Lebensdaten
1765 bis 1846
Geburtsort
Erdeborn bei Eisleben
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117046825 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hüllmann, Karl Dietrich

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Zitierweise

Hüllmann, Karl Dietrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117046825.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Erdmann Phil. ( 1798), Pfarrer in Erdeborn, seit 1777 Dekan in Dederstedt, S d. Joh. Philipp, Konsistorial- u. Ratsbuchdrucker in Eisleben;
    M Eleonore ( 1772), T d. Amtmanns Franz Herm. Peter Dorguth in Seeburg u. d. Sophia Maria N. N.

  • Leben

    H. studierte seit 1783 in Halle Theologie, Philosophie und Pädagogik; sein von ihm selbst als einflußreich für seine Entwicklung bezeichneter akademischer Mentor wurde A. H. Niemeyer. Erst nach einer auf das Studium folgenden, fast 10jährigen Tätigkeit als Lehrer und Erzieher wandte H. sich mit der Promotion 1793 in Göttingen und der Habilitation 1795 in Frankfurt/O. dem Fach Geschichte zu, das er hier zuerst als Privatdozent, seit 1797 als außerordentlicher und seit 1807 als ordentlicher Professor lehrte. Sein besonderes Interesse für die Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte zeigen die in diesem Zeitraum erschienenen Publikationen: „Deutsche Finanzgeschichte“ (1805), „Geschichte des Ursprungs der Regalien in Deutschland“ (1806), „Geschichte des Ursprungs der Stände in Deutschland“ (1806) und als Lösung einer Preisaufgabe der Göttinger Akademie „Geschichte des byzantinischen Handels bis zum Ende der Kreuzzüge“ (1808). H. erhielt 1808 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Geschichte und Statistik in Königsberg, wo er sich sowohl als akademischer Lehrer – auch des Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. – wie in der akademischen Selbstverwaltung großes Ansehen erwarb. Auf Grund eines Rufes nach Heidelberg sicherte die preußische Regierung H. 1817 einen Lehrstuhl an der neuzugründenden rheinischen Universität zu und designierte ihn zu deren erstem Rektor. In diesem Amt hat H. sich große Verdienste um die Universität Bonn erwerben. In seinen Vorlesungen hat er die Alte, Mittelalterliche und Neuere bis zur „Neuesten“ Geschichte behandelt, als besondere Arbeitsgebiete berücksichtigte er auch die Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte. Außerdem wird ihm das Verdienst zugesprochen, als erster Universitätslehrer Vorlesungen über „Kulturgeschichte“ gehalten zu haben. Von den wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus späterer Zeit ist vor allem das für die Richtung seiner Arbeiten kennzeichnende Werk „Das Städtewesen im Mittelalter“ (4 Bände, 1826–29) zu nennen, das, wie es im Vorwort heißt, als eine „Geschichte des Bürgerstandes im Mittelalter“ konzipiert war. H. hat trotz seines umfangreichen gelehrten Werkes nur einen sehr geringen, jedenfalls kaum erkennbaren Anteil an der Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert gehabt. Das|ist wohl vor allem aus seinem wissenschaftlichen Werdegang an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert zu erklären. Als ideenreicher Historiker mit weitgespannten Interessen zeigte er sich „modernen“ Fragestellungen aufgeschlossen, ohne doch das wissenschaftliche Rüstzeug der ihm nachfolgenden Generation zu besitzen.

  • Werke

    W Verz. in: NND 24, 1846, I, S. 167. - Briefe:
    Briefe an u. v. George Scheffner I, 1918, S. 376 ff.;
    Ausgew. Briefe v. u. an Ch. A. Lobeck u. K. Lehrs I, 1894. -
    Personalakt d. Phil. Fak. d. Univ. Bonn; Nachlaß
    Bonn, Univ.bibl.

  • Literatur

    ADB 13;
    F. Delbrück, in: Ad. Schmidts Allg. Zs. f. Gesch. 6, 1846;
    F. v. Bezold, Gesch. d. Rhein. Friedrich-Wilhelms-Univ., 1920;
    G. v. Selle, Gesch. d. Albertus-Univ. zu Königsberg in Preußen, 1944;
    E. W. Böckenförde, Die dt. verfassungsgeschichtl. Forschung im 19. Jh., 1961;
    A. Kraus, Vernunft u. Gesch., Die Bedeutung d. dt. Akademien f. d. Entwicklung d. Gesch.wiss. im 18. Jh., 1963;
    M. Ditsche, in: Bonner Gel., Btrr. z. Gesch. d. Wiss. in Bonn, Gesch.wiss., 1968.

  • Portraits

    Lith. (Bonn, Univ.archiv), Abb. in: P. E. Hübinger, Das Hist. Seminar d. Rhein. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Bonn, 1963.

  • Autor/in

    Magnus Ditsche
  • Empfohlene Zitierweise

    Ditsche, Magnus, "Hüllmann, Karl Dietrich" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 733 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117046825.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hüllmann: Karl Dietrich H., Geschichtsschreiber, geb. am 10. Septbr. 1765 zu Erdeborn bei Eisleben in der ehemaligen Grafschaft Mansfeld, wo sein Vater Pfarrer war. Nachdem er die höhere Schulbildung auf dem Gymnasium zu Eisleben erhalten hatte, begab er sich zu Ostern 1783 auf die Universität Halle. Hier theilte er seine Studien zwischen Theologie, Philosophie und Pädagogik, die von Niemeyer gelehrt wurde; außerdem besuchte er die sehr beliebten Vorträge des Historikers Krause, ohne jedoch von ihnen in gleichem Grade angezogen oder durch sie seines Berufes bewußt zu werden. Dagegen ist schon damals die Neigung zum Lehrfache in ihm erwacht: den ersten Unterricht ertheilte er im Sommer 1786 am Pädagogium zu Halle und hielt sich den nächsten Winter über bei Salzmann in Schnepfenthal auf, um dessen hier blühende Erziehungsanstalt durch Anschauung und Mitwirkung kennen zu lernen. Im Frühjahr 1786 siedelte er, dem inneren Drange folgend, nach Bremen über, wo er eine Privatschule für Knaben errichtete, die für den Handelsstand bestimmt waren. Fünf Jahre lang hielt er hier mit voller innerer Befriedigung aus, bis er Ostern 1792, um eine feste Stellung zu gewinnen, einem Rufe des Abtes Resewitz als Lehrer des Französischen und der Erdkunde an das Pädagogium zu Kloster Bergen folgte. Aber auch hier war seines Bleibens auf die Dauer nicht. Nach etwa anderthalb Jahren begleitete er, auf unbestimmte Zeit beurlaubt, einen jungen Edelmann nach Berlin und übernahm, versuchsweise wie es scheint, eine Lehrerstelle an der dortigen Realschule. Und von hier aus entschied sich endlich seine Zukunft und ergriff er die Form des Lehrberufes, in welcher sich dann alle seine Fähigkeiten und Gaben in möglichster Vollkommenheit entfalteten. Er entschloß sich Dank wohlbegründeter Aufmunterung im Frühjahr 1795 als Privatdocent der Geschichte, zu welcher er sich immer ernstlicher hingezogen fühlte, an der Universität zu Frankfurt an der Oder aufzutreten. Bereits stand er in seinem 30. Lebensjahre; als Schriftsteller hatte er sich überhaupt noch wenig, in dem nun ergriffenen Fache noch gar nicht versucht. Immerhin war es aber keine falsche Stimme, der er bei der getroffenen Wahl gehorcht hat: der Erfolg hat sie gerechtfertigt. Schon nach zwei Jahren wurde er zum außerordentlichen und etwa 10 Jahre später zum ordentlichen Professor der Geschichte befördert. Nebst anerkannter Lehrwirksamkeit hat er in diesen Jahren zugleich als Schriftsteller die Thätigkeit begonnen, die seiner Natur die entsprechendste war und durch welche er all' das geleistet hat, so weit seine Kraft überhaupt reichte.

    Das J. 1808 und die diesem vorausgegangene schwere Krisis, die über den preußischen Staat hereingebrochen war, hatte auch für H. eine Aenderung seiner äußeren Lage im Gefolge. Die Gründung einer neuen Hochschule in Berlin und die Vereinigung der Universität Frankfurt mit der zu Breslau wurde mitten unter den nächsten Nachwehen der erlittenen Niederlage in Aussicht genommen; zugleich aber und zuvörderst sollte die ostpreußische Hochschule aufgebessert und durch Berufung neuer Lehrkräfte gehoben werden. Aus diesem Zusammenhange ging die Verpflanzung Hüllmann's als Professor der Geschichte und Statistik nach Königsberg (Herbst 1808) hervor. Neun Jahre hat H. in dieser neuen Stellung, wie er selbst sagt, in den angenehmsten Verhältnissen, aber auch vielseitiger Thätigkeit zugebracht. In dieser Zeit ist er dem damaligen Kronprinzen — dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. — näher getreten, da ihm der Auftrag wurde, demselben geschichtliche Vorträge zu halten. Als Lehrer hat H. überhaupt stets noch mehr geleistet denn als Schriftsteller; man darf das aussprechen, ohne ihm zu nahe zu treten, oder seinem litterarischen Verdienste darum ungerecht zu werden. Hier in Königsberg fand er außerdem Gelegenheit, sein großes Talent im Fache der Verwaltung und als Mann der Geschäfte zur Geltung zu bringen. Er ward Inspektor des albertinischen Collegiums, Mitglied und wiederholt Director der sogenannten wissenschaftlichen Deputation und Vorstand der königlichen deutschen Gesellschaft. Und es dauerte nicht lange, so wurde ihm für alle diese seine Gaben ein noch größerer und durchaus erwünschter Schauplatz eröffnet. Das rauhere Klima Königsbergs hatte H. niemals zusagen wollen und er sehnte sich aus diesem Grunde, wie sehr ihn alle übrigen Verhältnisse auch befriedigen mochten, nach einer Veränderung seines Aufenthaltes. Ein Ruf nach Heidelberg, der im J. 1817 an Wilken's Stelle an ihn gelangte, versprach alles zu gewähren, was er sich in dieser Richtung nur wünschen konnte; die Annahme desselben hätte ihn freilich zugleich dem preußischen Staate vielleicht dauernd entzogen. Da trat die Staatsregierung dazwischen und sicherte ihm eine Professur an der in der Errichtung begriffenen neuen rheinischen Universität zu. So verließ denn H. noch im Herbste 1817 Königsberg, nahm zunächst seinen Wohnsitz in Köln und siedelte im Frühjahr des folgenden Jahres nach Bonn über, wo er dem Oberpräsidenten Grafen zu Solms-Laubach in der Organisation der neuen Hochschule erfolgreich zur Seite stand und nach der Eröffnung derselben ihr erster Rector wurde. Die ganze noch übrige Zeit seines Lebens hat H. in dieser seiner neuen Stellung zugebracht. Seine große Anziehungskraft als Lehrer hat ihm hier die reichste Wirksamkeit gestattet und eine seltene Anhänglichkeit seiner Schüler und Zuhörer erweckt. Seine Vorträge umfaßten Geschichte des Alterthums und des Mittelalters. Deutschlands und Preußens, neuere und neueste Geschichte Europa's, ferner Statistik. Staatsrecht und Staatswirthschaft und vor allem auch Culturgeschichte, welche er in edler Erfassung ihres Inhaltes als einer der ersten, wenn nicht der erste, vom Katheder aus behandelt hat. Sein schon hervorgehobenes Talent zur Verwaltung und als Geschäftsmann hat er auch in Bonn vielfach zu verwerthen Gelegenheit gehabt. Vertrauensmann der Staatsregierung wie er war, hat er u. a. mehrere Jahre hindurch das schwierige Amt eines Regierungsbevollmächtigten an der Hochschule bekleidet. Politisch gewogen, huldigte H. einer streng conservativen, aber den Lehren der Geschichte nicht verschlossenen Gesinnung. Seine schriftstellerische, in Königsberg erst recht begonnene Thätigkeit hat er in Bonn fortgesetzt und die Gegenstände,|die seine Hauptwerke behandeln, sichern ihm eine eigene Stellung in der Geschichte unserer Historiographie zu. Es ist nicht die politische Geschichte im engeren Sinne des Wortes, mit welcher er sich beschäftigte, sondern das Zuständliche, das mehr Dauernde im Wechsel, die Einrichtungen des Staates und der Kirche, die Organisation des bürgerlichen Gemeinwesens, die Entwickelung des Handels, der Bewirthschaftung des Bodens, kurz Alles, was zwischen äußerer Geschichte, Verfassungskunde und Rechtswissenschaft in der Mitte liegt. Obenan stehen seine „Geschichte des Ursprungs der Stände“, die 1830 in völlig neuer Bearbeitung erschien, und das umfassendste seiner Werke, das „Städtewesen des Mittelalters“, das in den Jahren 1825—29 in 4 Bänden an das Licht trat und seinen Namen am weitesten getragen hat, für seine Zeit und angesichts der Wenigen Vorarbeiten unzweifelhaft eine anerkennungswerthe Leistung, wenn sie auch schon hinter seinen eigenen Anforderungen an ein Unternehmen der Art zurückblieb. Seine Lehrwirksamkeit hat H. bis zum J. 1841, also bis zu einem sehr hohen Alter fortgesetzt. Seitdem zog er sich immer mehr von der Oeffentlichkeit zurück, bis ihn endlich am 4. März 1846 der Todesengel sanft berührte.

    • Literatur

      Ferdinand Delbrück in Ad. Schmidt's Allgemeiner Zeitschrift für Geschichte, 6. Bd. (1846) S. 1—14. — Eigene Skizze Hüllmann's von seinem Lebensgange in dem Stammbuch der philosophischen Facultät der Universität Bonn. — Die Mehrzahl seiner Schriften sind aufgeführt im Neuen Nekrolog der Deutschen, 1846, Thl. 1, S. 167—168.

  • Autor/in

    Wegele.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wegele, Franz Xaver von, "Hüllmann, Karl Dietrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 330-332 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117046825.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA