Lebensdaten
1849 bis 1924
Geburtsort
Bochnia (Galizien)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schauspieler
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116398949 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reicher, Emanuel

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Zitierweise

Reicher, Emanuel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116398949.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V N. N.;
    M N. N.;
    Hedwig (1853–83), Opernsängerin (s. ADB 27; Kosch, Theater-Lex.; R. Flatz, Theaterhist. Portraitgraphik, 1995, S. 364), T d. August Kindermann (1817–91), Opernsänger am Leipziger Stadttheater u. seit 1846 am Münchner Hoftheater, Bassist (s. ADB 51), u. d. Magdalena|Hoffmann, Pianistin, Schülerin Felix Mendelssohn Bartholdys am Konservatorium in Leipzig;
    2 S, 1 T, Frank (1875–1965), Schausp., Hedwig (1884–1971), Schausp. (beide s. J. C. Glenzdorf, Internat. Filmlex., 1960/61, S. 1367), Ernst (s. 2).

  • Leben

    R. wuchs in Krakau auf und debütierte dort 1853 in Bärenraiters Gartentheater. Seit 1857 spielte er an Bühnen in Tyrnau, Raab, Hermannstadt und anderen ungar. Städten, seit 1870 in Gmunden und Wien, seit 1873 in München (Residenztheater u. Theater am Gärtnerplatz). Es folgten Engagements am Hamburger und Wiener Stadttheater und 1877 am Oldenburger Hoftheater, wo er u. a. den Egmont gab. 1883 ging R. an das Berliner Residenztheater, wo er mit dem Jago in „Othello“ erste Erfolge feierte. Er spielte in den Pariser Boulevardstücken von Sardou und Dumas, pflegte den hierfür notwendigen Konversationston, bemühte sich aber auch, seine Figuren mit vereinfachender Maske und betonter Ausmalung einfacher Gesten und Charakterzüge zu individualisieren. In Stücken Ibsens – etwa als Pastor Manders in „Gespenster“ und in der Titelrolle von „John Gabriel Borkmann“ – und Hauptmanns konzentrierte sich R. darauf, verwickelte Charaktere psychologisch zu vertiefen und auszudeuten. R. wurde einer der wichtigsten Darsteller des Matineevereins Freie Bühne in Berlin (Dir.: Otto Brahm), wo 1889-95 in einmaligen geschlossenen Vorstellungen die modernen und bis dahin oft noch von der Zensur verbotenen Dramen Ibsens, Hauptmanns und Strindbergs gespielt wurden. Mit seiner nuancierten, das individualisierte mimisch-gestische Detail betonenden Spielweise war er einer der wesentlichen Protagonisten des naturalistischen Theaters. Wichtig war ihm die „Wahrheit des Ausdrucks“, die dazu führen sollte, daß der Zuschauer der Illusion erliegt, „wahre Menschen“ zu sehen. An der Freien Bühne agierte R. u. a. als Ingenieur Hoffmann in Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“, Robert in Hauptmanns „Das Friedensfest“ (1890, jeweils UA) sowie als Rittmeister im ersten Strindberg-Stück auf einer dt. Bühne, „Der Vater“ (1890).

    1890-92 war R. am Kgl. Hoftheater, 1892-94 am Lessingtheater, 1894-1904 am Dt. Theater und 1904-14 wiederum am Lessingtheater tätig. Er agierte in der Titelrolle der Uraufführung von Hauptmanns „Florian Geyer“ (1896). Um besondere Einfachheit war er als Vater in Schnitzlers „Liebelei“ (1896) und als Herodes in Wildes „Salome“ (1902) bemüht. Als delirierender Schauspieler in Gorkis „Nachtasyl“ (1903) gelang ihm eine subtile psychologische Studie des Irrewerdens. Problematischer war für R. die Dramatik Wedekinds, in dessen „Erdgeist“ er 1902 den Dr. Schön und 1903 den König Nicolo psychologisch ausschmückend spielte. Einen komischen Einschlag gab er als sonorer Theaterdirektor Hassenreuther in Hauptmanns „Die Ratten“ (UA 1911, Lessingtheater). 1899 gründete er eine Hochschule für dramatische Kunst. 1913 agierte er als gütiger Vater in dem parabelhaft auf den Generationskonflikt und unterschiedliche Medienpräferenzen anspielenden Film „Heimat und Fremde“ an der Seite seines Sohnes Ernst, der einen mißratenen Sprößling spielte. 1917 folgte R. seiner Tochter nach New York und übernahm hier die Co-Direktion des Garden Theaters.

  • Werke

    Mein Lebenslauf, in: H. Landsberg u. A. Rundt (Hg.), Theater-Kal. 1910, 1910, S. 149-53;
    Interview, in: H. Bahr, Stud. z. Kritik d. Moderne, 1894, S. 314 ff.

  • Literatur

    P. Stein, in: Bühne u. Welt 1, 1905, S. 25-31 (P);
    Bühnenjb. 21, 1910, S. 129, 31, 1920, S. 136;
    H. Kienzl, in: Das Theater 8, 1911, S. 158-62 (P);
    H. Bahr u. W. Turszinsky, Stimmen über E. R., ebd., S. 162-64 (P);
    E. F., E. R. im Film, in: Erste Internat. Film-Ztg. 34, 1913, S. 36 f.;
    L. Jessner, Gedenkworte am Grabe E. R.s, in: Die dt. Bühne 8/9, 1924, S. 120 f.;
    J. Bab, Kränze den Mimen, 1954, S. 303 ff.;
    H. Bahr. Kulturprofil d. Jh.wende, 1962, S. 175;
    H. Kindermann, Theatergesch. Europas, VIII, 1968, S. 68-71, 296-300, 638 f. (P);
    C. Trilse u. a. (Hg.), Theaterlex., 1978;
    Eisenberg;
    Kosch, Theater-Lex.;
    ÖBL.

  • Autor/in

    Jürgen Kasten
  • Empfohlene Zitierweise

    Kasten, Jürgen, "Reicher, Emanuel" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 311-312 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116398949.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA