Lebensdaten
wohl bald nach 1300 bis 1348 oder 1349
Geburtsort
Winterthur
Beruf/Funktion
Franziskanermönch ; Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100950574 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johannes
  • Johannes Vitoduranus
  • Johannes von Winterthur
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Zitierweise

Johannes von Winterthur, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100950574.html [16.12.2018].

CC0

  • Leben

    Über J.s Leben ist sehr wenig bekannt. Sicher verbrachte er die Jugendzeit in Winterthur. Wann und wo er in den Orden eintrat, ist unbekannt. 1328 begegnen wir ihm in Basel, 1335 in Schaffhausen, zu Beginn der 40er Jahre nahm er Wohnsitz in Lindau im Bodensee. Ortswechsel entsprach dem Lebensstil der Franziskaner, unter denen J. als Priester eine gehobene Stellung einnahm. Das Autograph der von ihm verfaßten lat. Chronik, seines einzigen Werkes, ist nicht im gesamten Umfang eine Reinschrift; dies trifft nur für den ersten, größeren Teil zu, während gegen den Schluß hin die dem Autor zufließenden Nachrichten laufend eingetragen wurden. Die Chronik beginnt mit dem Pontifikat Innozenz' III. (1198–1216); die letzten Eintragungen datieren von 1348. J. hegte die Absicht, dem überlieferten, zeitgeschichtlichen Teil der Chronik eine Weltchronik voranzusetzen, von der ein kurzes, nicht ediertes und bis Darius reichendes Stück erhalten ist.

    Die Bildung J.s beschränkt sich auf die auswendig beherrschte Vulgata, deren Wendungen ihm oft seitenlang in die Feder fließen. Für die älteren Teile seiner Chronik stützt er sich im wesentlichen auf Martin von Troppau, auf die Flores temporum, die Legenda aurea sowie auf die Erfurter Minoritenchronik. Die Kirchenväter waren ihm aus Florilegien bekannt. Er schreibt ein von humanistischem Perfektionismus ungetrübtes Latein, das gewiß nicht klassisch, dafür aber für den Zeitgenossen verständlich war.

    J. berichtet als Deutscher über Deutschland: cum Alemannus sim, de Alemanie partibus, jedoch mit besonderer Berücksichtigung dessen, was sich innerhalb des Hzgt. Schwaben ereignete. Als Angehöriger eines universalen Ordens verfügte er indessen auch über Nachrichtenquellen aus ganz Europa, aus Byzanz und aus dem nahen Orient. Kaiser und Papst sind für ihn noch die Säulen der Weltherrschaft, trotz der zwischen beiden Mächten bestehenden Spannungen. Von größter Wichtigkeit sind seine Nachrichten über Sorgen, Sitten und Anschauungen des einfachen Volkes, dem er als Prediger nahestand; besonders erwähnenswert in dieser Beziehung die in der Chronik überlieferten Anekdoten über Rudolf von Habsburg. – J. ist kein kritischer Historiker, sondern ein Chronist des Mittelalters. Wer seine Chronik als ein wissenschaftliches Werk oder gar als älteste Darstellung der Schweizergeschichte betrachtet, legt falsche Maßstäbe an.

  • Werke

    Ausg. v. F. Baethgen in Verbindung mit C. Brun in: III, 1924 (mit Verz. d. älteren Ausgg.);
    Übers. v. B. Freuler, in: Neujahrsbll. d. Bürgerbibl. Winterthur, 1859-63.

  • Literatur

    ADB 14;
    R. Feller u. E. Bonjour, Gesch.schreibung d. Schweiz v. Spät-MA z. Neuzeit I, 1962, S. 110-13 (L);
    W. Treichler, Ma. Erzz. u. Anekdoten um Rudolf v. Habsburg, 1971, S. 41 f., 61-68, 72, 79, 105 f., 110 ff.;
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Marcel Beck
  • Empfohlene Zitierweise

    Beck, Marcel, "Johannes von Winterthur" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 576-577 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100950574.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Johannes, zubenannt von Winterthur (Vitoduranus), Minorite und Verfasser einer Chronik seiner Zeit; um 1348. — Geboren zu Winterthur ums Jahr 1300, 1309 Schulknabe und noch 1315 Schüler daselbst, trat J. später in den Orden der Minoriten, stand 1328 im Ordenskloster zu Basel, um 1336 zu Villingen, von wo aus er auch Schasshausen besuchte, und lebte, wahrscheinlich von 1340, jedenfalls von 1343 an im Minoritenkloster zu Lindau am Bodensee. Nach Mitte 1348, aus welchem Zeitpunkt er noch ein Ereigniß erwähnt, verschwindet jede Spur von ihm. Bekannt ist sein Name und sind die vorerwähnten Züge seines Lebens nur aus dem von ihm hinterlassenen Geschichtswerke. In demselben beschrieb er die Zeitgeschichte von Kaiser Friedrich 11. an bis auf das Jahr 1348. Er begann seine Arbeit um das Jahr 1340, führte sie damals bis auf dieses Jahr durch und setzte seine Aufzeichnungen sodann vorweg annalistisch fort, scheint aber schließlich das Ganze noch einmal überarbeitet zu haben und faßte auch den Vorsatz, dem Werke einen ersten weltgeschichtlichen Theil bis auf Kaiser Friedrich II. voranzusetzen. Jene Ueberarbeitung und ein unbedeutendes Bruchstück des beabsichtigten ersten Theiles in wenigen Zeilen liegen in einer Handschrift der Stadtbibliothek Zürich vor, die, nach Allem zu schließen, vom Verfasser selbst herrührt; überhaupt auch die einzige bekannte alten Ursprungs. Der Umstand, daß dieselbe, soweit ihre Schicksale sich rückwärts verfolgen lassen, zuerst in Bullinger's Hand (Bd. III S. 513) auftaucht (Bullinger und Stumpf sind überhaupt die Ersten, die J. nennen), legt den Schluß nahe, daß die Handschrist aus dem im J. 1524 aufgehobenen Minoritenkloster in Zürich stamme und daß J. in diesem sein Leben beschloß, zumal die letzte Notiz in seiner Chronik auf einen der Reuß bei Mellingen näher liegenden Aufenthaltsort hindeutet, als Lindau war. Seinem Inhalte nach bildet das Werk von J. eine reichhaltige und anziehende Quelle zur Kenntniß der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Es schildert die Zeitereignisse und Zustände in den oberdeutschen, insbesondere den schwäbischen Landschaften und Städten, die Reichsgeschichte, den Kampf Kaiser Ludwigs mit dem Papstthume zu Avignon, die Haltung des Franziskanerordens in demselben, aber auch viele größere und kleine Vorgänge aller Art im übrigen Deutschland oder im Auslande. Aufmerksam und in geistlicher und weltlicher Litteratur wohlbelesen, unbefangen in Allem, was sich nicht auf seinen Orden bezieht, aber auch von naiver Leichtgläubigkeit gegenüber allem ihm Mitgetheilten, erzählt J., einläßlich und behaglich, vom Stande des unter und mit dem Volke lebenden Bettelmönches aus Alles was ihm zur Kenntniß kommt. Seine Aufzeichnungen sind daher insbesondere kulturgeschichtlich von großem Werthe.

    • Literatur

      Archiv f. Schweizergeschichte, Bd. XI, Zürich 1856. Die Chronik des J. v. W. (herausgegeben von dem Unterzeichneten); auch in besonderem Abdrucke. — Meyer von Knonau im Anzeiger f. schweiz. Geschichte 1872 und in der Histor. Zeitschrift von Sybel, Bd. XXIX, 1873. — Lorenz, O., Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 2. Aufl. 1876, I. 57 u. ff., und die in diesen Schriften aufgeführte Litteratur.

  • Autor/in

    G. v. Wyß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wyß, Georg von, "Johannes von Winterthur" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 483 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100950574.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA