭ Heinrich Danneel, 1867–1942, o. öff. Prof. d. physikal. Chemie in Münster, s. Pogg. IV–VII a), Edward v. S. Dingle (1893–1975), Ornithol., Tiermaler.

  • Leben

    Nach seiner Ausbildung durch Hauslehrer und in der Lateinschule besuchte S. seit 1812 das Gymnasium seiner Heimatstadt. Bereits während der Schulzeit wurde S.s musikalisches Talent erkennbar; auch später widmete er sich der Musik und pflegte Kontakte zu bedeutenden Musikern wie Johannes Brahms und Clara Schumann. 1816 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo S. seine Schulausbildung am Gymnasium zum Grauen Kloster fortsetzte. Der Unterricht in den alten Sprachen führte zu einer lebenslangen Beschäftigung S.s mit der klassischen Philologie. 1820 nahm er in Berlin das Medizinstudium auf, das er 1823 in Göttingen fortsetzte. 1825 nach Berlin zurückgekehrt, übernahm S. noch vor dem Doktorexamen und der Staatsprüfung die Stelle des 2. Assistenten an der geburtshilflichen Klinik seines Vaters. 1826 wurde er mit der Dissertation „De scirrho et carcinomate uteri, adjectis tribus totius uteri exstirpationis observationibus“ promoviert, in der er drei Fälle von Totalexstirpation der krebshaften Gebärmutter beschreibt. 1827 erfolgten nach bestandenem Staatsexamen die Ernennung zum 1. Assistenten, die geburtshilfliche Habilitation sowie die Berufung zum Privatdozenten mit einem Vortrag über den Kaiserschnitt sowie einer Vorlesung über die künstliche Frühgeburt. 1828 folgte er seinem Vater in der Redaktion des „Journals für Geburtshülfe“ (bis 1838) sowie der provisorischen Leitung der geburtshilflichen Klinik. 1829 wurde S. als o. Professor der Geburtshilfe nach Marburg berufen, 1833 nach Göttingen, wo er bis zu seinem Tod wirkte. Einen Ruf nach Würzburg 1845 als Nachfolger Josef v. d'Outreponts lehnte er ab.

    S. war Anhänger der Lehre von der natürlichen Geburt und vermied im Gegensatz zu seinem Vater weitgehend den Einsatz der Geburtszange. Als Diagnosemethode führte er das in Frankreich bereits bekannte Abhören der kindlichen Herztöne ein. Um seine Anschauungen zu untermauern, unternahm er 1831 eine Reise nach Paris und Straßburg, wo er Spitäler und Gebärhäuser aufsuchte und Vorträge bedeutender Geburtshelfer hörte. Bereits ein Jahr nach der ersten Anwendung der Äthernarkose bei einer Operation in Boston (1846) unternahm S. eigene Versuche und kam zu dem Ergebnis, daß die Narkose nicht allgemein zur Schmerzverhütung bei der Geburt anzuwenden sei, sondern nur in operativen Fällen. S. schrieb ein „Lehrbuch der Geburtshülfe“ (1841, 21854,|niederl. 1861/62), verfaßte ein „Lehrbuch der Hebammen-Kunst“ (1856) sowie seine Autobiographie „Geburtshülfliche Briefe“ (1862, franz. 1866), arbeitete aber auch auf dem Gebiet der Rechtsmedizin und beschäftigte sich philologisch und quellenkritisch wegweisend mit der Geschichte seines Faches. 1839–52 war er Mitherausgeber der „Neuen Zeitschrift für Geburtskunde“, 1853–61 der „Monatsschrift für Geburtskunde und Frauenkrankheiten“.

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Würzburg 1826); Mitgl. d. Ges. f. Natur- u. Heilkde., Dresden (1832); o. Mitgl. d. Soz. d. Wiss., Göttingen (1834); korr. Mitgl. d. Ac. Royale de Médecine, Paris (1835); hann. HR (1843); Rr. d. kurhess. Ordens v. Goldenen Löwen (1831) u. d. Guelphenordens (1845).

  • Werke

    Weitere W Anltg. z. geburtshülfl. techn. Verfahren am Phantome, 1828;
    Die Einrichtung d. Entbindungsanstalt an d. Univ. zu Berlin, 1829;
    Abb. a. d. Gesammtgebiete d. theoret.-prakt. Geburtshülfe, 1829;
    Versuch e. Gesch. d. Geburtshülfe, 2 Bde., 1839–45;
    Lehrb. d. gerichtl. Medicin, 1847 (niederl. 1847);
    Des D. Junius Juvenalis sechste Satire, 1854.

  • Literatur

    ADB 34;
    H. Körner, Die Würzburger S. (s. L zu 1), bes. S. 254–90 (Qu, L, P);
    BLÄ.

  • Portraits

    Lith. v. G. Honig nach e. Daguerreotypie v. Petri, 1844 (Göttingen, Niedersächs. Staats- u. Univ.bibl.;
    Berlin, Humboldt-Univ., Kustodie), Abb. in: Körner (s. L), nach S. 288 u. in: A. Keune, Gelehrtenbildnisse d. Humboldt-Univ. zu Berlin, 2000, S. 260;
    Kohlezeichnung v. W. Hensel, 1855 (Staatl. Museen Preuß. Kulturbes., Berlin), Abb. in: Körner (s. L), nach S. 288.

  • Empfohlene Zitierweise

    Gerabek, Werner E., "Siebold, Eduard von" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 328-329 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117356638.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Siebold: Eduard Kaspar Jakob v. S. wurde als erster Sohn des Adam Elias v. S. (s. o.) in Würzburg am 19. März 1801 geboren, seine Mutter war eine Tochter des fürstlich Thurn- und Taxis'schen Leibarztes Dr. Schäffer, so daß auch von dieser Seite seine Abstammung eine ärztliche war. Frühzeitig in Musik unterrichtet, konnte er sich schon als neunjähriger Knabe mit einem Concert von Sterkel auf dem Flügel öffentlich hören lassen. Um seine Handgelenke gehörig auszubilden, ließ ihm der Vater Unterricht auf der Trommel bei einem Stadttambour geben; seitdem waren die Pauken so sehr sein Lieblingsinstrument, daß er später in Berlin 1½ Jahre als Volontär in das dortige Hofopernorchester eintrat und auch später als Professor noch oft als Paukenschläger in öffentlichen Concerten mitwirkte. 1812 kam er auf das Gymnasium in Würzburg, wo er sich besonders mit Ignaz Döllinger ( 1829) befreundete. Nach der Uebersiedelung des Vaters kam v. S. in Berlin im October 1816 auf das Gymnasium zum grauen Kloster. Auf dem Gymnasium fühlte er sich besonders von den Vorträgen von Walch angezogen, welcher mit der tiefsten Gründlichkeit der Sprachkenntnisse eine genaue Exegese der Autoren verbunden haben soll und ihm noch ganz speciell mit ein paar Freunden Privatstunden im Griechischen gab. So kam er zu der Liebe zur Philologie, gab Privatstunden an jüngere Schüler und gedachte sich ganz den philologischen Studien zu widmen. Nur mit schwerem Herzen folgte er den Rathschlägen seines Vaters und ließ sich nach absolvirter Maturitätsprüfung 1820 als Studiosus medicinae in Berlin immatriculiren. Jene philologischen Studien aber, die er auch auf der Universität noch fortsetzte, haben in einer für die Geburtshülfe sehr erfreulichen Weise seine spätere litterarische Thätigkeit beeinflußt und gefördert. Im Wintersemester 1821/22 als junger Student hielt er bereits osteologische Vorlesungen vor 20 Studenten im Auditorium seines Vaters und legte sich dabei eine eigene Knochensammlung an. In den propädeutischen Wissenschaften waren Knape, Rudolphi und Link, in den Kliniken Rust, Berends, Hufeland, Horn seine Lehrer. Besonders befreundet war er mit Karl Mayer, dem Famulus und Assistenten seines Vaters, dem späteren berühmten Gynäkologen. Von 1823—1825 studirte er in Göttingen, wo ihn außer den vorzüglichen Lehrern, namentlich Langenbeck d. Ae., und die großartige Bibliothek sehr anzog. Nach seiner Rückkehr wurde er Assistent seines Vaters, promovirte 1826 mit der Dissertation: De scirrho et carcinomate uteri adjectis tribus totius uteri exstirpationis observationibus, also einem noch heute sehr modernen Thema. Im Mai 1827 nach absolvirtem Staatsexamen als erster Assistent seines Vaters angestellt, habilitirte er sich bereits im Juni desselben Jahres als Privatdocent für Geburtshülfe und begann am 21. Juni 1827 seine Vorlesungen mit 20 Zuhörern.

    Von 1827 bis zum Tode seines Vaters war er dessen Assistent, versah dann interimistisch die Directorstelle, ließ eine Uebersetzung des Werkes von Maygrier Nouvelles démonstrations de l'accouchement (Atlas) erscheinen und schrieb 1829 die „Einrichtung der Entbindungsanstalt in Berlin“. Im April 1829 verheirathete er sich mit der Tochter des Schiffahrtsdirectors Noeldechen und folgte endlich, nachdem D. H. W. Busch Nachfolger seines Vaters geworden, einem Rufe an dessen Stelle nach Marburg am 14. Juli 1829. Von Marburg aus besuchte v. S. zuerst Naegele d. V. in Heidelberg 1830 und 1831 Paris, wo ihm der zufällig anwesende Alexander v. Humboldt durch Empfehlungen manches sonst für Fremde schwer sichtbare zugängig machte. Im November 1832 erhielt er einen Ruf als Nachfolger F. B. Osiander's nach Göttingen, welchem er im April 1833 folgte.

    So war sein sehnsüchtigster Wunsch erfüllt und er war an der Universität Ordinarius, welche ihm ihrer herrlichen Bibliothek und ihrer ausgezeichneten Institute wegen als Student so sehr lieb geworden war. Als Antrittsprogramm schrieb er 1834: „De circumvolutione funiculi umbilicalis adjectis duobus casibus rarioribus“ und 1835 fing er bereits die Ausführung seines längst gehegten Planes an, eine Geschichte der Geburtshülfe zu schreiben. Der erste Band derselben erschien 1839, der zweite 1845. Wie kein anderer war v. S. zu einem solchen Werke befähigt, er, der tüchtigste Philologe und der Enkel und Sohn ausgezeichneter Geburtshelfer. Sein Werk ist denn auch ein classisches zu nennen, da er sich „besonders auf das Quellenstudium verlegte, nie den Angaben Anderer traute, sondern Alles selbst einsah, und besonders bemüht war, der Bücherkunde die bestmöglichste Genauigkeit zuzuwenden“ (gebh. Briefe S. 73). Das Werk zeichnet sich bei seinem enorm reichen Inhalt durch eine sehr knappe, klare Darstellung und durch eine gerechte Kritik aus. Während er noch mit dem zweiten Bande desselben beschäftigt war, schrieb er 1841 sein „Lehrbuch der Geburtshülfe“ und setzte die Herausgabe des A. E. Siebold'schen Journals für Geburtshülfe, Frauen- und Kinderkrankheiten fort (9—17. Band), in welchem er eine Reihe kleinerer Aufsätze publicirte und welches später in die mit Busch, Doutrepont und Ritgen zusammen publicirte Neue Zeitschrift für Geburtshülfe überging, die schließlich 1853 zur Wochenschrift für Geburtskunde unter der Leitung von Busch, Credé, Ritgen und E. v. S. wurde. Neben seinen gynäkologischen Arbeiten pflegte er immer auch noch die Liebe zu den alten Classikern und gab (die 6. 1854) Juvenal's Satiren mit lateinischem Text, mit metrischer Uebersetzung und Erläuterungen 1858 heraus, nachdem er im Winter 1854/55 ein philologisches Collegium: Ueber vergleichende Psychologie des weiblichen Geschlechts der älteren und neueren Zeit, wobei die Erklärung der sechsten Satire Juvenal's zu Grunde gelegt wurde, publice gelesen hatte. Diese Vorlesung war so besucht, daß der größte Hörsaal nicht ausreichte, sämmtliche Hörer zu fassen, was aber v. S. nicht seinem Verdienste, sondern „einzig und allein dem pikanten Stoff“ zuschrieb.

    In seinen Geburtshülflichen Briefen legte v. S. zum Schluß seines Lebens nochmals alle seine Erlebnisse und zugleich seine Ansichten über die Ausbildung des Arztes speciell des Geburtshelfers und Gynäkologen nieder. Die letzten — der letzte ist datirt vom 15. October 1861 — schrieb er bereits unter den Qualen einer aufreibenden Krankheit und doch sind sie noch so geistig frisch und anregend und von so humanen Anschauungen durchweht, daß ihre Lectüre wahre Freude gewährt und jungen Medicinern nicht genug empfohlen werden kann. Am Morgen des 27. October 1861 verschied er. „In ihm, so heißt es in dem Nachwort zu jenen Briefen mit vollem Recht, „ging wieder eine jener glänzenden Erscheinungen dahin, die nur noch vereinzelt, ehrwürdige Gestalten|einer andern Zeit, in die Zunftmäßigkeit heutiger Fachwissenschaft herrüberragen, in ihm aber auch eine jener ursprünglichen, gefühlskräftigen antiquen Naturen, wie sie nicht mehr auf dem Boden „politischer Reife“, aber sittlicher Prüderie gedeihen wollen. Mit S. verlor nicht nur die gesammte Medicin, insonderheit sein specielles Fach, für dessen Geschichte er zum Thukydides ward, einen wahren Meister, sondern auch die medicinische Facultät der Göttinger Hochschule ihre anerkannteste Berühmtheit. — Fülle der Ideen, Vielseitigkeit, lebendige Empfindung für alles Große und Schöne zeichneten ihn aus. Sein Tact, sein Humor, sein Sinn für Schönheit und Kunst, sein feines Wahrnehmungsvermögen wird von keinem geringeren als Spiegelberg, seinem bedeutendsten Schüler hervorgehoben: besonders aber auch seine unermüdlichen Anstrengungen ernst den Fortschritten der Wissenschaft zu folgen. 1845 war er nach d'Outrepont's Tode nach Würzburg berufen worden, hatte aber abgelehnt. 16 Stunden vor seinem Tode besorgte er noch die letzte Correctur seiner „Geburtshülflichen Briefe“. Er erlag einer Lungenentzündung bei Herzklappenfehler und Aortenatherom.“

    • Literatur

      Spiegelberg, Monatschrift für Geburtskunde von Credé etc., XIX, 321. — E. C. J. v. Siebold, Geburtshülfliche Briefe. Braunschweig 1862. — Kleinwächter, Gurlt-Hirsch, Biographisches Lexikon. V, 392, 393.

  • Autor/in

    F. Winckel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Winckel, Franz von, "Siebold, Eduard von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 34 (1892), S. 184-186 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117356638.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA