Lebensdaten
1898 bis 1967
Geburtsort
Storožinez (Bukowina)
Sterbeort
Bukarest
Beruf/Funktion
Lyriker ; Essayist
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116000074 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sperber, Alfred (eigentlich)
  • Margul-Sperber, Alfred
  • Sperber, Alfred (eigentlich)
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Zitierweise

Margul-Sperber, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116000074.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Isidor Sperber, Buchhalter;
    M N. N. Ehrlich.

  • Leben

    M. verlebte seine Kindheit auf einem Landgut, in dessen Verwaltung sein aus alteingesessener assimilierter jüd. Familie stammender Vater einen Posten als Buchhalter bekleidete. Er besuchte das Gymnasium in Czernowitz und Wien. Nach dem Kriegsabitur 1915 wurde er zum Militärdienst eingezogen und an der Ostfront eingesetzt. Als Leutnant der österr.-ungar. Armee geriet er in Rußland in die Wirren der Revolution und entging mit knapper Not der Erschießung durch die weißruss. Banden Machnos. 1918 kehrte er in seine Heimat zurück, ging jedoch schon 1920, von Abenteuerlust getrieben, nach Paris, wo er mit Yvan Goll Freundschaft schloß, dann nach New York, wo er sich mit verschiedenen Arbeiten durchschlug, bis er eine Stelle als Bankprokurist fand. In New York verkehrte er im Kreise Waldo Franks, wurde|von den Ideen H. D. Thoreaus, vor allem von dessen Essay-Zyklus „Walden“ (1854), angeregt und schrieb für die „New Yorker Volkszeitung“. Schwer lungenkrank und zutiefst enttäuscht von der „Steinwüste“ New Yorks in die Heimat zurückgekehrt, gründete er zunächst in Storožinez die Zeitung „Der Provinzbote“ und war dann jahrelang als Redakteur beim „Czernowitzer Morgenblatt“ tätig. Karl Kraus würdigte M. zu dieser Zeit als besonders gewissenhaften Betreuer der deutschen Kultur.

    1934-40 war M. als Fremdsprachenkorrespondent einer Selchfleisch-Fabrik in Burdujeni tätig. 1941 ließ er sich in Bukarest nieder, wo er während der Kriegsjahre, als Jude mittellos und bedroht, sein Leben als Privatlehrer für Fremdsprachen fristete und nur dank der Verwendung befreundeter Autoren knapp der Verschleppung in die Vernichtungslager am Bug entging. Nach der Befreiung Rumäniens vom Faschismus am 23.8.1944 war er zunächst als Übersetzer beim rumän. Rundfunk und als Journalist, dann als freischaffender Schriftsteller tätig. Zum Befremden vieler hat M. in den Nachkriegsjahren, ohne der kommunistischen Partei beizutreten, seine Dichtung in den Dienst der Propaganda der Staatsmacht gestellt. Er tat dies zunächst im Glauben, daß die neuen Machthaber, deren Befreiungstat er sein Überleben zu danken hatte, den vom ihm genährten humanistischen Ideen zum Sieg verhelfen würden. Seine Vorzugsstellung in dieser Zeit nutzte er dazu, sich in zahlreichen Fällen für bedrohte Kollegen einzusetzen. Später geriet er im Zuge einer gegen ihn geführten Verleumdungskampagne unter den lebensbedrohenden Druck des Staatsapparates, der ihm eine öffentliche Abkehr vom Regime nicht mehr erlaubte. Unter dieser Situation hat er bis zuletzt gelitten.

    M.s dichterische Anfänge standen unter dem Einfluß der aktivistischen Strömung innerhalb des Expressionismus, wie sie von Ludwig Rubiner und dem frühen Yvan Goll vertreten wurde, mehr noch der „O Mensch“-Dichtung Franz Werfeis. Bald jedoch kehrte er sich von allem Radikalen und Experimentellen ab und wandte sich unter der Einwirkung von Karl Kraus und Stefan George einer streng auf die Wahrung der Form bedachten, traditionsbewußten Dichtung zu, die in der Naturmystik wurzelt und ihn in die Nähe Josef Weinhebers rückt. Mit diesem, der ihn hoch schätzte, führte er jahrelang einen Briefwechsel. „Im Leser die Wiederholung eines durch einen Naturvorgang ausgelösten Erlebnisses zu bewirken“, war sein poetisches Programm. – Auch mit Übersetzungen der rumän. Volkspoesie, der franz. (Gérard de Nerval, Paul Valéry) sowie der amerikan. Dichtung ins Deutsche hat sich M. einen Namen gemacht. Noch vor Ernst Robert Curtius übertrug er 1926 T. S. Eliots „The Waste Land“; ungeachtet des Beifalls von Seiten des Autors konnte diese Übersetzung aber erst posium erscheinen.

    M. war der Mentor einer Gruppe bedeutender, aus der Bukowina stammender deutschsprachiger Lyriker, u. a. der Entdecker und Förderer von Rose Ausländer und Paul Celan, für dessen Frühwerk er sich rückhaltlos einsetzte.

  • Werke

    u. a. Gedichte: Gleichnisse d. Landschaft, 1934;
    Geheimnis u. Verzicht, 1939;
    Sternstunden d. Liebe, 1963;
    Aus d. Vorgesch., 1964;
    Ausgew. Gedichte, 1968;
    Das verzauberte Wort, 1969;
    Geheimnis u. Verzicht, Das lyrische Werk in Auswahl, 1975. -
    Überss.: Weltstimmen, Nachdichtungen, 1968;
    Im Wandel d. Zeiten, Rumän. Volksdichtungen, 1953, 31968.

  • Literatur

    A. Kittner, A. M.-S., Der Mensch u.d. Werk, in: Geheimnis u. Verzicht, 1975, s. W;
    J. P. Wallmann, Der Dichter d. Buchenlandes, in: Die Horen 21, 1976, F. 104, S. 92-95;
    P. Motzan. Die rumäniendt. Lyrik nach 1944, 1980 (W-Verz., L);
    P. H. Neumann, Das Schöne war d. Schrecklichen Anfang, in: M. Reich-Ranicki (Hrsg.), Frankfurter Anthologie. VII, 1983, S. 196-98;
    B. Rosenthal, A. M.-S., Ein dt. Dichter aus Storoszinetz b. Czernowitz, in: Bull. d. Leo Baeck Inst. 68, 1984, S. 41-58;
    Kürschner, Lit.-Kal., Nekr. 1936-70;
    Kosch, Lit.-Lex.3

  • Autor/in

    Alfred Kittner
  • Empfohlene Zitierweise

    Kittner, Alfred, "Margul-Sperber, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 171 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116000074.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA