Mohr, Max
- Lebensdaten
- 1891 – 1937
- Geburtsort
- Würzburg
- Sterbeort
- Shanghai
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Arzt ; Dramatiker
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 119234173 | OGND | VIAF: 39595784
- Namensvarianten
-
- Mohr, Max Ludwig
- Mohr, Max
- Mohr, Max Ludwig
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Mohr, Max Ludwig
1891 – 1937
Schriftsteller, Arzt
Als Arzt ausgebildet, schrieb Max Mohr während des Ersten Weltkriegs Gedichte und war in der Zeit der Weimarer Republik ein bekannter Bühnenautor. Er trat auch mit Romanen wie „Venus in den Fischen“ (1927) und „Frau ohne Reue“ (1933) hervor, die Themen ihrer Zeit aufnahmen. Verfolgt wegen seiner jüdischen Herkunft, emigrierte er 1934 nach Shanghai, wo er als Arzt praktizierte und an einem unvollendet gebliebenen Roman, „Das Einhorn“ (postum 1997 veröffentlicht), arbeitete.
Lebensdaten
Max Mohr, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Thomas Pekar (Tokio)
-
Zitierweise
Pekar, Thomas, „Mohr, Max“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119234173.html#dbocontent
Ausbildung und Kriegsjahre
Als Kind einer gut situierten, assimilierten jüdischen Familie besuchte Mohr das humanistische Königliche Neue Gymnasium in Würzburg. Nach dem Abitur 1910 studierte er hier, seit 1911 in München Medizin. In seiner Studienzeit bereiste er den Orient (Nordafrika, Syrien, Persien) und absolvierte eigenen Angaben nach ein Semester in Beirut.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Mohr zum Sanitätsdienst eingezogen und nach kurzer Zeit zum Sanitätsunteroffizier, später zum Assistenzarzt (Leutnant) befördert. 1917 wurde er beurlaubt, um seine medizinischen Studien abzuschließen, erhielt seine Approbation als Arzt und kehrte an die Westfront zurück, wo er in britische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er Ende 1918 entlassen wurde. 1919 wurde Mohr in München zum Dr. med. promoviert und war hier anschließend als praktischer Arzt in eigener Praxis tätig.
Arzt und Schriftsteller in der Weimarer Republik
Während des Kriegs hatte Mohr erste Gedichte geschrieben (u. a. „Sonette im Unterstand“) und 1917 als Privatdruck veröffentlicht. Seit 1920 auf dem Löblhof bei Rottach am Tegernsee lebend, gab er seinen ärztlichen Beruf mehr und mehr auf und machte sich als Bühnenautor einen Namen. Am Tegernsee und bei zahlreichen Reisen nach Berlin lernte Mohr viele Schriftstellerkollegen kennen, u. a. Bruno Frank (1887–1945), Oskar Maria Graf (1894–1967), Ödön von Horváth (1901–1938), Thomas Mann (1875–1955), Grete Weil (1906–1999), Carl Zuckmayer (1896–1977) sowie die Schauspieler Heinrich George (1893–1946) und Paul Wegener (1874–1948), die in den 1920er Jahren Hauptrollen in Mohrs Theaterstücken spielten.
Erste Erfolge auf der Theaterbühne erzielte Mohr 1920 mit seiner im expressionistischen Stil gehaltenen Komödie um einen Vater-Sohn-Konflikt „Improvisationen im Juni“; am Münchner Residenztheater uraufgeführt, wurde sie an großen Theatern in ganz Deutschland gespielt. Nachdem er mit nachfolgenden Stücken weniger reüssieren konnte, erreichte er 1925 mit dem Schauspiel „Ramper“, das 1927 u. d. T. „Ramper, der Tiermensch“ von Max Reichmann (1884–1958) als Stummfilm adaptiert wurde, wieder ein großes Publikum. „Ramper“ ist ein zutiefst zivilisationskritisches Stück, das als Gegenwelt zu den europäischen Großstädten die Eiswüsten Grönlands imaginiert, in denen allein sich der Protagonist wohlfühlen kann.
Romancier am Ende der Weimarer Republik
Mohrs erster erfolgreicher Roman, „Venus in den Fischen“, erschien 1927 in Fortsetzungen in der Modezeitschrift „Die Dame“ des Ullstein Verlags und 1928 als Buch. Der gesellschaftskritische Großstadtroman griff aktuelle Themen, wie die „Neue Frau“, Esoterik und Astrologie satirisch auf und konfrontierte das oberflächliche Großstadtleben einer Frau mit dem biologisch-elementaren Erlebnis einer Geburt. Auch in Mohrs nächstem Roman, „Die Heidin“ (1929), ist dieser Gegensatz zwischen naturverbundenem, hier „heidnischem“ Leben, und der dekadenten Großstadtexistenz zu finden, wobei Mohr nicht für ein naives „zurück zur Natur“ plädierte, sondern seinen Protagonisten den Widerspruch eines Großstadtlebens bei aller Natursehnsucht aushalten ließ.
Seit 1927 verband Mohr eine enge Freundschaft mit seinem literarischen Vorbild, dem englischen Schriftsteller D. H. Lawrence (1885–1930), in dessen Andenken er den Roman „Die Freundschaft von Ladiz“ (1931) verfasste. Im Oktober 1933 erschien mit „Frau ohne Reue“ Mohrs letzter zu Lebzeiten publizierter Roman, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die aus ihrer Ehe ausbricht, um verschiedene Lebensmöglichkeiten zu erproben.
Exil in Shanghai
Im Oktober 1934 emigrierte Mohr ohne seine Familie nach Shanghai, wo er seinen Roman „Das Einhorn“ überarbeitete, den er Mitte desselben Jahrs in einer ersten Fassung fertiggestellt und vergeblich Verlagen in Deutschland angeboten hatte. Die von ihm erstellte zweite Fassung blieb fragmentarisch und wurde in dieser Form 1997 veröffentlicht. Auch dank der Hilfe von Bekannten etablierte sich Mohr in Shanghai als frei praktizierender Arzt und arbeitete zudem in einem chinesischen Krankenhaus, in dem er 1937 während der Kämpfe im Rahmen des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegsopfer versorgte.
Motive und Diskurse
Mohrs literarische Anfänge lassen avantgardistische Einflüsse erkennen. Seine Komödie „Die Dadakratie“ (1920) ist eine dezidierte Auseinandersetzung mit dem Dadaismus. Nach einer daran anschließenden Phase der Rezeption modischer Themen artikulierte Mohr seit den späten 1920er Jahren in seinen Romanen eine konservativere, mystisch-naturverbundene Weltsicht. In dem Roman „Das Einhorn“ kehrte er mit modernen Erzähltechniken und zivilisationskritischen Themen wie Wurzellosigkeit, Sinnfrage, Migration und Exil zu seinen innovativ-avantgardistischen Anfängen zurück. Das Werk ist von der Suche nach künstlerischer und individueller Freiheit geprägt, verbunden mit dem Widerstand gegen den staatlichen Totalitarismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Mohr in Vergessenheit, was auch durch seine Emigration und seinen Tod in Shanghai bedingt war. 1991, anlässlich seines 100. Geburtstags, erschien eine erste biografische Würdigung, der sich weitere v. a. biografische Arbeiten über ihn und die Neuauflage einiger seiner Romane und Dramen in den 1990er Jahren anschlossen.
| 1914 | Eisernes Kreuz II. Klasse (1917 I. Klasse) |
| 1916 | Silberne Militärische Verdienstmedaille (Tapferkeitsmedaille) |
| 1916 | Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern |
| 2020 | Max-Mohr-Straße, Würzburg |
Nachlass:
Monacensia im Hildebrandhaus. Literaturarchiv und Bibliothek, München. (biografische Dokumente, Korrespondenz, Fotografien, Manuskripte, Pressestimmen)
Weitere Archivmaterialien:
Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar. (Einzelautograf)
Gedichte:
Sonett aus dem Aillywald, in: Zeit-Echo 2 (1915/16) H. 11, S. 168.
Sonette im Unterstand, 1917.
Die sieben Sonette vom neuen Noah, 1932.
„Es sei denn regenbogenwärts“. Gedichte. Max Mohr, hg. v. Hans D. Amadé Esperer, 2020.
Dramen:
Die Dadakratie. Komödie in drei Akten, 1920.
Gregor Rosso. Tragödie in drei Akten, 1921.
Improvisationen im Juni. Komödie in drei Akten, 1922.
Das gelbe Zelt. Tragödie in drei Akten, 1923.
Der Arbeiter Esau. Komödie in drei Akten, 1923.
Sirill am Wrack. Komödie in drei Akten, 1923.
Die Karawane. Komödie in drei Akten, 1924.
Kurun Molow. Tragödie in zwei Teilen [Auszug], in: Der Fränkische Bund. Eine Vierteljahrsschrift für fränkische Kunst und Kultur 2 (1924), S. 155–158.
Ramper. Schauspiel in drei Akten und einem Vorspiel, 1925, als Stummfilm u. d. T. Ramper, der Tiermensch, 1927, Regie: Max Reichmann.
Engel ringsum. Komödie in drei Akten, 1926.
Platingrube in Tulpin. Komödie in drei Akten, 1927, Uraufführung 16.9.1926, Staatliches Schauspielhaus Dresden, Regie: Georg Kiesau.
Die Welt der Enkel (oder: Philemon und Baucis in der Valepp). Komödie in drei Akten, 1931.
Hansen und Jansen. Komödie aus dem hohen Norden, 1931.
Dramen I, bearb. v. Robert Schimpfle, 2021. (Onlineressource)
Dramen II, bearb. v. Robert Schimpfle, 2022. (Onlineressource)
Erzählungen und Romane:
Frau Marie’s Gast. Roman, 1920, Neuausg. bearb. v. Robert Schimpfle, 2019 (Onlineressource).
Der Mann, der Tränen lachen wollte. Novelle, 1922, Neuausg. u. d. T. Das Lachen im Schnee, 1935.
Venus in den Fischen. Roman, 1927, Neuausg. hg. v. Stefan Weidle, 1996.
Die Heidin, 1929, Neuausg. bearb. v. Robert Schimpfle, 2019 (Onlineressource).
Die Freundschaft von Ladiz, 1931, Neuausg. bearb. v. Robert Schimpfle, 2020 (Onlineressource).
Frau ohne Reue. Roman, 1933, Neuausg. hg. v. Barbara Pittner, 1994.
Das Einhorn. Romanfragment. Mit Briefen Max Mohrs aus Shanghai, 1934–1937, hg. v. Nicolas Humbert, 1997.
Sachbuch:
Max Mohr/Emil Singer, Die Rheumatiker-Fibel, 1921.
Theoretisches:
Über Totalität und Spezialität im Theater, in: Fritz Ph. Baader (Hg.), Das bunte Buch des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, 1925, S. 109 f.
Korrespondenz:
Briefe an Max Mohr von D. H. Lawrence, in: Die Neue Rundschau 4 (1933), S. 527–540.
The Unpublished Letters of D. H. Lawrence to Max Mohr, in: T’ien-Hsia Monthly [Shanghai] 1 (1935), S. 23–38, u. 2 (1935), S. 166–179.
Florian Steger, Max Mohr (1891–1937) und D. H. Lawrence (1885–1930). Kostproben eines Briefwechsels, in: Jahrbuch Literatur und Medizin 1 (2007), S. 223–229.
Florian Steger/Thomas Cronen, Max Mohr (1891–1937) – Bruno Frank (1887–1945). Kostproben eines Briefwechsels, in: Jahrbuch Literatur und Medizin 2 (2008), S. 219–227.
Florian Steger/Ralf Beer/Thomas Cronen (Hg.), Max Mohr (1891–1937). Korrespondenzen, 2013.
Monografien und Sammelbände:
Carl-Ludwig Reichert, Lieber keinen Kompaß, als einen falschen. Würzburg – Wolfsgrub – Shanghai. Der Schriftsteller Max Mohr (1891 bis 1937), 1997.
Barbara Pittner, Max Mohr und die literarische Moderne, 1998.
Frederick Reuss, Mohr. A Novel, 2006. (Roman)
Ralf Beer, Max Ludwig Mohr (1891–1937). Biographische Rekonstruktion, 2016. (Diss. med., Universität Halle-Wittenberg) (Onlineressource)
Thomas Cronen, Max Mohr (1891–1937). Rezeption seines literarischen Werks, 2017.
Florian Steger, Max Mohr. Arzt und rastloser Literatur, 2020.
Aufsätze und Beiträge:
Frederick I. Owen, D. H. Lawrence and Max Mohr. A Late Friendship and Correspondence, in: The D. H. Lawrence Review 9 (1976), S. 137–156.
Albrecht Joseph, Max Mohr, in: Juni. Magazin für Kultur & Politik 5 (1991), S. 90–94.
Stefan Weidle, Zum hundertsten Geburtstag Max Mohrs, in: ebd., S. 87 f.
Walter Delabar, Was tun? Versuch über Bewältigungskonzepte in der Moderne. Das Beispiel Max Mohr, in: Zeitschrift für Germanistik 6 (1996), S. 113–127.
Gabriele Geibig-Wagner, Max Mohr. Ein wiederentdeckter Schriftsteller und Arzt, in: Ulrich Wagner (Hg.), Geschichte der Stadt Würzburg. Bd. 3/1, 2007, S. 997–1001.
Florian Steger/Thomas Cronen, „Selig, wer nichts erwartet von Deutschland.“ Der vergessene Arzt und Literat Max Mohr (1891–1937), in: Literatur in Bayern. Vierteljahresschrift für Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft 90 (2007), S. 39–43.
Ralf Beer/Florian Steger, Max Mohr (1891–1937). Ein Arzt auf der Suche nach Unabhängigkeit, in: Sudhoffs Archiv 94 (2010), H. 2, S. 201-213.
Hans-Peter Baum, Max Mohr (1891–1937). An Almost Forgotten Dramatist and Novelist of the 1920s, in Exile in Shanghai 1934–37, in: Yearbook of German-American Studies 48 (2013), S. 33–58.
Gerd Holzheimer, Vielleicht wird Bayern uns wieder gut sein. Zwei Schriftsteller in Bayern: D. H. Lawrence und Max Mohr, in: Literatur in Bayern. Vierteljahresschrift für Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft 28 (2013), S. 16–24.
Florian Steger/Ralf Beer/Thomas Cronen, „Nur eine Sehnsucht: einmal ganz frei zu sein“. Der Arzt und Literat Max Mohr, in: Harald Salfellner (Hg.), Mit Feder und Skalpell. Grenzgänger zwischen Medizin und Literatur, 2014, S. 381–400.
Dieter Mehl, Max Mohr und D. H. Lawrence. A Personal and a Fictional Friendship, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 166 (2014), S. 241–254.
Florian Steger, „(…) bin im Herzen bei Dir und mit den Füßen auf Wanderschaft und im Sinn beim neuen Werk.“ Max Mohr (1891–1937). In welcher Welt zu Hause?, in: Freunde der Monacensia e. V. Jahrbuch (2015), S. 283–295.
Hannelore Kolbe, „Hosiannah, ein Dramatiker!“ Max Mohr im Spiegel der zeitgenössischen Presse, in: Freunde der Monacensia e. V. Jahrbuch (2019), S. 247–259.
Thomas Pekar, Der Schriftsteller Max Mohr im Shanghaier Exil und sein Romanfragment „Das Einhorn“, in: Limbus. Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft 18 (2025), S. 59–76.
Dokumentarfilm:
Wolfsgrub. Portrait of my Mother, 1985, Regie: Nicolas Humbert.
Dokumentarische Hörspiele:
Max Mohr/Nicolas Humbert, Shanghai – Wolfsgrub via Sibiria, Bayerischer Rundfunk, 27.10.2017.
Nicolas Humbert, Briefe einer Freundschaft. Max Mohr und D. H. Lawrence, Bayerischer Rundfunk, 14.3.2020.