Lebensdaten
um 1433 bis 1498
Geburtsort
Heek Kreis Ahaus
Sterbeort
Deventer
Beruf/Funktion
humanistischer Schulmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100290132 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hegius, Sander
  • Hegius, Alexander
  • Hegius, Sander

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Zitierweise

Hegius, Alexander, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100290132.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V wohlhabender Schulze.

  • Leben

    H. ist urkundlich zum erstenmal 1469 bezeugt; in diesem Jahr wurde er Rektor der städtischen „Großen Schule“ in Wesel. Welche Schule er besucht (Deventer? Münster i. W.?), ob er an einer Universität studiert hat, ist ungewiß. 1474 folgte er einem|Ruf an die Stiftsschule von Sankt Martin in Emmerich. Dort ist er nur für 1 Jahr nachzuweisen, wahrscheinlich aber bis 1483 geblieben. Hier wirkte als Stiftspropst Graf Moritz von Spiegelberg, ein Freund humanistischer Bildung. Diesen hat Rudolf Agricola vermutlich 1479/80 für ein halbes Jahr besucht; während dieser Zeit dürfte er H. humanistischer Lehrmeister geworden sein, ihn auch ins Griechische eingeführt haben. Durch Agricola wurde H. in dem Kreis humanistisch interessierter Gelehrter bekannt, der sich öfter im Zisterzienserkloster Adwert bei Groningen traf. Als Spiegelberg gestorben war, siedelte H. nach Deventer über, hat dort vom Herbst 1483 bis zu seinem Tode als Rektor der zum Stift des heiligen Lebuinus gehörigen Schule gewirkt und sie in humanistischem Sinne reformiert. Er behielt noch die lateinische Grammatik, das Doctrinale puerorum von Alexander de Villa Dei, bei, doch bekämpfte er, in der Theorie („Invectiva in modos significandi“) wie in der Praxis, die breiten Erörterungen zu dem Doctrinale, die scholastische Kommentare boten. Sie ersetzte er durch knappe, übersichtliche Anmerkungen – Umschreibungen, Beispiele, Tabellen -, die er gemeinsam mit dem Lehrer der Stiftsschule Johannes Synthen verfaßte. Der neue Kommentar eiferte italienischen Vorbildern nach; in ihm werden Niccolò Perotto und Lorenzo Valla genannt. Erst H. Schüler Johannes Murmellius hat – in Münster (Westfalen) – das Doctrinale abgeschafft. – Latein lernen sollten H. Schüler möglichst bald an der Lektüre der antiken Autoren selbst. Dem entspricht, daß, seit H. in Deventer wirkte, dort Schriften antiker Autoren gedruckt wurden, so von Cicero, Vergil, Horaz und Plautus. Von Anfang an, früher als an anderen deutschen Schulen, wurde durch H. in Deventer das Griechische in den Lehrplan aufgenommen.

    H. wirkte mehr durch seinen Unterricht als durch Schriften. Nur wenige hat er verfaßt: locker gereihte Notizen wie die „Farrago“, Dialoge philosophischen und theologischen Inhalts und schulmeisterliche „Carmina“, auch auf Christus und Maria. Wie er über dem Lateinischen nicht die heimische Mundart verleugnete – sein Doctrinale-Kommentar enthält auch Übersetzungen ins Niederländische -, so vertrug sein Humanismus sich mit der Frömmigkeit der Devotio moderna. Sie dürfte allezeit ein wesentliches Element auch seines Unterrichts gebildet haben; sie bewog ihn im Alter, Priester zu werden. – Durch H. pädagogisches Wirken wurde die Stiftsschule in Deventer weithin berühmt. Seine Schüler übertrugen die humanistische Reform 1500 auf die Domschule in Münster. Zu ihnen gehörten auch Hermann Busch und Johannes Butzbach. Nur noch kurze Zeit weilte Erasmus von Rotterdam unter H. Rektorat in der Stiftsschule zu Deventer.

  • Werke

    (hrsg. v. s. Schüler Johs. Fabri) Carmina et gravia et elegantia cum ceteris eius opusculis, T. 1-2, Deventer 1503;
    Prima (et Secunda) pars grammatices regulis et exemplis earundem compendiose noviter collecta, T. 1, ebd. 1495, T. 2, o. J. (Kommentar zu d. beiden 1. T. d. Doctrinale).

  • Literatur

    ADB XI;
    J. Wiese, Der Päd. A. H. u. s. Schüler, Diss. Erlangen 1892;
    D. Reichling, Zur Biogr. d. A. H., in: Zs. f. Vaterländ. Gesch. u. Alterthumskde … Westfalens 69, 1911, I, S. 451-59;
    ders., in: Lex. d. Päd. II, 1913, Sp. 682-86;
    J. Lindeboom, Het Bijbelsch Humanisme in Nederland, Leiden 1913, S. 70-81;
    P. S. Allen, The Age of Erasmus, Oxford 1914, Nachdr. New York 1963, bes. S. 21, 25 ff., 41 f., 63;
    A. Bömer, in: Westfäl. Lb. III, 1934, S. 345-62 (W, L).

  • Autor/in

    Gerhard Theuerkauf
  • Empfohlene Zitierweise

    Theuerkauf, Gerhard, "Hegius, Alexander" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 232 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100290132.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hegius: Alexander (Sander) H., berühmter Schulmann, geb. wahrscheinlich 1433 auf dem Schulzenhofe Heek (jetziger Kreis Ahaus in Westfalen), in Deventer am 7. December 1498. Er besuchte die Schule in Zwoll und bewährte sein Leben hindurch die von den dortigen trefflichen Meistern empfangenen Lehren, leitete 1469—73 die Schule in Wesel, kam 1474 nach Emmerich, und in demselben Jahre nach Deventer. Hier, wo er bis zum Ende seines Lebens, Berufungen nach anderen Orten ablehnend, blieb, entfaltete er eine so große Wirksamkeit im Dienste des Humanismus, daß die bedeutenden Männer der folgenden Jahrzehnte sich gerne, wenn auch mit Unrecht, rühmten,|Schüler des H. zu sein. Jedenfalls haben Erasmus, Herm. Busch, Joh. Caesarius, G. Listrius, Murmellius, Mutian u. A. seine Schule besucht und das Verdienst des Lehrers dankbar anerkannt, besonders auch Joh. Butzbach (oben III. S. 663), der eine sehr pietätsvolle Schilderung des Meisters entwirft und Zeugnisse berühmter Zeitgenossen über ihn zusammenstellt. H. war kein universaler Gelehrter, aber ein stets eifriger und lernbegieriger Mann, der sich eine gründliche Kenntniß der lateinischen Classiker verschaffte und sich Mühe gab, in das Griechische einzudringen. Seine Briefe an Rud. Agricola zeigen eine unverdrossene Mühe und zugleich die geringen Hülfsmittel, die ihm zu Gebote standen. Seine Schriften sind nach seinem Tode von seinem Schüler Jakob Fabri, der sich nur dadurch ein litterarisches Verdienst erworben hat, herausgegeben worden; sie enthalten kleine Gedichte, philosophische Abhandlungen, zerstreute grammatische Bemerkungen, deutsche Uebersetzungen lateinischer Ausdrücke und einzelne Briefe. Sie zeigen eine für jene erste Zeit des Humanismus bedeutsame Kenntniß der lateinischen Sprache, Gewandtheit im Ausdruck, wenn auch ein seltsames Gefallen an Wortspielen und eine oberflächliche der griechischen Sprache, deren Nutzen er in Gedichten preist, und in seltsamen Sätzen die Nothwendigkeit derselben zum Verständniß einzelner lateinischer Ausdrücke, einzelner bei dem Gottesdienste gebräuchlichen Worte begründet; erst durch das Griechische, ruft er aus, wissen wir, daß wir baptizati sind. Hebräische Bücher sind ihm dagegen prorsus ignoti. Zwei Commentare, welche Butzbach als von H. herrührend erwähnt, zum doctrinale des Alexander und zu den damals so beliebten Dichtungen des Battista Mantovano scheinen nicht erhalten zu sein, aber schon die Wahl der letzteren zeigt die fromme Richtung des Verfassers. Dieselbe tritt auch in den Gedichten hervor, die sich mit Vorliebe an die Jungfrau Maria wenden, außerdem Geburt, Passion und Auferstehung Jesu besingen und manche Heiligen, z. B. Andreas und Agathe feiern. Zum würdigen Preise dieser und ähnlicher Gegenstände wählt der Dichter antike Metren und verfehlt nicht, seine Leser mit diesen bekannt zu machen. Auch einige Zeitgenossen feierte er in Liedern und die Stadt Deventer, welcher er selbst so großen Ruhm verschaffte; er freut sich, daß seine Genossen, besonders auch die Adelichen. Hermann v. Busche, Rudolf v. Langen die Barbarei aus Deutschland vertreiben. Er polemisirt gegen diejenigen, welche „Prognostiken“ schreiben und sich die Fähigkeit beimessen, für sich und Andere die Zukunft vorherzusehen; und wenn er die vielfachen Uebel beklagt, von denen die Menschheit heimgesucht werde, so vergißt er neben Krankheiten und Krieg nicht, die Münzverschlechterung hervorzuheben; er bekämpft Trägheit und Elend, preist die Gerechtigkeit und empfiehlt die Pflege der Studien als würdigste Beschäftigung. Aber sein Hauptverdienst besteht nicht in diesen schriftstellerischen Arbeiten, sondern in seiner pädagogischen Wirksamkeit, in seinem energischen und glücklichen Kampfe gegen die mittelalterlichen Lehrbücher, in seinem beständigen Hinweise auf die Classiker, als auf die einzige Quelle des richtigen lateinischen Ausdrucks. „Er war eine jener geborenen Lehrernaturen“, sagt Otto Jahn, „welche unwillkürlich durch ihr Wesen, Erscheinung, Behaben und Leben belehren, bilden und erziehen, die in den verschiedensten Schülern die geistige und sittliche Kraft wecken und stärken, auf jeden seiner Art gemäß einwirken und in dieser Thätigkeit ihre volle Befriedigung finden.“ Er war seinen Schülern auch Vorbild und Muster strenger Moral. Ursprünglich einer heitern Lebensauffassung, welche das Vergnügen als begehrenswerth erklärte, ergeben, wurde er je älter, desto ernster und strenger, beachtete nur die Litteratur, welche zur Erzeugung frommer Gesinnung diente, und nahm in den letzten Jahren seines Lebens das priesterliche Gewand. Niemals aber ermüdete er in freundlicher Förderung seiner Schüler und in Unterstützung der Armen, so daß er sein beträchtliches Vermögen an Dürftige vertheilte und bei seinem Tode nichts als Kleidungsstücke und Bücher hinterließ.

    • Literatur

      Vgl. außer den Opuscula des Alex. Hegius, Daventriae 1503, die neueren Arbeiten: Molhuysen in: Overysselscher Almanak, Deventer 1853, S. 37 bis 66; Krafft und Crecelius, Mittheilungen über Alex. Hegius und seine Schüler in Ztschr. des berg. Geschichtsvereins VII. (1871) S. 213—286; Dieselben, Beiträge zur Gesch. des Hum. Elberfeld 1875, S. 1—14, und Dillenburger, Alex. Hegius und Rud. v. Langen in Ztschr. f. d. Gymn.-Wesen N. F. IV. S. 481—502.

  • Autor/in

    Ludwig , Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Hegius, Alexander" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 283-285 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100290132.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA