Lebensdaten
1820 bis 1872
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Humorist
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 116031883 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kalisch, David

Porträt(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Kalisch, David, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116031883.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hirsch Wolff K., Rauchwarenhändler, dann Restaurateur u. Handelsmann in Breslau;
    M Hannchen Dohm; Verwandter Ernst Dohm ( 1883), Publizist (s. NDB IV);
    - Sophie (1831–1901), T d. Gastwirts Albrecht in Berlin;
    3 S, 2 T, u. a. Paul (1855–1946, 1888 Lili Lehmann, 1848–1929, Sängerin, s. Riemann, W, L), Kammersänger (s. Riemann), Anna ( Paul Lindau, 1839–1919, Schriftsteller).

  • Leben

    Sein Leben lang hat K. bedauert, daß ihm die erstrebte humanistische Ausbildung versagt blieb. Der frühe Tod seines Vaters vereitelte alle Studienpläne des Gymnasiasten; als 15jähriger mußte er eine kaufmännische Lehre beginnen. Obwohl er ein fähiger Kaufmann wurde, wagte er 1844 die Aufgabe der abhängigen Stellung und ging nach Paris, um Schriftsteller zu werden. Er begann Beiträge für deutsche Journale zu schreiben, suchte Kontakte zum Kreis um Herwegh und Marx und kam in engere Beziehung zu Heine und Proudhon. Wegen ständiger Existenzsorgen mußte er vorübergehend als Kaufmann und Fremdenführer arbeiten. Für seine Entwicklung war die Zeit in Paris ausschlaggebend, weil er das französische Theater und die Dramen der Zeit gründlich kennenlernte. 1846 kehrte K. nach Deutschland zurück, arbeitete ein Jahr in Leipzig an Öttingers „Charivari“ mit und ging dann nach Berlin, wieder in eine kaufmännische Stellung. Doch schon im gleichen Jahr erlebte er seinen schriftstellerischen Durchbruch, als seine Posse „Hunderttausend Thaler“ im Königstädt. Theater mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Das Stück war nach einer französischen Vorlage gearbeitet wie später noch manche anderen Possen K.s, dessen Stärke nicht Erfindung, sondern genaue Vergegenwärtigung von Geschehenem und Erlebtem|war. Er wußte das Berliner Milieu so lebendig zu machen, daß jedes fremde Muster unter der Lokalfarbe verblaßte. Seine Couplets, die stets auf aktuelle Ereignisse bezogen und voller witziger politischer Anspielungen waren, wurden auf den Straßen nachgesungen. Einige Redewendungen aus K.s Possen wurden in die Berliner Umgangssprache übernommen. Während in den folgenden Jahren zahlreiche weitere Stücke, oft in Zusammenarbeit mit anderen Autoren, entstanden, die K.s Ruhm als „Schöpfer der Berliner Lokalposse“ festigten („Berlin bei Nacht“; „Der Aktienbudiker“; „Der gebildete Hausknecht“; „Berlin wie es weint und lacht“; „Einer von unsere Leuť“ – ein jüdisches, für die Emanzipation werbendes Stück), hatte er sich seit 1848 ein neues Tätigkeitsfeld geschaffen, als er mit dem Verleger A. Hofmann die Wochenzeitschrift „Kladderadatsch“ begründete, für die er nun, 24 Jahre lang bis zu seinem Tod, hauptsächlich arbeitete. Von den drei „Gelehrten des Kladderadatsch“, außer ihm Ernst Dohm und Rudolph Löwenstein, war K. der produktivste Mitarbeiter, der eine Fülle von Artikeln, Parodien und Travestien verfaßte. Vor allem aber bereicherte er das Ensemble typischer Vertreter damaliger Gesellschaftsschichten, mit denen das Witzblatt sein Zeitbild widerzuspiegeln suchte, um zwei Figuren: Er schuf den ewigen Quartaner Karlchen Mießnick und übernahm aus „Hunderttausend Thaler“ den Bankier Zwickauer als Karikatur eines Vertreters jüdisch Finanzkreise. Alle Beiträge, die stets in freundschaftlicher Zusammenarbeit zu dritt redigiert wurden, erschienen unsigniert, doch ist der von K. entwickelte Darstellungsstil unverwechselbar, und seine Wirkung für die Entwicklung entsprechender Literatur durch seine Possen und den „Kladderadatsch“ kaum abschätzbar.

  • Werke

    Weitere W Berliner Leierkasten, 3 Bde., 1857-66;
    Berliner Volksbühne, 4 Bde., 1864;
    Lustige Werke, 5 Hh., 1870 f.

  • Literatur

    ADB 15;
    M. Ring, Erinnerungen II, 1898, S. 46-65, 150 ff.;
    L. Pietsch, Wie ich Schriftsteller geworden bin I, 1898, S. 185, 252;
    Der Kladderadatsch u. s. Leute 1848–98, 1898 (P);
    M. Krammer, in: Schles. Lb. II, 1926, S. 254-58 (W, L).

  • Autor/in

    Renate Heuer
  • Empfohlene Zitierweise

    Heuer, Renate, "Kalisch, David" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 58-59 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116031883.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kalisch: David K., Humorist, der „Vater der Berliner Posse“ und der Begründer des Kladderadatsch. geb. am 23. Febr. 1820 zu Breslau, am 21. August 1872 zu Berlin. Dem Schooße einer gebildeten Familie entstammend, besuchte K., bei dem sich schon in der Jugend ein humoristisches Talent geltend machte, bis 1827 verschiedene Gymnasien, wurde aber in diesem Jahre durch den Tod seines Vaters und die damit eintretende Nothlage seiner Familie gezwungen, seine Studienpläne aufzugeben und als Lehrling in ein Möbel- und Bijouteriegeschäft einzutreten. Nach anderthalbjähriger Lehrzeit übertrug ihm sein Prinzipal die selbständige Leitung der Geschäftsfiliale in Ratibor, wo sich K. bald zum Mittelpunkt eines lustigen und geistig angeregten Kreises machte. 1843 kehrte er nach Breslau zurück, fand aber hier doch zu wenig Befriedigung, um dauernd auszuhalten und wandte sich deshalb im October 1844 nach Paris. Die vielseitigen Eindrücke der Weltstadt nahmen ihn völlig gefangen. Bald sah er sich im Verkehr mit Herwegh, Marx, Karl Grün, dem geistvollen Proudhon u. A., ohne in der Fülle der Erlebnisse an seine Zukunft zu denken. So war er denn plötzlich ohne Mittel und mußte auf die verschiedenste Art suchen sich sein Brod zu erwerben. Heine unterstützte ihn eine Zeit lang, dann aber ging K. mit einer Empfehlung Proudhon's nach Straßburg und wurde Buchhalter und deutsch-französischer Correspondent in einer großen Seidenhandlung. Als sich das Engagement bald wieder zerschlug, wandte sich K. nach Frankfurt a. M. von hier mit einem Buchhändler nach Leipzig und machte dort seine ersten|Versuche als Possenschriftsteller ("Die Proletarier“, „Auf der Eisenbahn") und veröffentlichte im „Charivari“ ein Gedicht, welches Heine zugeschrieben wurde. Aber nicht Leipzig, sondern Berlin war der Ort, wo Kalisch's Talente zur Geltung gelangen sollten. 1846 kam er in die preußische Hauptstadt und zwar als Commis eines Speditionsgeschäftes. Nach einiger Zeit gab er indessen die kaufmännische Stellung auf, um sich ganz der Litteratur zu widmen. In Schöneberg kam zum ersten Mal sein lustiger kleiner Schwank „Ein Billet von Jenny Lind“ zur Aufführung, gefiel und machte die Berliner zuerst auf K. aufmerksam. Bald darauf wurde im alten Königstädter Theater „Herr Karoline“ von ihm gegeben und am 23. Dec. 1847 errang seine erste große Posse „Einmal hunderttausend Thaler“ auf eben dieser Bühne den durchschlagendsten Erfolg. Das Berliner Leben war darin trefflich geschildert und durch die gänzlich neue Art der Benutzung des Couplets ein ungewöhnlicher Anziehungspunkt geschaffen. Jener Posse folgten „Berlin bei Nacht" und „Junger Zunder, alter Plunder“. Durch seine Beziehungen zu der humoristischen Gesellschaft „Rütli“, die eine von und für Mitglieder des Vereins geschriebene Zeitung edirte, kam K. auf die Idee ein Witzblatt zu begründen und so entstand 1848 der „Kladderadatsch“, für dessen Nummern K. zwar von dem Buchhändler A. Hofmann je 1 Friedrichsd'or erhalten sollte, aber selbst für die Kosten aufkommen mußte. Verfolgt, unterdrückt, zur Auswanderung nach Leipzig, Dessau und Neustadt-Eberswalde gezwungen, rang sich das geistvolle Witzblatt doch durch und erhielt dann in Ernst Dohm, der mit Rud. Löwenstein und Wilh. Scholz. Kalisch's erster Mitarbeiter gewesen war, den Redacteur und glücklichen Erweiterer des ursprünglichen Planes. Die noch heute wirksame Figur des „Zwickauers“ stammt aus der Posse „Einmal hunderttausend Thaler“ von K., dem auch die beiden stehenden komischen Figuren Müller und Schulze ihren Ramen verdanken. An den Kladderadatsch schlossen sich andere von K. besorgte Unternehmungen an, to der „Kladderadatsch-Kalender“, „Kladderatsch zur Industrie-Ausstellung in London“ und „Schulze und Müller's Reisen“. Auch wandte sich K. nun wieder der Bühne zu und schrieb zunächst für das Friedrichstädtische, dann fürs Wallnertheater eine Reihe von Possen, die mit geradezu unerhörtem Beifall aufgenommen wurden. Von Helmerding, Reusche, Neumann, von der Schramm, Wollrabe und Stolle verkörpert übten seine dramatischen Hervorbringungen eine zündende Wirkung auf Berlin. Wenn auch großentheils die Handlung der Stücke von seinen Mitarbeitern herrührte, so war doch er der Schöpfer all der heitern Scenen, der treffenden Witze und derjenige, der alle Figuren individualisirte; es ist ohne Zweifel richtig, daß die Berliner Posse nie mehr die Höhe erreicht hat, wie zu Kalisch's Zeiten. Die bekanntesten von Kalisch's Posten „Doctor Peschke", „Ein gebildeter Hausknecht", „Der Aktienbudicker“, „Aurora in Oel“, „Berlin wird Weltstadt“, „Einer von unsre Leut'“, „Berlin wie es weint und lacht", „Die Mottenburger“ u. A., sind als „Berliner Volksbühne“ (Berlin 4 Bde., N. A. 1864) und „Lustige Werke“ (ebd. 1870, 5 Bde.) erschienen. Eine Reihe seiner Couplets vereinigte K. unter dem Titel „Berliner Leierkasten“ (ebd. 1857, 5. Aufl. 1862, N. F. 1863 und 1866).

  • Autor/in

    Joseph Kürschner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kürschner, Joseph, "Kalisch, David" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 23-24 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116031883.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA