Lebensdaten
um 1240 bis 1298
Beruf/Funktion
Rabbiner ; jüdischer Theologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 102501300 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mordechai ben Hillel
  • Mordecai ben Hillel, ha-Kohen
  • Mordechai ben Hillel Aschkenasi
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Zitierweise

Mordechai ben Hillel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd102501300.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Rabbinerfam.; Vorfahre Elieser ben Joel ha-Levi ( 1235), Rabbiner;
    Vt Ascher ben Jechiel (1250–1327), Rabbiner;
    Leda ( 1298), T d. Pariser Rabbiners Jechiel ben Josef (1190–1268);
    5 K ( 1298);
    E Jechiel ben Josef, liturg. Dichter.

  • Leben

    M. war ein Schüler des Meir ben Baruch von Rothenburg, Isaak ben Moses und Perez ben Elias von Corbeil. Er wirkte als Rabbiner in Goslar und Nürnberg, wo die wohlhabende Gemeinde 1296 eine neue Synagoge stiftete. Zwei Jahre später fiel er zusammen mit seiner Familie und über 600 Glaubensbrüdern dem Massaker des Ritters Rindfleisch zum Opfer.

    M. trug auf Veranlassung Meirs von Rothenburg Gutachten von Gesetzeslehrern samt den sich hierauf beziehenden Erläuterungen zusammen. Auf diese Weise entstand als Kompilation der gesamten aschkenasischen Halacha der vorausgegangenen drei Jahrhunderte das Kompendium „Sefer Mordechai“, kurz „Mordechai“ genannt. Es lehnt sich an den verbreiteten Talmud des Rabbiners Isaak Alfasi an, zitiert aber viel mehr Autoritäten als jener, besonders aus dem deutschen und franz. Raum. Es zeichnet sich aus durch Klarheit und strenge Logik und vermeidet jegliche Haarspalterei. Der „Mordechai“, bald das führende Lehrbuch für den talmudischen Unterricht, wurde in der Folgezeit vielfach abgeschrieben, überarbeitet, ergänzt, kommentiert, interpretiert sowie auszugsweise veröffentlicht und in andere Werke übernommen. Alle späteren Talmudgelehrten in Deutschland stützten sich mehr oder weniger auf ihn. Zwei Versionen des „Mordechai“ setzten sich durch: die rheinische und die österreichische. Erstere verrät den Einfluß Frankreichs und Englands, letztere jenen Südosteuropas. 1376 schuf Samuel Schlettstadt eine gekürzte Fassung der rhein. Version, den sog. „Kleinen Mordechai“, dem er eigene Glossen und Elemente der österr. Version beifügte. Da im Laufe der Zeit jedoch immer mehr Fassungen kursierten, die offenkundige Fehler und irreführende Bestimmungen enthielten, verbot der Prager Rabbiner Jehuda Löw um 1600 den „Mordechai“ als Grundlage für rechtliche Entscheidungen.

    Neben weiteren talmudischen Schriften verfaßte M. ein Gedicht über die Schlachtungs- und Speisegesetze, ein Lehrgedicht über die Anwendung der Interpunktion und ein Bußgebet bezüglich eines Martyriums. Sein umfangreiches Werk wird seit den 80er Jahren vom Jerusalemer Institut für Talmudische Forschungen in insgesamt zehn Bänden – M. galt jahrhundertelang als einer der letzten „Rischonim“, der älteren rabbinischen Autoritäten, auf die man sich berief, und neben Meir von Rothenburg als einer der bedeutendsten Halachisten in Deutschland.

  • Literatur

    ADB 22;
    L. Zunz, Der Ritus d. synagogalen Gottesdienstes, 1859;
    ders., Lit.gesch. d. synagogalen Poesie, 1865 (Neudr. 1966);
    S. Kohn, M. b. H., sein Leben u. seine Schrr. sowie d. v. ihm angeführten Autoritäten, 1878;
    S. Salfeld, Das Martyrologium d. Nürnberger Memorbuchs, 1898;
    Zulbach, in: Jb. d. jüd.-literar. Ges. 3, 1905, 5, 1907;
    Arnd Müller, Gesch. d. Juden in Nürnberg 1146-1945, 1968;
    L. Jacobs, A Tree of Life – Diversity and Creativity in Jewish Law, 1984;
    E. E. Urbach, The Sages, their Concepts and Beliefs, 1987;
    M. Breuer, Die Responsenlit. als Gesch.qu., in: Gesch. u. Kultur d. Juden in Bayern, hrsg. v. M. Treml, 1988, S. 29-37;
    K. Ulshöfer, Zur Situation d. Juden im ma. Nürnberg, ebd., S. 147-60;
    Ch. Touati, Prophètes, talmudistes, philosophes, 1990;
    Wininger IV, 1928;
    Jüd. Lex. IV/1, 1930;
    Enc. Jud. XII, 1971.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Mordechai ben Hillel" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 90 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd102501300.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mordechai: M. ben Hillel, Verfasser eines berühmten Sammelwerkes der jüdischen Gesetzeskunde, 1. August 1298 in Nürnberg. M. gehörte einer durch eine größere Reihe von Geschlechtern bekannt gewordenen in Deutschland ansässigen Familie an, aus der mehrere angesehene rabbinische Autoritäten hervorgegangen waren. Seine Lehrer waren Meir v. Rotenburg (Bd. XXI S. 240) und Perez C. Borbeil. Gleich anderen Schülern des Erstgenannten machte er es sich zur besonderen Aufgabe, Gutachten älterer Gesetzeslehrer und talmudische Erläuterungen derselben, die auch für die Casuistik von Bedeutung waren, in einem umfassenden Werke zusammenzutragen. Als Quellen dienten ihm die von diesen hinterlassenen Sammlungen ihrer Glossen und Rechtsbescheide und Aufzeichnungen verschiedener Art, die er wol zumeist durch Meir v. Rotenburg kennen gelernt hat. Aeußerlich lehnt Mordechai's weitangelegte Compilation sich an den kleinen Talmud R. Isak Alfasi's an, ihn durch die Productionen der deutsch-französischen Talmudistenschule ergänzend. Dieses sein Hauptwerk, das den Namen des Verfassers zum Titel hat, wurde von seinen Nachkommen wie von seinen Schülern in mannigfacher Weise überarbeitet, bald ergänzt und mit Zusätzen versehen, bald wiederum gekürzt und auszüglich dargestellt. Gedruckt ist dasselbe im Wesentlichen nach der „rheinischen" Recension, während die „Nachträge“ (von Samuel Schlettstadt) unter Anderem viele Bestandtheile der „österreichischen“ Recension darbieten. M. fand mit Frau und fünf Kindern bei der Niedermetzelung der Juden in Nürnberg (1. August 1298) seinen Tod.

    • Literatur

      Kohn, Mordechai ben Hillel, Breslau 1878 (auch in Monatsschrift für Gesch. u. Wiss. des Judenth v. Grätz u. Frankl Jahrg. 1877—78 S. 26 ff.).

  • Autor/in

    Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Mordechai ben Hillel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 216 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd102501300.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA