Lebensdaten
1809 bis 1879
Geburtsort
Schwaigern (Württemberg)
Sterbeort
Augsburg
Beruf/Funktion
Industrieller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11653561X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rüdinger, Ludwig August
  • Riedinger, Ludwig August
  • Rüdinger, Ludwig August

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Zitierweise

Riedinger, Ludwig August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11653561X.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes (1756–1823), Schneider in Sch., S d. Georg Michael, Bäcker in Stetten am Heuchelberg, u. d. Maria Katharina Bleinmaier, aus Stetten;
    M Susanna Magdalena (1776–1824), T d. Johann Christoph Störzbach, Bauer in Großgartach, u. d. Susanna Magdalena Burkhart, aus Großgartach; 3|Geschw, 4 Halb-Geschw;
    1) Herbrechtingen 1833 Wilhelmine (1813–65), T d. Heinrich Wilhelm Spellenberg (1776–1851), Chirurg in Heidenheim/Brenz, u. d. Marie Barbara Grünbühl (1778–1831), 2) Augsburg 1867 Margaretha (1845–1924, 2] Dr. Johann Frhr. v. Lutz, 1826–90, bayer. Personaladel 1866, erbl. Adel 1880, Frhr. 1884, bayer. Min., s. NDB 15), T d. Georg Fretscher (1811–61), Chirurg u. Bader in Kempten, u. d. Magdalena Langenmayr (1823–1903), aus Kempten;
    3 S aus 1) u. a. Gustav (1844–1915), Unternehmer in A., August (s. 2), 3 T aus 1) (1 früh †) Paulina (* 1838, Karl Heller, Kaufm.), Henriette (1839–66, Gustav Frhr. v. Wohnlich, 1820–85), 1 S aus 2) Erwin (1870–1936), Schriftst. in München.

  • Leben

    Als Vollwaise begann R. 1824 eine Schreinerlehre in Öhringen, verbrachte das Gesellenjahr 1827/28 in Ludwigsburg und trat 1829 als Modellschreiner in die „Baumwollspinnerei Gebr. Hartmann“ in Heidenheim/Brenz ein. Aufgrund seiner technischen Begabung erhielt er 1832 die Stelle eines Werkmeisters im Zweigwerk Herbrechtingen. Hier erfand er eine Verbesserung an der Vorspinnmaschine und erwarb sich den Ruf eines Spezialisten der Spinnereitechnik. 1839 wechselte R. zur neu gegründeten AG „Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg“ und wurde 1842 deren technischer Direktor. Er bildete einen Stamm von einheimischen Facharbeitern heran und hatte damit weit über die technischen Belange hinaus wesentlichen Anteil an Aufbau und Aufschwung eines der größten Textilunternehmen im Zollverein. 1851 kündigte R. seine Stellung und entfaltete mit der industriellen Verwertung des von Max v. Pettenkofer entwickelten Verfahrens zur Herstellung von Leuchtgas aus Holz eigene unternehmerische Initiativen. Er erstellte Gasanstalten für die Beleuchtung von 25 Städten in Bayern und weiteren 42 in Deutschland, der Schweiz, Österreich-Ungarn und Rußland. Daneben baute er zahlreiche Holz- und Kohlegaswerke für Fabriken und öffentliche Gebäude. Seine Beteiligungen bündelte R. in der 1864 gegründeten „Gesellschaft für Gasindustrie“ in Augsburg mit einem Aktienkapital von 2 Mio. Gulden. 1857 errichtete er dort eine Fabrik zur Belieferung der Gasanstalten mit Gasapparaten und Beleuchtungskörpern, die in der Folgezeit zu einer Maschinen- und Bronzewarenfabrik erweitert wurde und über 500 Arbeiter beschäftigte. Auch im Textilsektor entfaltete R. eine rege unternehmerische Tätigkeit. Seit 1853 hatte er maßgeblichen Anteil an der Planung und Errichtung großbetrieblicher Baumwollspinnereien bzw. -Webereien in Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Erlangen, Esslingen, Köln, Kolbermoor und Kulmbach. 1865 gründete er eine eigene Buntweberei in Augsburg, die 1869 um eine Baumwoll- und 1873 um eine Buntspinnerei erweitert wurde und fast 1000 Beschäftigte zählte. Mit dem Erwerb des Hotels „Drei Mohren“, des vornehmsten Hauses in Augsburg, trat er seit 1878 auch als Wirtsunternehmer auf.

    R.s außergewöhnlicher wirtschaftlicher Erfolg – sein Nachlaß wurde auf über vier Mio. Goldmark taxiert – beruhte auf organisatorischem Talent, technischem Wissen und ausgeprägtem Gespür für das Machbare. Selbst aus kleinsten Verhältnissen stammend, bewahrte er zeitlebens einen besonderen Sinn für die materiellen Bedürfnisse seiner Arbeiter, weshalb alle seine Unternehmensgründungen mit dem Aufbau vorbildlicher betrieblicher Sozialeinrichtungen verknüpft waren.|

  • Auszeichnungen

    Goldene Medaille d. Verdienstkreuzes d. Bayer. Krone (1850); Ehrenbürger v. Augsburg (1850), Coburg (1854) u. Ancona (1861); Rr.kreuz d. Bayer. Verdienstordens vom hl. Michael II. (1856) und I. Kl. (1877) sowie d. belg. Leopoldsordens (1860);; Goldene Medaille d. Ghzgl. Sachs.-ernestin. Hausordens (1854) u. Hausorden I. Kl. (1877); hzgl. Coburg-gotha. Finanzrat (1858).

  • Literatur

    ADB 28;
    C. Matschoss (Hg), Männer d. Technik, 1925;
    M. Fuchs, Finanzrath L. A. R. d. Unvergeßliche, Sein Leben, Wirken u. Streben, 1879;
    F. Hassler, Gesch. d. L. A. Riedinger Maschinen- u. Bronzewaren-Fabrik Aktien-Ges. Augsburg, 1928, bes. S. 15-26 (P);
    ders., in: Zs. f. d. gesamte Textilind. 61, 1959, S. 959-61;
    ders., L. A. R. u. d. Gründung d. Mechan. Baumwoll-Spinnerei u. Weberei Bamberg, in: Melliand Textilberr. 40, 1959, S. 1345-49;
    W. Zorn, L. A. u. August R. (1809-1879 u. 1845-1919), in: Lb. Bayer. Schwaben IV, 1955, S. 384-407 (P);
    P. Fassl, L. A. R. (1809-1879), Techniker, Ind.gründer u. sozialer Unternehmer, in: P. Fried (Hg.), Miscellanea Suevica Augustana, 1985, S. 155-74;
    ders., in: R. A. Müller (Hg.), Unternehmer – Arbeitnehmer, Lb. aus d. Frühzeit d. Industrialisierung in Bayern, 1985, S. 195-99 (P);
    H. Hesselmann, Das Wirtschaftsbürgertum in Bayern 1890-1914, 1985, S. 108 f.;
    D. Schumann, Bayerns Unternehmer in Ges. u. Staat, 1834–1914, 1992;
    Augsburger Stadtlex.Teilnachlaß mit Autobiogr. (bis 1856), 1876 (Ms. im Dt. Mus., 1876, gedr. in Fassl, s. o.). |

  • Quellen

    Qu Stadtarchive Augsburg, München u. Kempten; ev. Pfarramt Schwaigern, ev. Kirchenregisteramt Heidenheim/Brenz.

  • Portraits

    Ölgem. v. F. v. Lenbach, 1877 (wohl Privatbes.), Abb. in: Zorn, s. L, S. 384;
    Ölgem. v. F. Wagner, 1875 (Augsburg, Hotel „Steigenberger Drei Mohren“);
    Ölgem. (Augsburg, MAN B & W Diesel).

  • Autor/in

    Richard Winkler
  • Empfohlene Zitierweise

    Winkler, Richard, "Riedinger, Ludwig August" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 572-573 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11653561X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Riedinger: Ludwig August R., einer der bedeutendsten Industriellen in Süddeutschland, wurde am 19. November 1809 zu Schwaigern, einem württembergischen Städtlein im Oberamt Brackenheim, geboren. Seine mittellosen Eltern verlor er bald, nachdem er kaum das Schreinergewerbe zu lernen begonnen hatte. Nach bestandener Lehrzeit arbeitete er zunächst in Ludwigsburg und fand hierauf Beschäftigung als Modellschreiner in der Baumwollspinnerei der Gebrüder Hartmann in Heidenheim an der Brenz. Der begabte und umsichtige Jüngling eignete sich hier rasch die vollständigste Kenntniß dieses damals neuen Industriezweiges an, so zwar, daß all sein Denken schon in jener Zeit — ein wesentlicher Zug seiner Natur — darauf gerichtet war, im Betrieb verbesserte Instrumente und Maschinen herzustellen. Seine Anstrengung blieb auch nicht ohne Erfolg. Als es ihm gelang eine neue brauchbare Maschine zu erfinden, lenkte sich die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn. Nach mehrjähriger Thätigkeit als Werkmeister in der neugegründeten Spinnerei Herbrechtingen, wurde er als Spinnmeister, 30 Jahre alt, für die neuerrichtete Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei in Augsburg gewonnen. Mit der erweiterten Aufgabe wuchsen seine Kräfte. Solche Tüchtigkeit legte er hier an den Tag, daß er bereits nach drei Jahren zum Director der ganzen Fabrik ernannt wurde. Er entfaltete in dieser Stellung eine umfassende Thätigkeit, die nicht nur die Blüthe der ihm unterstellten Fabrik im raschen Zuge herbeiführte, sondern es sich vor allem auch zur Aufgabe machte, für die mit ihm schaffende und gewinnende Arbeiterwelt in wahrhaft väterlicher Weise zu sorgen. Er gründete Kranken- und Versorgungscassen für seine zeitweilig oder dauernd unfähig gewordenen Arbeiter, er errichtete Anstalten, in denen außer der Arbeitszeit sich dieselben|erholen, unterhalten und belehren konnten. Wenn im stürmischen Jahre 1848 sich die Augsburger Arbeitelbevölkerung trotz der naheliegenden Versuchungen ruhig verhielt, so war dies ein Verdienst der vorausschauenden Fürsorge Riedinger's. Für den lebhaften Geist, den R. besaß, genügte aber für die Dauer trotz allem diese Stellung und Thätigkeit in einem gewiesenen Dienste nicht. Seine außerordentlichen Kräfte wollten sich freier entfalten und nach eigener Bestimmung rühren. Gelegenheit dazu bot ihm die seit geraumer Zeit Techniker und Industrielle in Athem erhaltende Beleuchtungsfrage d. h. das Problem, aus welchem Material, ob Steinkohlen, Oel oder Holz, das Gas herzustellen sei. Pettenkofer plaidirte für das Holzgas als das billigste und brauchbarste unter allen Gasarten bei den damaligen Verhältnissen. Der Gelehrte brauchte aber einen Praktiker zur Durchführung seiner Ideen. Als einziger wurde ihm von Dingler R. bezeichnet, „ein ebenso klarer wie energischer Kopf“. Diese Andeutung bestimmte Pettenkofer, sich mit R. in Verbindung zu setzen und letzterer wurde dadurch veranlaßt, sich selbständig zu machen. Er legte seine Stelle als Fabrikdirector nieder und „gründete auf dem Eisenhammer eine Fabrik zur Erzeugung von Gasapparaten und sah sich in Kurzem im Stande Gasanstalten in jedem Umfange, vom gewaltigen Sammelgasbehälter an, bis zum Brenner, mit eigenen Fabrikaten auszurüsten. Das Geschäft wuchs riesenhaft“. In ganz Deutschland, am Pontus und an der Adria, an der Newa, in der Schweiz und in Ungarn entstanden seine mustergültigen Gaswerke: es waren gegen 70. Daneben vervollkommnete er unablässig seine Fabrikerzeugnisse und seine Fabrik. Alle Arten von Leuchtern (Gaslustres und Candelaber) wurden in vollkommenster Weise von ihm ausgeführt. Seine mechanische Werkstätte erweiterte sich zu einer großartigen Maschinenfabrik mit einer eigenen Eisengießerei, in welcher besonders auch die Brauereieinrichtungen in der höchsten technischen Vollendung hergestellt wurden. Rastlos arbeitete R. Für sich baute er ein palastgleiches Wohnhaus mitten in der Stadt, auf seinen Antrieb zumeist hin wurde in Augsburg der altberühmte Gasthof zu den drei Mohren in ein modernes Hotel ersten Ranges, das bald nach der Vollendung in seinen Besitz überging, umgebaut. R. freute sich deshalb mit Recht eines außerordentlichen, weithin verbreiteten Ansehens. Was er geworden war, verdankte er seinem Fleiß und seinem Talent. Die Arbeit war sein Lebenselement. Rastlos schassend wollte er nie ruhen oder nur stehen bleiben. Sein klarer Blick beherrschte, wie dies selten im gleichen Maaße der Fall ist, das weite Gebiet der modernen Technik. Er war ein Führer und Denker auf demselben. Dabei blieb er trotz Anerkennung und Reichthum ein schlichter und einfacher Mann, ein rechter Bürger, der nie vergaß, woher er stammte und der für die Sorgen und Leiden der untern Stände und besonders der Arbeiterbevölkerung ein warmes Herz hatte. Was er in diesem Geiste gethan hat, erwarb ihm die Liebe und den Dank ungezählter Verehrer. Am 20. April 1879 machte ein Schlaganfall seinem Leben ein jähes Ende. Seine Fabriken übernahmen zwei Söhne.

    • Literatur

      Privatmittheilungen. — Schilling, Zur Geschichte der Gasbeleuchtung in Baiern. München 1887.

  • Autor/in

    Wilhelm Vogt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Vogt, Wilhelm, "Riedinger, Ludwig August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 534-535 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11653561X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA