Lebensdaten
1857 bis 1927
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Publizist
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116885041 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nathan, Paul

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Zitierweise

Nathan, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116885041.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1809–77), Bankier in B.;
    M Henriette (1819–1904), T d. Heymann Cohn (1777–1863), Bankier in Dessau;
    Om Moritz Frhr. v. Cohn (1812–1900), Bankier in Dessau, preuß. Schatullenverw.

  • Leben

    Nach dem Tod des Vaters, der ihn – entgegen seinen literarischen und politischen Interessen – gedrängt hatte, eine kaufmännische Lehre in einer Ölfabrik zu absolvieren, schrieb M. für die „Berliner Bürger-Zeitung“ und den „Berliner Börsen-Courier“. Daneben besuchte er an der Berliner Universität Vorlesungen über politische Theorie, Geschichte und Wirtschaft. 1880 ging er nach Heidelberg, wo er Archäologie sowie deutsche und franz. Literatur studierte und über Rabelais promovierte. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde er von Ludwig Bamberger und Eduard Lasker für die Nationalliberale Partei und als politischer Redakteur für die 1883 von Theodor Barth gegründete Wochenzeitung „Die Nation“ gewonnen. 1885-1907 war N. Mitherausgeber der „Nation“. Mehr aufgrund seiner liberalen und rechtstaatlichen Überzeugung als aus religiösem Interesse bezog er Stellung gegen antisemitische Strömungen und trat dem 1890 gegründeten „Comitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin“ bei. In dessen Auftrag verfaßte er 1896 die Schriften „Die Kriminalität der Juden in Deutschland“ und „Die Juden als Soldaten“. Durch Statistiken wies er nach, daß der Anteil der Juden an der Kriminalität bzw. am soldatischen Einsatz für das Vaterland völlig jenem der Nichtjuden entsprach.

    Auf einer Reise durch die Türkei reifte in ihm der Plan, mit Hilfe des Auswärtigen Amtes eine Hilfsorganisation für die Juden in Osteuropa und im Vorderen Orient zu schaffen. Am 20.5.1901 gründete N. in Berlin den „Hilfsverein der Deutschen Juden“, für den er die Unterstützung reicher Juden und zahlreicher Politiker fand. Der Hilfsverein setzte sich zum Ziel, in Not geratenen Juden in Osteuropa und im Vorderen Orient zu helfen – sei es durch Sachleistungen, durch die Ermöglichung der Auswanderung oder den Aufbau eines Erziehungssystems. Zu diesem Zweck unternahm N. mehrfach ausgedehnte Reisen nach Rußland, auf den Balkan und in die unter türk. Herrschaft stehenden Gebiete des Nahen Orients, darunter Palästina, und konferierte mit den maßgeblichen Politikern. Im Dezember 1904 veranstaltete der Hilfsverein in Frankfurt/Main eine internationale Konferenz zur Unterstützung der osteurop. Emigration. 1905-14 kamen über 700 000 Juden vor allem aus Rußland nach Deutschland; die meisten reisten in die USA weiter. Seit dem Pogrom von Kischinew (6./7.4.1903) war N. überzeugt, daß sich die Lage der Juden in Rußland nur nach einer Revolution bessern könne. Daher forderte er von den Westmächten, wirtschaftlichen und politischen Druck auf Rußland auszuüben. Die „Russische Korrespondenz“, herausgegeben vom Hilfsverein, sollte die Öffentlichkeit über die schlimmen Zustände in Rußland informieren. Während des 1. Weltkriegs warb N. für eine Unterstützung der Mittelmächte durch das internationale Judentum, um das antisemitische, reaktionäre Regime in Rußland zu stürzen. In Palästina baute N. ein Netzwerk von schulischen Einrichtungen auf, das vom Kindergarten bis zum Polytechnikum („Technicum“) in Haifa reichte. Als Unterrichtssprache entschied man sich für Hebräisch, hinsichtlich der technischen Fächer für Deutsch. Nach der Besetzung Palästinas durch Großbritannien 1918 wurden die Bildungseinrichtungen des Hilfsvereins der zionistischen Weltorganisation unterstellt. Die Aktivitäten des Hilfsvereins konzentrierten sich nun auf Ost- und Südosteuropa. N. befürwortete nun Pläne, die Juden in fernöstlichen Gebieten der Sowjetunion anzusiedeln.

    N. saß seit 1900 als Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei in der Berliner Stadtverordnetenversammlung; 1919 schloß er sich der DDP, 1921 der SPD an. Das Angebot, nach der Revolution als Gesandter nach Wien zu gehen, lehnte er ab. Vorstandsmitglied des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, war N. überzeugt, daß nur die Assimilation zur völligen Gleichberechtigung der Juden führen könne. Aus diesem Grunde wandte er sich gegen die Aktivitäten der Zionisten.

  • Werke

    u. a. Der jüd. Blutmord u. d. Frhr. v. Wackerbarth-Linderode, 1892;
    Über d. jüd. rituelle Schächtverfahren, 1896;
    England u. wir, 1912;
    Palästina u. palästinens. Zionismus, 1914;
    Die Ostjuden in Dtld. u. d. antisemit. Reaktion, 1922;
    Das Problem d. Ostjuden, 1926. – Hrsg.: Ludwig Bamberger, Erinnerungen, 1899;
    Ludwig Bamberger, Gesamte Schrr., 5 Bde., 1915.

  • Literatur

    E. Feder, Pol. u. Humanität, P. N., e. Lb., 1929 (P);
    ders., P. N. and His Work for East European and Palestinian Jewry, in: Historia Judaica 14, 1. T., 1952;
    ders., in: Leo Baeck Inst. Year Book III, 1958, S. 60-80 (P);
    ders., ebd. IV, 1959, S. 135-45;
    ders., in Dt. Judentum, hrsg. v. R. Weltsch, 1963, S. 120-44 (P);
    E. Cohn-Reiß, Erinnerungen e. Bürgers v. Jerusalem, 1933;
    A. Wiener, in: Association of Jewish Refugees in Great Britain, Information XII, Nr. 4, 1957;
    Z. Szajkowski, P. N., Lucien Wolf, Jacob H. Schiff and the Jewish Revolutionary Movements in Eastern Europe (1903–17), in: Jewish Social Studies 29, 1967, S. 3-26, 75-91;
    Enc. Jud. 1971 (P).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Nathan, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 746-747 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116885041.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA