Weisl, Wolfgang von
- Lebensdaten
- 1896 – 1974
- Geburtsort
- Wien
- Sterbeort
- Gedera (Israel)
- Beruf/Funktion
- zionistischer Politiker ; Journalist ; Schriftsteller ; Arzt ; Zionist
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 127300880 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Weisl, Wolfgang Johannes Zeev Binyamin von
- Weisl, Wolfgang von
- Weisl, Wolfgang von
- Weisl, Wolfgang Johannes Zeev Binyamin von
- Weisl, Wolfgang
- Vaysl, Volfqanq fon
- Weisl, Binyamin Ze'ev von
- Ṿaizel, Zeʼev fon-
- Ṿayzel, Ṿ. fon
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Weisl, Wolfgang Johannes Zeev Binyamin von
1896 – 1974
zionistischer Politiker, Journalist, Schriftsteller, Arzt
Wolfgang von Weisl, der nicht adlig war, aber das Adelsprädikat von seinem Vater übernahm, gehörte zu den einflussreichsten revisionistischen Zionisten österreichischer Herkunft. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er mit seinem vielfältigen, z. T. militanten Engagement als Politiker, Dozent, Schriftsteller und Journalist an der Vorbereitung zur Gründung eines unabhängigen jüdischen Staats in Palästina mit.
Lebensdaten
Wolfgang Weisl (InC) -
Autor/in
→Dietmar Goltschnigg (Graz)
-
Zitierweise
Goltschnigg, Dietmar, „Weisl, Wolfgang von“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd127300880.html#dbocontent
Nach mehrjährigem Hausunterricht bei seiner Schwester Marianne Weisl, verh. Beth (1890–1984) besuchte Weisl 1904/05 die Volksschule in der Wiener Burggasse und danach das Piaristengymnasium sowie das Amerling-Gymnasium, an dem er 1914 maturierte. Im selben Jahr begann er ein Medizinstudium in Wien, das er 1915/16 aufgrund seines einjährig-freiwilligen Militärdiensts in der k. u. k. Armee unterbrach. Anschließend bis 1918 als Artilleriekommandant an der galizischen und oberitalienischen Front verwendet, setzte Weisl nach Ende des Ersten Weltkriegs sein Studium fort und schloss dieses Ende 1921 mit der Promotion zum Dr. med. ab. Zu seinen akademischen Lehrern zählten u. a. der Internist Franz Chvostek (1864–1944), der Anatom Julius Tandler (1869–1936) sowie der Neurologe und Psychiater Paul Schilder (1886–1940).
Weisl engagierte sich seit seiner Schulzeit im Sinne des Zionismus und schloss sich 1919 der jüdischen Studentenverbindung Unitas an, die nach einer von ihm erwirkten Statutenänderung danach strebte, nicht nur eine „jüdische Heimstätte“, sondern einen „jüdischen Staat“ in Palästina zu schaffen. Seit 1919 war er Redakteur der u. a. von Adolf Böhm (1873–1941) gegründeten, zionistischen „Wiener Morgenzeitung“ und legte 1922 die österreichische Staatsbürgerschaft nieder. Auf Reisen in den Nahen Osten führte Weisl von 1924 bis 1926 Gespräche mit dem König des Hedschas, Hussein ibn Ali (1853–1931), dem arabischen Rebellenführer Sultan al-Atrasch (1891–1982), dem türkischen Ministerpräsidenten Ismet Inönü (1884–1973), dem späteren König von Saudi-Arabien Ibn Saud (gest. 1953) und dem ägyptischen Ministerpräsidenten Saad Zaghlul (1857–1927).
1925 erhielt Weisl die palästinensische Staatsbürgerschaft und führte anlässlich der Eröffnung der Hebräischen Universität in Jerusalem eine Kontroverse mit Chaim Weizmann (1874–1952) über die Anzahl jüdischer Einwanderer; Weizmann wollte die Einwanderung auf sozial avancierte Juden beschränken, während Weisl für eine zahlenmäßig unbeschränkte Immigration plädierte. Ebenfalls 1925 zählte Weisl mit Wladimir Jabotinsky (1880–1940) zu den Gründern der Revisionistisch Zionistischen Partei Palästinas (Hatzohar). Sein Denken wurde von Jabotinsky geprägt, mit dem er v. a. darin übereinstimmte, dass die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats in einem ungeteilten Palästina nur mit organisierter Waffengewalt realisiert werden könne. Mit diesem militanten, auch auf mehreren Zionistenkongressen und in der Schrift „Der Kampf um das Heilige Land. Palästina von heute“ (1925) propagierten Leitmotiv spielte Weisl in den radikalen revisionistisch zionistischen Bewegungen Palästinas und Österreichs eine führende Rolle.
1929 bei Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern vor der Klagemauer lebensgefährlich verletzt, wirkte Weisl von 1930 bis 1932 in Jerusalem als Chefredakteur der Tageszeitung „Doar Hayom“. Zu seinen festen Mitarbeitern zählte u. a. der Politiker und Dichter Uri Zvi Grinberg (1896–1981). Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland bereiste Weisl zahlreiche Städte v. a. Mittel- und Osteuropas, um die dort lebenden Juden zur Auswanderung nach Palästina zu ermutigen, und organisierte legale und illegale Flüchtlingstransporte in das „Heilige Land“. Von 1935 bis 1938 führte Weisl in Wien den Vorsitz des Österreichischen Landesverbands der von ihm mitgegründeten Neuen Zionistischen Organisation und emigrierte kurz vor der Annexion Österreichs durch das NS-Regime mit seiner Familie nach Frankreich, ehe er sich 1940 in Gedera (Palästina, heute Israel) als Arzt niederließ. Nach der am 14. Mai 1948 ausgerufenen Gründung des unabhängigen Staats Israel kämpfte er freiwillig als Artilleriekommandant in der Wüste Negev gegen die einmarschierenden arabischen Armeen.
1949 trat Weisl der national-konservativen Partei Cherut bei, die er 1955 aus Enttäuschung über den kompromisslosen Widerstand der Parteiführung um Menachem Begin (1913–1992) gegen den Wiedergutmachungsvertrag Israels mit der Bundesrepublik vom 10. September 1952 wieder verließ. Danach schloss er sich der Zentrumspartei der Allgemeinen Zionisten an und leitete 1957/58 deren Europa-Büro in Paris, wo er auch die traditionsreiche, u. a. von Alexander Marmorek (1865–1923) gegründete liberale Monatsschrift „L’Écho Sioniste“ herausgab. Als Gründungspräsident der Israelisch-Österreichischen Gesellschaft in Wien erwarb sich Weisl von 1963 bis 1974 Verdienste um die politische und kulturelle Aussöhnung und Verständigung beider Länder.
| ca. 1905 | Mitglied der Mittelschülervereinigung Zion, Wien |
| 1919 | Mitglied der jüdischen Studentenverbindung Unitas, Wien |
| 1963 | Gründungspräsident der Israelisch-Österreichischen Gesellschaft, Wien |
| 2014 | Sonderbriefmarke der israelischen Post (Onlineressource) |
Nachlass:
Weisl-Familienarchiv, Jerusalem.
Jabotinsky Institute, Tel Aviv, Israel.
Gedruckte Quellen:
Dietmar Goltschnigg (Hg.), Böhmische Juden auf Wanderschaft über Prag nach Wien. Charlotte von Weisls Familiengeschichte, 2019.
Monografien:
Erlöser. Ein ernstes Spiel von letzten Dingen in zwei Teilen, 1919.
Der Kampf um das Heilige Land. Palästina von heute, 1925. (Onlineressource)
Zwischen Religion und Krankheit. Das Problem der stigmatisierten Jungfrau Therese Neumann von Konnersreuth, 1928.
Zwischen dem Teufel und dem Roten Meer. Fahrten und Abenteuer in Westarabien, 1928.
Wolfgang von Weisl/Essad Bey, Allah ist groß. Niedergang und Aufstieg der islamischen Welt von Abdu1 Hamid bis Ibn Saud, 1936, Neuausg. mit e. biogr. Essay v. Gerhard Höpp 2002, tschech. 1938, hebr. 2022.
Tish’im-u-Shenayim Yeme Ma’atsar va-Tsom. Yoman Asir-Tsiyon [92 Tage Haft und Fasten. Tagebuch eines Gefangenen von Zion], 1946/47.
ha-Iślam ṿe-Angliyah [Der Islam und England], 1950.
Die Juden in der Armee Österreich-Ungarns. Illegale Transporte. Skizze zu einer Autobiographie, 1971.
Monografien und Sammelbände:
Dan Tamir, Hebrew Fascism in Palestine 1922–1942, 2012. bes. S. 10–13, 30–32, 44–55, 87–96, 123–127, 147–149 u. 185–190.
Dietmar Goltschnigg (Hg.), Wolfgang von Weisl. Der Weg eines österreichischen Zionisten aus der untergegangenen Habsburgermonarchie zur Gründung des Staates Israel, 2019. (Onlineressource)
Dietmar Goltschnigg (Hg.), Wolfgang von Weisl. Schauspiel und Roman im Zeichen des Zionismus, 2020. (Onlineressource)
Aufsätze und Artikel:
Dov Amir, Art. „Wolfgang von Weisl“, in: ders., Leben und Werk der deutschsprachigen Schriftsteller in Israel. Eine Bio-Bibliographie, 1980, S. 87 f.
Eckart Früh, Wolfgang (von) Weisl, in: Spuren und Überbleibsel. Bio-bibliographische Blätter, Nr. 54 v. Januar 2004, S. 2–38.
Niva von Weisl, „Ich habe gezielt. Gott hat getroffen“, in: Die Presse v. 11.6.2009. (Onlineressource)
Dietmar Goltschnigg, Die Internierung des Wiener revisionistischen Zionisten Wolfgang von Weisl im britischen Militärlager Latrun, in: Stefan Vogt/Hans Otto Horch/Vivian Liska/Małgorzata A. Maksymiak (Hg.), Wegweiser und Grenzgänger. Studien zur deutsch-jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte. Festschrift für Mark H. Gelber, 2018, S. 313–324.
Dietmar Goltschnigg, „Langweilig war er nie, dieser mein Weg nach Zion“. Der Wiener revisionistische Zionist Wolfgang von Weisl, in: Vesna Kondrič Horvat/Dejan Kos/Andrea Leskovec/Špela Virant (Hg.), Literarische Freiräume. Festschrift für Neva Šlibar, 2019, S. 119–134.
Fotografie, ca. 1920, Österreichische Nationalbibliothek, Wien. (stark retuschiert)
Fotografien, Weisl-Familienarchiv, Jerusalem.
Fotografien, Jabotinsky Institute, Tel Aviv.
Gemälde (Öl/Leinwand) v. Ludwig Blum (1891–1974).