Lebensdaten
erwähnt 1268 oder 1278
Sterbeort
Bologna
Beruf/Funktion
Dominikaner ; Erzbischof von Gnesen ; Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118782223 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Martinus Polonus
  • Martin
  • Martin Polonus
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Zitierweise

Martin von Troppau, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118782223.html [20.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Von M.s Herkunft aus Troppau (Schlesien) weiß man nur aus d. Vorreden seiner Werke, in denen erst Hss. aus d. 14. Jh. zu seiner Namensnennung hinzufügen, daß er „de regno Boemie“ stamme, u. zwar „patria Oppaviensis“; Troppau gehörte bis 1318 zu Mähren u. daher z. Kgr. Böhmen. M.s Beiname „Polonus“ geht auf Tholomeus v. Lucca zurück, d. Anfang d. 14. Jh. entweder M.s letzte Würde als Erzbischof v. Gnesen betonen wollte od. aber ihn aus d. Zugehörigkeit seines Prager Heimatklosters z. poln. Ordensprov. abgeleitet hat. Verwandtschaftliche Beziehungen od. besondere Bindungen M.s. zu Polen sind Konstruktionen d. poln. Historiographie d. späten 15. Jh. (Joh. Dlugosz).

  • Leben

    Ein Brief des Prager Dominikaners Hyacinth an M. zeugt von M.s Erziehung im Dominikanerkonvent St. Clemens in der Prager Altstadt, wo er die Priesterweihe erhielt, ehe er sich an der Kurie erfolgreich für die päpstliche Bestätigung der Privilegien seines Klosters einsetzte. Nach M.s eigenem Zeugnis war er in Rom domni pape penitentiarius et capellanus. Gesichert ist nur sein Wirken als Poenitentiarius minor unter Papst Alexander IV. 1261-78 in zwei Urkunden, die M. in dieser Funktion ausgestellt hat. Am 22.6.1278 wurde er von Papst Nikolaus III. zum Erzbischof von Gnesen ernannt. Sein neues Amt konnte er jedoch nicht mehr antreten, da er auf der Reise in seine Kirchenprovinz in Bologna verstarb.

    M.s schriftstellerische Tätigkeit ist aus den praktischen Anforderungen erwachsen, die an ihn als Predigermönch und kurialen Beamten gestellt wurden. Die „Sermones de Tempore et de Sanctis“ sind eine typisch scholastisch geprägte Sammlung von homiletischen Musterstücken (Predigten und Exempla). Im praktischen Umgang mit dem Kirchenrecht schuf M. (zunächst nur für den eigenen Gebrauch) die „Margarita Decreti“ oder „Tabula Martiniana Decreti“ als knappe Realkenkerdanz zum „Dacretum Gratiani“. Die erstmalig nach mechanistischem Prinzip alphabetisch angeordneten 787 Lemmata von Eigennamen und Begriffen machten das Werk zu einem hervorragenden Hilfsmittel für den Kanonisten, was ihm seinen literarischen Erfolg sicherte.

    M.s berühmtestes und erfolgreichstes Werk ist jedoch das „Chronicon pontificurn et imperatorum“, das wiederum als Hilfsmittel für die Praxis konzipiert ist. Für die Theologen schuf er mit seiner Chronik eine Fortsetzung der die biblische Geschichte behandelnden „Historia scholastica“ des Petrus|Comestor für die nachapostolische Zeit. Den Kanonisten sollte dieses Werk helfen, die Rechtssätze chronologisch einzuordnen; daher sollte es dem Dekret oder den Dekretalen als Zeittafel beigebunden werden. M. folgte mit seiner Chronik dem seit dem 12. Jh. bekannten Muster der Papst-Kaiserchronik, die als Gliederungsprinzip des Geschichtsstoffes parallele Papst- und Kaiserreihen zugrunde legte. M.s Anliegen war jedoch die exakte chronologische Fixierung der Ereignisse in den jeweiligen Herrschaftsaeren sowie eine systematische und knappere Gestaltung des geschichtlichen Stoffes. Dieser übersichtlichen tabellenartigen Anlage verdankt die Chronik ihre weite Verbreitung sogar über Europa hinaus. Sie fehlte in kaum einer spätmittelalterlichen Bibliothek und fand vom Ende des 13. Jh. bis ins 15. Jh. zahlreiche Übersetzungen in die Volkssprachen. Um die Wende zum 14. Jh. bezeichnete sich sogar eine ganze Gattung von Papst-Kaiserchroniken nach M.s Vorbild als Martinianen.

  • Werke

    Zu d. Handschriften und Frühdrucken vgl. Th. Kaepelli;
    Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi III, 1980. Nr. 2972-74;
    Chronicon pontificum et imperatorum, hrsg. v. L. Weiland, in: MGH SS 22, 1872, 377-475.

  • Literatur

    ADB 20;
    Archiv f. ältere dt. Gesch.kde. 4, 1822, S. 38-92;
    12, 1858, S. 1-79;
    L. Weiland, Zur Ausg. d. Chronik M. v. T.s, ebd. 12, 1872/74;
    E. Göller, Die päpstl. Pönitentiarie v. ihrem Ursprung b. z. ihrer Umgestaltung unter Pius V., Bd. I, 1, 1907, S. 130-32 mit Nr. 9 u. 10;
    P. Joachimsen, Gesch.auffassung u. Gesch.schreibung unter d. Einfluß d. Humanismus, 1910, S. 4-7;
    H. Grundmann, Gesch.-schreibung im MA, 31978, S. 23 u. 69;
    A.-D. v. d. Brincken, Zu Herkunft u. Gestalt d. Martins-Chroniken, in: DA 37, 1981, S. 694-735;
    dies., Stud. z. Überlieferung d. Chronik d. M. v. T., ebd. 41.1985, S. 460-531;
    dies., M. v. T., in: Gesch.schreibung u. Gesch.bewußtsein im späten MA, hrsg. v. H. Patze, 1987, S. 155-93;
    Vf.-Lex. d. MA.

  • Autor/in

    Birgit Studt
  • Empfohlene Zitierweise

    Studt, Birgit, "Martin von Troppau" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 279-280 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118782223.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Martinus Polonus ist der herkömmliche Name des Dominikaners Martin aus Troppau, der in Prag eingekleidet wurde, denn die böhmischen Dominikaner gehörten zur polnischen Ordensprovinz. Bald ist er von Prag nach Rom gekommen und päpstlicher Kaplan und Pönitentiar geworden; 1278 wurde er zum Erzbischof von Gnesen ernannt, starb aber auf der Reise dahin in Bologna. Auf Befehl Clemens IV. schrieb er eine Chronik der Päpste und Kaiser, die er jedoch erst nach dem Tode des Papstes vollendete. Das noch vorhandene Autograph, mit zahllosen Aenderungen und Zusätzen versehen, schickte er an seine Ordensbrüder in Prag, und in dem uns erhaltenen Dankschreiben wird schon damals der hohe Ruhm dieses Werkes in aller Welt gepriesen. In Abschriften erhalten ist jedoch nur die zweite, bis 1268 reichende Bearbeitung, so eingerichtet, daß jede Seite zwei Columnen für Päpste und Kaiser und 50 Zeilen, je eine für jedes Jahr, enthielt. Von diesem lästigen Zwange hat er sich in der dritten Bearbeitung befreit, welche er mit einer Uebersicht der alten Geschichte vermehrte und bis 1277 fortführte. Nur als Compendium für Theologen und Juristen sollte nach seiner Angabe die Chronik dienen; von geschichtlicher Auffassung ist gar keine Rede. Es fehlen aber auch die wichtigsten Begebenheiten, während die abgeschmacktesten Fabeln aufgenommen sind. Begreiflich ist, daß die Auffassung vollständig die päpstliche der Zeit ist, und durch die außerordentliche Verbreitung der handlichen und durch die Autorität des curialen Ursprungs getragenen Chronik hat sich diese Form der Geschichte für lange Zeit festgesetzt. Während dem Buche geschichtlicher Werth fast vollständig fehlt, hat es einen äußerlichen Anlaß zu zahlreichen Fortsetzungen gegeben, die zum Theil nicht unwichtig sind. Außerdem hat er auch Predigten geschrieben und eine alphabetische Uebersicht über Gratian's Decret und die Decretalen unter dem Titel „Margarita Decreti“. Erste kritische Ausgabe der Chronik von L. Weiland, Mon. Germ. SS. XXII, 377—475. Einige Fortsetzungen ebenda und im 24. Band. Wattenbach, Geschichtsquellen, II, S. 360—363.

  • Autor/in

    Wattenbach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wattenbach, Wilhelm, "Martin von Troppau" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 483 unter Martin Polonus [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118782223.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA