Lebensdaten
1300 oder 1303 bis 1376
Beruf/Funktion
Chronist ; schwäbischer Annalist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100945651 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dießenhofen, Heinrich Truchseß von
  • Heinrich von Diessenhofen
  • Heinrich von Dießenhofen
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Zitierweise

Diessenhofen, Heinrich Truchseß von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100945651.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die D., ein in der Stadt Diessenhofen seßhaft gewordener Zweig der Ritter v. Hettlingen, erscheinen seit der Mitte des 13. Jh. als Ministerialen der|Grafen v. Kiburg, später v. deren Erben, der Grafen v. Habsburg;
    V Johannes (gen. 1294, 1342), Reichspfleger in St. Gallen, genoß das Vertrauen der habsburgischen Herzöge v. Österreich in hohem Maße, 1322 nahm er als Rat u. Hofmeister (1319–30) Kg. Friedrichs des Schönen an dessen Gesandtschaft nach Avignon teil (s. ADB V), S des Heinr. v. Hettlingen gen. Joser, Truchseß v. D., u. der Hiltburg v. Herblingen;
    M Elis. v. Reinach ( 1303);
    B Johannes, Ritter zu Herblingen; Halbbrüder Hans, auf Tengen, Ulrich, österr. Rat, Konrad, Domherr zu Konstanz, Gottfried, Ritter; 3 Schwestern.

  • Leben

    D. studierte gemeinsam mit seinem Bruder 1316 in Bologna, wo er 1319 Prokurator, 1324 Rektor scolarium und schließlich Doctor decretorum wurde. Schon 1324 als Canonicus Constanciensis bezeichnet, hatte er, wie ein späterer päpstlicher Dispens bezeugt, vor Erreichung des vorschriftsmäßigen Alters auch die Pfarrkirchen in Pfaffenhofen, Andelfingen, Hohen-Tengen und Empfingen und Kanonikat und Pfründe in Einbrach inne. 1325 wurde er Kustos in Beromünster. Seine kanonistische Vorbildung und die bewährte Treue seiner Familie empfahlen ihn dem gebannten Grafen Otto von Habsburg 1330 als Gesandten an den päpstlichen Hof. Während dieses Aufenthalts in Avignon (1330–38) begann D. zu den 24 Büchern der Historia ecclesiastica des Ptolomaeus von Lucca Additionen zu machen und sie schließlich durch ein 25. Buch zu ergänzen. Dies war der Beginn seiner Chronik, die er, zum Teil in annalistischer Form, bis zum Jahre 1362 fortführte. 1341 verlegte er seinen Wohnsitz von Beromünster nach Konstanz. 1343 mit dem Bischof Nikolaus von Frauenfeld und den übrigen das päpstliche Interdikt beachtenden Domherren aus der Stadt vertrieben, kehrte er 1344 nach dem Tode des Bischofs zurück; er und sein Bruder Konrad wurden neben ihrem Bologneser Studiongenossen Albert von Hohenberg vom Kapitel als Nachfolger in Aussicht genommen. 1345 reiste D. zur Berichterstattung nach Avignon; doch providierte Clemens VI. den Domdekan Ulrich Pfefferhard. Noch einmal ging er vermutlich 1356 zum Papst, um sich für den von ihm gegen die Mehrheit des Kapitels gewählten Albert von Hohenberg einzusetzen. Wie der Bischofsstuhl entging ihm das Amt des Propstes: 1364 vom Bischof ernannt, mußte er auf päpstlichen Befehl verzichten. Im Streit mit dem eigenwilligen neuen Propst stand D. an der Spitze des Kapitels. Den erfahrenen und vertrauenswürdigen Mann betraute der zum Administrator des Konstanzer Bistums bestellte Bischof von Augsburg mit der Untersuchung der Gründe für die Belegung der Stadt Überlingen mit dem Interdikt. 1373 erscheint er als Succollector camerae apostolicae. - Gerade weil D. in der großen Auseinandersetzung zwischen Imperium und Sacerdotium keine entscheidende Rolle spielte, war er imstande, die gegensätzlichen Strömungen, die sein Jahrhundert durchzogen, in sich aufzunehmen: er ahnte das Ende des Reiches und begrüßte doch Karl IV. als den neuen Alexander; er erkannte die päpstlichen Ansprüche auf Approbation und Konfirmation an und forderte doch die Wiederherstellung der Jura imperii; er betonte die Wahl durch die Fürsten und vergaß doch nie auf die Abkunft aus königlichem Blute hinzuweisen; von großer Empfindlichkeit gegen die Zwangstaufe der Heiden mit dem Schwert, gegen die Rohheit der Kriegführung in Böhmen, nahm er doch keinen Anstoß am Kreuzzug und den Judenverfolgungen von 1348; die eigene Person im Leben und in seiner Chronik zurückstellend, sorgte er doch für die Erhaltung seines Gedächtnisses bei der Nachwelt.

  • Werke

    Chronik d. H. Truchseß v. D., bearb. v. C. v. Höfler, in: Btrr. z. Gesch. Böhmens, Abt. 1, Qu.-slg., 2. Bd., Prag 1864;
    Fontes rerum Germanicarum IV, hrsg. v. J. F. Boehmer, 1868.

  • Literatur

    ADB V;
    J. L. Aebi, H. d. Tr. v. D., in: Gesch.-Freund 32, 1877;
    H. Simonsfeld, Zur Historiogr. d. 14. Jh., in: F z. dt. Gesch. 18, 1878;
    D. König, Matthias v. Neuenburg u. H. v. D., ebd. 19, 1879;
    Lorenz, Bd. 1, 31886;
    Acta nationis Germanicae universitatis Bononiensis, hrsg. v. E. Friedländer u. C. Malagola, 1887;
    A. Werminghoff, H. v. D. als Bewerber um d. Dompropstei zu Konstanz, in: ZGORh, NF 11, 1896;
    H. V. Sauerlandt, Vatikan, biograph. Notizen z. Gesch. d. 14. Jh., in: Jb. d. Ges. f. lothr. Gesch. u. Altertumskde. 13, Metz 1901 und 21, 1909/10;
    Regesta episcoporum Constantiensium II, 1905, bearb. v. A. Cartellieri;
    R. Wegeli, Die T. v. D., in: Thurgau. Btrr. z. vaterl. Gesch. 47, Frauenfeld 1907.

  • Autor/in

    Sabine Krüger
  • Empfohlene Zitierweise

    Krüger, Sabine, "Diessenhofen, Heinrich Truchseß von" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 662 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100945651.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Diessenhofen: Heinrich, Truchseß v. D., schwäbischer Annalist des 14. Jahrhunderts, 22. Decbr. 1376. In der von Graf Hartmann von Friburg im Jahr 1178 gegründeten Stadt Diessenhofen am Rhein, oberhalb Schaffhausen, saß ein Ministerialengeschlecht, welches von dem Besitze der Burg daselbst und von seinem Amte am gräflichen Hofe den Namen der Truchsesse v. D. trug und beim Erlöschen des Friburgischen Hauses in den Dienst seiner Erben, der Grafen von Habsburg, überging. Zwei Männer aus diesem Geschlechte haben sich ausgezeichnet. Ritter Johann, Tr. v. D., bekleidete zur Zeit des Interregnums, nach Kaiser Heinrichs VII. Tode, im Namen Herzog Friedrichs von Oesterreich und seiner Brüder die Pflege des Reichsamtes in Sanct Gallen, kämpfte hierauf in ihren Diensten gegen Ludwig den Baier, ward Hofmeister König Friedrichs des Schönen und nahm unter dessen Räthen eine so ehrenvolle Stellung ein, daß ihn der König 1322 zum ersten weltlichen Mitgliede seiner Gesandtschaft an Papst Johann XXII. in Avignon, Kaiser Ludwig selbst aber 1330 zum Mitgliede des Schiedsgerichtes zwischen ihm und dem Hause Oesterreich ernannte. 1334 nahm D. als österreichischer Bevollmächtigter an der vom Kaiser angeordneten Kundschaftsaufnahme über die Rechte Oesterreichs in Schwyz und Unterwalden theil. Er starb um 1343. Unter seinen Söhnen widmeten sich zwei der Kirche: Konrad und Heinrich. Der letztgenannte, jüngere, vor dem 25. März 1303 geboren, erhielt frühzeitig ein Canonicat am Stifte Beromünster, dem ein mütterlicher Verwandter, Jakob von Rinach, als Propst vorstand, ging dann nach Avignon. wo er die Jahre 1333 bis 1337 zugebracht zu haben scheint und Caplan Papst Johanns XXII. wurde, kehrte aber hierauf wieder in die Heimath zurück. Als Doctor decretorum, als Domherr in Constanz (spätestens seit 1341) und als Custos von Beromünster, dem er sehr anhänglich blieb, lebte er nun mindestens noch viertehalb Jahrzehnte diesen Aemtern, wol meist in Constanz oder dessen Umgebungen sich aufhaltend. Als nach dem Tode des Bischofs Nikolaus von Kenzingen im Jahre 1344 eine Bischofswahl in Constanz nöthig wurde, erhielten neben dem Grafen Albrecht von Hohenberg auch Heinrich Tr. v. D. und sein Bruder Konrad Stimmen eines Theils des Domcapitels; Papst Clemens VI. ernannte aber keinen dieser drei Candidaten, sondern den Domdecan Ulrich Pfefferhard zum Amte. Seine Mußezeit widmete D. historischen Aufzeichnungen. Nachdem er zu den letzten Theilen der Kirchengeschichte des Ptolemäus Lucensis einige Zusätze gemacht, schrieb er in den ersten Jahren nach der Rückkehr in die Heimath ein um 1345 vollendetes fünfundzwanzigstes Buch zu jenem Werke. Im Anschlusse an ein von fremder Hand herrührendes summarisches Capitel über die ersten Regierungsjahre Papst Johanns XXII. werden darin ausführlicher die beiden letzten Jahre desselben, die Geschichte Benedicts XII. und die Anfänge Clemens' VI. bis 1343 erzählt, wobei D. insbesondere als Augenzeuge über die Vorgänge in Avignon während der Jahre 1333—1337, von da an aber auch über Ereignisse in seiner Heimath berichtet. Diesem Buche schlossen sich annalistische Aufzeichnungen über die Jahre 1344—1361 an, die von D. selbst, oder doch wenigstens unter|seiner Leitung und Mitwirkung gemacht wurden. Sie umfassen die Reichs- und Papstgeschichte dieser Jahre, am ausführlichsten aber die Ereignisse in der nächsten und ferneren Umgebung des in Constanz schreibenden Verfassers. Vorzügliche Berücksichtigung findet darin, was auf das Haus Habsburg-Oesterreich in den sogenannten Vorlanden Bezug hat.

    Der Ton all' dieser Arbeiten Diessenhofen's ist ziemlich trocken. Die Darstellung geht über die einfachste Verzeichnung der äußerlichen Thatsachen meist nicht hinaus, erhebt sich nicht zu einer zusammenhängenden, Personen und Verhältnisse eingehend schildernden Erzählung, ist auch nicht ganz frei von factischen Irrthümern untergeordneter Art, und selten fällt der Verfasser sein Urtheil über die Dinge. Aber seine Stellung, die ihm vieles zu sicherer Kunde bringen mußte, der bei aller Entschiedenheit seines kirchlichen Standpunktes gegenüber dem Kaiserthum doch durchblickende mäßige Sinn, die fast völlige Gleichzeitigkeit zwischen den Aufzeichnungen und dem Geschehenen und die Genauigkeit, wonach D. sichtlich strebte, so daß den meisten erzählten Ereignissen sogar das Tagesdatum beigesetzt ist, geben Diessenhofen's Arbeit doch hohe Wichtigkeit für die Geschichte seiner Zeit. So verdankt man z. B. allein D. die bestimmte Nachricht vom Abschlusse des sogenannten Regensburger Friedens vom 25. Juli 1355, welcher, unter Vermittlung Kaiser Karls IV., den ersten längeren Krieg zwischen Herzog Albrecht II. und der durch Zürichs Beitritt erweiterten Eidgenossenschaft der Waldstätte ein Ziel setzte. — Von Diessenhofen's Werk ist bis jetzt nur eine, früher in Ulm, jetzt in der Münchener Hofbibliothek befindliche Handschrift bekannt. Doch wurde der Anfang desselben (bis zum Jahre 1337/8 reichend) schon gleich nach seiner Entstehung abschriftlich in zwei, in Italien befindliche Codices des Ptolemäus eingetragen, und das Ganze schon zu Ende des 15. Jahrhunderts in Ulm durch den Dominicaner Felix Faber ( 1502) bei Abfassung seiner Historia Suevorum benutzt.

    Aus der Münchener Handschrift herausgegeben, findet sich der Text des Werkes in: 1) Beiträge zur Geschichte Böhmens, herausgegeben vom Verein der Deutschen in Böhmen. I. Abtheilung. Quellensammlung. Anhang zum II. Bande. (Prag und Leipzig 1865); ein von C. Höfler veranstalteter Abdruck; und: 2) im Bande IV der Fontes rerum Germanicarum von J. Fr. Böhmer (Stuttgart 1868), woselbst A. Huber auf Grund einer von Böhmer im Jahr 1842 zum Behufe der Fontes angefertigten, in seinem Nachlasse vorgefundenen Abschrift und der Ausgabe von C. Höfler einen neuen Abdruck des Ganzen desselben gegeben und mit einer erschöpfenden Einleitung über Diessenhofen's Persönlichkeit begleitet hat. Eine treffliche Beurtheilung von Diessenhofen's Arbeit siehe bei O. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Erster Band. Zweite Auflage. Berlin 1876.

    • Literatur

      Die eben genannten Werke von Höfler, Huber, Lorenz und Urkunden. Vgl. die inzwischen erschienene Arbeit von K. Simonsfeld über H. von Diessenhofen in den „Forschungen zur deutschen Geschichte.“ Bd. XVIII (1878), S. 297 ff.

  • Autor/in

    G. v. Wyß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wyß, Georg von, "Diessenhofen, Heinrich Truchseß von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 148-149 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100945651.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA