• Genealogie

    Agnes Battig, aus Neurode/Gfsch. Glatz;
    1 T.

  • Leben

    Nach dem Tode des Vaters kam der 4jährige H. mit seiner frommen und kränkelnden Mutter aus den ärmlichen Verhältnissen des heimatlichen Dorfes zu begüterten Verwandten nach Breslau. Gegen seine vielfältigen Neigungen für den geistlichen Beruf bestimmt, begann er seine Ausbildung am katholischen Matthiasgymnasium. Einwände seiner Mutter hielten ihn ab, seinen natürlichen Anlagen entsprechend Schauspieler zu werden. Rastlos auch seiner Sinnesart nach, zog er jahrelang als Hauslehrer in rasch wechselnden Anstellungen durchs Land. Seit 1867 in Berlin, betätigt sich H. vor allem theaterkritisch bei der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“. Er versucht sich für kurze Zeit auch an der Herausgabe einer neuen Theaterzeitschrift und debütiert mit einer Sammlung von zum Teil noch in seiner Jugendzeit entstandenen Gedichten als Lyriker, den metrisch jetzt schon gut gefertigten, wohlklingenden Versen „Aus Herzensgrund“ (1867). Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Dänemark bringt ihm die Bekanntschaft unter anderem mit Andersen; der hier gefaßte Plan, dänische Literatur der Zeit in Deutschland zugänglich zu machen, wird mit den 9 Jahre später erschienenen freien Übertragungen dänischer Erzählungen verwirklicht („Ohne Titel, Ein nordisches Buch“, 1878). Inzwischen war H. wieder als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Blättern in einigen schlesischen Städten in Arbeit. Eine Anregung Karl von Holteis, dessen Dichten und Lebensstil ihn auch weiterhin beeinflussen sollten, führte ihn seiner eigentlichen Begabung zu: der Dialektpoesie. Das Bändchen „Vägerle flieg aus!“ (1875) findet sofort viel Resonanz in seiner Heimat; es steht am Anfang zahlreicher Mundartdichtungen, deren volkstümliche Schlichtheit, gefühlige und humorvolle Bilderfülle in schönen, mitunter auch lautmalenden Versen, in Schnoken und meist anekdotischen Erzählungen H. bald berühmt und beliebt machen. Verehrung und andächtiges Preisen der Heimat sowie der angestammten, selten in negativen Zügen gezeigten Gemütsart ihrer Menschen geben den zu seiner Zeit in Schlesien weitverbreiteten Gedichten und Erzählungen das Gepräge. Mit einigen Bänden, zumal mit der Dialektlyrik der Sammlung „Maiglöckel“ (1888) und den „schlä'schen Geschichten“ „Mei jüngstes Kindel“ (1884), gehört H., der immer wieder daneben auch hochdeutsch dichtete, in die erste Reihe schlesischer Mundartautoren. Sein EinfluB auf die Sprache des Landes ist bedeutend. H., der sich, lebenslang in wirtschaftlichen Nöten und früh unter Nervenkrankheiten leidend, erst kurz vor seinem Tode durch eine Spendenaktion seiner Landsleute von journalistischer Überbeanspruchung befreien konnte, war von 1883 an auch Herausgeber des Volkskalenders „Der gemütliche Schläsinger“ und zeitweilig Schriftleiter der in Neurode publizierten Zeitschrift „Der Hausfreund“.

  • Werke

    Weitere W u. a. A schlä'sches Pukettel, 1879 (Gedichte);
    A lustiger Bruder, 1882 (Schnoken);
    Fahrende Gesellen, 1885 (hochdt. u. mundartl. Erzz.);
    In Sturm u. Wetter, 1888 (hochdt. Gedichte).

  • Literatur

    ADB 50;
    K. Rossdeutscher, Der schles. Wortschatz nach d. Dichtungen v. M. H., Diss. Breslau 1923;
    A. Lubos, Gesch. d. Lit. Schlesiens I, 1960, S. 397 f.;
    Brümmer (W);
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Autor/in

    Dietmar N. Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Dietmar N., "Heinzel, Max" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 449 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11667489X.html#ndbcontent

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  • Leben

    Heinzel: Max H., bedeutender schlesischer Dialektdichter, wurde am 28. October 1833 in dem Dorfe Ossig, Kreis Striegau, in Schlesien geboren. Seine Eltern waren arme Leute, der Vater starb früh und schon in seinem vierten Jahre zog seine kränkliche Mutter mit dem Knaben nach Breslau, wo sich ein wohlhabender Oheim der Wittwe und der Waise annahm. Da Max Geistlicher werden sollte, ward er auf das katholische Matthiasgymnasium geschickt; aber dieser Plan wurde nicht verwirklicht, denn andere Dinge zogen den Schüler und Jüngling mehr an, der soviel wie möglich Natur und Freiheit in der Nachbarschaft der Großstadt zu genießen suchte und wol auch schon frühzeitig Verse gemacht hat. Eine stattliche Körpergestalt, eine klangvolle Stimme und vor allem ein tief poetisches Gemüth lockten ihn nach Beendigung der Schulzeit zur Bühne, aber aus Rücksicht auf seine alte, fromme Mutter gab er diesen Plan schließlich auf, und nun folgen für ihn lange, schwere Lehr- und Wanderjahre, in denen er sich in mühsamer Arbeit sein Brot als Hauslehrer bei verschiedenen schlesischen Familien verdient. 1867 endlich entschließt er sich, sich ganz dem Schriftstellerberufe zu widmen. Als Leiter einer neu begründeten Theaterzeitschrift beginnt er in Berlin diese Laufbahn, die ihm bald mit dem Eingehen jenes Unternehmens die erste Enttäuschung brachte, während sein erstes Buch, die auch 1867 erschienene Sammlung hochdeutscher Gedichte „Aus Herzensgrund“ ihm manche Anerkennung eintrug. Zwei Jahre weilt er in Berlin in regster journalistischer Thätigkeit für verschiedene Blätter. 1869 führte ihn eine Reise nach Kopenhagen, wo er sich einige Monate aufhielt, mit manchen dänischen Schriftstellern in persönliche Berührung kam und die dänische Litteratur näher kennen lernte. Nach seiner Rückkehr wird er wieder Redacteur und bethätigt sich als solcher anderthalb Jahrzehnte lang in Bromberg, Waldenburg, Ratibor, Neurode, Reichenbach und Schweidnitz in unablässiger, aufreibender, sorgenvoller und doch wenig lohnender Arbeit, der er aber immer noch Muße genug abzuringen wußte, um der Dichtkunst zu huldigen, die ihm allzeit ein Quell des Trostes und der Erholung gewesen ist. Obwol H. von der hochdeutschen Poesie ausgegangen war, so hatte er, der echte Sohn seiner Heimath, gar bald erkannt, daß ihm mundartliche Klänge am besten gelangen, und so entschloß er sich denn auf Holtei's Rath 1875 in Ratibor mit seinem ersten mundartlichen Werke, den schlesischen Gedichten „Vägerle flieg aus“, hervorzutreten, und er erwies sich alsbald damit als kunstgewandter Meister. In demselben Jahre siedelte er von Ratibor nach Neurode in der Grafschaft Glatz über und dort schloß er den Herzensbund mit seiner treuen Gattin Agnes, geb. Battig, der ihm stets in allen Leiden neuen Muth und frische Kraft verleihen sollte. Sieben Jahre war er dort eifrig thätig als Redacteur des „Hausfreundes“ und als Dichter. 1878 erschien das Werk: „Ohne Titel, ein nordisches Buch“, die Frucht seines skandinavischen Aufenthalts, in dem freie, aber ganz ausgezeichnete Uebersetzungen von Erzählungen von Andersen, Bergsoe, Etlar, Hamerik, Tolderlund und Dodt enthalten sind. Dann kommen in schneller Folge 1879 „A schläsches Pukettel"|mit Gedichten und Schnoken, 1880 „Ock ni trübetimplig" mit nur mundartlichen heiteren Erzählungen, 1881 „Humoristische Genrebilder“ in hochdeutscher Sprache und 1882 „A lustiger Bruder“, wieder Gedichte und Schnoken in bunter Reihe. 1880 gab H. wegen eines quälenden Nervenleidens seine Stellung in Neurode auf, und er lebte nun eine Zeit lang ohne festen Beruf. Ein Versuch, 1882 in Reichenbach ein eigenes Blatt zu gründen, schlug fehl, und er sah sich veranlaßt, doch wieder in eine Redaction, diesmal in Schweidnitz, einzutreten. Allein schon 1885 mußte er seiner Krankheit wegen endgültig dieser Thätigkeit entsagen, blieb aber in Schweidnitz wohnen. Seine dichterische Thätigkeit hatte indessen mit dem zuletzt genannten Büchlein einen gewissen Höhepunkt erreicht; denn die beiden nächsten, „Mei jüngstes Kindel“ (1884) und „Fahrende Gesellen“ (1885), stehen hinter den früheren einigermaßen zurück, was indessen bei den bedrängten Verhältnissen und Leiden des Dichters in jener Zeit nicht eben zu verwundern ist. 1888 aber erhebt er sich mit neuer Spannkraft; zwei Bücher erscheinen gleichzeitig und beide sind vorzüglich gelungen. Die „Maiglöckel" sind vielleicht die beste seiner Gedichtsammlungen, und in „Sturm und Wetter" bietet er einen glänzenden Beweis für seine meisterhafte Beherrschung hochdeutscher Sprache und Form. 1891 kommt dann wieder ein hochdeutsches Werk „In Rübezahls Reich und andere Dichtungen“ und endlich 1893 das letzte Buch „A frisches Richel“ (Prosa und Gedichte). Seit 1883 gab H. den ausgezeichneten Volkskalender „Der gemittliche Schläsinger“ heraus, der alljährlich auch prächtige Beiträge aus seiner eigenen Feder brachte. Seit H. nicht mehr Redacteur war, zog er in jedem Herbst hinaus in die verschiedensten Orte der Provinz, um gleich dem alten Holtei als fahrender Sänger seine und anderer heimischen Poeten Dichtungen öffentlich vorzutragen. Doch wurde er die gröbsten Sorgen ums tägliche Brot nicht eher los als bis zu seinem 60. Geburtstage. Aus allen Gegenden strömten am 28. October 1893 die getreuen Schlesier, deren Herzen er sich durch sein Lebenswerk gewonnen, zusammen, um ihrem „Heinzel-Max“ ihre Glückwünsche darzubringen und, was für den greisen Dichter nicht minder erfreulich war, um ihm eine namhafte Ehrengabe zu überreichen, die ihm fortan ein sorgenfreieres Dasein ermöglichte. Allein nur fünf Jahre noch sollte sich H. dieser ungetrübten Ruhe erfreuen. Im Laufe des Jahres 1898 verschlimmerte sich sein altes Leiden derart, daß er ihm am 1. November erlag. Auch äußere Zeichen erinnern an den Lieblingsdichter des Schlesiervolkes: Unweit der kleinen Colonie Baberhäuser im Riesengebirge, wo H. gern in der Sommerfrische weilte, trägt nach ihm eine gewaltige Felsgruppe den Namen „Max Heinzelsteine“, und am 7. October 1900 ward auf der Promenade zu Schweidnitz ein schlichtes, von Kiesewalter modellirtes Denkmal von ihm enthüllt. — Des Dichters Gattin und Tochter leben in Breslau. Erstere hat mir in liebenswürdigster Weise vielen dankenswerthen Stoff für diese Lebensskizze zur Verfügung gestellt.

    H. ist auch nach seinen hochdeutschen Dichtungen gemessen eine reichbegabte, echte Dichternatur. Aber seine größte Bedeutung liegt doch auf dem Gebiete der Dialektpoesie. Hier erscheint er als der beste Nachfolger Holtei's. An Vielseitigkeit zwar steht er hinter ihm zurück; denn Drama und Roman liegen ihm nicht; aber auf dem Gebiet der Lyrik ist er ihm an Reichthum und Innigkeit der Töne noch überlegen. Die Dialektlyrik Heinzel's ist deswegen so bedeutend und so anziehend, weil H. selbst der Urtypus des Schlesiers ist, weil er selbst wie das Volk und mit dem Volke empfindet, denkt und spricht, und alle liebenswürdigen Eigenschaften desselben in sich vereint, während er von den weniger guten selbst frei ist, ihnen aber doch gelegentlich in seinen|Werken Ausdruck zu verleihen weiß. Einfach, innig und zart sind die ernster gehaltenen seiner Dichtungen, während in den heiteren der goldenste Humor in seiner schönsten und besten Form, wie er aus dem Herzen kommt, nur so hervorsprudelt. Gerade das ist ein großer Vorzug Heinzel's, der ihn von andern, namentlich Rößler und den jüngeren schlesischen Dialekthumoristen scharf unterscheidet, daß er nie bloß auf die Lachmuskeln wirkt und nach Effecten hascht oder sie zu sehr häuft. Alles ist bei ihm natürlich, gemüthlich und lebenswahr. Prächtig sind infolge dieser Eigenschaften auch die Charaktergestalten, die H. geschaffen; echte schlesische Kleinstädter und Bauern sind es, vom reinsten Wasser, von Fleisch und Blut, wie sie wirklich leben. Dazu kommt noch eine entschiedene Meisterschaft in der Form. Nicht nur die Sprache ist treu der Wirklichkeit abgelauscht, auch der Stil ist lebendig, bilderreich, wie das schlesische Volk gern spricht, einfach und schlicht, und dabei doch nie unedel und niedrig. Die Versmaße gelingen ihm in vollkommener Weise, und gelegentlich wird ihre Wirkung noch unterstützt durch ausgezeichnete Nachahmung von Naturlauten. Durch all dies hat H. eine Bedeutung gewonnen, die ihm in der Geschichte der schlesischen Dialektlitteratur dauernd eine der ersten Stellen sichert.

    • Literatur

      Herbstblättel. Skizzen und Festgedichte zum 60. Geburtstage Max Heinzel's. Im Auftrage der Breslauer Dichterschule gesammelt von C. Biberfeld, Breslau [1893]. — Monatsblätter, Organ des Vereins „Bresl. Dichterschule“, 1891, S. 104 ff., 124 ff. (K. Busse); ebd. 1898, S. 169 ff. (Nachruf). —
      Schles. Ztg. 751, 25. Oct. 1893 (G. A. Weih). —
      Bresl. Ztg. 781, 6. Nov. 1898 (Nachruf von Philo v. Walde). — Der gemütliche Schläsinger 1900, S. 66 (M. H. von Th. Nöthig).

  • Autor/in

    Hermann Jantzen.
  • Empfohlene Zitierweise

    Jantzen, Hermann, "Heinzel, Max" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 155-157 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11667489X.html#adbcontent

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