Lebensdaten
1768 bis 1828
Geburtsort
Halberstadt
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Hofbankier ; Vorkämpfer der Judenemanzipation ; jüdischer Theologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11704783X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jacobson, Israel
  • Jacobsohn, Israel
  • Jacobssohn, Israel
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Zitierweise

Jacobson, Israel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11704783X.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jacob Israel (1729–1803), Inh. e. Wechselgeschäfts u. Vorsteher d. Judengemeinde in H., begründete mit 10 000 Talern d. Stiftung „Israels Ehrenkranz“;
    M N. N.;
    1) 1786 Minna (1766–1819), T d. Herz Samson ( 1794), braunschweig. Kammeragent in Wolfenbüttel, 2) Jeanette (1801–74), T d. Handelsmanns u. Bankiers Jacob Leffmann (1774–1847) in Hannover u. d. Lea Herz Samson (Schw d. 1. Frau);
    3 S, 2 T aus 1), u. a. Meyer (1789–1877), Bankier in B., Rittergutsbes., Hermann (1801–92, dt.-kath.), Dr. iur., Kaufm., Bankier u. Stadtrat in B., Rittergutsbes., Jeanette ( 1] Benedikt Goldschmidt, Kaufm. in London, 2] Adolphus Goldsmith, 1876, Bankier in Paris), 2 S, 2 T aus 2), u. a. Gotthelf ( Emilie Kaulla, T d. Hofagenten Salomon Jacob K.), Gutsbes., Ferdinand (1822–1905), Bankier in Hamburg;
    N Eduard Cohen (1838–1910), Maler (s. ThB).

  • Leben

    J. begründete in Braunschweig das Handelshaus I. J. Seine Finanzkarriere begann er 1795 als Nachfolger seines Schwiegervaters Herz Samson, dessen Kammeragentie er erhielt. 1796 nahm er die Waisenhaus-Lotterie in Pacht und betrieb sie bis 1804. Wegen seiner Leistungen als Hofbankier wurden ihm und seinen ehelichen Nachkommen schon 1804 die vollen Untertanenrechte verliehen, 1805 erwarb er auch die Bürgerrechte der Stadt Braunschweig. Neben dem Handelshaus betrieb J. seit 1805 eine Rauch- und Tabakwarenfabrik in Seesen. Anleihen an deutsche Fürsten brachten J. 1803-06 in raschem Aufstieg folgende Würden ein: Bad. Hofagent, hessen-darmstädt. Kommerzienrat, mecklenburg-schwerin. Geh. Finanzrat. – Als Landesrabbiner des Weserdistrikts und einflußreicher Hofbankier hat sich J. mit Eifer und Erfolg für die Aufhebung des Leibzolls eingesetzt. Er erreichte die Aufhebung des Leibzolls in Braunschweig 1803, in Baden 1804, in Darmstadt 1805, ferner 1808 bereits ein beschränktes Bürgerrecht für die Juden in Baden und Darmstadt.

    Nach dem Zusammenbruch Preußens und Braunschweigs 1806/07 trat J. als Finanzrat in die Dienste Kg. Jérômes von Westfalen und ließ sich in Kassel nieder. Unter sehr harten Bedingungen gewährte er Staatsanleihen, dazu kamen große Heereslieferungen. Seit 1807 vermittelte er Millionen-Anleihen an Kg. Jérôme. Da dieser sie nicht zurückzahlen konnte, durfte J. zu niedrigem Preise säkularisierte Klostergüter erwerben und wurde so als erster Jude vielfacher Rittergutsbesitzer. Nacheinander kaufte er 4 Zisterzienser-Nonnenklöster, ein Benediktinerinnenkloster und ein Bernhardiner-Nonnenkloster, 1812 die Kommenden des Deutschen Ordens Bergen und Weddingen.

    J. hatte eine orthodoxe Erziehung genossen, wurde aber unter dem Einfluß Moses Mendelssohns einer der maßgeblichen Reformer des jüd. Ritus und Kultus. Er sah in Napoleon den Emanzipator der Juden, nahm im Mai 1806 an der Jüd. Notablenkonferenz in Paris teil und richtete auch ein enthusiastisches Sendschreiben an den Kaiser. Als Braunschweig 1807 ein Teil des Kgr. Westfalen wurde, verstand J. es, Napoleons Bruder Jérôme für die Emanzipation der Juden zu gewinnen (Dekret vom 27.1.1808 über die Verleihung der Rechte christlicher Bürger an die Juden). Am 19.12.1808 trat das „Königl. Westphäl. Konsistorium der Israeliten“ unter J.s Leitung in Kassel zusammen. J. statuierte einen Unterschied zwischen ewig Religiösem und vergänglich Nationalem, weshalb ihn I. Elbogen mit Recht als „Vater des Konfessionalismus innerhalb des Judentums“ bezeichnet hat.

    J. hatte starke volksbildnerische Interessen. 1801 gründete er eine Internatsschule in Seesen, die seit 1805 auch christliche Kinder aufnahm und nach den Prinzipien der Philanthropinisten, d. h. im Sinne der Aufklärung, der Verständigung unter den Religionen dienen wollte. Im Kgr. Westfalen konnte er mit amtlicher Autorität pädagogische und gottesdienstliche Reformen durchführen, die scharf in die jüd. Überlieferung einschnitten und den Widerstand der Orthodoxie hervorriefen. Am 17.7.1810 eröffnete er auf dem Schulgrundstück in Seesen einen „deutschen Tempel“ und predigte unter Glockenläuten im Talar eines ev. Geistlichen. Dazu wurden deutsche Choräle gesungen.

    Nach den Befreiungskriegen verlegte J. 1814 seinen Wohnsitz nach Berlin, wo er aber erst 1824 das Bürgerrecht erhielt. An den Berliner Anleihen jener Zeit war er als einer der reichsten Juden beteiligt. Die schwierige Lage des Großgrundbesitzes nach den napoleonischen Kriegen nutzte J. zum Erwerb mehrerer Güter in Mecklenburg, wo er 1816 das Naturalisationspatent erhielt. Die Mecklenburg. Ritterschaft machte dem Ghzgl. Hofbankier jedoch ständig Schwierigkeiten, so daß er Berlin zum dauernden Wohnsitz wählte. In seinem Berliner Haus hatte J. 1814 eine Reformsynagoge eröffnet, die später in das geräumigere Haus des Bankiers Jakob Herz Beer, des Vaters des Komponisten Meyerbeer, verlegt wurde. Hier hielt J. seinen „deutschen Gottesdienst“ ab, der durch liturgische Neugestaltung nach christlichem Vorbild und – wegen des Rückgangs der Hebräischkenntnisse und zur Erzielung größerer Andacht – durch Einführung des Deutschen charakterisiert war. Dieser wohldurchdachte deutsche Gottesdienst mit verkürzter Liturgie, Orgelspiel und Predigt erbitterte die Orthodoxie derart, daß es zu einer Kabinettsordre Friedrich Wilhelms III. vom 9.12.1823 kam, in Preußen solle „keine neue Sekte unter den Juden“ geduldet werden. Während die „deutsche Synagoge“ in Berlin geschlossen wurde, ist sie in Sachsen- Weimar und in Baden amtlich begünstigt worden. An J.s Berliner Tempel hatten auch jüngere Prediger gewirkt, ihr wichtigster war Leopold Zunz; ein anderer, Eduard Kley, sollte 1818 den Neuen Israelit. Tempel in Hamburg eröffnen, durch den die Reformbewegung des positiven jüd. Liberalismus begründet wurde. J., der Vater und Urheber dieser zukunftsträchtigen Entwicklung, starb verbittert; die Mehrzahl seiner 10 Kinder ließ sich taufen.

  • Werke

    Les premiers pas de la nation juive vers le bonheur sous les auspices du Grand Monarche Napoléon (Denkschr.), 1806.

  • Literatur

    ADB 13;
    G. Ruelf, Einiges aus d. ersten Zeit u. üb. d. Stifter d. J.-Schule in Seesen, 1890;
    Das Gebetbuch „Beth Jakob“ f. d. Gottesdienst im Tempel d. J.-Schule zu Seesen am Harz, hrsg. v. H. Strauß, 1911;
    C. Seligmann, Gesch. d. jüd. Reformbewegung, 1922;
    I. Elbogen, Gesch. d. Juden in Dtld., 1935, S. 222 f.;
    H. Schnee, Die Hoffinanz u. d. moderne Staat II, 1954, S. 109-54, V, 1965, S. 210-18;
    D. Philipson, The Reform Movement in Judaism, 21967;
    J. J. Petuchowski, Prayerbook Reform in Europe, 1968, S. 106 ff.;
    H. M. Graupe, Die Entstehung d. modernen Judentums, Geistesgesch. d. dt. Juden, 1969, S. 209 ff.;
    Enc. Jud.;
    Brunsviciensia Judaica, 1966.

  • Autor/in

    Hans-Joachim Schoeps
  • Empfohlene Zitierweise

    Schoeps, Hans-Joachim, "Jacobson, Israel" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 248 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11704783X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Jacobson: Israel J., geb. am 17. October 1768 zu Halberstadt, am 14. September 1828 zu Hannover, Förderer der Judenemancipation. Von seinem Vater Israel Jacob J. (geb. 1729, 1803) zum Rabbiner bestimmt, wurde J. durch die Bekanntschaft mit den Mendelssohn'schen Schriften früh von diesem Berufe abgewendet. Nachdem er in Braunschweig ein Handlungshaus gegründet hatte, wurde er der Nachfolger seines Schwiegervaters Herz Samson als braunschweigischer Hoffactor und Kammeragent. Er trat für die Verbesserung der Lage seiner Glaubensgenossen ein und erwirkte die Aufhebung des Leibzolles der Juden im Braunschweigischen (1803) und Badischen (1804). (In den meisten anderen deutschen Staaten wurde diese schmähliche Abgabe in den J. 1804—6 in Folge der Bemühungen des kurhessischen Hoffactors und Isenburgischen Kammeragenten Wolf Breidenbach abgeschafft.) Im J. 1801 gründete J. die Erziehungsanstalt in Seesen am Harz zu dem ausgesprochenen Zwecke, die Zöglinge derselben und mittelbar auch weitere Kreise der Juden dem Handelsgeiste zu entfremden und sie auf den Ackerbau und das Handwerk hinzulenken. Die Schule hat sich im Laufe der Zeit in eine Realschule verwandelt und nimmt unter ihren Freischülern und Pensionären auch christliche Zöglinge auf. Nach dem Tode des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand und der Einverleibung Braunschweigs in das Königreich Westphalen ging J. auf das dringende Zureden einflußreicher Freunde nach Kassel, um von dort aus für die Verbesserung der Lage seiner Glaubensgenossen und ihre sittliche Hebung zu wirken. Hier wurde er, nachdem die Juden das Bürgerrecht erhalten hatten, als Präsident an die Spitze eines Consistoriums gestellt, welches nach Art des Pariser Sanhedrins die Gemeindeverhältnisse ordnen, die Schulen verbessern, den Gottesdienst regeln sollte. Nach dem Aufhören des Königreichs Westphalen trat J., vielfach in seinen Erwartungen getäuscht, in das Privatleben zurück und zog nach Berlin. Hier suchte er für Herstellung eines veredelten Gottesdienstes zu wirken, um den unter den aufgeklärten Juden einreihenden Indifferentismus zu bekämpfen. Der von ihm und dem Banquier Herz Beer eingerichtete Privattempel wurde indessen im J. 1823 auf königlichen Befehl geschlossen. Tief verstimmt zog sich J. nach Hannover zurück und starb daselbst am 14. September 1828.

  • Autor/in

    Berthold , Stern.
  • Empfohlene Zitierweise

    Stern, Berthold, "Jacobson, Israel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 619 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11704783X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA