Lebensdaten
1752 bis 1801
Geburtsort
Helmstedt
Sterbeort
Potsdam
Beruf/Funktion
preußischer Kabinettsrat ; Erb- und Lehnsherr auf Neu-Cladow ; Staatsmann
Konfession
lutherische Familie
Normdaten
GND: 116876212 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mencke, Anastasius Ludwig
  • Mencken, Ludwig
  • Mencke, Ludwig
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Zitierweise

Mencken, Anastasius Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116876212.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottfried Ludwig Mencke(n) (1712–62, s. Einl.), S d. Gottfried Ludwig (1683–1744, s. Einl.) u. d. Christiane Marie Zoller (1684–1737);
    M Luisa Maria (1727–1800), T d. Domherrn u. Stiftsseniors Anastasius Witten (1672–1763) zu Gandersheim u. d. Agnes Sophie Geitel (1688–1775);
    Potsdam 1785 Johanna (Anna) Elisabeth (1755–1818), Wwe d. Pierre Schock (1742–84), Dir. d. Kgl. Tabakfabrik in Potsdam, T d. Wilhelm Reinhard Boeckel ( um 1772), Forstmeister u. Arrendator zu Stecklin, u. d. Charlotte Elisabeth Müller (1724–1804);
    1 S, 1 T, Samuel Karl Ludwig (* 1787), Oberamtmann zu Königswusterhausen, Wilhelmine Louise (1789–1839, Ferdinand v. Bismarck, 1771–1845);
    E Otto v. Bismarck (1815–98), Reichskanzler (s. NDB II).

  • Leben

    M. besuchte 1762-66 die Stadtschule Halle und schloß bei dem Quedlinburger Rektor J. J. Rambach seine schulische Ausbildung mit einem glänzenden Zeugnis ab. 1768 begann er das Jurastudium in Helmstedt, ging 1772 nach Leipzig und kehrte im Jahr darauf in sein Elternhaus zurück. Unmittelbar vor dem Rigorosum verließ M. 1775 fluchtartig Helmstedt. In Berlin fand er bei einem Freund der Eltern, dem aufgeklärten Theologen W. A. Teller, Unterstützung. Ihm verdankte er die Stelle als Hauslehrer und Abschreiber bei dem Geh. Kriegsrat und Berliner Bürgermeister Ch. L. Troschel, einem der angesehensten Rechtskonsulenten Berlins. 1776 scheiterte eine M. zugesagte Berufung als Lehrer an die Berliner École militaire am Einspruch des Ministers E. F. Gf. v. Hertzberg, der dann als „Ausgleich“ M.s Aufnahme in die „Diplomatische Pépinière“ (eine nach dem Vorbild der franz. Académie des Nobles errichtete diplomatische Pflanzschule) veranlaßte. Schon im Mai 1777 folgte M. als Legationssekretär dem preuß. Gesandten Nostiz nach Stockholm, wo er zunächst im Herbst 1777 und dann im September 1779 bis zum Eintreffen von dessen Nachfolger D. L. Ch. Gf. v. Keller interimistisch die Gesandtschaft führte. M.s taktvolle Vermittlung in einem Konflikt zwischen der Königinmutter Ulrike, einer Schwester des preuß. Königs, und Kg. Gustav III. von Schweden wie auch seine Mittlertätigkeit zwischen den hohenzollerischen Geschwistern brachten ihm das Wohlwollen|und die Protektion der schwed. Königsfamilie ein. Auf Vorschlag des Geh. Kabinettsministers K. W. Gf. v. Finckenstein wurde M. am 28.3.1782 zum Geh. Kabinettssekretär Kg. Friedrichs II. ernannt, der ihn von Anfang an mit einem ungewöhnlich hohen Gehalt auszeichnete. Bald übernahm M. neben dem Chiffrierdienst der diplomatischen Korrespondenz auch den eigenständigen Entwurf von Kabinettsordres und Depeschen. Obwohl er 1786 von Friedrich Wilhelm II. zum Geh. Kriegsrat ernannt worden war und unter den Kabinettsräten als „der geistig bedeutendste“ (Hüffer) galt, verlor der politisch liberale und aufgeklärt-rationalistische M. seinen unter Friedrich II. bestimmenden Einfluß als Interpret des königlichen Willens an die neuen Günstlinge Bischoffswerder, Wöllner und seinen Kollegen J. A. v. Beyer, dem er erst nach einer Beschwerde wieder gleichgestellt wurde. 1790 begleitete er den König zum Kongreß von Reichenbach und 1792 in das Hauptquartier des Frankreichfeldzuges. Schon durch seine positive Einstellung zur Franz. Revolution, deren Ideen er in gemäßigter Form für Preußen für anwendbar und wünschenswert hielt, als „Jakobiner“ verdächtigt, verlor er bei einer durch den Schriftsteller F. M. Leuchsenring ausgelösten Affäre vollends das Vertrauen des Königs. Noch vor Beendigung des Rheinfeldzuges fiel M. in Ungnade und mußte im Dezember 1792 nach Potsdam zurückkehren. M. wurde de facto seines Amtes enthoben, ohne aber entlassen zu werden. Seine Aufgaben übernahm der ihm befreundete Kabinettsrat J. W. Lombard, der schon seit 1791 zu M.s Entlastung eingesetzt worden war.

    In der Folgezeit lebte der seit seiner Heirat (1789) finanziell unabhängige M. zurückgezogen, widmete sich besonders staatswissenschaftlichen und philosophischen Studien wie auch seinem Freundeskreis, dem u. a. Gegner Wöllners wie die Minister K. A. v. Struensee und E. F. Ch. v. der Reck, der Publizist F. v. Gentz, Helmstedter Jugendfreunde wie Henke, Berliner Bekannte wie Propst Teller, Friedrich Gottlieb Unger sowie der Prinzenerzieher J. F. Delbrück angehörten. Im Dezember 1796 erhielt M. völlig unerwartet die Aufgabe, die Instruktion für die sog. „südpreuß. Organisierungskommission“ auszuarbeiten. Mit dieser letzten wichtigen Arbeit unter Friedrich Wilhelm II. legte M. geradezu einen „umfassenden Reformplan für den preuß. Staat“ (Bussenius, Philippson) vor, der jedoch an den aktuellen Organisationsbedürfnissen vorbeiging. Noch vor dem Thronwechsel erhielt er den Auftrag, über den Geschäftsgang im Kabinett zu gutachten. M.s Reformvorschläge fanden bei der Bildung des neuen Kabinetts Berücksichtigung. Hierzu zählten etwa die Selbstbeschränkung des Monarchen im Gegensatz zur friderizianischen Kabinettspolitik, die Entwicklung der Selbständigkeit und Verantwortlichkeit der Minister und Präsidenten, die straffere Geschäftsorganisation innerhalb des Kabinetts und die Einsetzung von nur zwei alternierend tätigen wirklichen Geh. Kabinettsräten. Schon vor dem Thronwechsel zum künftigen Leiter des Kabinetts designiert, gewann M. während seiner kurzen Wirksamkeit als erster Kabinettsrat (1797–1800) erheblichen Einfluß auf die preuß. Politik. Der maßgeblich von den Werken Mirabeaus und Fichtes – für dessen Berufung nach Berlin er sich eingesetzt hatte – und den Reformgedanken Struensees beeinflußte M. erarbeitete die Grundzüge vieler später realisierter Reformprojekte. Die von ihm formulierten Kabinettsordres (erhalten in den sog. „Minutes und Extracten von verschiedenen Ordres“, November 1798 bis Ende 1800) zeigen ihn als den „liberal denkenden, gebildeten, feinfühlenden, wohlwollenden Mann von den edelsten Gesinnungen und Absichten“, als den ihn der Frhr. vom Stein charakterisierte. 1800 trat M. krankheitsbedingt von seinen Aufgaben zurück und verbrachte sein letztes Lebensjahr mit dem Ausbau des ihm 1799 von Friedrich Wilhelm III. in Erbpacht überlassenen und in der Nähe der Pfaueninsel gelegenen Gutes Neu-Cladow.

  • Werke

    u. a. Die Wöllners Demission vorausgehenden kgl. Kabinettsordres u. Resolutionen (23.11.1797, 27.12.1797, 12.1.1798, 5.3.1798), in: Journal f. Prediger, Bd. 42, 1798, S. 72-87;
    Schreiben u. von M. entworfene Kabinettsordres, in: H. Granier, Preußen u. d. kath. Kirche, 8. T. (1797–1803), 1902, Nr. 1, 7, 11, 13, 15, 16, 59;
    Gutachten üb. d. Kabinettsregierung u. Begleitschreiben an Oberst Karl Leopold v. Köckritz (11.10.1797), in: Hüffer, Kabinettsregierung, S. 611-17, als Beill. X, XI, u. in: C. Müller, S. 228-35 (s. L

  • Literatur

    ADB 21;
    W. A. Teller, A. L. M., in: K. L. Woltmann (Hrsg.), Gesch. u. Pol., T. 3, 1801, S. 351-63;
    F. Schlichtegroll (Hrsg.), Nekr. d. Teutschen f. d. 19. Jh., Bd. 1, 1802, S. 104-44, Nachtrag S. 331-42;
    H. Hüffer, A. L. M., d. Großvater d. Fürsten Bismarck, u. d. Kabinettsregierung in Preußen, 1890;
    ders., Die Kabinettsregierung in Preußen u. Joh. Wilh. Lombard, 1891;
    O. Hintze, Preuß. Reformbestrebungen vor 1806, in: HZ 76, 1896, S. 413-43;
    Conrad Müller, Bismarcks Mutter u. ihre Ahnen, 1. Bd., 1909 (P);
    O. v. Bismarck, Gedanken u. Erinnerungen, hrsg. v. H. Granier, 1929, S. 49;
    E. Marcks, Bismarck, Eine Biogr. 1815–51, 1940, S. 17-31;
    C. Bussenius, Die preuß. Verwaltung in Süd-|u. Neuostpreußen 1793-1806, 1960, S. 126-38;
    L. Gall, Bismarck, Der weiße Revolutionär, 1980.

  • Portraits

    Kupf. (Jugendbildnis), Abb. in: C. Müller (s. L) n. S. 208;
    Kupf. v. Bottlager (Altersbildnis), Abb. in: C. Müller, S. 262.

  • Autor/in

    Ina Ulrike Paul
  • Empfohlene Zitierweise

    Paul, Ina Ulrike, "Mencken, Anastasius Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 35-37 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116876212.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mencken: Anastasius Ludwig M., geb. am 2. August 1752 als Sohn des Professors der Rechtswissenschaft Gottfried Ludwig Mencke, zu Helmstedt (s. o. S. 312), vorgebildet auf der Stadtschule zu Halle und bei dem Rector Rambach in Quedlinburg, widmete sich seit 1768 zuerst in Helmstedt, später in Leipzig juristischen Studien. Im J. 1773 nach Helmstedt zurückgekehrt, um sich für die Doctorpromotion vorzubereiten, ging er im J. 1775 aus Abneigung gegen die juristische Laufbahn nach Berlin, wo er einige Zeit als Hauslehrer bei dem Geh. Kriegsrath und Bürgermeister Troschel thätig war, bis er zu Ende des Jahres 1776 durch Hertzberg in die diplomatische Pepinière aufgenommen wurde. Im Mai des folgenden Jahres wurde er als Legationssecretär nach Stockholm geschickt, aber bereits im März 1782 zurückberufen und auf Vorschlag des Grafen Finckenstein von Friedrich dem Großen zum Geh. Cabinetssecretär ernannt. Der König, dem er durch seine Schwester Ulrike von schweden empfohlen war, zeichnete ihn sichtlich aus und bevorzugte ihn vor den übrigen Cabinetssecretären. Seine Arbeit bestand anfangs nur im Chiffriren und Dechiffriren der abgehenden und eintreffenden Depeschen, doch wurde er bald auch mit dem Concipiren der Cabinetsordres beauftragt, wobei er große Gewandtheit und Leichtigkeit zeigte. Friedrich Wilhelm II. machte ihn bald nach seiner Thronbesteigung zum Geh. Cabinetsrath und bediente sich seiner in allen wichtigen Angelegenheiten der Civilverwaltung. Im J. 1792, als M. sich während des französischen Feldzuges im Gefolge des Königs befand, gerieth er, wie erzählt wird, in den Verdacht jacobinischer Gesinnung und fiel in Ungnade; gewiß ist, daß er im December 1792, während der König noch in Frankfurt a. M. verweilte, auf seinen Wunsch nach Potsdam beurlaubt wurde. M. lebte dann eine Zeit lang in Zurückgezogenheit, wozu ihn auch seine beginnende Kränklichkeit und Körperschwäche nöthigten; doch arbeitete er zu Ende des Jahres 1796 auf Veranlassung des Königs eine umfangreiche Instruction für die Commission zur Organisation von Südpreußen aus, welche fast zu einem Reformplane für die gesammte Regierung und Verwaltung Preußens wurde. Ueberhaupt gehörte M., der besonders mit Struensee verbunden gewesen zu sein scheint, zu denjenigen Männern, welche eine Reorganisation des preußischen Staates unter Benutzung der Ideen der französischen Revolution für unerläßlich hielten. Eben aus diesem Grunde wurde er von König Friedrich Wilhelm III. wieder mehr zu den Geschäften herangezogen; aus seiner Feder stammen jene Cabinetsordres aus der ersten Zeit der neuen Regierung, die freisinnig und human, aber zugleich wortreich und unklar, den Umschwung zu einer liberaleren Richtung der inneren Politik bezeichneten. Allein seine Wirksamkeit war nur von kurzer Dauer: nach längerem Leiden, das er durch Badereisen nach Pyrmont vergebens zu heben gesucht hatte, starb er schon am 5. August 1801 zu Potsdam. — M. war, nach Stein's Urtheil, ein liberal denkender, gebildeter, feinfühlender,|wohlwollender Mann von den edelsten Gesinnungen und Absichten. Durch seine am 24. Febr. 1790 geborene Tochter Luise Wilhelmine, die sich am 7. Juli 1806 mit dem Rittmeister a. D. Karl Wilhelm Ferdinand von Bismarck vermählte, ist M. der Großvater des Fürsten Bismarck.

    • Literatur

      Vgl. Schlichtegroll, 1801, I, 104—144, 331—342, guter Nekrolog, dessen Angaben durch die Acten des Geh. Staatsarchivs zu Berlin bestätigt werden.

  • Autor/in

    Bailleu.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bailleu, Paul, "Mencken, Anastasius Ludwig" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 313-314 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116876212.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA