Lebensdaten
1549 bis 1618
Geburtsort
Bartfeld (Ungarn; jetzt Bardiov, ČSSR)
Sterbeort
Augsburg
Beruf/Funktion
Späthumanist ; Lexikograph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116702052 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Henischius Bartphanus
  • Henischius Bartfeldensis
  • Chariander Georgius (Pseudonym)
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Zitierweise

Henisch, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116702052.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Fam. scheint aus Sachsen nach Ungarn zugewandert zu sein;
    V Johannes, Syndikus;
    M N. N.;
    Augsburg 1576 Regina ( 1603), T d. Dr. med. Philipp Wirsung ( 1562), Arzt in A., u. d. Katharina Pflaum; mindestens 3 S, 1 T, u. a. Philipp, Dr. med., Prof. in Montpellier.

  • Leben

    H. besuchte das Gymnasium in Linz und studierte 1566-70 in Wittenberg, dann in Leipzig, Paris und Basel (1576 Promotion zum doctor medicinae). Hieronymus Wolf empfahl ihn für das protestantisch Augsburger Annagymnasium, wo er 1576-1617 Professor für Logik und Mathematik war. Er unterrichtete auch im Hebräischen, Griechischen, Lateinischen und in der Rhetorik, übte 1580-93 zusammen mit Simon Fabricius das Amt des Rektors aus, stand zur selben Zeit der Stadtbibliothek vor und führte bis zu seinem Tod eine frequentierte ärztliche Praxis. Viermal war er Dekan des Augsburger Ärztekollegiums. Er hat die Akten des 1582 begründeten Collegium medicum gesammelt, geordnet und so die Grundlage für die reiche Medizingeschichte Augsburgs geschaffen. Auch gab er 1600 den ersten gedruckten Katalog der Stadtbibliothek heraus; es ist der älteste Druckkatalog einer öffentlichen Bibliothek, eine beispielhafte Tat.

    H. gehört zu dem weit über Augsburg hinaus wirkenden Späthumanistenkreis an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, dessen Mentor und bewegende Kraft der Patrizier Markus Welser war. H. war der Mathematiker und Naturwissenschaftler, aber auch der Germanist dieses Kreises, eine tolerante Natur, deren freundschaftliche Bande wie wissenschaftliche Verbindungen von den Jesuiten vornehmlich in Augsburg, München und Dillingen bis zu katholisch und protestantisch Gelehrten in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden reichten. Er beteiligte sich mit Welser und Hoeschel an dem Verlag „Ad insigne Pinus“, der als Gemeinschaftsunternehmen der Augsburger Späthumanisten begann und als Verteidiger eines christlichbürgerlichen Humanismus im Dienste der Gegenreformation endete.

    In der Kaufmannsstadt Augsburg war der Humanismus wesentlich auf praktische Erkenntnisse und Ergebnisse gerichtet. H. kam den Wünschen des nüchternen, rechnenden und zählenden Bürgertums entgegen. Seine Schriften tragen einen stark rationalen Zug, sein Geist drängte zu klarer Begriffsbildung und zu vernünftigen Methoden. Als medizinischer Schriftsteller hat er ein Handbüchlein verfaßt und eine Aretäus-Ausgabe ediert. Das Studium der Himmelskörper und des Firmaments beschäftigte ihn sein Leben lang. Jährlich lieferte er einen mathematischastronomischen Kalender und veröffentlichte einen Kommentar zu Proklus. Die Geographie behandelte er als historische Hilfswissenschaft. Krone der Wissenschaften war ihm die Mathematik. Er hat den Schülern des Gymnasiums Arithmetik, Geometrie und Astronomie nahegebracht, und aus praktischen Gründen erfreute er sich höherer Gunst durch die Bürger als die Philologen Hoeschel und Wolf.

    H. ist auch der Verfasser des ersten deutschen Wörterbuches, das noch heute gute Dienste leistet. Mit seinem Fleiß und seiner Belesenheit gelang es ihm, wenigstens einen Band von A-G zu vollenden. Es ist ein vergleichendes Wörterbuch, in 10 Sprachen: deutsch, englisch, böhmisch (tschechisch), französisch, griechisch, hebräisch, italienisch, polnisch, spanisch und ungarisch. H. war bemüht, auch hier eine neue und vollkommene Methode einzuführen; er legte die Axt an den Baum der tyrannischen Hegemonie des Latein, und war doch kühl genug, zur Definition diese Sprache als das gemeinverständliche Mittel der Wissenschaft zu benutzen. Er liebte die deutsche Sprache leidenschaftlich und benutzte die translatio imperii als Rechtfertigungsgrund für eine führende Rolle der deutschen Sprache. – H. repräsentiert das Ende des Späthumanismus, den Übergang zum Zeitalter der Naturwissenschaften.

  • Werke

    u. a. Enchiridion Medicinae Medicamentorum, Basel 1573;
    (f. alle folgenden Druckort Augsburg) Tabulae Institutionum Astronomicarum, 1575;
    Epitome geographiae veteris et novae, et Pomponius Mela de situ orbis, 1577;
    Aeteologica, simeotica, et therapeutica morbum Aretai Cappadocis, 1603;
    De numoratione multiplici, vetere et recenti, 1605;
    De asse et partibus eius, 1606;
    Arithmetica perfecta et demonstrata, 1609;
    Commentarius in sphaeram Procli Diadochi, cui adiunctus est computus ecclestiasticus, cum calendario triplici et prognostico tempestatum ex ortu et occasu stellarum, 1609;
    Teutsche Sprach u. Weißheit, Thesaurus linguae et sapientiae Germanicae I: A-G, 1616.

  • Literatur

    ADB XI;
    J. P. Crophius, Kurze u. gründl. Erz. v. d. Gymnasii zu St. Anna, Augsburg 1740, S. 168-75;
    J. Brucker, Ehrentempel d. dt. Gelehrsamkeit, ebd. 1747, S. 178-81 (P);
    J. G. Schelhorn, Ergötzlichkeiten a. d. Kirchenhist. u. Lit., Ulm 1764, 12. Stück, S. 2232-35;
    F. A. Veith, Bibl. Augustana VIII, Augsburg 1792, S. 156-70;
    J. u. W. Grimm, Dt. Wb. I, 1854, Sp. XXI;
    Anz. f. Kde. d. dt. Vorzeit NF 14, 1867, Sp. 268-74;
    K. F. H. Marx, Zur Anerkennung d. Arztes u. Schulmanns G. H., 1875;
    M. Radlkofer, Die humanist. Bestrebungen d. Augsburger Ärzte im 16. Jh., in: Zs. d. Hist. Ver. f. Schwaben 20, 1893, S. 47-52;
    R. F. Kaindl, Gesch. d. Deutschen in d. Karpathenländern II, 1907, S. 169, 200-04;
    K. Köberlin, Gesch. d. humanist. Gymnasiums St. Anna v. 1531-1931, 1931, S. 114-20;
    E. Zinner, Gesch. u. Bibliogr. d. astronom. Lit. in Dtld. z. Z. d. Renaissance, 1941;
    R. Schmidbauer, Die Augsburger Stadtbibliothekare durch 4 Jhh., 1537–1952, 1963, S. 87-100 (L, P);
    L. Lenk, Augsburger Bürgertum im Späthumanismus u. Frühbarode (1580–1700), 1968 (L);
    Pogg. I;
    BLÄ;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    in: D. Custos, Clarissimorum virorum effigies 39, Augsburg 1612.

  • Autor/in

    Leonhard Lenk
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenk, Leonhard, "Henisch, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 524 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116702052.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Henisch: Georg H., einer der verdienstvollsten Lexikographen der älteren Zeit, wurde zu Bartfelden (Bartpha) einer Stadt in Ungarn, den 24. April 1549 geboren. Welchen Standes seine Eltern waren, ist unbekannt. Er studirte, wie es scheint, in dürftigen Verhältnissen, in den Jahren 1568—70 zu Wittenberg, Leipzig und Basel Philologie und Medizin und zeichnete sich schon als 18jähriger Student als ein nicht schlechter lateinischer Dichter aus, so daß er an H. v. Staupitz, Hier. Rauscher, Graf von Fürstenberg u. A. wohlthätige Gönner fand. Noch nicht 26 Jahre alt, hatte er bereits in der Kenntniß der alten Sprachen und der Mathematik einen so großen Ruhm erlangt, daß er auf Hier. Wolff's Empfehlung 1575 als Lehrer der Mathematik, Logik und Redekunst am Gymnasium zu St. Anna in Augsburg eine Anstellung erhielt. Weil ihm zu gleicher Zeit auch die Erlaubniß der medicinischen Praxis ertheilt wurde, nahm er am 12. April 1576 zu Basel die Doctorwürde an und wurde, nachdem er am 4. Juni desselben Jahres eine Tochter des berühmten Augsburger Arztes Christoph Wyrsung geheirathet hatte (Crusius, Schwäb. Chronik II, 335 a), Mitglied des neu errichteteten medicinischen Collegiums, dessen Decanat er viermal bekleidete. Nach Wolff's Tode zum Rector des Gymnasiums ernannt, wurde ihm zugleich die Besorgung der Stadtbibliothek übertragen, in welcher Eigenschaft er deren Bücher in eine neue Ordnung brachte und über sie (1600) einen nach seinem Systeme geordneten Catalog veröffentlichte. Als vielbeschäftigter Arzt, Lehrer und Schriftsteller starb er zu Augsburg den 31. Mai 1618. nachdem er 42 Jahre dem Gymnasium vorgestanden war. — Abgesehen von verschiedenen Ausgaben alter Schriftsteller mit Erklärungen, die jetzt ihren Werth verloren haben, sowie mehrer Schriften über Dialektik, Rhetorik und Mathematik hat sich H. ein ehrenvolles und unvergängliches Denkmal geschaffen in seinem großen deutschen Wörterbuche: „Thesaurus linguae et sapientiae germanicae";|Erster Theil, Augsb. 1616 in Fol. (1875 Spalten). Dieses ebenso werthvolle als seltene Wörterbuch, gleich dem des Maaler (1561) und dem des Frisch (1741) noch jetzt dem deutschen Sprachforscher in gleichem Maße unentbehrlich, als es der Sammler deutscher Sprüchwörter entrathen kann, blieb leider wegen des 1618 erfolgten Todes des Verfassers unbeendigt oder wenigstens ungedruckt und faßt nur die acht ersten Buchstaben (bis G. einschließlich) in sich. Nach der Anlage des ersten Theils wären zur Vollendung des Ganzen mindestens noch zwei ähnliche Bände erforderlich gewesen, auf deren theilweise Ausarbeitungen die nicht seltenen Verweisungen auf spätere Buchstaben des Alphabets (H, N und P) schließen lassen. Aber auch so schon gewährt uns dieser erste und einzige Theil eine erstaunliche Ausbeute nicht nur an alten volksthümlichen Sprüchwörtern und sprüchwörtlichen Redensarten, sondern auch eine Menge von Citaten aus gleichzeitigen und älteren Dichtern, sprüchwörtlichen Reimen, Bauern- und Wetterregeln, apophthegmatischen Aussprüchen, Scherz- und Schimpfwörtern u. dgl. m., auch fehlen nicht Priameln und apologische Sprüchwörter, wol aber gänzlich niederdeutsche Proverbien. Erklärungen der Sprüchwörter finden sich gemäß dem Charakter des Werkes nur selten und stehen auch in der Regel ohne lateinische Uebersetzung, dagegen werden sprüchwörtliche Redensarten nicht nur häufig commentirt, sondern auch noch durch synonyme Ausdrücke näher erläutert. Welch einen Sprüchwörterreichthum dieses Werk, die Frucht des ausdauerndsten Fleißes und einer immensen Belesenheit umschließt, ein Reichthum, der auf den der übrigen verloren gegangenen Theile schließen läßt, genüge der Nachweis, daß allein die Spalten 813—17 ("Ehr") 92, Sp. 1469—77 ("Gelt") 247 und Sp. 1658—66 ("Glück") 265 Sprüchwörter, fast in ununterbrochener Reihe, ungerechnet sprüchwörtlicher Redensarten oder anderes Beiwerk enthalten. Daß übrigens H. in diesem seinen Werke in der Wissenschaft der Sprache und namentlich der Etymologie auf dem noch sehr unvollkommenen Standpunkte seiner Zeit steht, kann ihm nicht zum Vorwurf dienen, daß er aber, was vor ihm keiner gethan, sich wenigstens bemühte, in der deutschen sowol wie in der lateinischen Sprache die Erkenntniß der Wörter mit der Erkenntniß der Sache selbst zu verbinden, das hat er größtentheils redlich ausgeführt. Ein autographer Brief desselben (Augusta 1610) findet sich in der großen Autographensammlung der Erlanger Universitätsbibliothek (Irmischer S. 319).

    • Literatur

      Vgl. meinen Aufsatz über H. im Anzeiger für Kunde d. deutsch. Vorzeit 1867. Sp. 268 ff. (mit Proben aus dessen Sprüchwörtern). Veith, Bibl. August. VIII, 156—70 (mit Verzeichniß seiner sämmtl. Werke). Brucker, Ehrmtempel 178—181 (mit Henisch's Bildniß). Raumer, Germ. Philologie S. 86—87. Grimm, W. B. I, XXI. Beyträge zur crit. Hist. d. deutsch. Sprache I, 571 ff. Morhof, Polyhist. I, 256. Schelhorn, Ergötzlichk. III, 2232. Scheller, Bücherkunde der sass. Sprache, S. 313.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Franck, Jakob, "Henisch, Georg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 750-751 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116702052.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA