Schoen, Rudolf

Lebensdaten
1892 – 1979
Geburtsort
Kaiserslautern
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Internist ; Rheumatologe ; Hochschulpolitiker ; Arzt
Konfession
evangelisch-reformiert
Normdaten
GND: 104533528 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Schoen, Rudolf Otto Felix
  • Schoen, Rudolf
  • Schoen, Rudolf Otto Felix
  • Schön, Rudolf
  • Schoen, Rudolph
  • Schön, Rudolph

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Zitierweise

Schoen, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd104533528.html#indexcontent [05.11.2026].

CC0

  • Schoen, Rudolf Otto Felix

    1892 – 1979

    Internist, Rheumatologe, Hochschulpolitiker

    Rudolf Schoen war einer der bedeutendsten deutschen Internisten des 20. Jahrhunderts. Seit den 1930er Jahren machte er sich besonders um die Erforschung rheumatischer Erkrankungen und um die Rheumatologie als Fachgebiets verdient. Wichtige Forschungsbeiträge leistete er zudem in der Pathophysiologie, Antibiose sowie Ernährungsmedizin. In den 1950er und 1960er Jahren übernahm er eine führende Rolle bei der Reform des Medizinstudiums.

    Lebensdaten

    Geboren am 31. Januar 1892 in Kaiserslautern
    Gestorben am 11. März 1979 in Göttingen
    Grabstätte Urnengrab in Göttingen
    Konfession evangelisch-reformiert
    Rudolf Schoen, Universitätsarchiv Göttingen (InC)
    Rudolf Schoen, Universitätsarchiv Göttingen (InC)
  • 31. Januar 1892 - Kaiserslautern

    - bis 1910 - Kaiserslautern

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    humanistisches Gymnasium

    Oktober 1910 - Juli 1914 - Heidelberg; München

    Studium der Humanmedizin (11.2.1913 Physikum)

    Universität

    Sommer 1913 - München

    einjährig-freiwilliger Militärdienst

    1. Leibregiment

    August 1914 - November 1919 - Westfront (Marne); Ostfront

    Kriegsdienst als Feldunter- und Feldhilfsarzt

    Feldlazarett 7 des XXI Armeekorps (Saarbrücker); seit 15.4.1915 Kürrassier-Regiment 5

    1917 - 1919 - Straßburg (Elsass, heute Strasbourg, Frankreich); Heidelberg

    Studium der Humanmedizin (Abschluss: Staatsexamen)

    Universität

    25.2.1919 - Heidelberg

    Ärztliche Approbation

    April 1919 - Heidelberg

    Promotion (Dr. med.)

    Universität

    Mai 1919 - Februar 1920 - München

    Volontär-Assistent

    Pathologisches Institut der Universität

    1919 - 1920

    Mitglied

    Freikorps Epp

    März 1920 - Oktober 1921 - München

    Volontärassistent

    I. Medizinische Klinik

    November 1921 - März 1923 - Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland)

    1. Assistent

    Pharmakologisches Institut

    April 1923 - März 1926 - Würzburg

    Assistent

    Medizinische Klinik der Universität

    Mai 1925 - Würzburg

    Habilitation für Innere Medizin

    Universität

    Mai 1925 - März 1926 - Utrecht

    Gastwissenschaftler

    Pharmakologisches Institut

    April 1926 - September 1931 - Leipzig

    Oberassistent

    Medizinische Klinik der Universität

    22.6.1926 - Leipzig

    außerplanmäßiger außerordentlicher Professor

    Universität

    Oktober 1931 - März 1939 - Leipzig

    Direktor; ordentlicher Professor für Spezielle Pathologie und Therapie

    Medizinische Poliklinik; Universität

    19.11.1933 - 1945

    Mitglied (Sanitätssturmmann, Sturmbannarzt)

    SA

    April 1939 - September 1964 - Göttingen

    Direktor; ordentlicher Professor für Pharmakologie und Innere Medizin; seit Emeritierung (31.3.1961) Lehrstuhlvertreter (13.4.1945–30.4.1946 Dekan)

    Medizinische Klinik und Medizinische Poliklinik der Universität

    1939

    Stabsarzt der Reserve

    Wehrmacht

    Januar 1942

    Beratender Internist

    Wehrmacht

    24.4.1959

    Mitglied

    Wissenschaftsrat

    1959 - 1960 - Göttingen

    Rektor

    Universität

    21.12.1961 - 1973 - Hannover

    Vorsitzender

    Gründungsausschuss der Medizinischen Akademie

    1965 - 17.5.1967 - Hannover

    Gründungsrektor

    Medizinische Hochschule

    11. März 1979 - Göttingen

    Schoen, der einer wohlhabenden Familie von Unternehmern, Akademikern und Handwerkern entstammte, nahm nach dem Abitur 1910 am humanistischen Gymnasium in Kaiserslautern ein Studium der Medizin in München, Straßburg (Elsass, heute Strasbourg, Frankreich) und Heidelberg auf, das er für die Teilnahme am Ersten Weltkrieg unterbrach. 1919/20 war er Mitglied des Freikorps Epp, das an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt war. In Heidelberg legte er 1920 das Staatsexamen ab und wurde von dem Pathologen Paul Ernst (1859–1937) zum Dr. med. promoviert. Seine weitere Ausbildung in der Pathologie erfolgte 1920/21 bei Maximilian Borst (1869–1946) in München. Nach Stationen in Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland) bei Hermann Wieland (1885–1929) und Würzburg, wo sich Schoen 1925 bei Paul Morawitz (1879–1936) für Innere Medizin habilitierte, arbeitete er 1925/26 bei Rudolf Magnus (1873–1927) in Utrecht, der sein Interesse an pathophysiologischen und pharmakologischen Fragen weckte. Die klinische Pharmakologie durchzog Schoens Forschungsarbeiten, so bei Untersuchungen zur Schlafmitteltherapie und Allgemeinnarkose. 1926 ging er mit Morawitz nach Leipzig.

    1931 erhielt Schoen einen Ruf als Ordinarius für Spezielle Pathologie und Therapien an der Universität Leipzig, wo er mit dem Pharmakologen Ludwig Lendle (1899–1969) zur Pathophysiologie der Atmung arbeitete. Der Lehrstuhl war verbunden mit der Position als Direktor der Medizinischen Universitätspoliklinik Leipzig. 1939 wechselte er auf den Lehrstuhl für Pharmakologie und Innere Medizin an die Universität Göttingen in Nachfolge von Hermann Straub (1882–1938).

    Schoen war nicht Mitglied der NSDAP, trat jedoch 1933 der SA bei, der er als Sturmbannarzt diente. Von 1942 bis 1945 war er Beratender Internist der Wehrmacht. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, in deren Leitungsgremium Schoen 1938 gewählt worden war, setzte sich im und v. a. nach dem Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 für angeklagte Ärzte ein, die sich u. a. an Humanexperimenten in Konzentrationslagern beteiligt hatten. Eine aus Schoen, Ludwig Heilmeyer (1899–1969) und Curt Oehme (1883–1963) gebildete Kommission erwirkte die Begnadigung des ehemaligen Chefs des Sanitätswesens der Wehrmacht, Siegfried Handloser (1885–1954) und mit einer apologetischen, die Menschenversuche verharmlosenden Stellungnahme 1951 die Begnadigung Wilhelm Beiglböcks (1905–1963), der im Konzentrationslager Dachau tödliche Versuche zur Trinkbarmachung von Meerwasser durchgeführt hatte.

    Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigte sich Schoen verstärkt mit Ernährungsphysiologie und Biochemie: In einer großen Studie wurden unter seiner Leitung etwa 10 000 Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft auf die Folgen von Hunger und Unterernährung untersucht und in der Folge das junge Fach der Biochemie und deren Verbindung zur Inneren Medizin gefördert. Schoens wichtigstes Forschungsgebiet, dem er sich seit den 1940er Jahren widmete, war die Rheumatologie. Hier leistete er u. a. einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis der rheumatoiden Polyarthritis und deren Behandlung. Er gilt als einer der führenden bundesdeutschen Rheumatologen der 1950er und 1960er Jahre. 1949 war er an der Wiedergründung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie beteiligt und wurde deren erster Nachkriegspräsident. 1959/60 Rektor der Universität Göttingen, vertrat er nach seiner Emeritierung 1961 seinen Lehrstuhl bis zur Berufung Werner Creutzfeldts (1924–2006) 1964.

    Schoen wandte sich seit den 1950er Jahren zunehmend der Reform der universitären Medizin sowie der Ärzteausbildung zu und beeinflusste die Entwicklung der medizinischen Fakultäten und Hochschulen in der Bundesrepublik. 1953 waren er und der Heidelberger Physiologe und spätere Sozialmediziner Hans Schaefer (1906–2000) mehrere Monate in den USA, um sich über das Medizinstudium zu informieren. Ihre Forderungen nach einer umfassenden humanistischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung publizierten sie 1954 in den Aufsätzen „Probleme der medizinischen Universitätsausbildung“ (Ärztliche Mitteilungen 39 (1954), S. 669–684 u. 712–721). Beide betonten die herausgehobene Bedeutung des psychosomatischen Krankheitsverständnisses; zugleich hielten sie moralisches Handeln des Arztes für wichtiger als die Anhäufung von klinischem Spezialwissen. Als der Westdeutsche Medizinische Fakultätentag 1954 eine Kommission zur Reform des medizinischen Studiums einrichtete, gehörten ihr neben Schoen und Schaefer der Kieler Anatom Wolfgang Bargmann (1906–1978) und der Tübinger Pathologe Erich Letterer (1895–1982) an. Die Kommission legte ein Konzept für die Umstrukturierung der bundesdeutschen Universitätsmedizin und ein reformiertes Medizinstudium vor. Hierbei stellten sie heraus, dass das hierarchische System an bundesdeutschen Kliniken die Einbindung von Spezialisten erschwere und die Forschung hemme. Nur durch eine Klinikstruktur, die die Ärzte eigenständig arbeiten und forschen lässt, sei moderne Medizin zu gewährleisten. Die Umsetzung des Konzepts schlug sich in den 1960er Jahren in der Gründung der medizinischen Reformhochschulen in Lübeck, Ulm und Hannover nieder. Schoen wurde 1961 zum Vorsitzenden des Gründungsausschusses der Medizinischen Akademie (später Medizinische Hochschule) Hannover gewählt und nach deren Eröffnung 1965 erster Rektor. Bis 1967 gelang mit einer maßgeblich von ihm ausgewählten Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern die Realisierung der Departmentstruktur und des Lehrbetriebs nach dem Reformkonzept. 1967 folgte ihm sein Schüler, der Internist Fritz Hartmann (1920–2007), als erster gewählter Rektor der Medizinischen Hochschule Hannover.

    1949–1951 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (1954 Ehrenpräsident)
    1953/54 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung
    1954/55 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
    1959 Mitglied der Leopoldina
    1962 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik (1967 mit Stern)
    1964 Großes Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens
    1965–1967 Gründungsrektor der Medizinischen Hochschule Hannover
    1968 Dr. med. h. c., Medizinische Hochschule Hannover
    1969 Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft
    1971 Niedersächsische Landesmedaille
    1972 Albrecht von Haller-Medaille der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen
    1999 Rudolf Schoen-Preis der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (jährlich)

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Universitätsarchiv Göttingen, Kur. 11183, Med. Pers. 255 (Personalakte) u. Rek. 3326. (Rektoratsakten)

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, R 4901/13276.

    Monografien und Herausgeberschaften:

    Lymphosarkomatose mit Beteiligung der Brüste bei einem Gynäkomasten, 1920. (Diss. med.)

    Experimentelle Untersuchungen über Meteorismus, 1925. (Habilitationsschrift)

    Fritz Hesse/Ludwig Lendle/Rudolf Schoen, Allgemeinnarkose und örtliche Betäubung. Zusammenfassende Darstellung für die Praxis auf pharmakologischer und klinischer Grundlage, 1934.

    Klinische Pathologie der Blutkrankheiten, 1950.

    Konrad Lang/Rudolf Schoen (Hg.), Die Ernährung. Physiologie, Pathologie, Therapie, 1952.

    Experiment und Erfahrung als Grundlage der Therapie, 1959.

    Rudolf Schoen/Albert Böni/Klaus Miehlke (Hg.), Klinik der rheumatischen Erkrankungen, 1970.

    Aufsätze:

    Über Rheumatismus als Anpassungsschaden, in: Regensburger Jahrbuch für ärztliche Fortbildung 3 (1953), S. 79–86.

    Hans Schaefer/Rudolf Schoen, Probleme der medizinischen Universitätsausbildung, in: Ärztliche Mitteilungen 39 (1954), S. 669–684 u. 712–721.

    Kongreßwesen unserer Zeit, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 81 (1956), S. 489–492.

    Die Behandlung der chronischen Polyarthritis, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 81 (1959), S. 1980–1984.

    Das Ziel der Ausbildung zum Arzt, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 84 (1959), S. 731–733.

    Die primär chronische Polyarthritis, in: Friedrich Kauffmann (Hg.), Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Fünfundsechzigster Kongress 1959, S. 54–68.

    Das Problem des sekundär-chronischen Gelenkrheumatismus, in: Medizinische Klinik 54 (1959), S. 625–628.

    Tonträger:

    Die ärztliche Ausbildung und die Erziehung zum Arzt, 1965. (Schallplatte)

    Monografien und Aufsätze:

    Fritz Hartmann, Rudolf Schoen (192-1979). Der Wegbereiter, in: Zeitschrift für Rheumatologie 62 (2003), S. 193-201.

    Torsten Hewelt, Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie 1927–2007, 2009.

    Brigitte Lohff, Der Namensträger Rudolf Schoen, in: dies., Die Gesellschaft der Freunde der Medizinischen Hochschule Hannover und ihre Preise. 50 Jahre Gesellschaft der Freunde der Medizinischen Hochschule Hannover 1964–2014, 2014, S. 149–152.

    Timo Baumann, Die Deutsche Gesellschaft für Kreislaufforschung im Nationalsozialismus 1933–1945, 2017, S. 245.

    Ralf Forsbach/Hans-Georg Hofer, Internisten in Diktatur und junger Demokratie. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin 1933–1970, 2018.

    Heiko Stoff, Medizinreform und Mittelbau. Zur Planung Medizinischer Akademien in der westdeutschen Nachkriegsmoderne, 2025.

    Lexikonartikel und Nachrufe:

    Werner H. Hauss, Nachruf auf Herrn Prof. Dr. med. Rudolf Schoen, in: Zeitschrift für Rheumatologie 38 (1979), S. 249–251.

    Professor Dr. Rudolf Schoen [Nachruf], in: Jahrbuch der Gesellschaft der Freunde der Medizinischen Hochschule (1979), S. 114 f.

    Adolf Frank, In memoriam Rudolf Schoen, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 104 (1979), S. 1080 f.

    Hugo Thielen, Art. „Schoen, Rudolf“, in: Dirk Böttcher/Klaus Mlyneck/Waldemar R. Röhrbein/Hugo Thielen (Hg.), Hannoversches Biographisches Lexikon, Hannover, 2002, S. 321.

    Fotografie, 1935, Universitätsarchiv Göttingen.

    Fotografie v. Fritz Paul (1919–1998), Archiv der Medizinischen Hochschule Hannover

  • Autor/in

    →Christine Wolters (Hannover)

  • Zitierweise

    Wolters, Christine, „Schoen, Rudolf“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd104533528.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA