Risler, Thorwald

Lebensdaten
1913 – 2002
Geburtsort
Freiburg im Breisgau
Sterbeort
Bonn-Bad Godesberg
Beruf/Funktion
Wissenschafts- und Stiftungsmanager ; Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 1068022213 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Risler, Thorwald Ernst Emil
  • Risler, Thorwald
  • Risler, Thorwald Ernst Emil

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Zitierweise

Risler, Thorwald, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd1068022213.html#indexcontent [03.10.2026].

CC0

  • Risler, Thorwald Ernst Emil

    1913 – 2002

    Wissenschafts- und Stiftungsmanager, Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft

    Thorwald Risler, reformpädagogisch geprägt, nutzte als Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft von 1965 bis 1978 die Spielräume der Bildungs- und Wissenschaftsexpansion dieser Jahre für zahlreiche Initiativen. Er profilierte den Verband, verschaffte ihm u. a. durch die treuhänderische Verwaltung unselbstständiger Stiftungen eine zweite Einnahmesäule und schuf 1976 mit dem Wissenschaftszentrum in Bonn einen sichtbaren Ort des Dialogs.

    Lebensdaten

    Geboren am 31. Mai 1913 in Freiburg im Breisgau
    Gestorben am 20. Februar 2002 in Bonn-Bad Godesberg
    Grabstätte Friedhof in Achberg-Esseratsweiler bei Ravensburg
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Thorwald Risler, Stifterverband Archiv (InC)
    Thorwald Risler, Stifterverband Archiv (InC)
  • 31. Mai 1913 - Freiburg im Breisgau

    1923 - 1934 - Freiburg im Breisgau; seit Aachen

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Berthold-Gymnasium; seit 1927 Kaiser-Wilhelm-Gymnasium

    1927 - Aachen

    Übersiedlung der Familie

    WS 1934/35 - 8.4.1935 - Freiburg im Breisgau

    Studium der Geschichtswissenschaft und Archäologie (ohne Abschluss)

    Universität

    ca. 1935 - Rom

    Mitarbeiter

    Deutsches Archäologisches Institut

    - bis ca. 1939 - Berlin; Karlsruhe

    kaufmännische Tätigkeit

    1939 - 1945

    Kriegsdienst

    Nachrichten-Kompanie; zuletzt Heeresgruppen-Nachrichten-Regiment 603 der Wehrmacht

    nach 1945 - bis ca. 1954/55 - Freiburg im Breisgau

    Geschäftsführender Gesellschafter

    Süddeutsche Isolatorenwerke GmbH

    1945 - 1947 - Salem bei Überlingen am Bodensee

    Lehrer für Geschichte, Latein und Griechisch

    Internatsschule Schloss Salem

    1946 - Südbaden

    Mitgründer

    CDU und Junge Union

    1949 - Bonn

    Mitglied als Delegierter der CDU Südbaden

    Bundesversammlung

    1959 - 1964 - Ulm

    Geschäftsführender Vorsitzender

    Geschwister-Scholl-Stiftung

    1965 - 1978 - Essen

    Generalsekretär

    Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

    - bis 1987 - Bonn-Bad Godesberg

    Vorstand

    Institut für Wirtschaft und Gesellschaft

    20. Februar 2002 - Bonn-Bad Godesberg

    Risler übersiedelte 1927 mit seiner Familie von Freiburg im Breisgau nach Aachen, wo er 1934 am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium das Abitur erhielt. Seit 1934 studierte er Geschichtswissenschaften und Archäologie in Freiburg im Breisgau, möglicherweise auch in Rom. Examina sind nicht nachgewiesen, jedoch seine Exmatrikulation am 8. April 1935, vermutlich nach Konflikten mit den Nationalsozialisten. Es schloss sich eine kaufmännische Tätigkeit an. Am Zweiten Weltkrieg nahm Risler von 1939 bis 1945 als Soldat bei einer Nachrichten-Kompanie (zuletzt 1. Kompanie Heeresgruppen-Nachrichten-Regiment 603) teil.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Risler bis 1947 Lehrer für Alte Sprachen und Geschichte an der Internatsschule Schloss Salem. Auf diese Zeit gehen seine Kontakte zu Bildungsreformern wie Hellmut Becker (1913–1993) und Georg Picht (1913–1982) sowie seine Verbindung mit bildungspolitischen Initiativen wie der Reformschule Birklehof und seine Kontakte zum Ettlinger Kreis und dessen bildungspolitischen Gesprächen zurück. Zugleich arbeitete er bis Mitte der 1950er Jahre in der Geschäftsführung des Familienunternehmens Süddeutsche Isolatorenwerke GmbH, das er zu gleichen Teilen mit vier Geschwistern geerbt hatte. 1946 war Risler Mitgründer der südbadischen CDU bzw. Jungen Union sowie 1949 Mitglied der Bundesversammlung bei der Wahl von Theodor Heuss (1884–1963) zum Bundespräsidenten.

    1959 wurde Risler auf Empfehlung Beckers gegenüber Inge Aicher-Scholl (1917–1998) Geschäftsführender Vorsitzender des dreiköpfigen Vorstands der Geschwister-Scholl-Stiftung, Trägerin der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo es ihm gelang, den Haushalt der Stiftung zu konsolidieren. Seine dortige Tätigkeit verschaffte ihm zahlreiche Kontakte in die Wirtschaft und zu Unternehmen wie der Deutschen Lufthansa AG, der BASF AG, der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH und der Siemens AG. Jedoch war die Zusammenarbeit v. a. mit Otl Aicher (1922–1991) an der Hochschule wegen finanzieller Differenzen konfliktreich, sodass Risler ausschied und 1965 als Generalsekretär zum Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft nach Essen wechselte.

    Hier setzte Risler Impulse gegen den Rückgang der Zuwendungen der Wirtschaft durch Dezentralisierung (Landeskuratorien) und verschaffte dem Verband eine zweite Einnahmequelle mit der treuhänderischen Verwaltung unselbstständiger Stiftungen. In seiner Ära entwickelte der Stifterverband eine neue Vergabephilosophie, was mit einer Professionalisierung der Hauptverwaltung einherging. Nachdem bis dahin Zuwendungen des Stifterverbands v. a. an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gegangen waren, wurde nun durch den neu eingerichteten Vergabeausschuss des Vorstands eine eigene Förderpolitik verfolgt: Es wurden Akzente gesetzt in den Geisteswissenschaften, u. a. von 1978 bis 1980 durch die Einrichtung des Historischen Kollegs in München, für das Risler Alfred Herrhausen (1930–1989) als Förderer gewann, ferner in der interdisziplinären Forschung, beim internationalen Austausch sowie der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis in der Bildungspolitik etwa durch regionale pädagogische Zentren und Ausländerzentren im Ruhrgebiet. Risler legte Wert auf den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit (sog. Villa-Hügel-Gespräche), er kreierte den sog. Interimsclub, wo sich die Generalsekretäre u. a. der Humboldt Stiftung, der Max-Planck-Gesellschaft und des Wissenschaftsrats informell austauschten. 1976 errichtete der Verband auf Rislers Initiative in Bonn-Bad Godesberg das Wissenschaftszentrum als Kommunikationsort, das auch die Autonomie der in unmittelbarer Nähe angesiedelten Wissenschaftsorganisationen wie DFG, Deutscher Akademischer Austauschdienst und Westdeutsche Rektorenkonferenz festigen sollte und mit dem der Stifterverband stärker in die Öffentlichkeit wirkte; an der Einweihung nahm Bundespräsident Walter Scheel (1919–2016) teil. Rislers vielfältige Vernetzung wie seine Mitgliedschaft im 1971 gegründeten Hague-Club, sein Ideenreichtum und seine Dynamik schärften das Profil des Stifterverbands und stärkten seinen persönlichen Einfluss.

    1977 hatte der Verband angesichts der Wirtschaftskrise und deren negativer Auswirkung auf die Spendenbereitschaft der Unternehmen finanzielle Probleme, gleichzeitig war Risler, u. a. weil ihm eine zu große Nähe zu „linken“ Bildungsforschern attestiert wurde, als Generalsekretär nicht mehr unangefochten, auch war das Verhältnis zu dem Präsidenten des Stifterverbands, Hans-Helmut Kuhnke (1907–1997), zuletzt eingetrübt. 1978 schied Risler als Generalsekretär aus und engagierte sich in dem im Wissenschaftszentrum angesiedelten Institut für Wirtschaft und Gesellschaft, das 1977 von Meinhard Miegel (geb. 1939) und Kurt Biedenkopf (1930–2021) gegründet worden war.

    1965–1987 Vorsitzender der Theodor Wiegand-Gesellschaft
    1971 Mitglied im Hague-Club
    1975 Alexander-Rüstow-Plakette der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft
    1979 Ehrenmitglied des Deutschen Archäologischen Instituts
    1994 Landesverdienstorden Nordrhein-Westfalen
    Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Stadtarchiv Aachen, Kaiser-Wilhelms-Gymnasium Aachen, RP 1934. (Reifeprüfung Ostern 1934)

    Ulmer Museum/Hochschule für Gestaltung-Archiv, Findbuch Otl Aicher Archiv. (Protokolle, Korrespondenzen) (weiterführende Informationen)

    Bundesarchiv, Koblenz, N 1225, Nachlass Georg Picht. (weiterführende Informationen)

    Wirtschaft und Wissenschaft, in: Die neue Gesellschaft 13 (1966), S. 454–456.

    Wissenschaftsförderung heute. Von den Möglichkeiten privater Initiative, in: Merkur 24 (1970), H. 265, S. 464–477. (zugangsbeschränkte Onlineressource)

    Die Privatwirtschaft als Förderer autonomer Wissenschaft. Interview mit Thorwald Risler, in: Gießener Universitätsblätter 9 (1976), H. 1, S. 42–55. (Onlineressource)

    Joerg Crone, Die visuelle Kommunikation der Gesinnung. Zu den grafischen Arbeiten von Otl Aicher und der Entwicklungsgruppe 5 für die Deutsche Lufthansa 1962, 1998. (Onlineressource)

    Hans Schwab-Felisch, Thorwald Risler. Zu seinem 70. Geburtstag, in: Merkur 37 (1983), H. 418, S. 484–486. (zugangsbeschränkte Onlineressource)

    Hans Schwab-Felisch, Ein rationaler Idealist der Tat. Thorwald Risler, Generalsekretär der Bürgerliberalität, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.10.1988. (P)

    Vortragsabend und Empfang aus Anlaß des 75. Geburtstages von Thorwald Risler. Wissenschaftszentrum [Bonn] am 31. Mai 1988. (ungedr. Manuskript im Besitz des Verfassers)

    Fred Ludwig Sepaintner, Jeremias und Emil Risler. Freiburger Unternehmerprofile im 19. und 20. Jahrhundert, in: Schau-ins-Land 110 (1991), S. 179–188. (Onlineressource)

    Winfried Schulze, Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, 1920–1995, 1995, S. 237–273.

    Fred Ludwig Sepaintner, Emil Gottfried Hermann Risler (1858–1916), in: Badische Biographien N. F. 4 (1996), S. 232–234. (Qu, W, L) (Onlineressource)

    René Michael Spitz, Die politische Geschichte der Hochschule für Gestaltung Ulm (1953–1968). Ein Beispiel für Bildungs- und Kulturpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, 1997. (Onlineressource)

    Daniel Hütter, Der Ettlinger Kreis 1957–1977. Unternehmer als bildungs- und gesellschaftspolitische Reformelite in der jungen Bundesrepublik, in: Miriam Gebhardt/Katja Patzel-Mattern/Stefan Zahlmann (Hg.), Das integrative Potential von Elitenkulturen, 2013, S. 161–176.

    Friederike Sattler, Wissenschaftsförderung aus dem Geist der Gesellschaftspolitik. Alfred Herrhausen und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), H. 4, S. 59–635, hier S. 603–608. (Onlineressource).

    Nachrufe:

    Im Mittelpunkt stets das Gemeinwohl. Der Vater des Wissenschaftszentrums starb in Bonn. Thorwald Risler wurde 88 Jahre alt, in: Bonner Generalanzeiger v. 22.2.2002. (Onlineressource)

  • Autor/in

    →Karl-Ulrich Gelberg (München)

  • Zitierweise

    Gelberg, Karl-Ulrich, „Risler, Thorwald“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1068022213.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA