Lebensdaten
1790 bis 1867
Geburtsort
Lemberg
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
jüdischer Historiker ; Archäologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116330716 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • SHIR
  • Rappoport, Salomo Juda Leib
  • Rappaport, Salomo Juda Leib
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Zitierweise

Rapoport, Salomo Jehuda Löb, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116330716.html [18.11.2018].

CC0

  • Leben

    Eltern unbek.; N. N., T d. A. L. Heller; K u. a. David haCohen (s. W); Vt Mori(t)z Rappaport (Ps. Max. Reinau) (1808–80), Arzt, Schriftst., Dir. d. jüd. Krankenhauses in L. (s. ADB 27; Kosch, Lit.-Lex.2; ÖBL; Wiener Gesch.bll. 46, 1991); E Arnold Chaim (1840–1907, 1890 Edler v. Porada), Jur., 1879-1907 Abg. d. österr. RT.

    R., der eine profunde traditionell jüd. Erziehung genossen hatte, eignete sich im Laufe seines Lebens eine umfassende allgemeine Bildung an; er erlernte diverse Sprachen und machte sich um 1810 mit der Haskala (jüd. Aufklärung) vertraut. In der Folge entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten hebr. publizierenden Vertreter der „Wissenschaft des Judentums“, der Vorläuferin der modernen Judaistik. Seinen Unterhalt bestritt R. zunächst als Kassier bei den Pächtern der Koscherfleischsteuer. Bis 1831 fungierte er als Herausgeber der Reihe „Bikkurei ha-Ittim“. Seit 1832 einkommenslos, bemühte er sich erfolglos um eine Anstellung als Rabbiner in Berlin und in Italien. Nachdem er für kurze Zeit in Brody kaufmännisch tätig und seit 1836, mit der zweiten Ausgabe, Herausgeber des wissenschaftlichen Magazins „Kerem Hemed“ geworden war (eingestellt 1843), wurde er 1837 Rabbiner von Tarnopol, 1840 von Prag (1860 Oberrabbiner).

    Bereits in seinem ersten wissenschaftlichen Text 1823 über die Juden Arabiens und Äthiopiens (Bikkurei ha-Ittim 4, S. 51-77) zeigte sich R. als Verfechter einer kritischen Bibelwissenschaft und profunder Anwender philologischer Methodik. 1827 erschien eine paraphrasierende Übersetzung von Racine's „Esther“ (She'erit Yehuda, in: Bikkurei ha-Ittim, 8, S. 171-254). In den 20er Jahren entstanden auch mehrere Biographien berühmter mittelalterlicher jüd. Gelehrter (Bikkurei ha-Ittim 9-12[1828-31) = Yeri'ot Shelomo, 1904, Nachdr. 1913 u. 1960). Diese Texte begründen R.s bleibenden Ruhm in wissenschaftlichen Kreisen: zum einen, weil R. damit eine dunkle Periode der jüd. Geschichte erhellt und diese penibel in ihr örtliches und zeitliches Umfeld einbettet, zum anderen, weil R. alle seine Feststellungen und Thesen durch Verweise auf Quellen belegt und mit Fußnoten versehen hat. 1852 stellte er den Band zu Aleph seiner talmudischen Realenzyklopädie „Erekh Miliin“ fertig (der Rest erschien 1914).

    Zeit seines Lebens befand R. sich sowohl in einem inneren wie äußeren Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der religiösen Tradition und der rationalen Wissenschaft. Diese Spannung zeigte sich bereits während seiner Zeit in Tarnopol, als er, die Haskala vehement verteidigend, gegen die ortsansässigen Chassidim auftrat (s. Ner Mitzvah), außerdem in seiner Auseinandersetzung mit führenden Wissenschaftlern seiner Zeit, wie etwa in seinem Streit mit S. D. Luzzato um die Bedeutung des Ibn Ezra.

  • Werke

    Ner Mitzvah in: Nachalat Yehudah, 1868 (hg. v. David haCohen Rapoport);
    Erekh Millin, 1852 (weitere Ausgg. 1914 u. 1969);
    Tokhachat Megullah (Sendschr. an d. Rabbinerverslg. zu Frankfurt/M., mit dt. Übers. v. R. Kirchheim), 1845;
    Divrei Shalom ve-Emet, 1861 (Nachdr. 1969);
    Vorwort zu A. b. Hiyya, Hegyon ha-Nefesh, hg. v. J. E. Freimann, 1860 (Nachdr. 1967;
    engl. 1968/69);
    zahlr. Art. in: Wiss. Zs., hg. v. J. Fürst, Zs. f. d. rel. Interessen d. Judentums, hg. v. Z. Frankel. – Briefe: A. Harkavy (Hg.), Zikkaron la-Rishonim (Briefe an S. D. Luzzato 1829–60), Bd. 2, 1881;
    S. E. Gräber (Hg.), Iggerot Shir (Briefe an S. D. Luzzato 1833–60), 1885;
    B. Z. Dinaburg-Dinur, in: Kirjat Sefer 3, 1927, S. 222-35, 306-19.

  • Literatur

    Rabbi Joseph Schwarz, Recension über „Erekh milin“ d. S. R., Oberrabiners zu Prag, 1853;
    A. Kurländer, Biografie S. L. R.s, Mit Benützung d. „Erinnerungen an R.v. Dr. Jellinek, 31878 (P);
    Das „Centenarium“ S. J. L. R.'s, geb. zu Lemberg am 1. Juni 1790, gest. am 16. Oct. 1867, Festgabe d. „Österr. Wschr., Centralorgan f. d. gesammten Interessen d. Judenthums …“, hg. v. Dr. J.-S. Bloch, Jg. 7, Nr. 21, 1890 (S. 414-17: R.s Schrr);
    S. Wittmayer Baron u. A. Marx (Hg.), M. Balaban, Aus d. Korr. S. L. R.s, Jewish Studies in Memory of George A. Kohut, 1874–1933, 1935;
    I. Barzilay, The scholarly contribution of Shelomo Judah Leib Rapoport (SHIR) (1790–1867), in: Proceedings of the American Ac. for Jewish Research 35, 1967, S. 1-41;
    ders., Shlomo Yehudah Rapoport (Shir), 1790–1867, and his contemporaries: Some aspects of Jewish scholarship of the 19th Century, 1969 (W, L);
    B. L. Knapp, Jean Racine's Esther and two Hebrew translations of this drama, in: Salo Wittmayer Baron Jubilee II, 1974, S. 591-621;
    Sh. Vargon, The Polemic between S. D. Luzzato and S. L. R. concerning Ibn Ezra, in: Morashtenu 10, 1996, S. 31-44;
    Enc. Jud. 1971 (P);
    ÖBL;
    BBKL;
    LThK.

  • Autor/in

    Ursula Ragacs
  • Empfohlene Zitierweise

    Ragacs, Ursula, "Rapoport, Salomo Jehuda Löb" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 151 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116330716.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rapoport: Salomo Jehuda Löb R., jüdischer Geschichts- und Alterthumsforscher, geb. am 1. Juni 1790 in Lemberg, am 16. Oct. 1867 in Prag. Frühzeitig in das Studium des Talmuds, das noch im Lause dieses Jahrhunderts in den polnischen Ländern der strebsamen jüdischen Jugend als einzige Geistesnahrung dargeboten wurde, eingeführt, fand er in demselben für den ihm angeborenen Scharfsinn die fruchtbarste Anregung; er versäumte es indes nicht,|sich auch bald mit der exegetischen und poetischen Litteratur der Mendelssohn'schen Schule, die auch in seinem Vaterlande schon Eingang gefunden hatte, bekannt zu machen. Das erste Product seiner talmudischen Forschungen waren Bemerkungen zu den unter dem Titel „Abne Milluim“ erschienenen eherechtlichen Untersuchungen seines Schwiegervaters Arje b. Joseph, die diesem Werke beigegeben wurden. Da R. als Sohn unbemittelter Eltern zwangsweise ins Militär eingestellt werden sollte, sah er sich genöthigt, in ein kleines galizisches Städtchen zu flüchten, in welchem er mehrere Monate hindurch unfreiwilligen Aufenthalt nehmen mußte. Dort lernte ihn ein gebildeter Officier kennen, der in dem jungen geistvollen Mann einen lebendigen Wissensdrang entdeckte und, indem er sich auch sonst seiner annahm, ihm Unterricht im Französischen ertheilte. Das später von R. veröffentlichte Drama: „Der Ueberrest Jehudas“ (Wien 1827), eine hebräische Bearbeitung von Racine's „Esther“, ist seiner dadurch veranlaßten Beschäftigung mit der französischen Litteratur zu verdanken. Von nachhaltigem Einflusse auf die weitere Richtung seiner epochemachend gewordenen schriftstellerischen Thätigkeit war die Bekanntschaft mit Bayle's Dictionnaire historique critique, das ihm der Zufall in die Hand führte. R. faßte nun den Plan, ein ähnliches jüdisch-geschichtliches Werk zu schaffen, das Biographien hervorragender Persönlichkeiten der Judenheit, gestützt auf kritische Erörterung und Vergleichung der vorhandenen Quellen, enthalten sollte. Es lag ihm besonders daran, die gesammte hebräische Litteratur zu diesem Zwecke zu durchforschen und namentlich über die für die Entwicklungsgeschichte des mittelalterlichen Judenthums so wichtige Gaonenperiode, deren Kenntniß ganz im Dunkeln lag, Licht zu verbreiten. Neben dieser Aufgabe, ein historisch-biographisches Werk (Toldot Ansche Schem) zu schreiben, beschäftigte ihn zugleich auch der Plan, ein archäologisches Lexikon zur talmudischen Litteratur (Erech Millin) auszuarbeiten. Da eine Geschichtswissenschaft auf dem Gebiete des Judenthums bis dahin noch nicht bestand, wurde R., schon dadurch, daß er ihre Quellen aufsuchte und ihre Methode in Anwendung brachte, auf diesem Felde der eigentliche Begründer derselben. Großes und gerechtes Aufsehen erregten daher die in der Zeitschrift Bikkure ha-Ittim von ihm veröffentlichten Biographien der ältesten nachtalmudischen Schriftsteller, die in ihm einen der größten Kenner der hebräischen Litteratur und zugleich auch einen Meister wissenschaftlicher Kritik erkennen ließen. Hatte der mit dem gesammten jüdischen Schriftthum vertraute R. in denselben zahlreiche verborgene und verschlossene Quellen jüdischer Geschichtskunde nachgewiesen, so war besonders die gründliche und sorgfältige Vergleichung derselben und der tiefeindringende Scharfblick, von dem hier seine geniale Combinationsgabe geleitet schien, wie auch die Fülle reichlicher Nachweise, die über die Entwicklung der nachtalmudischen Litteratur des Judenthums in ihren verschiedenen Auszweigungen überraschenden Aufschluß gaben, darnach angethan, diesen Arbeiten für die jüdische Wissenschaft eine grundlegende Bedeutung zu verleihen. Die Biographien, die Franz Delitzsch „Diamantengruben für den Geschichtsschreiber jüdischer Litteraturen“ nennt, erwarben R. viele Freunde und Verehrer, von denen besonders S. D. Luzzatto und L. Zunz, die von nun an mit R. einen für die jüdische Wissenschaft äußerst gewinnreich gewordenen litterarischen Briefwechsel unterhielten, besonders zu nennen sind, aber er fand auch wegen der wissenschaftlichen Methode, die er einschlug, in seiner Heimathsstadt Lemberg, in der er noch immer als Privatmann in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte, die heftigsten Widersacher. Eine zelotische Partei, an deren Spitze der Ortsrabbiner Jakob Ornstein, in dessen Werke er zahlreiche Plagiate nachgewiesen hatte, stand, wurde nicht müde, den weithin anerkannten Gelehrten wegen seiner auf den Bahnen der Kritik sich bewegenden aber keineswegs heterodoxen Richtung|in verletzender Weise zu verfolgen. R. hatte sich längere Zeit vergeblich nach einer Rabbinerstelle umgesehen und wurde endlich, nachdem eine Aussicht, eine solche in Groß-Kanisza (Ungarn) zu erlangen, mißglückt war, durch die erfolgreichen Bemühungen des aufgeklärten Joseph Perl als Rabbiner nach Tarnopol berufen, wo er in dem am 13. Januar 1838 gehaltenen (nach seinem Tode veröffentlichten) Antrittsvortrage (Thorn 1877) seine überragende Meisterschaft in gehaltvoller und systematischer Behandlung talmudischer Themata bekundete. Die Ausübung seiner rabbinischen Wirksamkeit wurde ihm aber in dieser Stellung durch die unablässigen und gemeinen Beschimpfungen, die er von unduldsamen Finsterlingen zu erleiden hatte, so sehr erschwert, daß er sich nach einer andern Stelle umsehen mußte. Im J. 1840 wurde er als erster Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Prag erwählt, wo er, nachdem er 1870 auch den Titel eines Oberrabbiners erhalten hatte, bis zu seinem Tode verblieb. Seine litterarische Thätigkeit hatte auch während jener Zeit harter Kämpfe nicht geruht. Ihr entstammen die meisten in der Zeitschrift Kerem chemed (1833—43) veröffentlichten Briefe und Aufsätze über talmudische Chronologie, alte Grabdenkmäler, die Abfassungszeit des Jalkut und andere damit zusammenhängende Fragen. Erst im J. 1852 gelang es R., den ersten Theil seiner talmudischen Realencyclopädie herauszugeben, der eine Reihe mannigfacher und lichtvoller Untersuchungen, die sich über das Gebiet der biblischen und talmudischen Archäologie erstrecken, in sich faßt. Von hervorragendem Werth sind auch die gelegentlich verfaßten Einleitungen zu der von D. Cassel edirten geonäischen Responsensammlung (Berlin 1848), zu den von Lieben veröffentlichten Grabsteininschriften des Prager israelitischen Friedhofs (Prag 1856) und zu dem ethischen Werke „Seelenbetrachtung“ von Abraham b. Chiha (Ed. Leipzig 1860). R. hat mit dem zunehmenden Alter seine litterarische Thätigkeit allmählich eingestellt, was sich zum Theile auch aus einer gewissen Verbitterung erklärt, die er darüber empfand, daß an der Hand der von ihm angebahnten Kritik, von der auch die jüdischen Religionsurkunden später nicht verschont blieben, sich eine freiere historische Auf fassung des tradirten Judenthums hervorbildete, welche die eifrig angestrebten eingreifenden Cultusreformen, durch welche R. den Einheitsbestand des Judenthums bedroht sah, zu rechtfertigen geeignet war. R. hatte schon in einem an die Frankfurter Rabbiner-Versammlung gerichteten Sendschreiben (1845) die Gründe auseinandergesetzt, aus welchen er sich den Reformbestrebungen gegenüber ablehnend zu Verhalten veranlaßt sehe. Dies hinderte ihn jedoch nicht, später für den wegen seiner freieren Auffassung des jüdischen Traditionsbegriffs verketzerten Z. Frankel einzutreten (1858), für die er sich allerdings nicht entschieden erklärte. Einen tieferen Einblick in seine Denkrichtung und in seinen Studien kreis gewähren uns die aus seinem Nachlasse veröffentlichten Werke ("Nachlat Jehuda“, Prag 1869, Krakau 1873), in welchen er ebenso Geiger's Bibelkritik als die Heilighaltung des Sohar bekämpfte. Daß er indeß auch selbst die historisch-kritische Methode zur Erklärung der Bibel zu Hülfe nahm, ist aus den von Harkavy und Gräber herausgegebenen wissenschaftlichen Briefen Rapoport's und anderen seinen handschriftlichen Aufzeichnungen entnommenen Briefen und Aufsätzen zu ersehen, die in den Zeitschriften Ha-Maggid, Sa-Sihachar und Or Thora abgedruckt sind.

    • Literatur

      Kurländer, S. L. Rapoport, Pest 1868. — Kerem chemed 4, S. 241—259. — S. G. Stern, Liber Responsionum, Vorbem. —
      Fr. Delitzsch, Zur Geschichte der jüdischen Poesie, S. 118. — Wurzbach, Biographisches Lexikon, Th. 24, S. 356—361.

  • Autor/in

    Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Rapoport, Salomo Jehuda Löb" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 283-285 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116330716.html#adbcontent

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