Lebensdaten
1609 bis 1677
Sterbeort
Raudnitz/Elbe
Beruf/Funktion
österreichischer Staatsmann ; Herzog von Sagan und Raudnitz ; Graf von Sternstein
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 115846433 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lobkowicz, Wenzel Eusebius Fürst von
  • Lobkowitz, Wenzel Eusebius Fürst von
  • Lobkowicz, Wenzel Eusebius Fürst von

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Zitierweise

Lobkowitz, Wenzel Eusebius Fürst von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd115846433.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Zdenko Adalbert Fürst (seit 1624, 1568-1628), seit 1599 Oberstkanzler v. Böhmen, S d. Ladislaus (1502–84), Oberstlandmarschall v. Böhmen, 1548 erster Präs. d. Appellationskammer, 1570 Obersthofmeister, u. d. Johanna Berka v. d. Duba;
    M Polyxena (1566–1642), T d. Wratislaw v. Pernstein;
    1) 1638 Johanna Myska v. Zlunitz ( 1650), 2) 1653 Auguste Sophie (1624–82), T d. Pfalzgf. August v. Sulzbach (1582–1632) u. d. Hedwig v. Holstein-Gottorp;
    4 S, 1 T, u. a. Ferdinand August (1655–1715), seit 1691 kurböhm. Gesandter am Reichstag in Regensburg, Obersthofmeister;
    Ur-E Joseph Maria Karl (s. 4); (Urur-E Franz Joseph Maximilian (s. 5).

  • Leben

    L. setzte den vom Vater eingeleiteten politischen und finanziellen Aufstieg der Familie zielbewußt fort. Hatte dieser 1624 dem Hause die Fürstenwürde erworben und durch seine Heirat mit Polyxena v. Pernstein, der Witwe des böhm. Oberstburggrafen Wilhelm v. Rosenberg, Familienbeziehungen zu den Mendoza in Spanien, den Kettler in Kurland und den Gonzaga in Italien geknüpft, so gelang dem Sohn durch seine zweite Heirat mit Auguste Sophie von Pfalz-Sulzbach die Verbindung mit den Wittelsbachern. Als engster Vertrauter Kaiser Leopolds I. war er 1669-74 der erste Minister am Wiener Hof.

    L. hat die Unruhe seiner Zeit schon früh erfahren, doch auch die Chancen erkannt, die sie dem rasch und unbedenklich Zugreifenden eröffnete. Sorgfältige Erziehung durch Hauslehrer sowie Kavaliersreisen nach Italien (1627/28), Deutschland und den Span. Niederlanden (1630) erweiterten seinen Blick. Der sächs. Einfall in Böhmen 1631 besiegelte seine Entscheidung für die militärische Laufbahn. Er warb und unterhielt ein Arkebusierregiment in der neugeschaffenen Armee Wallensteins. Sein Verhältnis zu diesem bleibt undurchsichtig, war jedoch wohl von skeptischer Distanz bestimmt. Den Sturz Wallensteins hat er jedenfalls begrüßt. L. kämpfte in den Schlachten von Steinau (1633) und Liegnitz (1634) und nahm 1635-37 an den Feldzügen am Niederrhein, in Westfalen und Sachsen teil (1636 Generalfeldwachtmeister). Am Sieg von Pegau (26.2.1637) über die Schweden war er maßgeblich beteiligt. 1639 übernahm L., der das Kriegshandwerk eigentlich nicht liebte, sein letztes Kommando im Feld nach dem Einfall Banèrs in Böhmen. Er konnte die geschlagene Armee von Gallas wieder sammeln und das belagerte Prag entsetzen (20./21.5.1639). Im Okt. 1639 zeichnete er sich bei der Verteidigung Prags gegen einen erneuten schwed. Angriff aus.

    Von nun an war er – 1640 zum General-Feldzeugmeister, 1645 zum Geh. Rat, 1647 zum Generalfeldmarschall befördert – nur mehr in Diplomatie und Verwaltung tätig. Seit 1637 gehörte er dem Hofkriegsrat an, seit 1644 als Vizepräsident, 1647-65 als Präsident. Sein Versuch, 1640 Kf. Johann Georg von Sachsen zur Teilnahme am Regensburger Reichstag zu bewegen, schlug fehl. Nach der vernichtenden Niederlage von Jankau (1645) organisierte er erneut die Verteidigung Prags, ohne selbst ein militärisches Kommando zu führen.

    Durch geschickte Ankaufspolitik mehrte L. den Besitz seiner Familie. So erwarb er 1646 das Hzgt. Sagan in Schlesien, das einst Wallenstein gehört hatte, von Ferdinand III. 1647 bestätigte der Kaiser seine Fürstenwürde und erhob die ererbte Herrschaft Sternstein (mit Neustadt in der Oberpfalz) zu einer gefürsteten Grafschaft des Reiches. Dadurch erhielt L. Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat. Das ansehnliche Erbe seiner ersten Frau sowie Lehensverleihungen Leopolds I. in der Oberpfalz rundeten seinen Besitz ab und machten L. zu einem der reichsten Magnaten Böhmens.

    Nach Ferdinands III. Tod (1657) trug L., als Hofkriegsratspräsident Zweiter Geh. Rat, wesentlich zur Wahl Leopolds I. zum Kaiser bei. Er stand an der Spitze der böhm. Wahlgesandtschaft und brachte am 22.6.1658 ein geheimes Abkommen zustande, in dem der Kurfürst von Trier Leopold seine Stimme zusagte. Rangmäßig hinter dem schwachen Premierminister und Obersthofmeister Portia stehend, waren von nun an L. und Fürst Joh. Weikhard v. Auersperg, Erster Geh. Rat des Kaisers, die einflußreichsten Minister Leopolds I. Als nach Portias Tod 1665 der scheue Monarch beschloß, künftig ohne „Primado“ zu regieren, ernannte er wohl L. zum neuen Obersthofmeister. Aber als politischer Berater des Kaisers blieb Auersperg wichtiger. – Gemeinsam, wobei L. geschickt und skrupellos Auersperg die erste Rolle zuschob, betrieben die beiden Rivalen 1667, nach dem Ausbruch des Devolutionskrieges zwischen Frankreich und Spanien, die heimliche Annäherung des Kaisers an Frankreich, die eine totale Wende der bisherigen Wiener Politik bedeutete. Sie führte zu dem Geheimvertrag vom 19.1.1668, der für den Fall des söhnelosen Todes Philipps IV. von Spanien eine Teilung des Erbes unter Ludwig XIV. und Leopold I., die beiden Schwiegersöhne des span. Königs, vorsah, obwohl die Gemahlin des Franzosenkönigs ausdrücklich auf ihre Erbansprüche verzichtet hatte. Der Vertrag stellte einen politischen Fehler dar, zumal sein Bekanntwerden das gute Verhältnis zwischen Wien und Madrid zerstören mußte. Auersperg hatte den Vertrag auch deshalb befürwortet, weil er die Kardinalswürde anstrebte und sich hierfür der Hilfe Frankreichs versichern wollte. Die Aufhellung dieser Tatsache durch L. hat 1669 den Sturz Auerspergs herbeigeführt. Doch wurde L. nicht „Primado“, wie er gehofft hatte, sondern nur Erster Geh. Rat des Kaisers. Dennoch war er nun der einflußreichste Mann im Staat, der von sich selbst sagen konnte, daß er „den kaiserl. Hof regiere“.

    Der kluge, redegewandte, aber arrogante, nichts (auch nicht sich selbst) mit seinem Spott verschonende Mann, der bei scheinbarer Bonhomie ehrgeizig, zielbewußt und berechnend war, schuf sich viele Feinde. Selbst die, die er förderte, wie den Hofkriegsratspräsidenten Raimondo Montecuccoli und den bürgerlichen österr. Hofkanzler Johann Hocher, machte er sich auf Dauer zu Feinden. Vor allem Leopolds I. zweite Gemahlin, die Tiroler Erzhzgn. Claudia Felicitas, die zu heiraten er dem Kaiser abgeraten hatte, und deren Mutter Anna von Medici waren ihm gram. – L. erwies sich als dezidierter Verfechter des herrscherlichen Absolutismus, so vor allem gegenüber Ungarn während der Magnatenverschwörung 1666–70. Die Hinrichtung der Hauptschuldigen Zriny, Nadasdy, Frangepan und Tattenbach hat er mit Nachdruck befürwortet. Die zentralistische Politik in Ungarn löste 1672 den Kuruzzenaufstand aus. Außenpolitisch hielt L. – gegen den Rat Hochers und Montecuccolis – an der Verbindung mit Frankreich fest, auch als sich 1672 Ludwig XIV. mit dem Überfall auf Holland demaskierte. Er war überzeugt, daß gegen Frankreichs Übermacht nichts auszurichten sei und es wichtiger sei, freie Hand gegen die Türken und Ungarn zu behalten. Die gegen seinen Willen zustande gekommene Allianz mit dem Kurfürsten von Brandenburg (23.6.1672), die eigentlich als Konsequenz ein Eingreifen des Kaisers in den Krieg erfordert hätte, machte L. dadurch unwirksam, daß er dem Kurfürsten lediglich eine Observationsarmee zur Seite stellte, deren Führer Montecuccoli den Auftrag erhielt, jeglichen Kampf mit den Franzosen zu verhindern. Nachdem ein Jahr später der Bruch mit Frankreich unvermeidlich geworden war, bot L. dem Kaiser seinen Rücktritt an, blieb aber auf dessen Wunsch im Amt. Allerdings untergrub die nun offene Gegnerschaft von Hocher, Montecuccoli und Lisola sowie der Kaiserin und ihrer Mutter seine Stellung immer mehr. Als kompromittierende Äußerungen des Fürsten über den Kaiser in den Depeschen des franz. Gesandten Gremonville gefunden wurden, erlebte L. die Ungesichertheit des fürstlichen Favoriten im absolutistischen Zeitalter. Die Verhaftung seines Sekretärs Ferry im Okt. 1674 förderte zwar kein weiteres belastendes Material zutage, dennoch wurde L. am 17. Okt. auf sein Schloß Raudnitz verbannt, seine Papiere wurden beschlagnahmt, Bargeld in Höhe von 190 000 Gulden konfisziert. Ein Prozeß fand nicht statt, spätere Rehabilitationsversuche scheiterten.

    L.s außenpolitisches Konzept, sich durch Nachgiebigkeit gegenüber Frankreich freie Hand im Osten zu verschaffen, war zunächst erfolgversprechend, mußte jedoch angesichts der Eroberungspolitik Ludwigs XIV. aufgegeben werden. Das wollte L. nicht wahrhaben, und darüber ist er gestürzt. – L. war ein hochgebildeter, geistvoller Mann. Von seinem Bildungsinteresse und seinem Kunstsinn zeugen seine große Bibliothek, der Ankauf von Gemälden der Niederländer und von Porträts seiner Zeitgenossen sowie der Bau der Schlösser Raudnitz und Sagan.

  • Literatur

    ADB 19;
    A. Wolf, Fürst W. L., Erster Geh. Rat Kaiser Leopolds I. 1609–77, Sein Leben u. Wirken, 1869;
    M. Dvořák (Hrsg.), Briefe Kaiser Leopolds I. an W. E. L., in: AÖG 80, 1894, S. 459-514;
    H. F. Schwarz, The Imperial Privy Council in the Seventeenth Century, 1943;
    T. M. Barker, Army, Aristocracy, Monarchy: Essays on War, Society and Government in Austria, 1618–1780, 1982;
    Wurzbach 15.

  • Portraits

    Kupf. v. Ph. Kilian.

  • Autor/in

    Hans Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Hans, "Lobkowitz, Wenzel Eusebius Fürst von" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 732 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115846433.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lobkowitz: Wenzel Eusebius v. L., geb. am 20. Januar 1609, am 22. April 1677, Fürst und Regierer des Hauses L., Herzog von Sagan, gefürsteter Graf von Sternstein, Herr zu Chlumetz, Raudnitz u. a., stammte aus dem altadeligen böhmischen Geschlechte der L. und zwar von der Chlumetzer Linie der Popel-Lobkowitz. Sein Vater war Zdenko L., Oberstkangler von Böhmen und der erste Fürst dieses Namens (1558—1626), seine Mutter Polyxena von Sternstein, verw. Gräfin Rosenberg, welche Raudnitz an die Familie brachte. L. studirte, machte größere Reisen, warb 1631 ein Regiment Arkebusiere, diente noch zur Zeit Wallenstein's in Böhmen und Schlesien, später am Niederrhein und in Westphalen, entsetzte 1639 Prag, versah mehrere Missionen und eröffnete die böhmischen Landtage von 1643—49. Bereits 1636 wurde er Hofkriegsrath, 1640 Feldzeugmeister, 1644 Vicepräsident des Hofkriegsrathes, 1645 geheimer Rath, 1652 Präsident des Hofkriegsrathes, 1665 Obersthofmeister und 1669 nach dem Sturze des Fürsten Auersperg Präsident des geheimen Rathes. Er hatte schon 1657 die Wahl König Leopolds I. als deutscher Kaiser durchgesetzt, war dessen Vertrauensmann und erster Minister. Er veranlaßte 1668 den ersten geheimen Theilungsvertrag mit Frankreich wegen der spanischen Erbschaft, schloß 1671 den Vertrag mit Frankreich und unterstützte die französische Politik; er unterdrückte die ungarische Verschwörung 1672 und führte in Ungarn eine absolute Regierung ein. Der Wechsel der kaiserlichen Politik gegenüber Frankreich und in Ungarn, sowie die Hofintriguen brachten den allmächtigen Minister zu Falle. Er wurde am 16. October 1674 ohne Verhör und Proceß entlassen und nach Raudnitz verwiesen, wo er 1677 starb. Er war ein freimüthiger rücksichtsloser Herr, ein Gegner der Jesuiten, loyal für den Kaiser und Oesterreich und ein guter Wirthschafter; noch 1674 vereinigte er seinen Besitz zu einem Fideicommiß. Seine erste Frau war 1638—1650 Johanna Myska v. Zlunic, die zweite Auguste Sophie, geb. Pfalzgräfin von Sulzbach, welche als Protestantin niemals am Wiener Hofe erschien und 1682 in Nürnberg starb. Lobkowitz' Sohn Ferdinand August (1655—1715) wurde Obersthofmeister der Kaiserin Amalie, Gemahlin Kaiser Josephs I.

    • Literatur

      Wurzbach, Biograph. Lexikon, XV. Hormayr's Taschenbuch, 1830. A. Wolf, Fürst Wenzel Lobkowitz, Wien 1869.

  • Autor/in

    Adam Wolf.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolf, Adam, "Lobkowitz, Wenzel Eusebius Fürst von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 52 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115846433.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA