Lebensdaten
1919 bis 1984
Geburtsort
Oberhofen/Thuner See Kanton Bern
Sterbeort
Addis Abeba (Äthiopien)
Beruf/Funktion
Psychoanalytiker ; Maler
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 116928719 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Morgenthaler, Fritz

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Zitierweise

Morgenthaler, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116928719.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ernst (s. 3);
    M Sasha v. Sinner (s. 4);
    Ov Walter (s. 1), Otto (s. 2);
    Ruth Mathis (* 1928), Graphikerin;
    2 S, u. a. Marco (* 1958), Mitarbeiter M.s (s. W).

  • Leben

    M. besuchte die Volksschule in Paris, absolvierte in Zürich das Gymnasium und bildete sich zunächst als Jongleur aus, um Artist zu werden, begann aber dann ein Medizinstudium, das er 1945 abschloß. 1946 war er Arzt an der Poliklinik Prijedor (Jugoslawien) im Rahmen der Nachkriegshilfe („Schweizerspende“), 1946-51 als Assistenzarzt an der Neurologischen Universitätspoliklinik Zürich tätig. Gleichzeitig ließ er sich bei Rudolf Brun zum Freudschen Psychoanalytiker ausbilden. Nach einer Tätigkeit als Assistenzarzt für Kardiologie in Paris (1951/52) ließ er sich 1952 als Psychoanalytiker in Zürich nieder.

    M. war 1956-77 Vorstandsmitglied der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse, leitete den Unterrichtsausschuß und gab deren „bulletin“ heraus. Er war in dieser Funktion auch in der Leitung des 1958 von ihm mitbegründeten Psychoanalytischen Seminars Zürich. Nachdem sich dieses weitgehend über die Teilnehmerversammlung als wichtigstes Gremium demokratisiert hatte, wurde von der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse eine nicht gewählte Leitung eingesetzt und in der Folge dem Seminar die Anerkennung entzogen. Es arbeitete daraufhin unabhängig. 1961-65 war M. Mitglied des „Sponsoring committee“ für Italien der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. M. lehrte an verschiedenen Instituten über Traum- und Sexualtheorie und über Technik der Psychoanalyse, in den letzten Jahren vor allem in Bologna, Mailand, Turin, Parma und Bari. 1954-71 unternahm M., zusammen mit Paul Parin, Goldy Parin-Matthéy und seiner Frau, sechs ethnopsychoanalytische Forschungsreisen nach Westafrika, 1979/80 eine ins Sepik-Gebiet von Papua-Neuguinea zusammen mit den Ethnologen Florence Weiss, Milan Stanek und seinem Sohn Marco. Seine Fertigkeiten als Jongleur dienten ihm dabei gelegentlich als Mittel der Kontaktaufnahme mit Einheimischen. M. war überdies künstlerisch tätig. Auf seinen Reisen in Nord- und Südindien, China, Australien, Indonesien, Mittel- und Südamerika entstanden zahlreiche Ölkreidezeichnungen und Aquarelle, in Zürich und in seinem Haus in Sardinien schuf er Ölbilder. Mit etwa einem Dutzend Ausstellungen u. a. in Rotterdam, Zürich, Basel und Berlin (West) erwarb er sich auch als Maler einen Namen.

    M.s Beschäftigung mit Fragen der Sexualität und besonders der männlichen Homosexualität entwickelte sich in der psychoanalytischen Praxis. Die daraus gewonnenen Einsichten ergaben eine neue Orientierung nicht nur in der Therapie, sondern in der Auffassung sexuellen Verhaltens überhaupt und führten zu einer Weiterentwicklung der Freudschen Sexualtheorie. Das „Sexuelle“ wird von der „Sexualität“ unterschieden. Jenes unterliegt in seinen Außerungsformen keinen Beschränkungen, während diese als das Ergebnis einer Entwicklung unter dem Einfluß der sozialen Umwelt und der sich bildenden Struktur des Individuums gesehen wird. Die verschiedenen Formen werden als gleichwertige Möglichkeiten der Sexualität anerkannt. M. hat diese Differenzierung theoretisch im Freudschen Strukturmodell (Es, Ich, Über-Ich) verankert. Seine in den Jahren 1961-83 entstandenen Arbeiten darüber wurden 1984 in dem Band „Homosexualität, Heterosexualität, Perversion“ (engl. 1987) veröffentlicht. M.s Auffassung der Theorie der psychoanalytischen Technik resultiert aus seinen klinischen Erfahrungen und der Anwendung der psychoanalytischen Methode bei Angehörigen fremder Kulturen. Dabei studierte er besonders die emotionalen Bewegungen des Analytikers und des Analysanden und hob sie als Movens der Analyse hervor. Sein Bücher „Technik, Zur Dialektik der psychoanalytischen Praxis“ (1978, ital. 1980) und „Der Traum, Fragmente zur Theorie und Technik der Traumdeutung“ (1986) enthalten die Forschungen, die M. im Bereich der Theorie der psychoanalytischen Technik unternommen hat. – M. gehört zu den Pionieren der Ethnopsychoanalyse. Gemeinsam mit Paul Parin und Goldy Parin-Matthéy hat er erstenmals in der Geschichte der Anwendung der Psychoanalyse deren Technik als Methode der ethnologischen Feldforschung erprobt. Mit ihren Feldforschungen in den 50er und 60er Jahren bei den Dogon und Agni in Westafrika gelang ihnen der Nachweis, daß sich die Psychoanalyse praktisch und theoretisch eignet, Menschen einer fremden Ethnie zu verstehen.

  • Werke

    Weitere W Die Weißen denken zuviel, Psychoanalyt. Unterss. b. den Dogon in Westafrika, 1963, 41993, franz. 1966 (mit P. Parin u. G. Parin-Matthéy);
    Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst, Psychoanalyse u. Ges. am Modell Agni in Westafrika, 1971, engl. 1980, ital. 1982 (mit dens.);
    Gespräche am sterbenden Fluß, Ethnopsychoanalyse b. den Iatmul in Papua-Neuguinea, 1984, franz. 1987 (mit F. Weiss u. Marco Morgenthaler). – W-Verz.: A. Grinstein, The Index of Psychoanalytic Writings, XII, 1973.

  • Literatur

    H.-J. Heinrichs, Löwengrüße v. F. M., Er war e. d. bedeutendsten Psychoanalytiker d. nachfreud. Generation, in: Die Zeit v. 9.11.1984;
    P. Parin, F. M., in: R. Lautmann (Hrsg.), Homosexualität, 1993, S. 273-78;
    M. Erdheim, F. M. u. d. Entstehung d.|Ethnopsychoanalyse, in: F. M., Der Traum, 1986, S. 187-211;
    J. Reichmayr, Einf. in d. Ethnopsychoanalyse, Gesch., Theorie u. Methode, 1995;
    Luzifer-Amor, Zs. z. Gesch. d. Psychoanalyse, Das Psychoanalyt. Seminar Zürich 6, 1993, H. 12.

  • Autor/in

    Johannes Reichmayr
  • Empfohlene Zitierweise

    Reichmayr, Johannes, "Morgenthaler, Fritz" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 118-120 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116928719.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA