Lebensdaten
1541 oder 1533 bis 1594
Geburtsort
Coesfeld (Westfalen)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Humanist
Konfession
calvinistisch
Normdaten
GND: 100188826 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leunclavius, Johannes
  • Leonclajus, Johannes
  • Lewenklaw, Johannes
  • mehr

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Zitierweise

Löwenklau, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100188826.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die Fam. stammt v. d. wohl im 11. Jh. entstandenen, 1283 als curtis Ludelinclo nachweisbaren Amtshof d. münster. Domkapitels im Kirchspiel Amelsbüren. Deswegen nennt L. sich Amelburnus. - V Cort Lovelynckloe, Leibeigener, erwarb vor 1531 d. Freizügigkeitsschein u. zog nach Coesfeld;
    M N. N.; ledig.

  • Leben

    L.s Ausbildung wurde durch seinen Onkel Albert, Domvikar in Münster, maßgeblich gefördert; erst zehnjährig begleitete er ihn nach Livland. In drei Universitätsmatrikeln ist L. nachweisbar: 1555 in Wittenberg, 1562 in Heidelberg und 1566 in Basel. In Heidelberg brachte er es zum Dekan der Artistenfakultät. Seine Hoffnung, dort nach dem Tode seines verehrten Lehrers Wilhelm Xylander (1576) dessen Professur für Klassische Sprachen zu übernehmen, zerschlug sich aus religionspolitischen Gründen, denn mit dem etwa gleichzeitigen Tode des kalvinist. Kf. Friedrich III. gab es für L., der als Kryptokalvinist galt, keine Aussicht auf eine Bestallung an der kurpfälz. Universität. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse – er war von Haus aus nicht vermögend und auch nicht von Adel, wiewohl er sich gelegentlich den Anschein gab, es zu sein – zwangen ihn, sich wohlwollende Gönner zu suchen, denen er viele seiner Schriften widmete. Zahlreich waren seine Reisen, die er – gelegentlich für kalvinist. Herren, aber auch für|kaiserl. Beauftragte – als Gesandtschaftsbegleiter oder als Agent unternahm. Sie führten ihn mehrfach weit durch Deutschland, nach Ungarn, zweimal nach Oberitalien und schließlich nach Konstantinopel (1584/85). Alle wußte er für seine wissenschaftlichen Arbeiten zu nutzen. Seine Kontakte zu befreundeten Gelehrten sind, das ist in der Briefliteratur der Zeit nachweisbar, ungemein zahlreich. In seinen späteren Jahren hatten seine Bekannten oft in vier Städten geradezu nach ihm zu suchen. In Köln saß er bis 1591 als Informant für Joachim Camerarius bzw. Christian von Sachsen, in Frankfurt nutzte er die Buchmessen zu Kontakten mit franz. Beauftragten, in Wien und Basel arbeitete er wissenschaftlich: für Sambucus und Beck bzw. im Umkreis der Basler Verleger.

    Seine Weitläufigkeit und seine Kenntnisse scheint man sehr geschätzt zu haben. L.s wichtigste philologische Arbeiten sind lat. Übersetzungen von Schriften griech. Kirchenväter – Gregor von Nazianz (1591) und Gregor von Nyssa (1567) – sowie der Historiker Xenophon (1569, 1594) und Zosimus (1576, 1593), letztere mit einer sehr freimütigen Apologie dieses antichristlichen Autors versehen. Wohl deshalb stand L. mit allen seinen Schriften in der „ersten Klasse der Ketzer“ auf dem päpstl. Index der verbotenen Bücher. Ferner edierte und übersetzte er mehrere byzantin. Autoren, darunter neben einem vielgelesenen Traumbuch (1577) auch die Annalen des Michael Glykas (1572) und des Konstantin Manasse (1573). Mit seiner Edition der Basiliken (1575) und den postum erschienenen Juris Graeco-Romani tomi II (1596) zählt er zu den Begründern der byzantinist. Rechtsgeschichte. Schließlich verfaßte er – außer der Geschichte der moskowit.-livländ. Auseinandersetzungen (1581) – Chronik (1590), Annalen (1588) und Pandekten (1590) der osman. Geschichte, die auch in deutscher und tschech. Sprache erschienen und sich durch ungewöhnliche Objektivität gegenüber dem Reichsfeind auszeichneten. L. starb in Wien an den Folgen einer Erkrankung, die er sich im Lager vor der türk. Festung Gran zugezogen hatte, wohin er seinen Gönner Zierotin hatte begleiten müssen.

  • Werke

    W-Verz. in: Biogr. Universelle 24, 1819, S. 355 f.

  • Literatur

    ADB 18;
    F. Babinger, Herkunft u. Jugend Hans L.s, in: Westfäl. Zs. 98/99, 1949, S. 112-27;
    ders., J. L.s Lebensende, in: Basler Zs. f. Gesch. u. Altertumskde. 50, 1951, S. 5-24;
    D. Metzler, in: Westfäl. Lb. 13, 1985, S. 19-44;
    Biogr. Lex. z. Gesch. Südosteuropas III, 1979.

  • Autor/in

    Dieter Metzler
  • Empfohlene Zitierweise

    Metzler, Dieter, "Löwenklau, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 95 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100188826.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Leunclavius: Johannes L. (Löwenklau) von Amelbeuern in Westfalen. Historiker, Orientalist und Philolog, war 1533 geboren. Er entstammte (wie er im Proëmium zum Gregor von Nazianz sagt) einem alten westfälischen Geschlechte. Durch Lazarus Schwendi wurde er sehr jung an den Hof von Turin zu Emanuel Philibert und dessen Nachfolger Karl Emanuel gesandt. Er weilte dort zwei Jahre und begann Xenophon's Praecepta rei equestris ins Lateinische zu übersetzen. Denn frühzeitig schon hatte er sich unter der Leitung eines vorzüglichen Lehrers, des Heinrich Henning (der später Kircheninspector in Spanheim wurde) und gefördert durch seinen Oheim Albert von Löwenklau und seinen Verwandten, den Lübecker Seeheelden Matthäus Tiedemann mit Energie den klassischen Studien zugewendet. Sein Oheim war ihm ein zweiter Vater geworden, in der Dedicationsschrift an ihn und Tiedemann (vor den Opera Gregorii Nysseni) gesteht er es ein, daß er nach Gott und seinen Eltern, die er früh verloren zu haben scheint, ihm alles verdanke. Durch drei Jahre (1562—65) war L. Lehrer des Griechischen — jedoch nicht an der Universität in Heidelberg, dann lebte er (sicher um 1575, cf. Proëmium in Librorum Βασιλιϰῶν... Synopsis) in Schlesien als Gast des Freiherr von Kittlitz. Er unternahm große Reisen in Europa, auch in den Orient, galt den Zeitgenossen als einer der größten Kenner der türkischen Geschichte ("est le meilleur qui ait escrit des Turcs“. Scaligerana). auch Thuanus folgt ihm auf diesem Gebiete völlig. Sein Aufenthalt in Constantinopel, seine Kenntniß der orientalischen Sprachen, Unterstützung von Seite der ungarischen Großen, die Benutzung der in Wien vorgefundenen deutschen Uebersetzung der Originalannalen der türkischen Sultane, dazu reiche Belesenheit in den Orientalen und Byzantinern, alles wirkte so zusammen, daß das Urtheil Wachler's (Gesch. der hist. Forschung etc. I, 234), Leunclavius Untersuchungen seien klassisch und durch neuere Bemühungen noch nicht entbehrlich, wenigstens für jene Zeit (1812) ganz zutreffend ist. Die Werke, die in dieser Richtung genannt werden müssen, sind die „Annales Sultanorum Othmanidarum a Turcis sua lingua scripti (bis 1550) a. J. L. latine redditi“, Franks. 1588. 4°, 1596 f. mit der Fortsetzung des L. bis 1587, nebst Commentar und den sog. Pandectae historiae Turcicae (deutsche vermehrte Ausgabe Frankfurt 1590 f.), dann „Historiae Musulmauae Turcorum (bis 1552) de monumentis ipsorum exscriptae 11. XVIII“, Frankfurt, Wechel's Erben, 1591, deutsch unter dem Titel „Hansen Löwenklau's Neue Chronika türkischer Nation“. Franks. 1590 f., 1595 f. Gute Angaben über die Fata jener Schriften, die er bona fide nach Archivalien geschrieben, über den Ingrimm einiger magyarischer Heißsporne, über neue Quellen, welche er vorgefunden, die ihm mehr böten, als die trockenen Berichte des Beck von Leopoldsdorf, die er früher benützte u. A. finden sich in seinem interessanten Briefe vom J. 1589 an den berühmten Karl Clufius, zu dem er in sehr freundschaftlichen Beziehungen stand (Freytagii Virorum doctorum epistolae selectae 1831. p. 95 ff.). Ebenda erwähnt er auch seines Mäcenaten, des edlen Karl von Zierotin, dessen Gastfreund er auf Schloß Namiest und dessen Reisebegleiter er war (vgl. P. v. Chlumecky, Karl von Zierotin, Brünn 1862, S. 150). Leicht wurde ihm die Abfassung seiner Werke über|türkische Geschichte nicht, er schreibt darüber u. A. (an J. II. Camerarius, Münchner Camerariussammlung 158): Adfirmare bona fide possum expendisse me tum in itinere turcico, tum in condenda ejus gentis historia florenorum millia duo et amplius. — Was nun diese Werke über die osmanische Geschichte anlangt, so verlohnt es sich wol, etwas bei ihnen zu verweilen. Besonders bei dem deutsch geschriebenen populären Buche. Die Tendenz des Werkes ist natürlich eine kriegerische, die Fürsten sollen zum Kampfe gegen die Türken bewogen werden. Aber die Form ist eine wesentlich verschiedene. Während die Humanisten des 16. Jahrhunderts sich in kläglichen oder großmäuligen Declamationen ergehen, sucht L. durch eine Vergleichung der Streitkräfte und Vorzüge des osmanischen Reiches mit dessen Schwächen und Schattenseiten eine Art Bilanz zu ziehen und räth als Folge derselben den Deutschen, welche aus seinem Buche die Geschichte jener Völker studiren könnten, zum Kriege gegen die Türken. Die Teutschen .. die von den sieghafften Römern auch unbezwungen blieben .. sollen sich wie ein guter Oberst Verhalten, „der so wol seyn eygen“ als deß Feindes Macht thut erwegen. Ein gewisses Lob ist zwischen den Zeilen zu lesen, wenn es L. rühmt, daß bei den Türken keine Ketzerverfolgung sei. Dort würden ruhesame Leute „nicht inquirirt oder durch immerwährende Gefängnussen, auch mit Köpffen, Hencken, Erträncken und Brennen .... allein wegen eines andächtigen Gewissens gestraft. Dies ziehe so manchen zu den Türken. Ebenso ist das Rechtsverfahren bei ihnen kurz, während es bei den Christen durch die Advocaten auf die lange Bank geschoben werde. Freilich sei bei den Türken wieder weder Treue noch Glauben, noch Scham, Keuschheit oder Gnade zu finden, nichts als Uebermuth gegen Andere, starkes Vertrauen auf die eigene Macht, aber auch ein großer Mangel an Autorität und Disciplin. Dazu kommt die elende Palastregierung, wodurch Revolutionen veranlaßt werden können, große Kriege, wie z. B. der mit den Persern. „Hierauß siehet man, daß wir wol ursach haben uns zu fürchten, weil etliche Sachen im türkischen Reich beständig und fest, und noch von alten Wesen vorhanden, und daß wir hinwieder auch etwas zu hoffen, wegen angefangener umbstoßung derer Seulen und Stützen, darauff bißher das Türckisch Regiment beruht und bestanden. — Der Verfasser, der die genealogische Seite nicht vernachlässigt, schreibt mit Wärme, Sachkenntniß und Eifer, aber leider schon in jenen entsetzlich langen Sätzen, die immer beliebter werden. Er sieht in den Türken eine Geißel Gottes, aber ist doch so unparteiisch anzuerkennen, daß auch hier schöne Beyspiel strenger Gerechtigkeit und anderer Tugenden mit unterlauffen. Allerdings ihrem Hochmuth ist L. gram, er bespricht ihn wo er nur kann, „sie nennten sich Herrn aller vier Welttheile, obwol sie nichts in America, noch der neueren Welt bisher eingenommen, ja dahin noch nicht dürffen schmecken.“ — Hammer (Geschichte des osmanischen Reiches I, XXX. VII) urtheilt über ihn: L. behandle seine muselmannische Geschichte mit vielem kritischen Geiste, aber auch mit vielen für seine Zeit ob Unkunde der Sprache und Sachen unvermeidlichen Fehlern .... Statt blos die wörtliche Bedeutung türkischer Namen ins Deutsche zu übersetzen, übersetzt er dieselben nochmals rückwärts ins Griechische. Ganz willkürlich ist die Angabe der Ortsnamen in den Pandekten (§ 73). Aber L. hat auch Verdienste um die Jurisprudenz. Er war es, der aus der Bibliothek des Joh. Sambucus eine in Tarent aufgefundene Handschrift der Synopsis erlangte; er gab sie im Originaltext mit beigefügter lateinischer Uebersetzung heraus (1545, Basileae) bei Episcopius unter dem Titel: „LX Librorum Βασιλιϰῶν Ecloga sive Synopsis hactenus desiderata nunc edita per J. L. „Leider“, sagt Stintzing (Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, 239 f. und 443) „hat L. in seiner Edition, der einzigen bis jetzt existirenden, die ursprüngliche alphabetische|Ordnung der Titel umgeändert und diese nach der Originalordnung der Basiliken, wie er sie sich vorstellt, herumgeworfen. J. Freigius beschuldigte den L. bezüglich dieses Werks des Plagiats, M. Freher hat aber die weiteren juridischen Studien Leunclavius' unter dem Titel: „Juris Graeco-Romani tam canonici, quam civilis tt. II J. L. A. studio ex variis Europae Asiaque Bibliothecis eruti latineque redditi nunc primum editi cura M. Freheri MDXCVI“, Francof. bei Peter Fischer herausgegeben. Es ist griechischer und lateinischer Text; auf dem Titelblatte wird das Werk nicht blos den Juristen sondern auch allen die sich für Kirchen- und Staatsalterthümer interessiren, ob multiplicam, utilitatem summe empfohlen“. Wachler nennt es ein unvergängliches Denkmal seiner humanistischen Erudition (über andere Drucke cf. Denis, Garellische Bibliothek S. 552 ff.). Sehr bedeutend und viel zu wenig gewürdigt sind Leunclavius' Leistungen als Gräcist, obwol es schon in den Scaligerana heißt: fuit Westphalus sed non Barbarus, bene intellexit Graeca ... omnia eius scripta sunt utilia imo necessaria, et Graeca Juris Consultorum intellexit. Das beschränkende Urtheil: sed autorum veterum non intellexit bezieht sich, wie es auch dort heißt, auf die Bemerkungen des Henricus Stephanus, der, wie Scaliger schreibt: paulo ante obitum multa scripsit ad me contra Leunclavii editionem Xenophontis, Bemerkungen, die das Ergebniß einer aus Rivalität entstandenen Controverse sind, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Jedenfalls aber liegt gerade in den Bemühungen um Xenophon ein wesentliches Verdienst. Er kam immer wieder auf ihn zurück und gab 1569 (Basel) eine Gesammtausgabe seiner Werke heraus (Text mit gegenüberstehenden lateinischer Version), die er Joh. Casimir von der Pfalz widmete. Treffende Bemerkungen über seinen Lieblingsschriftsteller erfüllen die Dedicationsepistel. Er empfiehlt die Lectüre des eben so angenehmen als nützlichen Autors, den P. Cornelius Scipio und Lucullus so hochschätzten, weil er in seiner griechischen Geschichte ein Bild der gegenwärtigen Zeit gebe, nam et nos inter nos digladiamur neglecto hoste publico ac capitali, er empfiehlt ihn „quo nihil ad hominum vitam utilius et tuendae rei familiaris praecepta dedit“, er empfiehlt ihn besonders den Fürsten und allen denen, die sich an der Regierung und Verwaltung betheiligen. Gewiß, die Verdienste des Herausgebers und Uebersetzers um den Text, den er nach Sylburg's Urtheil von gar viel Schäden reinigte und um die Verständlichkeit der Uebersetzung dürfen nicht unterschätzt werden. In einem Briefe an H. Stephanus äußert sich L. über die projectirte zweite Edition: Cupio quidem certe Xenophonteam hanc lucubrationem alteram mihi honestam, typographo fructuosam, lectori gratam et utilem, efficere. Das Werk erlebte — so viel ich weiß — drei Auflagen; die dritte 1595 (Frankfurt, Wechel) ist mit einer Epistola dedicatoria des Herausgebers Friedrich Sylburg an K. von Zierotin versehen, welche die Leistungen Leunclavius', der sich in dieser dritten Edition selbst übertroffen habe, nach Gebühr rühmt. Er habe ja alle seine Kraft daran gesetzt, ut quanto maior est Xenophon vir amorum variaeque conditionis gloria celeberrimus tanto tersiore pallio praetextaque cultiore a se in Quiritum coetum emitteretur. Dem Mäcenas K. von Zierotin ist das Buch gewidmet, weil dieser seinen treuen Achates mit großer Trauer beweine. Er im Vereine mit P. Melissus und Marquard Freher fordern den Freiherrn auf, für die Herausgabe der Werke des Verstorbenen, welche dieser hinterlassen, zu sorgen. Diese — vermehrte — Ausgabe enthält übrigens nur die Version. Auch um die Kirchenväter bemühte sich der rastlos thätige Mann. 1571 erschienen die „Opera Gregorii Nysseni“ (zu Basel bei Euseb. Episcopius) in lateinischer Uebersetzung. Die Dedicationsepistel ist frisch und geistreich geschrieben, sie hebt mit der Betrachtung an, wie sehr Gottes Güte Deutschland mit dem Ertrage der Minen bereichere, jenes Deutschland,|das Plinius und Tacitus einst als ein ganz unwirthliches und armes Land schilderten. Viel größer aber zeige sich noch darin Gottes Gnade „quod uberes praeclarissimarum linguarum et omnis generis disciplinarum venas nobis aperuerit. So könne man das deutsche Vaterland ein goldenes nennen, er freue sich in diesem Zeitalter geboren worden zu sein. Neben dieser Reminiscenz an Hutten's Ausspruch, die sich übrigens bei vielen Humanisten vorfindet, fehlt es nicht an gelungenen Ausfällen gegen gewisse Richtungen der Zeit. Er habe einen Brief des Nyssenus übersetzt, sagt er etwa „ut ex ea plerorumque Theologorum morosam superbiam superbamque morositatem non nostro primum saeculo natam esse, quilidet perspicere possit“. Die Ausgabe ist mit einer kurzen Vita und Elegien des Nyssenus versehen. In demselben Jahre erschien auch: „Gregorii Nazianzeni tomi III“ (Bas. Herwagen per Euseb. Episcopium). Schon am Titelblatte spricht der Herausgeber von seinen diuturnis vigiliis, in seiner Dedicationsepistel an Johann Grafen von Hoy, Bischof von Münster, und zeigt sich die warme Freude des Verfassers an den Studien, seine immer rege Wißbegier und Vielseitigkeit und seine echtklassische Ruhmbegier, die ihn zu den Arbeiten treibt. „Ut non ignavae pecudis in morem“, sagt er da wol „vitam hanc transirem, sed emolumenti aliquid adferrem rei litterariae, quam a puero meorum auctoritate jussuque coluissem et apud bonos optabilem mihi nominis existimationem pararem“. Er giebt sodann eine Geschichte seiner jahrelangen Bemühungen, rühmt Basel, in dem er sich damals aufhielt, als eine Stadt, die hinsichtlich ihrer Druckereien nicht ihresgleichen in Europa hat, nicht minder Hieronymus Wolf, erzählt wie er auf die Nachricht, Jacobus Billius bereite eine Uebersetzung vor, seine Absicht aufgegeben, später aber, als er nach dem Erscheinen des Werkes jenes Billius gesehen, daß diesem so manches fehle, er das Unternehmen doch wieder aufgenommen habe. Daß er es auch bei dieser Arbeit sehr ernst nahm, zeigen seine allerdings vergeblichen Bemühungen, Abschriften aus der Vaticana zu erlangen, durch eine Reise nach Italien diese zu gewinnen u. A. Auch hier erfolgt ein Seitenhieb auf die, welche ihre Werke „hominibus plane literarum imperitis inscribere non verentur“. — Am Schlusse gab L. eine Uebersetzung des Dialogs des Cäsarius, des Bruders Gregors von Nazianz, durch die er mit Jacob Billius in eine heftige Fehde gerieth. Die maßlosen Angriffe des letzteren aber, der L. sogar einen Betrüger nannte, erweist u. A. Lambecius (l. c. IV, 67—111) als durchaus unbegründet und zeigt wie sehr L. im Rechte war. Nach Leunclavius' Tode erschien 1606 Hanoviae (Wechel) apud Claudium Marium, Text und Uebersetzung des Cassius Dio. Auch hier sucht L. stets kritisch vorzugehen. In der Zueignung an Ludwig Philipp Grafen von Hanau giebt er als Veranlassung dieser Arbeit den ungemeinen Schmerz über das plötzliche Hinscheiden seines damaligen Brodherrn (cf. die Münchner Camerarius Briefe), des Kurfürsten von Sachsen an, gegen den er durch die Beschäftigung mit diesem Classiker Trost suchte. In der früheren Ausgabe (es ist wol die bei H. Stephanus 1548 erschienene) habe er Chiliaden von Fehlern entdeckt. L. beschäftigte sich mit dieser Ausgabe in Köln, seine Bemerkungen sind meist treffend, so z. B. die über Xiphilinus. In den Noten sind auch die Vorgänger benutzt, L. verwahrt sich dagegen, als ob er das Verdienst W. Xylander's, seines alten Freundes und ersten Uebersetzers des Dio gering anschlage. — L. war reich an Entwürfen und Plänen, er dachte, wie aus einem sehr merkwürdigen, leider undatirten, sicher aber nach 1578 anzusetzenden Briefe an Henricus Stephanus (cf. Goldast, Phil. Epistolarum Centuria I, Lipsiae 1674, p. 303 ff.) erhellt auch daran, den Polybius herauszugeben, den Appian und Herodian zu übersetzen u. dgl. m. Mit welchem Ernste er an die Beschaffung von Handschriften ging, wie eifrig er alles, was bisher gedruckt war, heranzog und wie ruhig er|allfällige Bereicherung seiner Studien abwartete, zeigt eben dieser in mehr als einer Beziehung werthvolle Brief. Daß bei seiner so wenigen stabilen Art und dem Bedarfe zahlreicher Behelfe an Büchern der eifrige Mann den Bibliothekaren nicht immer erfreulich war, zeigt die durch Rücksichtslosigkeiten Leunclavius' (Lambecii Comm. I, 98) veranlaßte Aeußerung des Hugo Blotius, der über ihn an R. Reineccius 1593 schreibt (Lambecii Comm. I, 97): Leo ille rugiens, ille inquam, cunctis formidabilis Leo ad nos (nach Wien) rediit cuius ungues et mihi timendos video: sed cataphractus ms ab ipsius minis descendam, si potero, sin minus, incendium meum ruina restinguam vel alios, quos itidem offendit et quibus gratis est iratus in auxilium accersam. — Hujus Crocodili lachrymis et insidiosae pietati ego fidens, in non parvum incidi malum, Bibliothecam ipsi patere passus cum aegrotus in lectulo decumberem, quam ille venatus occasionem per contubernalem quendam meum mensa mea utentem, iuvenem sine controversia optimum probissimumque introduci in Bibliothecam petiit. In diesem Jahre erscheint L. wieder als Begleiter K. v. Zierotin's in Ungarn (cum ita huius novissimae adversus publicum hostem expeditionis socium habuisti schreibt Sylburg in der Xenophonausgabe von 1595), im Juni 1593 ist er — wahrscheinlich in Wien — gestorben. Die Freunde spendeten ihm warme Nachrufe in Prosa und Poesie, Zierotin, Sylburg, Melissus, Freher beklagten ihn innig. In den Scaligerana wird zu der sonstigen Charakteristik noch der Satz hinzugefügt: L. habebat scorta secum. Zweifellos war er ein bedeutender Mann, dafür bürgen die Freundschaft jener Männer, sowie sein Verkehr mit dem großen Clusius ("Clusius eum novit familiarissime“, Scaligerana,) und Joachim II. Camerarius, Thomas Rediger u. v. A., vor Allem aber seine wichtigen und vielseitigen Werke. Viele von diesen wurden schon genannt, ich erwähne noch einiger, wobei allerdings Erschöpfendes nicht geboten werden kann. 1572 erschien die lateinische Version des Michael Glycas Βίβλος Χρονιϰή zu Basel (die Uebersetzung ist abgedruckt in den Scriptores hist. Byz., Paris 1670 in Labbé's Ausgabe). Sie wird eröffnet mit einem fingirten Gedichte des Glycas an Sambucus und ist dem Freiherrn Johann v. Kittlitz gewidmet. Das ganze Proemium ist eigentlich nichts anderes als ein überschwengliches Lob des Sambucus, der ihn zu diesen Arbeiten veranlaßt habe und den er fälschlich zum Director der Hofbibliothek macht. Schon 1576 erschien zu Basel seine lateinische Uebersetzung der Historia Romana des Zosimus unter dem Titel: „Z. Comitis et exadvocati fisci Historiae novae libri VI. nunquam hactenus editi“, die weit ins 18. Jahrhundert hinein den Ausgaben dieses Historikers beigedruckt ward. Als Beigabe folgen Procopius, Agathias, Jornandes und zum Schluß Leonardus Aretinus rer. Gothicarum commentarii (Peter Perna). Voraus geht die Dedication an den kaiserlichen Rath Johannes Sambucus, welche mit einem Nachrufe an den eben geschiedenen Mäcenas Thomas Rediger ( 1576) beginnt, der ihn eigentlich zu seiner Arbeit über Zosimus veranlaßt habe. Sein Exemplar war freilich sehr verstümmelt und fehlerhaft, doch schreckte ihn das so wenig als die Verzögerung des Druckes durch den ersten Typographen. Ja er erhebt sich zu einer Apologie für den geliebten Autor. Mit ihm verband er in der Edition die am Titel genannten Schriftsteller, die sehr begehrt würden, aber deren Text er aus verschiedenen Gründen nicht verbessern könnte, so sehr derselbe auch dessen bedürftig sei. H. geht dabei in eine scharfe Kritik der Vorgänger ein, hinc satis adparare cuivis arbitror, quam patrum memoria tenuis adhuc in iis cognitio fuerit, qui Graecos scriptores interpretandos suscipiebant. Nachdem L. über die Anlage des Werkes Rechenschaft abgelegt, wendet er sich mit schwunghafter Lobeserhebung an Sambucus, den er — wie Lambecius meint — absichtlich um Blotius zu ärgern, zum Hofbibliothekar macht.|Hierher gehören auch die Annales Constantini Manassis, die ihm aus der Bibliothek des Joh. Sambucus zugekommmen waren, deren Uebersetzung L. (Basel, Episcopius) 1573 herausgab und dem Grafen Arnold von Bentheim widmete. Die Textausgabe der Σύνοψις ἱστοριϰή ließ Meursius subiuncta Leunclavii versione latina, Leyden 1616 erscheinen. Die Noten erhielten sich bis zur Bonner Ausgabe der Byzantiner in Werth. 1577 edirte L. nach einem griechischen Codex des Johannes Sambucus die Uebersetzung des Oneirocriticon des Achmet Sernim zu Frankfurt (Wechel), über das Lambecius (l. c. VII, 566) allerdings ungünstig urtheilt (imperfecte et mutile). Die Briefe Leunclavius' an Joachim II. Camerarius, dessen Sohn Balthasar ihm als Eleve anvertraut war (in der Münchner Camerariana Vol. 20 n. 126—165), theils in lateinischer, theils in italienischer Sprache geschrieben, geben einige Angaben über seine Reisen, ziemlich viele politische Nachrichten über den Aufstand der Niederlande, auf deren Seite er zu stehen scheint, bieten aber nichts werthvolles. Nach ihnen war er von 1591—1593 in Dresden, Köln, Zütphen, Frankfurt, Heidelberg und endlich in Wien, wo er am 21. Novbr. 1592 in Dr. Hofmaier's Haus lebte.

  • Autor/in

    Horawitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Horawitz, Adalbert, "Löwenklau, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 488-493 unter Leunclavius [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100188826.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA