Lebensdaten
1783 bis 1866
Geburtsort
Dittmannsdorf (Niederschlesien)
Sterbeort
Breslau
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Reiseschriftsteller ; Tagesschriftsteller ; Jurist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 100219756 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neigebaur, Johann Daniel Ferdinand
  • Neugebauer, Johann Daniel Ferdinand (eigentlich)
  • Dr. Daniel (Pseudonym)
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Zitierweise

Neigebaur, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100219756.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Daniel Neugebauer, Pfarrer in D.;
    M N. N.; ledig.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Schweidnitz studierte N. seit Mai 1802 Theologie und im Anschluß an das theol. Examen die Rechte an der Univ. Königsberg. 1807 wurde er Auskultator, drei Jahre später Referendar beim Gerichtsamt in Schweidnitz. 1812 wechselte er auf eine Assessorenstelle am Oberlandesgericht Marienwerder. 1813 geriet er im Gefecht bei Lauenburg/Elbe als Führer einer Kompanie der Lützowschen Freikorps in franz. Gefangenschaft, während der er an der Faculté de Limoges studierte, sich mit franz. Sprache, Kultur und Landeskunde beschäftigte und 1814 sein Baccalaureatsexamen ablegte. Im selben Jahr nahm er wieder seine Tätigkeit im preuß. Staatsdienst auf: zunächst beim Generalgouvernement in Aachen, dann als Unterpräfekt in Neufchâteau, 1815 als Präfekt im Walddepartement, dem preuß. Anteil von Luxemburg, 1816-32 als Rat an den Oberlandesgerichten in Kleve (1816), Hamm (1820), Münster (1822) und Breslau (1826). In Münster gehörte N. zum Kreis um Annette v. Droste-Hülshoff. 1832 wurde er zum Geh. Justizrat und Landgerichtsdirektor in Fraustadt berufen. Seine letzte Station im juristischen Staatsdienst trat er 1835 als Direktor des Kriminalsenats in Bromberg an, wo er bis zur Pensionierung 1842 blieb und außerdem als Kommissar für die Grenzregulierung zwischen Preußen und dem Kgr. Polen zuständig war. Kurze Zeit später ließ sich N. reaktivieren und wurde vom Außenministerium als erster preuß. Generalkonsul für die unabhängig gewordenen Donaufürstentümer Moldau und Walachei unbesoldet für zweieinhalb Jahre nach Jassy beordert. Die Jahre seines Ruhestandes verbrachte N., der sommers in Turin und im Winter in Breslau lebte, vornehmlich auf Reisen durch Europa. Bis zu seinem Tode blieb er unermüdlich publizistisch tätig.

    Mit einer fast unüberschaubaren Liste von z. T. umfangreichen Publikationen gehörte N. zu den produktivsten, damals vielgelesenen Autoren. Sein literarisches Œuvre umfaßt kameralistische und statistische Werke, verwaltungsjuristische Schriften, in denen er die preuß. anhand seiner Kenntnisse der franz. Verwaltungspraxis überprüfte, juristische Handbücher und Kompilationen für die Rechtspraxis, historische und landeskundliche Werke mit volksaufklärerischem Einschlag, Reisehandbücher, Belletristik, Kompilationen von Richtlinien für die preuß. Schulverwaltung, kirchenkritische Werke, Parodien auf die Memoiren des Fürsten Pückler-Muskau sowie politische Flugschriften. N., der konstitutionell-liberale Positionen vertrat, attackierte darin in teils satirischer, teils heftiger Form vornehmlich den preuß. Adel. In späteren Publikationen sympathisierte er mit der ital. Nationalbewegung.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Erfurt u. Palermo, d. Ak. d. Arcadier zu Rom, d. Antiquar. Ak. zu Athen, d. Leopoldina, d. sizilian. Istituto d'Incoraggiamento, d. Archäolog. Inst. zu Rom, d. Dt. Ges. zu Königsberg, d. Naturforschenden Ges. zu Jassy, d. Ges. d. nord. Altertumsforscher zu Kopenhagen, d. Lit. Ver. d. Gfsch. Mark, d. Ver. f. siebenbürg. Landeskde., d. Siebenbürg. Ver. f. Naturkde. zu Hermannstadt; russ. St. Stanislaus-Orden, preuß. Roter Adler-Orden.

  • Werke

    (Ein Teil d. überaus umfangreichen, oft in mehreren Aufl. ersch. Schrifttums ist anonym od. unter e: Ps. ersch.) Auswahl: Briefe e. Preuß. Offiziers, während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich, in d. J. 1813 u. 1814, 2 Bde., 1816/18;
    Schilderungen d. Prov. Limousin u. deren Bewohner, Aus d. Tageb. e. Preuß. Offz. in franz. Kriegsgefangenschaft, 1817;
    Statistik d. Preuß. Rhein-Provinzen in d. drei Perioden ihrer Verw.: 1.) Durch d. Gen.-Gouvernement vom Niederrheine, 2.) Durch jenes vom Nieder- u. Mittelrheine, 3.) Nach ihrer jetzigen Begränzung u. wirkl. Vereinigung mit d. Preuß. Staate, Aus officiellen Qu., 1817;
    Slg. d. auf d. Oeff. Unterricht in d. Kgl. Preuß. Staaten sich beziehenden Verordnungen, 1826 (Nachdr. 1988: Slgg. d. Gesetze, Verordnungen, Erlasse, Bekanntmachungen z. Elementar- bzw. Volksschulwesen im 19./20. Jh., Bd. 6);
    Hdb. f. Reisende in Italien, 1826;
    Gesch. d. geh. Verbindungen d. neuesten Zeit, 8 Hh., 1831-34 (Nachdr. 1972);
    Memoiren e. Verstorbenen, 1835;
    Ansichten aus d. Cavalierperspective im J. 1835, Aus d Papieren e. Verstorbenen, 1836;
    Preußen durch seine Aristokratie Dtld.s größter Feind, 1850;
    Die Donau-Fürstenthümer, Ges. Skizzen geschichtl.-statist.-pol. Inhalts, 3 Hh., 1854-56;
    Gesch. d. Kaiserl. Leopoldino-Carolinischen Dt. Ak. d. Naturforscher während d. zweiten Jh. ihres Bestehens, 1860;
    Denkwürdigkeiten d. Domherrn Gf. v. W. Vom Beginn d. ersten franz. Rev. bis zur neuesten Zeit, 1864 (Memoiren);
    Das Leben d. Kirche, 1864. – Verz. d. Zss.-Publikationen in: Serapeum 30, 1869, S. 214-17. – Hg. u. a.: Jahresbücher f. d. Preuß. Landes-Cultur-Ges.;
    Jbb. f. d. Preuß. Provinzial-Stände (unter Ps. Dr. N. N. Reaube);
    Giuseppe Sandrani, Dtld. u. d. ital. Frage, 1859. – W-Verz. in: Gesamtverz. d. dt.sprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910, Bd. 102, S. 211-13;
    W. Heinsius, Allg. Bücher-Lex. V ff.;
    Ch. G. Kayser,|Vollst. Bücher-Lex. IV ff.;
    Kosch, Lit.-Lex.3; vollst. W-Verz.
    beim Autor u. in d. NDB-Red.

  • Literatur

    ADB 23;
    W. Neugebauer, Einl., in: Slg. d. auf d. Oeff. Unterricht in d. Kgl. Preuß. Staaten sich beziehenden Verordnungen, 1826 (Nachdr. 1988, S. V-VII);
    H. Wuttke, Die schles. Stände, 1847, S. 151;
    Unsere Zeit, Dt. Revue d. Gegenwart, Mschr. z. Conversations-Lex., NF 2/1, 1866, S. 622-26;
    F. Rühl (Hg.), Briefe u. Aktenstücke z. Gesch. Preußens unter Friedrich Wilhelm III. vorzugsweise aus d. Nachlaß v. F. A. v. Stägemann, II, 1900, S. 56 f.;
    K. G. H. Bauer, Schles. Landsleute, 1901;
    H. v. Petersdorff, Friedrich v. Motz, Eine Biogr., II, 1913, S. 18;
    H. Hüffer, Lebenserinnerungen, hg. v. E. Sieper, 1914;
    B. Haas-Tenckhoff, Münster u. d. Münsteraner in Darstellungen aus d. Zeit v. 1800 bis z. Gegenwart, 1924, S. 67-74;
    L. Stern, Zur Gesch. u. wiss. Leistungen d. Dt. Ak. d. Naturforscher „Leopoldina“, 1952, S. 52, 60;
    I. Berger, Die preuß. Verw. d. Reg.-Bez. Bromberg (1815–1847), 1966, S. 193;
    H. Obenaus, Anfänge d. Parlamentarismus in Preußen bis 1848, 1984, S. 406 f.;
    B. Walter, Die Beamtenschaft in Münster zw. ständ. u. bürgerl. Ges., 1987, S. 437;
    Ch. v. Hodenberg, Die Partei d. Unparteiischen, Der Liberalismus d. preuß. Richterschaft 1815-1848/49, 1996 (Diss. Bielefeld 1995);
    Meusel, Gel. Teutschland;
    F. Rassmann, Münsterländ. Schriftst.-Lex., 3. Nachtrag, 1824;
    ders., Nachrr. aus d. Leben u. d. Schrr. münsterländ. Schriftst. d. 18. u. 19. Jh., 1866, S. 231-34;
    dass., NF, 1881;
    Männer d. Zeit, Biogr. Lex. d. Gegenwart, 2. Serie, 1862, Sp. 352-55;
    Kosch, Biogr. Staatshdb.;
    F. Heiduk, Oberschles. Lit.lex. 2, 1990, S. 158.

  • Portraits

    LIZ 36, 1866, S. 247 (Holzstich).

  • Autor/in

    Uwe Meier
  • Empfohlene Zitierweise

    Meier, Uwe, "Neigebaur, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 47-48 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100219756.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Neigebaur: Johann Daniel Ferdinand N., Reise- und Tagesschriftsteller, geb. am 24. Juni 1783 zu Dittmannsdorf in Schlesien, am 22. März 1866 zu Breslau. Im Vaterhause, einem Pfarrhofe, empfing N. seinen ersten Unterricht, besuchte dann das Gymnasium zu Schweidnitz und die Universität Königsberg, wo er nach Vollendung seiner theologischen Studien zur Jurisprudenz überging und 1807 als Auscultator, 1810 als Referendar in Schweidnitz, 1812 als Assessor in Marienwerder angestellt ward. 1813 betheiligte er sich in hervorragender Weise an der Bildung des Lützow'schen Freicorps, wurde bei Lauenburg gefangen und, nachdem Davoust vergebens verflicht hatte, ihm Angaben über die Stellung der deutschen Truppen in jenen Gegenden abzuzwingen, nach Limoges in die Kriegsgefangenschaft gebracht. Hier widmete er sich mit der Beweglichkeit und Ausdauer des Geistes, die von nun an immermehr ein auszeichnendes Merkmal seines Lebens wurde, dem Studium der französischen Sprache, des Volles und der Landeseinrichtungen, welche er dann sehr bald in seinen beiden ersten Druckschriften verwerthete. Die freien Stunden hatte er zu Studien an der Faculté zu Limoges verwerthet und noch vor der Auswechselung sein Baccalaureatsexamen abgelegt. Nur durch einen glücklichen Zufall entging N. der Gefahr, nach der Aufdeckung eines von ihm geplanten Ausbruchsversuches der Tausende im Limousin detinirten Gefangenen, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Dieser Episode entsprangen Neigebaur's erste Bücher, „Briefe eines preußischen Offiziers während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich“ (2 Bde., 1816/18) und „Schilderung der Provinz Limousin und deren Bewohner. Aus dem Tagebuch eines preußischen Offiziers in französischer Kriegsgefangenschaft“ (1817). Sie zeigen beide den schriftstellerischen Charakter Neigebaur's bereits so entwickelt, wie er dann später in zahlreichen ähnlichen Werken sich ausprägte. Das zweite ist das bedeutendere. Es werden hier keine persönlichen Erlebnisse erzählt, sondern Schilderungen der Natur, der Bodenschätze, der Bevölkerung und deren Geschichte und Statistik geboten. Das Buch enthält eine ziemlich vollständige Landes- und Volkskunde des Limousin. Zehn Seiten Tabellen zur Gewerbestatistik der Provinz, Abdrücke amtlicher Schriftstücke, ein Lectionskatalog der Universität von Limoges, Wörterverzeichnisse des Volksdialektes werden dem Leser nicht erspart. Aus eigener Erfahrung die Lage der in Frankreich gefangen gehaltenen Soldaten kennend, verfaßte er 1814 eine Denkschrift über die Nothwendigkeit der baldigen und vollständigen Rückführung derselben nach ihrer Heimath. 1815 wurde N. Präfect von Luxemburg und bekleidete, bis er 1826 wieder nach Breslau versetzt ward. Verschiedene Richterstellen in den neuen Provinzen. Diese Thätigkeit veranlaßte|die Herausgabe mehrerer Flugschriften über Justizreform in der Rheinprovinz, die verheißene Volksvertretung und einer ganzen Reihe von Werken rechtsgeschichtlichen, praktisch-juristischen und cameralistischen Inhalts, u. a. einer „Statistik der preußischen Rheinprovinzen“. 1832 wurde N. als Director des Landesgerichts nach Fraustadt, 1835 als Director des Criminalsenats nach Bromberg versetzt. Im gleichen Jahre fungirte er als Commissar bei der Grenzregulirung zwischen Preußen und Polen. 1842 wollte er sich zur Ruhe setzen, nahm aber noch einmal eine amtliche Stellung als unbesoldeter Generalconsul für die Donaufürstenthümer an, die er 2½ Jahre bekleidete. In die Zeit seines zweiten schlesischen Aufenthaltes fallen mehrere anonyme Schriften zur Zeitgeschichte, u. a. eine „Geschichte der geheimen Verbindungen der neueren Zeit“ (1831/34), dann eine Reihe von belletristischen Arbeiten, deren Kern die Verspottung des Junkerthums, besonders des Fürsten Pückler: „Ansichten aus der Cavalierperspective" (1835); „Memoiren eines Verstorbenen“ (1835); „Tuttolasso's Wanderungen“ (1839) u. a. Noch 1850 entfloß derselben Gesinnung die Flugschrift „Preußen durch seine Aristokratie Deutschlands größter Feind“. An der Erörterung der römischen Frage betheiligte er sich gleichfalls mit mehreren Arbeiten, so besonders mit „Der Papst und sein Reich“ (2 Bde., 1847). Für das neue Italien war N. mit großer Energie publicistisch thätig und war in den nationalen Kreisen der Halbinsel eine bekannte Figur. Bis zur Herausgabe von Termin-, Schreib- und Hauskalendern für den Bürger und Landmann stieg Neigebaur's fast fieberhafte publicistische Thätigkeit herab, die außer zahlreichen Aufsäßen in Tagesschriften mehr als 100 Bände zwischen 1816 und 1856 zu Tage förderte. In den letzten 20 Jahren seines Lebens, die er meist auf Reisen zubrachte, wandte er sich der Herstellung von Reisehandbüchern ("Handbuch für Reisende in Italien“, 1826, und „Frankreich“ 1832) und der Compilation historisch-geographischer Werke über Sardinien, Sicilien, Südrußland, Dalmatien zu. Das Buch über Sardinien lehnt sich gerade in den wichtigsten Capiteln ganz an Della Marmora's großes Werk und einige minder bedeutende Autoritäten an, und man hat fast den Eindruck, daß es ebensogut auf der Bibliothek einer kleinen deutschen Universität hätte geschrieben werden können. Derselben Gattung gehören dann auch seine „Beschreibung der Moldau und Walachei" (1848), „Dacien“ (1851), „Die Südslawen“ (1851) an. — Neigebaur's litterarische Wirksamkeit ruhte auf einer vorzüglichen publicistischen Anlage. Beweglichkeit, Fleiß. Beobachtungsgabe ließen ihn auf den verschiedensten Gebieten eine erstaunliche Productivität erreichen, dabei fehlt es seiner geistigen Physiognomie keineswegs an Eigenthümlichkeit; vor allem bildeten in den früheren Arbeiten frische Auffassung, unabhängiges, kühn ausgesprochenes Urtheil, Fülle der historischen oder geographischen Parallelen, endlich praktischer Blick hervorstechende Züge. Später trat aber die Reproductivität an die Stelle selbständiger Fruchtbarkeit und von den meisten Werken der letzten zwei Jahrzehnte Neigebaur's gilt, was Johannes Minckwitz in der Vorrede zu der von ihm im Auftrage Neigebaur's herausgegebenen „Insel Sardinien“ (1853) ausspricht, daß es „mehr seine Absicht, die reiche Litteratur der Italiener und der Sarden selbst über dies noch sehr unbekannte Land zu benutzen als seine eigene Ansicht mitzutheilen.“

    • Literatur

      Unsere Zeit, 1866.

  • Autor/in

    F. Ratzel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ratzel, Friedrich, "Neigebaur, Ferdinand" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 404-405 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100219756.html#adbcontent

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