Lebensdaten
1796 bis 1871
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Jurist ; Rechtshistoriker ; Archivar
Konfession
französisch-reformiert
Normdaten
GND: 116669551 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leuze de Lancizolle, Karl Wilhelm de
  • de Leuze de Lancizolle, Karl Wilhelm
  • Deleuze de Lancizolle, Karl Wilhelm
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Zitierweise

Lancizolle, Karl Wilhelm von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116669551.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Hugenottenfam.;
    V Jean-Etienne (1749–1838), Geh. Konsistorialrat d. Franz. Kolonie, S d. Jacques Deleuze de Lancizolle ( 1762), aus St. Germain (Languedoc), Ing.-Kapitän in Neiße, u. d. Margarete Rébotier de Langensiere aus Königsberg/Pr.;
    M Charlotte Isabelle Amélie (1754–1839), T d. Etienne Du Trossel (1699–1760), Obergerichtsrat d. Franz. Kolonie in B., u. d. Charlotte Rébotier;
    Berlin 1828 Friederike, T d. Joh. Friedrich Seegemund u. d. Charlotte Caroline Knicker;
    4 S, 4 T, u. a. Anne Pauline Charlotte (* 1835), Oberin d. Elisabeth-Hospitals in B.

  • Leben

    L. besuchte zunächst das Französische, später das Friedrich-Werdersche Gymnasium in Berlin und nahm, noch Schüler, 1813/14 als freiwilliger Jäger an den Feldzügen gegen Napoleon teil. Es folgte ein Studium der Rechtswissenschaften (1814–18), das früh in eine akademische Laufbahn einmündete. L. wechselte zwischen Berlin und Göttingen, den Metropolen seines Fachs, und beschloß sein Studium 1818 in Göttingen mit einer Dissertation über die Lehnsverjährung. Er war Schüler und Vertrauter K. F. v. Savignys, der beherrschenden Figur der Berliner Rechtsfakultät. Innerhalb von fünf Jahren schaffte er, unter tatkräftiger Förderung seines Mentors, den Weg zum juristischen Ordinariat (1823). 1819 hatte er sich habilitiert, 1820 eine ao. Professur erhalten. L. hat sein Berliner Lehramt, das vor allem deutsches Privatrecht und Rechtsgeschichte umfaßte, über vierzig Jahre verwaltet, seit 1852, als er zum Direktor der Staatsarchive ernannt wurde, allerdings nur noch sporadisch und mit nachlassendem Erfolg. L. ist politisch niemals öffentlich hervorgetreten, doch ist sein wissenschaftliches Werk, wo es nicht positive Deskription und Kompilation ist, voll von politischen Bezügen. Seit seiner Studienzeit gehörte er dem hochkonservativen Kreis der Brüder Gerlach an. Seit 1825 durfte er dem preuß. Kronprinzen über mehrere Jahre Vorträge über Rechtsgeschichte halten, seit 1832 war er Mitglied des Ober-Censur-Collegiums, des späteren, 1848 aufgehobenen Ober-Censur-Gerichts. Im Oeuvre selbst hat sich der legitimistisch-altständische Zug seines Denkens vielfältig niedergeschlagen. Schon in seiner ersten größeren Arbeit, der „Geschichte der Bildung des preuß. Staates“ (I, 1828), ging es ihm um die Widerlegung der „handgreiflich törichten Annahme eines gesellschaftlichen Urvertrages“ (S. 19), wohingegen er im Aufstieg des preuß. Staates göttliche Vorsehung am Werk sah. Deutlicher noch tritt die politisch-publizistische|Tendenz in seinem Hauptwerk „Über Königthum und Landstände in Preußen“ (1846) hervor. Im Vorfeld der Konstituierung des Vereinigten Landtags geschrieben, ist es eines der letzten Manifeste ständischer Restauration. Das Buch beschreibt nicht ohne Scharfsinn den bürokratisch-rationalen Grundzug der preuß. Staatsentwicklung seit dem 18. Jh., verurteilt ihn aber in seiner „Nivellirungs- und Uniformitätssucht“ und rügt den „Despotismus der Gesetze“ sowie die „Mechanisirung der ganzen Rechtsordnung“ (S. 525). L. hat im Gerlachkreis nicht nur den politischen Patrimonialismus aufgenommen, sondern auch ein pietistisch-orthodoxes Christentum, das ihn zu praktischer gemeindlicher Tätigkeit anhielt. Er war Mitbegründer der Berliner Missionsgesellschaft und Herausgeber einer Sammlung von Liedern Paul Gerhardts.

  • Werke

    Weitere W u. a. Grundzüge d. Gesch. d. dt. Städtewesens mit bes. Rücksicht auf d. preuß. Staaten, 1829;
    Übersicht d. dt. Reichsstandschafts- u. Territorial-Verhältnisse, 1830;
    Über Ursachen, Character u. Folgen d. Julitage, 1831;
    Rechtsqu. f. d. gegenwärtige landständ. Vfg. in Preußen mit Einschluß d. Landtags-Abschiede, 1847;
    Btrr. z. Verständnis u. z. Würdigung d. preuß. landständ. Vfg. v. u. seit d. 3. Febr. 1847, 1847;
    Denkschr. üb. d. Preuß. Staatsarchive, 1855.

  • Literatur

    ADB 17;
    J. v. Gerlach (Hrsg.), Ernst Ludw. v. Gerlach, Aufzeichnungen aus s. Leben u. Wirken, 1903, I, S. 96 u. ö., II, S. 80 u. ö.;
    H. J. Schoeps (Hrsg.), Aus d. Jahren preuß. Not u. Erneuerung, 1963, S. 33 u. ö.;
    H. Diwald (Hrsg.), Von d. Rev. z. Norddt. Bund, 1970, S. 86 u. ö.;
    Neue Preuß. Ztg., Jg. 1871, Nr. 145;
    Stintzing-Landsberg. III. 2, S. 315-18;
    O. Liebmann, Die Jur. Fak. d. Univ. Berlin, 1910, S. 16;
    M. Lenz, Gesch. d. Kgl. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Berlin II, 1, 1910, S. 209 f, II. 2, 1918, S. 4 u. ö., IV, 1910, S. 557-63;
    H. J. Schoeps, Das Andere Preußen, 21957, S. 17;
    R. Koselleck, Preußen zw. Reform u. Rev., 1967, S. 52 u. ö.;
    H. Brandt, Landständ. Repräsentation im dt. Vormärz, 1968, S. 117 f.

  • Autor/in

    Hartwig Brandt
  • Empfohlene Zitierweise

    Brandt, Hartwig, "Lancizolle, Karl Wilhelm von" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 474-475 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116669551.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lancizolle: Karl Wilhelm v. Deleuze de L. wurde am 17. Februar 1796 zu Berlin geboren. Er stammt aus einer Familie des Languedoc, wo Lancizolle der Name eines adlichen Gutes ist; sein Vater, 1838, war Geheimer und Consistorialrath im Departement der französischen Colonie, seine Mutter war eine geb. Dutrossel. Seit Ostern 1804 besuchte L. das französische Gymnasium, welches er 1311 mit dem Friedrich-Werder'schen vertauschte. Der Befreiungskrieg rief ihn von der Schulbank zu den Waffen und er machte die Feldzüge von 1813 und 1614 als freiwilliger Jäger mit. Im Herbste 1814 zu friedlicher Thätigkeit zurückgekehrt, studirte L. in Berlin und Göttingen die Rechte und ward im September 1818 in Göttingen zum Dr. juris promovirt. Im darauffolgenden Jahre habilitirte er sich in Berlin und ward 1820 außerordentlicher, 1823 ordentlicher Professor daselbst. Sein Lieblingsgebiet war die deutsche Rechtsgeschichte, über welche er auch seit 1825 fünf Winter hindurch dem Kronprinzen von Preußen Vorträge hielt, denen nicht selten der Prinz Wilhelm (Se. Majestät der Kaiser) beiwohnte. Seine Lehrthätigkeit an der Universität, welche anfangs großen Erfolg versprach, wurde allmählich weniger ersprießlich, da die herrschenden Zeitanschauungen auf politischem und kirchlichem Gebiete Lancizolle's Richtung nicht entsprachen. In diese Jahre fällt eine reiche litterarische Thätigkeit; es erschienen von L.: die „Geschichte der Bildung des Preußischen Staates, I. (bis 1609)", 1828; die „Grundzüge zur Geschichte des deutschen Städtewesens“, 1829; „Uebersicht der deutschen Reichsstandschafts- und Territorialverhältnisse vor dem französischen Revolutionskriege“, 1830. Im J. 1832 wurde L. Mitglied des Ober-Censur-Collegiums und 1843 des in die Stelle desselben tretenden, im J. 1848 aufgehobenen Ober-Censur-Gerichts. Sein Buch „Ueber Königthum und Landstände in Preußen“ erschien 1846. Durch das Vertrauen des Königs und hoher Behörden wurden ihm zu dieser Zeit mehrere praktisch-wissenschaftliche Aufgaben gestellt, die er größtentheils mit Erfolg löste. Wir nennen von diesen Arbeiten die zur Geltendmachung am deutschen|Bundestage der altberechtigten Verfassung der Hildesheimischen Ritterschaft gegen destructive Eingriffe der hannoverschen Regierung, die zur schiedsrichterlichen vom Könige übernommenen Schlichtung von Differenzen zwischen England und Frankreich über Handelsverhältnisse zu Portendik in Westafrika, zur Regulirung standesherrlicher Verhältnisse in Westfalen, die Erörterungen etwaiger preußischer Ansprüche auf Schleswig-Holstein und auf Braunschweig. Im J. 1852 wurde L. Director der königlichen Staatsarchive, ein Amt, dem er sich ganz und voll hingab und in welchem er, soweit es bei der damaligen Knappheit der Mittel möglich war, sehr viel Gutes gewirkt hat. Wie L. mehrere Decennien früher Mitbegründer der Berliner Missionsgesellschaft gewesen war, so nahm er auch jetzt großen Antheil an dem kirchlichen Leben der Hauptstadt und erwarb sich besondere Verdienste um die Gründung der Philippus-Apostelkirche und Parochie in Berlin. Auch schriftstellerisch war er auf diesem Gebiete thätig; er veranstaltete 1820 eine neue Ausgabe Paul Gerhard'scher Lieder und gab 1869 eine Nachlese von 82 Liedern zum Entwurf des neuen Berliner Gesangbuches mit Beiträgen zur Kritik desselben heraus. In einem stillen und zurückgezogenen Leben verband ihn innige Freundschaft mit Savigny, Karl Ritter, v. Bethmann-Hollweg, den Gebrüdern v. Gerlach, Homeyer u. A. Gegen Ende 1866 trat L. in den Ruhestand und verlebte die letzten Lebensjahre in schwerem Siechthum, bis er am 26. Mai 1871 abgerufen wurde.

    • Literatur

      Nekrolog in der Neuen Preuß. Zeitung Nr. 145 vom J. 1871.

  • Autor/in

    Ernst , Friedlaender.
  • Empfohlene Zitierweise

    Friedlaender, Ernst, "Lancizolle, Karl Wilhelm von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 583-584 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116669551.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA