Lebensdaten
1641 bis 1708
Geburtsort
Korbach (Waldeck)
Beruf/Funktion
Polyhistor
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117316369 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schurtzfleisch, Konrad Samuel
  • Christian von Teuteburg (Pseudonym)
  • Sarckmasius, Eubulus Theodosius (Pseudonym)
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Zitierweise

Schurzfleisch, Conrad Samuel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117316369.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Conrad (1599–1668), nach Studium in Soest, Marburg u. vermutl. Helmstedt, 1629-31 Präzeptor b. Christian Gf. v. Waldeck-Wildungen, 1631-68 Konrektor d. Gymnasium Illustre zu Korbach, S d. Daniel, Bgm. zu (Niedor-)Wildungen;
    M Anna Guda Benigna ( 1694), T d. Eberhard Fuldner ( 1632), Pfarrer in Battenberg (um 1597–1605), 1608-24 in Hochelheim b. Gießen, 1624 Pfarrer in Gambach (Wetterau), vermutl. zugleich Hofprediger Lgf. Philipps III. zu Hessen-Butzbach, u. d. Margarethe Scriba ( 1694);
    B Heinrich Leonhard|(1664-1722), nach Studium d. Rechte in Franeker 1701 an d. phil. Fakultät d. Univ. Wittenberg, 1702 als S.s Nachfolger Prof. d. Gesch. ebd., Bibl.dir., Konsistorialrat, edierte 1707 d. Werke d. Hrotsvit v. Gandersheim u. 1712 d. „Notitia bibliothecae principialis Vinariensis“, Erbe v. S.s Bibl.

  • Leben

    Nach Ausbildung im elterlichen Hause und am Gymnasium in Korbach studierte S. 1658-62 in Gießen die Rechte, wobei er vornehmlich bei Johann Conrad Dieterich (1612–67) und Jacob le Bleu (1610–68) hörte und seit 1661 auch als Präses von Disputationen fungierte; 1659 wechselte er kurzfristig nach Helmstedt, 1662 erwarb er in Wittenberg den Magistergrad. 1665-66 war S. Rektor des Korbacher Gymnasiums, 1667-69 Adelspräzeptor in Leipzig. Erstes Aufsehen erregte er mit zwei unter Pseudonym veröffentlichten kritischen Schriften zur Pufendorfschen Schrift über die Reichsverfassung. Auf seine Kritiker antwortete S. 1669 mit weiteren Schriften unter Pseudonym, wurde aber nach Aufdeckung der Autorschaft vom Dresdener Hof zur Rechenschaft gezogen. Dennoch erfolgte 1671 seine Berufung zum ao. Professor der Geschichte in Wittenberg, 1674 zum o. Professor der Poesie und 1678 zum Professor der Geschichte. 1680 unternahm S. eine Studienreise in die Niederlande, nach England und Frankreich. Bei einer Begegnung mit dem Grafen und späteren Fürsten Georg Friedrich von Waldeck übertrug dieser S. die Abfassung seiner Biographie. 1691 folgte eine weitere Reise nach Italien mit Besuchen bei Papst Innozenz XI. und in Florenz bei Antonio Magliabecchi (1633–1714). Auf der Rückreise besuchte S. den Kaiserhof in Wien und die von Peter Lambeck (1628–80) geleitete ksl. Bibliothek. 1693 nahm er an der Inauguration der Univ. Halle teil. Als er hier 1700 zum Professor der Eloquenz berufen werden sollte, gab S. seine Wittenberger Geschichtsprofessur an seinen Bruder Heinrich Leonhard ab.

    Befaßte sich S. in seinen publizistischen Anfängen mehr mit staatstheoretischen Fragen, so entwickelte er nach 1669 eine umfassende historische Publizistik. Nächst Hermann Conring (1606–81) zählt S. zu den herausragenden Repräsentanten des Reichsstaatsrechts und der Geschichte des Reichs, seiner Territorien sowie der größeren europ. Staaten. Einem 1681 ergangenen Ruf auf Conrings Lehrstuhl nach Helmstedt folgte S. indes nicht. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit pflegte er in der humanistischen Tradition Briefkontakt zu den Vertretern der europ. Societas litteraria seiner Zeit. Neben einer besonderen Intensität seiner akademischen Lehre, deren Umfang und Erfolge sich in einer großen Zahl gedruckter Disputationen vornehmlich zu Gegenständen der Historie und Rhetorik niederschlugen, entfaltete S. seit 1682 eine umfassende Rezensionstätigkeit in den „Acta Eruditorum“. Ein Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Ausstrahlung stellten die Jahre kurz vor 1700 dar, als nicht nur eine Sammlung seiner Reden, sondern auch ein erster Briefband, dann die „Annotata ad Res Prussorum“ und v. a. auch mehrere voluminöse Sammelbände der unter ihm verteidigten Dissertationen erschienen. Kurz vor seinem Tode erschien noch eine Abhandlung zur Orthographie.

    Darüberhinaus ist S. faktisch Begründer der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, deren erster Direktor er war. Sein umfangreicher Buchnachlaß (2005 beim Brand der Bibliothek weitgehend vernichtet) bildete die Grundlage für die weitere Sammlungstätigkeit. Der Nachlaß besteht neben den (z. T. gedruckten) Briefen auch aus Handschriften, die er vornehmlich auf Auktionen in Altona und den Niederlanden kaufte. Aus dem Nachlaß wurden zahlreiche weitere unveröffentlichte Vorlesungen und andere wissenschaftliche Werke, darunter mit der „Germania Princeps“ ein Überblick über die fürstliche Welt des Hl. Römischen Reiches, sowie Briefbände von seinem Bruder oder anderen Historikern und Staatsrechtlern herausgegeben.

  • Werke

    u. a. Solida ac necessaria disquisitio de forma imperii Rornano-Germanici ad Severini Monzambano, [Leipzig] 1668;
    Judicia de novissimis prudentiae civilis scriptoribus es Parnasso, Martismonte [wohl Leipzig] 1669;
    Satyra Sarckmasiana publice detecta, modeste castigata, Teutoburgi [wohl Leipzig] 1669;
    Monita Imperiorum, In succinctas dissertationes tributa, [Leipzig] 1674;
    De vera origine superiorum motuum Belgicorum, EpiStola ad Philippum II Hispaniae regem, Wittenberg 1674;
    Epitomes hisloricae à Jo. Sleidano coeptae, deinceps ad annum MDCLXIX productae, nunc ad A. MDCLXXVI prolatae series, Wittenberg 1678;
    Orationes Panegyricae et allocutiones varii argumenti, Wittenberg 1697;
    Annotata ad Res Prussiorum, Leipzig 1698;
    Opera historico-politica, antehac separatim seu variis titulis edita, nunc volumine coniuncta, Berlin 1699;
    Disputationes historicae civiles collectae, Leipzig 1699;
    Memoriale Historiae Romanae et Germanicae, secundum quod utramque memoria tenere potest, Wittenberg 1700;
    Epistolae nunc primum editae, Wittenberg 1700;
    Epistolarum arcanarum varii, politici, in primis historicai, 2 Bde., Halle 1711-12;
    Acta Literaria quibus anecdota animadversiones spicilegia e codd. mass quorundam finita comprehenduntur, Wittenberg 1714;
    Fundamenta historicae Germaniae mediae, Schneeberg 1728;
    Historia civilis, sacra, atque litteraria seculi decimi sexti, in annales digesta, Leipzig 1732;
    Introductio in notitiam scriptorum|variarum artium atque scientiarum, Wittenberg 1735;
    Germania Princeps, sive discursus historicio-politicus de Germaniae principum nonullorum originibus, incrementis, mutationibus familiarum, allisque rebus memorabilibus, Frankfurt-Leipzig 1745;
    Vollst. W.-Verz.:
    M. Knoche, Werke v. C. S. S. u. seiner Fam. in d. Hzgn. Anna Amalia Bibl. Weimar, in: Nachlaß d. Fam. S., Bestandsverz. u. Bibliogr., bearb. v. G. Menk in Verbindung mit J. Fulsche u. M. Knoche, 1994, S. 155-88.

  • Literatur

    ADB 33;
    K. Loescher, Die groeste Weißheit der Welt, [1708] (Leichenpredigten);
    Ad. Clarmund [= J. Ch. Rüdiger], Lebens-Beschreibung d. Welt-berühmten Polyhistoris Herrn C. S. S., …, 1710;
    C. G. H. Curtze, De vita et ingenio C. S. Schurzfleischii, 1837;
    W. Deetjen. Die Anfänge d. Weimarer Bibl., in: Zs. d. Ver. f. Thür. Gesch. u. Altertumskde., NF 28, 1929, S. 482-502;
    F. Palladini, Discussioni seicentesche su Samule Pufendorf, Scritti latini 1664-1700, 1978;
    A. Grafton, The World of the Polyhistors, in: Central European History 17, 1985, S. 31-47;
    A. H. Laeven, De „Acta Eruditorum“ onder redactie van Otto Mencke, 1986, S. 46 f.;
    G. Menk, Georg Friedrich v. Waldeck 1620-1692, 1992;
    ders., Einf., in: Nachlaß d. Fam. S. (s. W), S. 1-44.

  • Portraits

    Gem. (2005 b. Brand d. Hzgn. Anna Amalia Bibl., Weimar, zerstört), Abb. in: Nachlaß d. Fam. S. (s. W), Abb. 3;
    Medaillen, 1703 u. 1708, ebd., Abb. 5.

  • Autor/in

    Gerhard Menk
  • Empfohlene Zitierweise

    Menk, Gerhard, "Schurzfleisch, Conrad Samuel" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 764-766 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117316369.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schurtzfleisch: Konrad Samuel S., Polyhistor, geboren am 3. December 1641 zu Korbach, einer Stadt in der Grafschaft Waldeck, als Sohn des Prorectors am Gymnasium daselbst. Nachdem er die gelehrte Schule seiner Vaterstadt besucht, begab er sich zunächst auf die hohe Schule zu Gießen, um Theologie und Humaniora zu studiren: der polyhistorische Zug kam bei ihm schon frühe zum Durchbruch. Von Gießen wandte er sich drei Jahre später nach Wittenberg, seine Studien in der begonnenen Weise fortzusetzen. Hier erwarb er sich im J. 1664 die Würde eines Magisters der Philosophie und fing an Vorlesungen über die Fächer zu halten, die seine Neigungen gefangen hatten und einen ziemlich weiten Kreis umschrieben. Die Theologie als Wissenschaft ließ er zwar niemals gänzlich fallen; aber ein einziges Mal hat er in jungen Jahren die Kanzel bestiegen. Inzwischen schien es, als sollte er auch der akademischen Laufbahn entfremdet werden. Er folgte nämlich etwa im J. 1666 einem Rufe als Rector an der Schule seiner Vaterstadt; indeß gefiel er sich in den kleinlichen Verhältnissen dieses Wirkungskreises so wenig, daß er ihn nach kurzer Zeit wieder aufgab und nach Wittenberg in seine gewohnte Thätigkeit zurückkehrte. Der Umstand, daß er um diese Zeit das Amt eines Hofmeisters junger Studirender übernahm, führte ihn im J. 1667 nach Leipzig, wo er zwei Jahre lang als Lehrender und Lernender verblieb. Von da nach Wittenberg zurückgekehrt, trat er in die alten Verhältnisse wieder ein — an Gönnern und Anhängern fehlte es ihm schon jetzt nicht — und versuchte sich (1669) zugleich zum ersten Male, aber pseudonym, als Schriftsteller. Die bezügliche Schrift „Iudicia de novissimis prudentiae civilis scriptoribus“, im scharfen kritischen Tone gehalten, erweckte ihm viel Gegner und drohte sogar, seine Stellung in Wittenberg selbst zu gefährden. Doch ging diese Gefahr dank seiner vielen und einflußreichen Verbindungen nicht bloß ohne ernsthafte Nachtheile vorüber, sondern es dauerte nicht lange, so wurde er (Mai 1671) in Anerkennung seiner Wirksamkeit als Lehrer zum Professor der Geschichte extra statum befördert. Vermöge des polyhistorischen Charakters der Zeit und seiner eigenen Neigung entsprechend erhielt er im Jahre 1674 statt dessen die ordentliche Professur der "Poesie“ und 1678 die der Geschichte, womit sich nach kurzer Zeit das Lehramt der griechischen Sprache verband. Im J. 1680 endlich vertauschte er die Professur der griechischen Sprache mit der der „Eloquenz“ und überließ das Ordinariat der Geschichte seinem Bruder Heinrich Leonhard, während er für sich nur noch eine Ehrenprofessur der Geschichte vorbehielt. In diesen Jahren war S. bereits ein berühmter Mann, was gewiß schon durch die Thatsache bestätigt wird, daß er nach dem Tode Conring's (1681) den Ruf als dessen Nachfolger nach Helmstedt erhielt. In die Jahre 1680—81 fällt aus Veranlassung der um Wittenberg herrschenden Pest eine größere Reise, die S. nach den Niederlanden, England, Frankreich unternahm. Bei dieser Gelegenheit suchte S. in erster Linie|die berühmten Sitze der Gelehrsamkeit und die angesehensten Vertreter derselben auf. Zugleich huldigte er seiner mächtigen Neigung zum Studium der Bibliotheken, der Vergleichung der wichtigen Handschriften und Bücher und zur Erwerbung solcher für seine eigenen Sammlungen. In dieser Richtung entwickelte er im Laufe der Zeit eine solche Virtuosität, daß ihm der Beiname einer lebendigen Bibliothek und eines wandelnden Museums gegeben worden ist. Zehn Jahre später (1691) führte ihn eine zweite große Reise nach Italien, im besonderen nach Florenz und Rom, wo er 18 Wochen lang blieb; dort hat er besonders mit Magliabecchi, hier unter anderem mit Papst Innocenz XI. selbst verkehrt. Der Rückweg führte ihn über Venedig nach Wien, wo er von den hervorragenden Gelehrten, im besonderen aber vom Kaiser Leopold selbst mit Auszeichnung behandelt wurde. Von den zahlreichen Verbindungen, die er im wachsenden Maße unterhielt, legen seine Briefe, die zum Theil bei seinem Leben (1700), zum Theil nach seinem Tode (1711) im Druck erschienen sind, deutliches Zeugniß ab. Von seiner litterarischen Thätigkeit, die vielleicht hinter seiner praktischen Wirksamkeit zurückblieb, nehmen seine in das Gebiet der Geschichte fallenden Arbeiten in jeder Beziehung den ersten Platz ein. So seine Fortsetzung des Sleidan, in welcher er die Jahre 1669—1676 bearbeitete, und eine lange Reihe von Untersuchungen über Gegenstände aus der alten und der christlichen Zeit, die im J. 1699 in einem starken Bande gesammelt erschienen, und unter welchen die deutsche Geschichte das Uebergewicht hat. Doch auch seine Theilnahme an einzelnen wichtigen Fragen des öffentlichen Interesses findet in dieser Sammlung mit ihren Ausdruck. Dem damals von Ludolf und Paullini auf den Plan gebrachten Entwurf eines „historischen Reichscollegs“ hat er seinen Namen zwar nicht entzogen, sich aber über die entgegenstehenden Schwierigkeiten nicht getäuscht. Seine Stellung in Wittenberg war für ihn mit den Jahren und den wachsenden Erfolgen immer lieber geworden, so daß öfters wiederkehrende Versuchungen, durch Annahme von auswärtigen Berufungen sich zu verbessern, keine Macht auf ihn ausübten. Nur eine scheinbare Ausnahme davon macht die Thatsache, daß der Herzog Ernst von Weimar ihm die Anlage und das Directorium der neugegründeten Hofbibliothek in seiner Residenz übertrug, aber nur eine scheinbare, denn mit der Uebernahme dieses Amtes war keine dauernde Uebersiedelung Schurtzfleisch's nach Weimar verbunden. Dagegen ist seine eigene, auch an handschriftlichen Schätzen reiche Büchersammlung nach seinem Tode der weimarischen Bibliothek einverleibt worden. Dieser Tod trat am 7. Juli 1708 zu Wittenberg ein und Stadt und Universität ließen bei dieser Gelegenheit keine Zweifel darüber übrig, wie hoch sie den Geschiedenen zu schätzen wußten. Mehreres aus seinem handschriftlichen Nachlaß ist nach seinem Tode publicirt worden, wie z. B. seine „Introductio in notitiam scriptorum variarum artium atque scientiarum“ (Wittenberg 1735), die uns kein ungünstiges Bild von der Art und Weise, wie er seine Vorlesungen hielt, gewährt. Schurtzfleisch's um mehrere Jahre jüngerer Bruder Heinrich Leonhard S.Schurtzfleisch ist unter seiner sorgfältigen Obhut in seinen Fußstapfen gewandelt und hat, wie bereits erwähnt, 1680 die Professur der Geschichte aus seinen Händen überkommen. Als Schriftsteller war er nicht unfruchtbar und verdankt man ihm u. a. eine Ausgabe der Werke der Roswitha. Wittenberg hat ihn jedoch auf die Länge nicht festgehalten, sondern er hat seine Professur mit der Stellung eines Directors der Hofbibliothek in Weimar vertauscht und ist dort 1723 gestorben.

    • Literatur

      Vgl. Adolf Clarmund (J. Ch. Rüdiger), Lebensbeschreibung des weltberühmten Polyhistors K. S. Schurtzfleisch (Dresden und Leipzig 1710). — J. W. Berger's Memoria Schurtzfleisch's in der 2. Ausgabe von dessen Epist. sel.
      Jöcher, s. h. v., wo auch die Schriften beider Brüder ziemlich vollständig aufgeführt sind. — C. Bursian, Geschichte der classischen Philologie in Deutschland, 1. Hälfte, S. 352—353.

  • Autor/in

    Wegele.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wegele, Franz Xaver von, "" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 97-99 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117316369.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA