• Genealogie

    V Wollhändler;
    M N. N.;
    Regine Jeiteles, T d. 1. jüd. Apothekers auf d. Kleinseite in P., außerhalb d. Ghettos (Fam. s. NDB X).

  • Leben

    K. war von Kindheit an dazu bestimmt, das Handelshaus seines Vaters zu übernehmen. Ein kurzes Studium der Mathematik, Physik und Astronomie an der Universität Prag (1844–46) änderte an diesem Lebensplan nichts. Doch wurde er von dem Oberrabbiner Rappoport, der einen Kreis junger Leute zu jüdischen Studien, aber auch zu literarischen Diskussionen um sich gesammelt hatte, immer wieder ermutigt, seine schriftstellerischen Versuche fortzusetzen. Die Schriftstellerei wäre aber wohl doch auf seine Mußestunden beschränkt geblieben, wenn er nicht 1873 durch einen Bankzusammenbruch sein gesamtes Vermögen verloren hätte. Seitdem war er gezwungen zu schreiben, um leben zu können, und er konnte sich auf den beispiellosen Erfolg stützen, den ihm sein Erstlingswerk eingebracht hatte, ohne daß er selbst jahrelang davon wußte.

    „Gawriel“, 1853 in Prag nur unter den Initialen „S. K.“ publiziert, hatte kaum Beachtung gefunden, bis 1869 bei Tauchnitz eine englische Übersetzung erschien, der dann Nachdrucke in fast allen europäischen Sprachen folgten, teils anonym, teils sogar unter dem Namen Leopold Komperts. Erst 20 Jahre später machte K. seine Autorschaft geltend; sein Name erscheint auf keiner Titelei der folgenden Bücher ohne den Zusatz „Verfasser des, Gabriel'“. 1875 erschien „Gabriel“ in 2., umgearbeiteter Auflage, die man die assimilierte nennen könnte, da sie nicht nur die Namen aller Personen durch die gebräuchlichen deutschen ersetzt, sondern auch andere Details der Verständnisfähigkeit des nichtjüdischen Lesers anzugleichen sucht. Am Inhalt ist nichts geändert, und daß K. gerade mit diesem Buch solchen Erfolg hatte, spricht für seine schriftstellerische Fähigkeit, jüdisches Leben überzeugend darzustellen und psychologisch glaubhaft zu motivieren. Er hat nämlich in diesem Roman ein Problem behandelt, das der Nichtjude schwer verstehen kann: das eines „Mamser“. Gabriel ist der Sohn einer jüdischen Ehebrecherin und wird, sobald diese Tatsache bekannt ist, geächtet und aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Sicher ist es ein glücklicher Kunstgriff, daß K. die Härte dieses Einzelschicksals vor historischem Hintergrund, dem Sturz Friedrichs V. von Böhmen, darstellt und damit Farbigkeit, Detailreichtum, aber auch Distanz für die Fabel selbst gewinnt. Sein eigenes Urteil, daß er durch seine historischen Romane „über Judenthum und Judenheit in die Masse der Bevölkerung richtigere Begriffe hineingetragen“ habe, gilt für den „Gabriel“. Für seine vielen anderen dickleibigen Bücher kann es nicht mehr gelten. Sie sind heute veraltete Unterhaltungsware eines Vielschreibers, der nach einem einmal bewährten Muster die verschiedenartigsten Stoffe zugeschnitten hat. Auch „Ein deutscher Minister“ (1886), sein Jud Süß-Roman, den er als historische Richtigstellung und wahrheitsgemäße Lebensschilderung aufgefaßt hat, ist ohne literarische Qualität. K. hat und behält seinen Platz in der Literaturgeschichte vor allem durch seine „Prager Ghettobilder“ (1883-86). Alle schriftstellerischen Vorzüge, die sein erster Roman erkennen ließ, sind hier ausgeformt; genaue Kenntnis des Milieus verbindet sich mit humorvollem Menschenverständnis. In diesen vielfarbigen Bildern bleibt das einst blühende jüdische Leben Prags unvergeßlich erhalten.

  • Werke

    Weitere W u. a. Ein Spiegel d. Gegenwart, Roman, 1875;
    Die Starken, hist. Erz., 1878;
    Die silberne Hochzeit, Roman, 1882;
    Neue Ghettobilder, Erzz., 1886;
    Des Staatsschreibers Gast, Gerettete Ehre, 2 Erzz., 1886;
    Der alte Grenadier, Die fidelen Alten, 2 Erzz., 1893;
    Der Lebensretter u. a. Erzz., 1893;
    Fürstengunst, Erz., 1894;
    Ein dt. Handelsherr, Roman, 1896;
    David Speier, hist. Roman, 1896;
    Alte u. neue Erzz. aus d. böhm. Ghetto, 1896;
    Judith Löhrach, Roman, 1897.

  • Literatur

    Nachrufe in: Jung Juda, 1904, Nr. 6, S. 82 f.;
    Isr. Fam.bl., Nr. 46 v. 17.11.1904, S. 6;
    R. Mirsky-Tauber, Erinnerungen an S. K., ebd., Nr. 47 v. 24.11.1904, S. 2 f.;
    C. P. Jenkwitz, Zum 25. Todestag v. S. K., ebd., Nr. 45 v. 7.11.1929;
    Israelit v. 10.11.1904, S. 2 f.;
    S. Stern-Saaz, Erinnerung an S. K., in: Allg. Ztg. d. Judentums, Jg. 69, Nr. 9 v. 3.3.1905, S. 105 f.;
    E. Isolani, Der Nestor d. Ghetto-Gesch., in: Die|Stimme d. Wahrheit, Jb. f. wiss. Zionismus 1, 1905, S. 375-80;
    Enc. Jud. X.

  • Autor/in

    Renate Heuer
  • Empfohlene Zitierweise

    Heuer, Renate, "Kohn, Salomon" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 434 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116308710.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA